Sebastian Kempf
Sub-Sahara Afrika ist die mit Abstand am stärksten von AIDS betroffene Region der Welt. Einige Zahlen verdeutlichen das Ausmaß der Epidemie. In Afrika südlich der Sahara findet sich die höchste Anzahl an HIV-Infizierten und die höchste Anzahl an AIDS-Toten. Die Region umfasst nur 10 Prozent der Weltbevölkerung, gleichzeitig leben hier aber zwei Drittel aller HIV-Infizierten, insgesamt etwa 25 Millionen Menschen von weltweit 37,8 Millionen. Die Infektionsrate unter Erwachsenen beträgt in Sub-Sahara Afrika schätzungsweise 7,5 Prozent im Vergleich zu 1,1 Prozent in der gesamten Welt. Allein im Jahr 2003 starben 2,2 Millionen Menschen in Sub-Sahara Afrika an AIDS.[1]
Insbesondere im südlichen Afrika nimmt die Epidemie immer dramatischere Formen an. So liegt in den Ländern der Southern African Development Community (SADC) die durchschnittliche Infektionsrate unter Erwachsenen bei 20,6 Prozent.[2] Gerade in dieser Subregion hat sich AIDS in den letzten Jahren rasend schnell ausgebreitet. So stieg die Infektionsrate in Lesotho von 8,4 Prozent im Jahre 1997 auf 31 % im Jahre 2001.[3]
AIDS betrifft vor allem Erwachsene zwischen 20 und 40 Jahren. Immer häufiger sind jedoch auch Kinder betroffen, da viele HIV-infizierte schwangere Frauen den Virus an ihre Kinder übertragen. In Simbabwe ist deshalb die Kindersterblichkeit von 54/1000 im Jahre 1990 auf 62/1000 im Jahre 2002 gestiegen – ohne den Einfluss der AIDS-Epidemie wäre sie dagegen auf voraussichtlich 30/1000 zurückgegangen.[4]
Die AIDS-Epidemie hat drastische Auswirkungen auf die Lebenserwartung in den Ländern Sub-Sahara Afrikas. So beträgt die Lebenserwartung in Botswana heute 39 Jahre. Ohne AIDS wären es schätzungsweise 70 Jahre! In einigen afrikanischen Ländern werden 60 Prozent der heute 15-jährigen nicht ihr 60. Lebensjahr erreichen.[5]
AIDS führt weiterhin zu einem massiven Anstieg der Waisenzahlen. So stieg die Anzahl der AIDS-Waisen in Sub-Sahara Afrika allein zwischen 2001 und 2003 von schätzungsweise 9,6 Millionen auf 12,1 Millionen. Es wird erwartet, dass diese Zahl bis 2010 auf mehr als 18 Millionen ansteigt. In Südafrika sind heute schon 12 Prozent aller Kinder, insgesamt 2,2 Millionen, Waisen – bis 2010 wird sich der Anteil auf 18 Prozent, oder in absoluten Zahlen 3,1 Millionen, erhöhen.[6]
HIV-Infektionsrate in % unter Erwachsenen (15-49 Jahre) im südlichen Afrika 2003
|
Swasiland |
38,8 |
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Botswana |
37,3 |
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Lesotho |
28,9 |
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Simbabwe |
24,6 |
|
Südafrika |
21,5 |
|
Sambia |
16,5 |
|
Namibia |
21,3 |
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Malawi |
14,2 |
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Mosambik |
12,2 |
|
Gesamte Welt |
1,1 |
Zahl der HIV-Infizierten unter Erwachsenen (15-49 Jahre) im südlichen Afrika 2003
|
Swasiland |
190.000 |
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Botswana |
330.000 |
|
Lesotho |
300.000 |
|
Simbabwe |
1.600.000 |
|
Südafrika |
4.800.000 |
|
Sambia |
800.000 |
|
Namibia |
190.000 |
|
Malawi |
770.000 |
|
Mosambik |
1.100.000 |
|
Gesamte Welt |
32.900.000 |
Die AIDS-Epidemie ist nicht nur eine menschliche Katastrophe, sondern sie hat auch weitreichende soziale und ökonomische Folgen für die betroffenen Länder.
AIDS verschlechtert massiv die Lebenssituation einzelner Haushalte. AIDS betrifft vor allem Erwachsene und damit die Ernährer der Familie, die für den Lebensunterhalt aufkommen. Fallen diese durch Krankheit oder Tod aus, so wird das Einkommen der Familie stark gemindert. Statistische Erhebungen belegen dies. So fiel in Südafrika und Sambia das monatliche Einkommen der von AIDS-betroffenen Haushalten um durchschnittlich 66-80 Prozent. Von AIDS betroffene Haushalte erzielen nicht nur geringere Einnahmen, sondern sind auch mit höheren Ausgaben für Pflege, Medikamente und Begräbnisse konfrontiert. Die Haushalte müssen deshalb ihren Konsum einschränken und sind oft zusätzlich gezwungen ihre Ersparnisse aufzulösen oder sogar wichtige produktive Vermögenswerte wie Land, Vieh oder Anbaugeräte zu verkaufen, was ihr Einkommen weiter mindert. Häufig führt AIDS sogar zur Auflösung von Familienverbänden. Dies gilt gerade dann, wenn Frauen erkranken, die eine wesentliche Rolle für den Zusammenhalt der Familie spielen, da sie sich um Erziehung, Haushaltsführung und Krankenpflege kümmern. So haben sich in der im Osten Simbabwes gelegenen Provinz Manicaland zwei von drei Familien, in denen eine Frau an AIDS gestorben ist, aufgelöst.[7]
Auch auf gesamtwirtschaftlicher Ebene hat AIDS verheerende Auswirkungen. Zum einen führen die erhöhten Ausgaben und geringeren Einkommen der Haushalte zu einem geringeren Sparaufkommen. Dadurch steigen die Kapitalkosten und es werden weniger Investitionen getätigt. Da darüber hinaus sehr häufig erwerbstätige Erwachsene zwischen 20 und 40, also die produktivsten Mitglieder einer Gesellschaft erkranken, bewirkt AIDS – ganz abgesehen von dem dahinter stehenden menschlichen Leid – einen Rückgang des Humankapitals der afrikanischen Volkswirtschaften. Dies zeigt sich beispielsweise am Agrarsektor. Nach Schätzungen der FAO wird bis 2020 ein Fünftel der ländlichen Arbeitskraft im südlichen Afrika der Epidemie zum Opfer gefallen sein.[8] Der Verlust an Arbeitskraft führt zu einem Rückgang der landwirtschaftlichen Produktion. Es wird weniger angebaut, Ackerflächen liegen brach und veröden. Viele Bauern sind gezwungen ihre Produktion von „cash crops“, also von zum Verkauf vorgesehenen Agrarprodukte, auf „food crops“, also auf allein für den eigenen Konsum bestimmte Agrarprodukte, umzustellen. Es wird also kaum mehr als eine reine Subsistenzwirtschaft betrieben. Diese kann oft nicht mal den Eigenbedarf decken, was sich an zunehmender Nahrungsunsicherheit in vielen Ländern zeigt. So war die letzte große Hungersnot im südlichen Afrika, 2002-2003, auch auf AIDS zurückzuführen.[9]
Die Folgen von AIDS zeigen sich auch auf Ebene der Unternehmen. AIDS bewirkt einen zunehmenden Mangel an qualifizierten, ausgebildeten Arbeitskräften sowie immer häufigere und längere Abwesenheiten vom Arbeitsplatz, da entweder ein Angestellter selbst oder einer seiner Angehörigen erkrankt ist. Außerdem sind die Unternehmen auch mit steigenden Ausgaben für die innerbetriebliche Gesundheitsvorsorge sowie für die Neuanwerbung und Ausbildung von Angestellten konfrontiert.[10]
So führt AIDS zu einem deutlichen Rückgang des Wirtschaftswachstums vieler afrikanischer Länder. Nach neuesten Erhebungen bewirkt AIDS in den afrikanischen Länder einen Rückgang des jährlichen pro-Kopf-Wachstums des BIP um durchschnittlich 0,5 Prozent.
Doch nicht nur der Privatsektor, auch der Staat sieht sich vor zunehmenden Problemen.
Durch das langsamere Wirtschaftswachstum stehen den Regierungen weniger Mittel zur Verfügung. Da außerdem auch im öffentlichen Sektor viele Arbeitskräfte ausfallen, bewirkt AIDS eine zunehmende Erosion der ohnehin meist völlig unzureichenden staatlichen Leistungen.[11] Besonders deutlich zeigt sich dies gerade bei den Leistungen, die für eine effektive Armutsbekämpfung am wichtigsten sind: der Gesundheitsfürsorge und dem Erziehungswesen.
Die ohnehin kaum existenten öffentlichen Gesundheitssysteme Afrikas stehen der AIDS-Epidemie zunehmend hilflos gegenüber. Dies gilt umso mehr, als viele afrikanische Länder in den letzten Jahren, im Zuge allgemeiner Sparmaßnahmen, die Ausgaben für den öffentlichen Gesundheitsbereich immer mehr zurückgefahren haben. So geben die afrikanischen Staaten jährlich nur 5 Dollar pro Kopf für Gesundheitsversorgung aus. Allein die Durchführung effektiver AIDS-Präventionsprogramme würde aber schätzungsweise 20 Dollar pro Kopf kosten. Darüber hinaus sind auch qualifizierte Angestellte im Gesundheitssektor häufig von AIDS betroffen, was die staatlichen Gesundheitssysteme weiter schwächt.[12]
Ähnliche Effekte zeigen sich im staatlichen Erziehungswesen. Da auch Lehrer sehr häufig an AIDS erkranken, erwartet man in vielen Ländern Sub-Sahara Afrikas einen zunehmenden Mangel an qualifizierten Lehrkräften. An AIDS erkrankte Lehrer werden häufig entweder gar nicht oder nur durch schlecht ausgebildete Lehrkräfte ersetzt, was die Qualität des Bildungswesens stark beeinträchtigt. Darüber hinaus führt AIDS dazu, dass viele Kinder die Schule vorzeitig abbrechen. Entweder müssen sie eine Arbeit aufnehmen, um die ausgefallene Arbeitskraft von eines erwachsenen Familienangehörigen zu ersetzen oder um bei der Pflege von kranken Angehörigen mitzuhelfen. Darüber hinaus können sich die Familie die Schulgebühren und sonstigen Kosten eines Schulbesuchs oft nicht mehr leisten.[13]
All diese Faktoren zusammen beeinträchtigen massiv die Entwicklungschancen der afrikanischen Länder und verhindern effektive Fortschritte bei der Armutsbekämpfung. So hat Botswana, das noch als eines der entwickeltsten Länder Sub-Sahara Afrikas gilt, wo gleichzeitig aber fast 40 Prozent der Bevölkerung HIV-infiziert sind, allein zwischen 1996 und 1999 51 Plätze beim Human Development Index verloren.[14] Es ergibt sich ein Teufelskreis: die katastrophalen wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen von AIDS machen die afrikanischen Gesellschaften noch anfälliger für die Epidemie und vermindern gleichzeitig die Möglichkeiten, ihre Verbreitung wirksam zu bekämpfen. „Die Armut verschärft AIDS und AIDS verschärft die Armut.“[15]
[1] Vgl. UNAIDS, 2004 Report on the
Global HIV/AIDS epidemic: 4th global
report, S.30-34; Markus Haacker (Hrsg.), The
Macroeconomics of AIDS, International Monetary Fund,
Washington 2004, S.4.
[2] Vgl. Robin Pharao, Martin
Schönteich, AIDS, Security and
Governance in Southern Africa. Exploring the impact,
Institute for Security Studies, ISS Paper 65,
Pretoria 2003, S.2. – Die Zahl bezieht sich
nur auf die kontinentalafrikanischen
Mitgliedstaaten, ausgenommen ist der Inselstaat
Mauritius.
[3] Vgl. ebd., S.3.
[4] Vgl. Fred Ahwireng-Obeng,
George Akussah, The Impact of HIV-AIDS on
African Economies, African Institute of South
Africa, Research Paper 67, Pretoria 2003, S.10.
[5] Vgl. Robin Pharao, Martin
Schönteich, a.a.O. (Anmerkung 2), S.3-4;
UNAIDS, a.a.O. (Anmerkung 1), S.42.
[6] Vgl. ebd., S.61-66 und S.193.
[7] Vgl. Fred Ahwireng-Obeng,
George Akussah, a.a.O. (Anmerkung 4),
S.15-16; Paul Harvey, HIV/AIDS and
humanitarian action, Humanitarian Policy Group
Research Report, London 2004, S.10-13; UNAIDS,
a.a.O. (Anmerkung 1), S.45-48.
[8] Vgl. ebd., S.50.
[9] Vgl. ebd., S.45-46; Fred
Ahwireng-Obeng, George Akussah, a.a.O.
(Anmerkung 4), S.17-18.
[10] Vgl. ebd., S.21-23; UNAIDS, a.a.O.
(Anmerkung 1), S.55-57.
[11] Vgl. ebd., S.55.
[12] Vgl. ebd., S.54; Fred
Ahwireng-Obeng, George Akussah, a.a.O.
(Anmerkung 4), S.22-26.
[13] Vgl. ebd., S.28; UNAIDS, a.a.O.
(Anmerkung 1), S.51-54.
[14] Vgl. Fred Ahwireng-Obeng,
George Akussah, a.a.O. (Anmerkung 4),
S.16-17.
[15] Ulrich Vogel, Armut und
AIDS, in: Internationale Politik, 11/2001, S. 37-42,
hier: S.38.
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