Sebastian Kempf
Afrikas Position im internationalen Handel
Eine der Hauptschwierigkeiten Afrikas ist sein geringer Anteil am Welthandel. Im Zuge der zunehmenden Verflechtung der Weltwirtschaft hat zwar auch das Handelsvolumen Afrikas zugenommen: so ist der Anteil des Handels (d.h. Export zuzüglich Importe) von 45,0 Prozent des BIP in den Jahren 1980-81 auf 50,4 Prozent in den Jahren 2000-2001 gestiegen. Doch blieb dieser Anstieg weit hinter der Zunahme des weltweiten Handels insgesamt zurück. Gerade im Vergleich zu anderen vormals schwach entwickelten Ländern in Lateinamerika und Asien schneiden die afrikanischen Staaten schlecht ab. So sind die Exporte Asiens von 1980 bis 2000 um durchschnittlich 7 Prozent jährlich gewachsen – in Afrika dagegen nur um etwa 1 Prozent.[1] Afrika hat damit insgesamt Anteile am Welthandel verloren. Afrikas Anteil an den weltweiten Exporten sank von 3,1 Prozent im Jahr 1990 auf 2,3 Prozent im Jahre 2000. Sein Anteil an den Importen ging im gleichen Zeitraum von 2,7 Prozent auf 2,1 Prozent zurück.[2] Darüber hinaus konzentriert sich der Handel größtenteils auf einige wenige große Volkswirtschaften. Allein auf die sechs Länder Algerien, Angola, Libyen, Marokko, Nigeria und Südafrika entfallen 70 Prozent der Exporte Afrikas. Das Handelsvolumen der meisten übrigen Staaten ist dagegen verschwindend gering. Keines der übrigen Länder hat einen Anteil an den Gesamtexporten Afrikas von über 5 Prozent.[3]
Verteilung des Welthandels nach Regionen (in %)
|
Region |
Exporte |
Importe |
||
|
|
1990 |
2000 |
1990 |
2000 |
|
Nordamerika |
15,4 |
17,1 |
18,4 |
23,2 |
|
Westeuropa |
48,3 |
39,5 |
48,7 |
39,6 |
|
Asien |
21,8 |
26,7 |
20,3 |
22,8 |
|
Lateinamerika |
4,3 |
5,8 |
3,7 |
6,0 |
|
Afrika |
3,1 |
2,3 |
2,7 |
2,1 |
Problematisch ist außerdem die Exportstruktur der afrikanischen Länder, die fast ausschließlich auf unverarbeitete Rohstoffe und landwirtschaftliche Grunderzeugnisse ausgerichtet ist. Auch hier lässt sich beobachten, dass Afrika massive Nachteile im Vergleich mit anderen schwach entwickelten Weltregionen hat. So exportieren alle Entwicklungsländer der Welt heute zu 70 Prozent Fertigwaren, während vor etwa 20 Jahren Rohstoffe und Agrarprodukte noch zwei Drittel aller Ausfuhren ausmachten. Insbesondere Asien hat im Handel mit Fertigwaren sehr große Fortschritte gemacht. In Afrika dagegen machen Fertigwaren weniger als 30 Prozent des Exports aus, eine Steigerung von gerade einmal 10 Prozent im Vergleich zu 1980.[4]
Zusammensetzung der Exporte nach Regionen (in %)
|
Region |
Agrarprodukte |
Mineralien |
Fertigwaren |
|||
|
|
2000 |
2002 |
2000 |
2002 |
2000 |
2002 |
|
Nordamerika |
10 |
10,7 |
7,2 |
7,2 |
78 |
76,9 |
|
Westeuropa |
9,4 |
9,4 |
7,1 |
6,9 |
80,3 |
80,7 |
|
Asien |
6,5 |
6,6 |
7,0 |
7,1 |
84,2 |
83,6 |
|
Lateinamerika |
18,4 |
19,3 |
20,5 |
20,3 |
60,5 |
59,5 |
|
Afrika |
12,9 |
15,8 |
59,7 |
55,0 |
24,6 |
25,2 |
Afrika bleibt also weiterhin abhängig vom Handel mit unverarbeiteten Rohstoffen und landwirtschaftlichen Produkten. Gleichzeitig hat es aber auch beim Handel mit diesen Waren Marktanteile an andere Weltregionen, insbesondere an Asien und Lateinamerika, verloren, die eine höhere Produktivität besitzen. Die Ursachen für diesen Produktivitätsrückstand Afrikas liegen in der oftmaligen Zersplitterung der Anbauflächen, den rückständigen Anbaumethoden und Technologien ebenso wie in der mangelhaften Infrastruktur und in den schlechten Transportwege.[5]
Die sehr stark auf Rohstoffe und Agrarprodukte ausgerichtete Exportstruktur wirkt sich für die afrikanischen Länder mehr und mehr nachteilig aus. So ist der Anteil dieser Waren am weltweiten Handel insgesamt stark zurückgegangen. Damit einher ging ein deutlicher Verfall der Weltmarktpreise dieser Produkte in den letzten Jahrzehnten. So sind beispielsweise zwischen 1990 und 2000 die Preise für Cocoa um 29 Prozent, für Zucker um 26 Prozent und für Kaffee um 9 Prozent gefallen. Im Gegensatz zu Rohstoffen treffen Fertigwaren, vor allem Hightech Produkte aber auch Textilien, auf eine steigende Nachfrage. Am Handel mit diesen Gütern nimmt Afrika aber kaum teil. Die afrikanischen Länder haben es, mit wenigen Ausnahmen, bis jetzt noch nicht geschafft ihre Exportstruktur zu diversifizieren, weg von Rohstoffen hin zu höherwertigen Fertigwaren.[6]
Darüber hinaus erwirtschaften die meisten Länder Afrikas den Hauptanteil ihrer Exporterlöse mit sehr wenigen verschiedenen Rohstoffen. So erzielten in den späten neunziger Jahren 39 der afrikanischen Staaten mehr als die Hälfte ihrer Exporterlöse mit gerade einmal zwei Rohstoffen. Die Exporte Angolas beispielsweise setzen sich zu 88 Prozent aus Erdöl zusammen. Erschwerend kommt hinzu, dass gerade Rohstoffe sehr starken Preisschwankungen auf dem Weltmarkt ausgesetzt sind, in viel höherem Maße als dies bei Fertigwaren der Fall ist. Die Kaffeepreise beispielsweise lagen 2002 rund ein Drittel unter dem Niveau von 1997. Gerade bei Agrarprodukten sind die Preisschwankungen oft klimatisch bedingt und daher kaum vorhersehbar. Nur Länder wie Südafrika, Mauritius oder Marokko, die auch einen gewissen Anteil an Fertigwaren ausführen, können auf relativ stabile Exporterlöse zählen.[7]
Um seine marginale Position im Welthandel zu überwinden, muss Afrika verschiedene Maßnahmen ergreifen.
Zum einen müssen die afrikanischen Regierungen versuchen, die mangelnden Transport- und Kommunikationsnetze auszubauen, welche die Transaktionskosten erhöhen und den Handel stark behindern. So verderben etwa in Ghana 40 Prozent der Ananasernte aufgrund fehlender Transportmöglichkeiten. Gleichzeitig importiert das Land Reis aus Thailand, der letztendlich billiger ist als der in Ghana selbst angebaute Reis.[8]
Ein entscheidender Schritt zur Steigerung des Handelsvolumens dürfte auch in einem Ausbau der regionalen Integration liegen. Bis jetzt ist der innerafrikanische Handel sehr gering ausgeprägt. Hauptabnehmer der afrikanischen Exporte sind die EU und Nordamerika, wohin im Jahre 2002 51 bzw. 17 Prozent der Exporte gingen. Der innerafrikanische Handel dagegen machte im selben Jahr nur 8 Prozent der gesamten Exporte aus.[9] Selbst innerhalb der schon bestehenden regionalen Zusammenschlüsse werden sehr wenig Güter ausgetauscht. So findet in der Wirtschaftsgemeinschaft Westafrikanischer Staaten, ECOWAS, weniger als 10 Prozent des Handels zwischen den einzelnen Mitgliedstaaten statt.[10] Ein weiterer Ausbau der regionalen Integration könnte für die afrikanischen Produzenten beachtliche Vorteile bringen. Eine stärkere regionale Integration würde den afrikanischen Exporteuren größere Absatzmärkte sichern und somit Potential für Größenersparnisse freisetzen. Eine weitere Harmonisierung der Regeln und Standards, die Verbesserung der regionalen Verkehrswege sowie ein weiterer Abbau der Zollschranken innerhalb Afrikas würden außerdem die Transaktionskosten senken. All dies würde die Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit der afrikanischen Unternehmen stärken und somit die Position Afrikas im Welthandel verbessern. Ein weiterer Vorteil einer zunehmenden regionalen Integration ist außerdem, dass von regionalen Organisationen Druckpotential ausgeht, so dass Regierungen auch unpopuläre Maßnahmen, die sich erst langfristig auswirken, besser rechtfertigen können, ein Zusammenhang, der sich auch innerhalb der EU beobachten lässt.[11]
Afrika muss sich auch um eine Diversifikation seiner Exportstruktur bemühen. So sollten die afrikanischen Staaten versuchen, wie die asiatischen Länder auch Fertigwaren herzustellen. Gleichzeitig sollten sie aber auch vermehrt solche Rohstoffe und Agrarprodukte exportieren, die höhere Preise erzielen und in geringerem Maße Preisschwankungen ausgesetzt sind, wie etwa Meeresfrüchte. Außerdem müssen die afrikanischen Produzenten höhere Stufen der Wertschöpfungskette erreichen. Bis jetzt liefert Afrika nur die Rohstoffe, während die Umwandlung größtenteils in anderen Ländern geschieht. Dies ist nachteilig, da gerade auf die Umwandlungsstufe die höchsten Profite entfallen. So werden heute mit dem Verkauf von Kaffee weltweit Erlöse von 70 Milliarden US-Dollar erzielt. Die Kaffeehersteller erhalten davon aber nur 5,5 Milliarden.[12] Um höherwertige Güter herzustellen sind natürlich verstärkt Investitionen in Humankapital, Technologie und Infrastruktur nötig.[13]
Ein Problem für Afrika sind sicherlich auch die Handelsschranken in Europa und Nordamerika, die in Form von Importbeschränkungen, Zöllen oder Subventionen für heimische Produzenten bestehen und vor allem Agrargüter betreffen. Zwar haben in den letzten Jahren sowohl die EU als auch die USA Bemühungen unternommen, insbesondere den gering entwickelten Ländern Sub-Sahara Afrikas einen besseren Marktzugang zu ermöglichen. So gewährt die EU in ihrer Everything But Arms Initiative den am wenigsten entwickelten Ländern, von denen ein Großteil in Sub-Sahara Afrika liegt, freien Marktzugang für alle Produkte, mit Ausnahme von Waffen.[14] Die USA ihrerseits verabschiedeten im Jahre 2000 den African Growth and Opportunity Act, in dem sie 37 Ländern Sub-Sahara Afrikas Handelsvorteile einräumen, beispielsweise im Textilbereich. Das Gesetz wurde unter Präsident Bush verlängert und gilt noch bis 2015.[15]
Nichtsdestotrotz bestehen faktisch weiterhin große Handelshemmnisse für die afrikanischen Staaten. So sind von der Everything But Arms Initiative gerade die für Entwicklungsländer wichtigen Produkte Zucker und Bananen ausgenommen. Hier gelten weiterhin Handelsbeschränkungen. Außerdem subventioniert die EU immer noch massiv ihre heimischen Landwirte.[16] Auch die USA sind gerade im landwirtschaftlichen Bereich noch nicht zu einer vollständigen Liberalisierung bereit. So hält die US-Regierung an den hohen Baumwollsubventionen für US-Farmer, die 2001-2002 die Höhe von 3,9 Milliarden US-Dollar erreichten, fest. An sich haben US-Baumwollhersteller einen klaren Wettbewerbsnachteil gegenüber afrikanischen Produzenten, wie Burkina Faso, Benin, Mali und Tschad. So kostet die Herstellung eines Pfundes Baumwolle in Burkina Faso 21 US Cents, in den USA dagegen 73 US Cents. Dank ihrer Subventionen sind die USA jedoch heute der weltweit größte Exporteur von Baumwolle. Diese Subventionen verdrängen die afrikanischen Anbieter vom Markt und senken den Weltmarktpreis. Von dieser Entwicklung sind 1,5 Millionen Bauern und 20 Millionen ihrer Familienangehörigen in West- und Zentralafrika bedroht.[17]
Nichtsdestotrotz, die Marginalisierung Afrikas im Welthandel darf nicht nur auf die Exporthindernisse in der EU und den USA zurückgeführt werden. Die afrikanischen Länder selber müssen eigene Anstrengungen unternehmen, um ihr Exportvolumen signifikant zu steigern. Sie müssen die Produktivität ihrer Unternehmen erhöhen, die Transportkosten durch einen Ausbau der Infrastruktur und einen Abbau von Zollformalitäten senken, die regionale Integration vorantreiben und ihre Exportpalette diversifizieren. Hier kann auch die unterstützende Hilfe Europas, der USA und der internationalen Organisationen einen wertvollen Beitrag leisten.
[1] Vgl. United Nations Conference on
Trade and Development (UNCTAD), Economic Development
in Africa. Trade Performance and Commoditiy
Dependence, New York 2003, S.1-4.
[2] Vgl. African Development Bank,
African Development Report 2004. Africa in the World
Economy. Africa in the Global Trading System.
Economic and Social Statistics on Africa, Oxford
2004, S.150-151.
[3] Vgl. ebd., S.154.
[4] Vgl. United Nations Conference on
Trade and Development (UNCTAD), a.a.O. (Anmerkung
1), S.2-5.
[5] Vgl. ebd., S.6-8.
[6] Vgl. ebd., S.8-13; African
Development Bank, a.a.O. (Anmerkung 2),
S.147-151.
[7] Vgl. ebd., S.152-154; United
Nations Conference on Trade and Development
(UNCTAD), a.a.O. (Anmerkung 1), S.13-19.
[8] Vgl. G. Pascal Zachary,
Cheap Chickens: Feeding Africa’s Poor, in:
World Policy Journal 2/2004, S.47-52; hier:
S.47-49.
[9] Vgl. African Development Bank,
a.a.O. (Anmerkung 2), S.149.
[10] Vgl. ebd., S.156.
[11] Vgl. ebd., S.154-156; G.E.
Gondwe, Making Globalization Work in Africa,
in: Finance & Development 4/2001,
S.31-33; hier: S.32-33; United Nations Conference on
Trade and Development (UNCTAD), a.a.O. (Anmerkung
1), S.53-54.
[12] Vgl. ebd., S.24-25.
[13] Vgl. ebd., S.51-53.
[14] Derzeit zählen 50 Staaten zu
den sogenannten Least Developed Countries, 34
davon liegen in Sub-Sahara Afrika. (Vgl. Liste der
Least Developed Countries, http://www.un.org/special-rep/ohrlls/ldc/list.htm)
[15] Vgl. United Nations Conference on
Trade and Development (UNCTAD), a.a.O. (Anmerkung
1), S.22-24.
[16] Vgl. Klaus Schilder, Alles
außer Waffen, Zucker, Bananen und Reis? Die
Initiative auf zoll- und quotenfreien Zugang der
ärmsten Länder zum europäischen Markt
in der Kritik, in: Nord-Süd aktuell
2/2001, S.344-348; hier: S.344-346.
[17] Vgl. United Nations Conference on
Trade and Development (UNCTAD), a.a.O. (Anmerkung
1), S.8, S.25; Roger Peltzer,
Armutsbekämpfung durch Baumwollanbau, in:
Nord-Süd aktuell, 1/2004, S.114-117; hier:
S.114.
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