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Fortsetzung: Der algerische Bürgerkrieg 1992-2002: Hintergründe eines Krieges ohne Namen

Eva Dingel

Vorgeschichte: Algerien 1962-1988

Algerien war ab 1830 französische Kolonie und wurde weitaus intensiver kolonisiert als beispielsweise die maghrebinischen Nachbarländer Marokko und Tunesien. 1842 wurde es von Frankreich annektiert und war später offizielles Département der ‘République Une et Indivisible’ . Die koloniale Siedlungspolitik brachte große Mengen französischer und europäischer Siedler in das Land, die sich die fruchtbarsten Landstriche aneigneten. Algerische Soldaten kämpften in beiden Weltkriegen für Frankreich bzw. sicherten das reibungslose Funktionieren französischer Munitionsfabriken. Am 1. November 1954 begann die FLN (Front de Libération Nationale) einen Unabhängigkeitskrieg. Nach acht Jahren bewaffneten Kampfes erlangte Algerien am 5. Juli 1962 seine Unabhängigkeit von der Kolonialmacht Frankreich.

a) Politische Entwicklung

Im August desselben Jahres wurde die Demokratische Volksrepublik Algerien ausgerufen und die Macht von einer provisorischen Regierung auf das Politbüro der FLN übertragen. Kurze Zeit später wurden durch Initiative der Konstitutiven Versammlung, die ausschließlich aus FLN-Mitgliedern bestand, sowie durch ein Referendum zur neuen Verfassung, die Fundamente für einen sozialistischen Einparteienstaat gelegt, an dessen Spitze sich Ahmed Ben Bella als Präsident setzte. Bereits drei Jahre später wurde er durch einen unblutigen Putsch von Col Houari Boumediene abgesetzt. Boumediene übernahm die Präsidentschaft und initiierte nach der Überwindung anfänglicher Opposition durch den linken Flügel der FLN schließlich weitreichende soziale und ökonomische Reformen.

Seit der Staatsgründung waren es jedoch die Bürokratie und vor allen Dingen die Armee, bei denen letztendlich die Macht lag. Letztere stellt nach wie vor den Präsidenten Algeriens. So wurde auch nach Boumedienes Tod 1978 ein hochrangiger Armeeoffizier, Chadli Ben Djedid, vom Zentralkomitee der FLN zum Präsidenten ernannt und im Januar 1984 bei Wahlen mit 95,$% der Stimmen in seinem Amt bestätigt.

Chadli leitete eine Reihe von Reformen ein, u.a. eine begrenzte ökonomische Öffnung nach außen bei gleichzeitiger Bestätigung von Islam und Sozialismus als den Säulen der algerischen Republik, sowie eine Verfassungsänderung, die die Ernennung eines Premierministers erlaubt, was unter Boumediene nicht der Fall war. Ab der zweiten Hälfte der Achtziger Jahre geriet Chadli jedoch unter wachsenden Druck, der auf ökonomische Probleme infolge des Ölpreisschocks von 1986 sowie auf eine sich rasant verschlechternde Sozialsituation und daraus resultierende Unruhen zurückzuführen war. 1985 wurden mehrere Aktivisten der Berberbewegung festgenommen, die sich für die Belange der Berberminderheit einsetzt, welche ein Drittel der algerischen Bevölkerung ausmacht. 1986 gab es Studentenunruhen in Constantine und Sétif, im darauffolgenden Jahr kam es zu Auseinandersetzungen zwischen Armee und islamischen Militanten. Nach dem Ölpreisverfall eingeleitete Sparmaßnahmen der Regierung führten 1988 schließlich zu akuten Versorgungsengpässen, begleitet von hohen Preisen und weiter zunehmender Arbeitslosigkeit. Im Oktober entlud sich die aufgebaute Spannung schließlich in Massenprotesten und –demonstrationen in allen größeren Städten des Landes, die von der Armee blutig niedergeschlagen wurden und mindestens 150 Personen das Leben kosteten.

b) Wirtschaftliche Entwicklung

Nach der Unabhängigkeit konzentrierte sich die algerische Wirtschafts- und Entwicklungspolitik in erster Linie auf den Gewinn von wirtschaftlicher Distanz zu Frankreich und von größeren Handlungsspielräumen. Unter den Präsidenten Ben Bella (1963-1965) und Boumediene (1965-1978) wurde eine sozialistische Planwirtschaft etabliert, während Präsident Chadli (1978-1991) ab Mitte der Achtziger Jahre zunehmend auf Privatisierung der Wirtschaft und Öffnung zum Weltmarkt setzte.

Zunächst konnte das Land aber mit dieser Politik relative Erfolge erreichen. In den ersten Jahren der Unabhängigkeit galt Algerien als vorbildliches Entwicklungsland und avancierte zum Wortführer der Blockfreibewegung. 1973 fand in Alger eine Konferenz der Bewegung statt. Jedoch verbargen sich hinter den anfänglichen wirtschaftlichen Errungenschaften, die Algerien diesen Status in den Augen der Weltöffentlichkeit verschafften, schwerwiegende strukturelle Missverhältnisse, die letztendlich zur eingangs beschriebenen wirtschaftlichen Krise führten.

So resultierte die Vernachlässigung des Agrarsektors in fehlenden Arbeitsplätzen, während die Fokussierung auf Öl als primärer Export zusammengenommen mit tendenziell korrupten politischen Machtstrukturen eine ausgeprägte Konzentration ökonomischer Ressourcen auf einige wenige, wohlhabende Hände nach sich zog.

Dementsprechend brachte der Ölpreisverfall von 1986 dann auch das Ende aller Vorstellungen von westlich-industrieller Prosperität mit sich und zwang Präsident Chadli, angesichts der katastrophalen wirtschaftlichen Lage und der astronomischen Auslandsverschuldung, seine Politik der Öffnung zum Weltmarkt weiter fortzusetzen. 1994 war dann eine Anrufung des IWF um finanzielle Hilfe nicht mehr zu umgehen, da die Schulden nicht weiter abbezahlt werden konnten. Im Jahre 2000 belief sich allein die Verzinsung der Schulden auf 4,5 Milliarden US $[xiii].

Es wäre jedoch zu vereinfachend, die gegenwärtige wirtschaftliche Misere in Algerien unbedingt auf eine verfehlte wirtschaftliche Entwicklungspolitik der Siebziger Jahre zurückzuführen. Zum einen hatte die lange französische Kolonisierung Algerien in einer schlechten Ausgangsposition für die von Boumediene erklärte „Aufholjagd“ belassen. Arbeitskräfte waren nicht oder nur schlecht ausgebildet und eine Industrie war nicht vorhanden. Viele Angehörige der Eliten waren wegen der besseren Aussichten auf Arbeit nach Frankreich ausgewandert. Zum anderen stellte der stark ansteigende Bevölkerungswachstum, der in den Achtziger Jahren viele junge Menschen erstmals auf den Arbeitsmarkt brachte, neue Herausforderungen. Diese exogenen Einflüsse stellten die algerische Entwicklungspolitik vor Probleme, die für jede Art von Entwicklungsphilosophie schwer zu bewältigen gewesen wären.

Ferner zeigt die jüngere Wirtschaftspolitik, die ab 1994 unter Leitung des IWF ein Structural Adjustment Program und somit eine verstärkte Öffnung zum Weltmarkt verfolgt, dass auch neoliberale Politik allein keine Lösung für die strukturellen ökonomischen Probleme Algeriens liefern kann. Vor allem für den Arbeitsmarkt ergeben sich aus ihr kurzfristig eher noch neue Problematiken, welche das Konfliktpotenzial zusätzlich erhöhen, da Privatisierungen im Allgemeinen zu Arbeitsplatzverlusten führen.

Daher stellt sich die wirtschaftliche Krise als eine Zusammenwirkung endogener und exogener Faktoren dar, aus ungünstigen Ausgangsbedingungen, wirtschaftlichem Missmanagement und demografischen sowie weltwirtschaftlichen Veränderungen, die zusammengenommen Armut und Frustration in der Bevölkerung hervorriefen.


[x] Library of Congress Web, ‘Algeria: Land Tenure and Reform’, 25/07/02
[xi] Library of Congress Web, ebd.
[xii] Algeria: Statistical Appendix, Country Report No. 01/163, International Monetary Fund, www.imf.org Fortsetzung: Der algerische Bürgerkrieg 1992-2002: Hintergründe eines Krieges ohne Namen


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Jahrbuch Internationale Politik: Weltverträgliche Energiesicherheitspolitik
von Josef Braml, Karl Kaiser, Hanns W. Maull, Eberhard Sandschneider, Klaus Werner Schatz (Hrsg.)

Veröffentlicht am 2. Juni 2008

Das neu konzipierte Standardwerk der internationalen Politik bietet eine systematisch-vergleichende Analyse eines aktuellen Themas: Weltverträgliche Energiesicherheitspolitik. Autorinnen und Autoren sind renommierte deutsche Experten sowie maßgebliche Repräsentanten der operativen Politik, des Bundeskanzleramts, des Bundestags und von Bundesministerien. Neben der wechselseitigen Politikberatung leistet das Jahrbuch – in Zusammenarbeit mit den Medien und anderen Multiplikatoren – auch Öffentlichkeitsberatung.

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