Sebastian Kempf
In den vergangenen Jahren lassen sich in Afrika positive Entwicklungen bei den wichtigsten makroökonomischen Rahmendaten ausmachen.
Im Jahre 2003 wuchsen die Volkswirtschaften des Kontinents um durchschnittlich 3,7 Prozent, nach 2,9 Prozent im Jahre 2002. Damit war Afrika nach Südostasien die am zweitschnellsten wachsende Region der Welt. Dieses Wachstum scheint sich in den nächsten Jahren fortzusetzen. So soll nach Berechnungen des IWF die Wirtschaft Afrikas im Jahre 2004 um 4,5 Prozent und im Jahre 2005 sogar um 5,5 Prozent wachsen.[1]
Positive Entwicklungen zeigen sich auch bei den übrigen Wirtschaftsindikatoren. So gingen die Haushaltsdefizite 2003 deutlich von 3,4 Prozent des BIP im Jahre 2002 auf 3,0 Prozent zurück. Die durchschnittliche Inflationsrate stieg zwar von 9,4 Prozent auf 11,2 Prozent, dieser Anstieg ist aber vor allem auf Hyperinflation in einigen Krisenländern zurückzuführen, wie etwa in Simbabwe mit einer Inflationsrate von 420 Prozent. In etwa 40 Ländern erreichte die Inflationsrate dagegen nur einstellige Beträge. Darüber hinaus stieg die Investitionsrate auf 20,5 Prozent des BIP im Jahre 2003, nach 19,7 Prozent in 2002. Dabei gelang es auch in verstärktem Maße ausländische Direktinvestitionen anzuziehen, die sich 2003 auf gut 14 Milliarden US-Dollar beliefen, nach 11 Milliarden US-Dollar im Jahre 2002. Verbesserungen zeigten sich außerdem in der Leistungsbilanz Afrikas. Das Leistungsbilanzdefizit sank von 1,0 Prozent des BIP im Jahr 2002 auf 0,4 Prozent im Jahr 2003. Gleichzeitig ergab sich ein starker Anstieg des Handelsbilanzüberschusses auf 15,6 Milliarden US-Dollar 2003, nach 6,7 Milliarden US-Dollar im Jahr 2002, was sich vor allem aus den stark gestiegenen Ölpreisen erklärt.
Tabelle 1: Makroökonomische Indikatoren Afrikas
|
Indikatoren |
2002 |
2003 |
|
Wirtschaftswachstum (% des BIP) |
2,9 |
3,7 |
|
Inflation (%) |
9,4 |
11,2 |
|
Haushaltsdefizit (% des BIP) |
-3,4 |
-3,0 |
|
Leistungsbilanzsaldo (% des BIP) |
-1,0 |
-0,4 |
|
Investitionsrate (%des BIP) |
19,7 |
20,5 |
Die positive Entwicklung der ökonomischen Rahmendaten darf allerdings nicht über die fortbestehenden massiven Probleme hinwegtäuschen. Afrika ist weiterhin der mit Abstand ärmste Kontinent. 42 Prozent der Bevölkerung, also etwa 300 Millionen Menschen, müssen mit weniger als 1 US-Dollar am Tag auskommen. Auf dem ganzen Kontinent leiden 200 Millionen Menschen Hunger. Das durchschnittliche Pro-Kopf Einkommen lag, trotz positiver Wachstumsraten, im Jahre 2002 bei gerade einmal 650 US-Dollar.[2] Gerade die Länder südlich der Sahara sind besonders von der Armut betroffen. So liegen 32 der 35 Länder mit den geringsten Werten beim Human Development Index, der neben dem BIP auch die Lebenserwartung, die Alphabetisierungsquote sowie den Bildungsgrad der Bevölkerung berücksichtigt, in Sub-Sahara Afrika.[3]
Die Gründe für die extreme Armut sind vielfältig. Eine der Hauptursache ist sicherlich der Mangel an „guter Regierungsführung“. Viele afrikanische Regierungen sind nicht in der Lage oder nicht willens, die politischen Grundvoraussetzungen für ein funktionierendes Wirtschaftssystem zu schaffen. So fehlt es häufig an einer verlässlichen Rechts- und Eigentumsordnung genauso wie an einer angemessenen Infrastruktur. Gerade auch die in vielen Staaten allgegenwärtige Korruption schreckt potenzielle Investoren ab.
Eine weitere Ursache der weit verbreiteten Armut sind die häufigen inneren Unruhen und Bürgerkriege, die Afrika in seiner Entwicklung immer wieder zurückwerfen. Bewaffnete Konflikte verursachen nicht nur unsägliches menschliches Leid, sondern führen oft auch zur Zerstörung wichtiger Infrastruktur und zum Erliegen jeglicher ökonomische Aktivität. Darüber hinaus werden große Ressourcen für den Kauf von Waffen und Munition aufgebracht, die sonst produktiver Verwendung zugeführt werden könnten.
Der Kampf gegen die Armut wird darüber hinaus durch das starke demographische Wachstum vieler afrikanischer Länder beeinträchtigt. Afrika ist die Region mit dem höchsten Bevölkerungswachstum der Welt. Dadurch nimmt der Druck auf die ohnehin nur sehr unzureichend ausgestaltete soziale Infrastruktur noch weiter zu. Außerdem muss ein noch höheres Wirtschaftswachstum erreicht werden, um den Lebensstandard pro Kopf zu heben. Das Bevölkerungswachstum führt in ländlichen Regionen zudem oft zur Überbeanspruchung der Böden, welche ihrerseits Desertifikation, Erosion und Entwaldung verursacht. Die dadurch geminderte Produktivität der Böden entzieht großen Teilen der Bevölkerung ihre Lebensgrundlage und treibt sie in die Städte. Das rasante Anwachsen der Slums in den afrikanischen Großstädten, in denen meist katastrophale Wohnbedingungen herrschen, ist Folge dieser Entwicklung. Gleichzeitig verlassen oftmals gerade die gut ausgebildeten Arbeitskräfte ihr Heimatland, um Erwerbsmöglichkeiten in den Industriestaaten zu suchen. Dieser brain-drain hält, trotz zunehmender Zuzugsbeschränkung von Seiten der Industrieländer, weiter an und stellt für die afrikanischen Staaten einen massiven Verlust an Humankapital dar.
Zugleich Ursache als auch Folge der extremen Armut ist die fortschreitende Ausbreitung von HIV/AIDS, Malaria, Tuberkulose und anderen Epidemien, die in Afrika weitaus häufiger auftreten als in den übrigen Regionen der Welt: Von weltweit 42 Millionen HIV-Infizierten leben allein 30 Millionen in Afrika und 90 Prozent aller Malaria-Fälle treten hier auf.[4]
Ein weiteres gravierendes Problem Afrikas ist sein geringes Gewicht im internationalen Handel, das in den vergangenen Jahrzehnten sogar noch weiter abgenommen hat. So ist der Anteil Afrikas an den weltweiten Exporten von 6 Prozent im Jahre 1980 auf 2 Prozent im Jahre 2002 gesunken.[5] Die Ursachen für diese Situation liegen vor allem in der Exportstruktur Afrikas. Die meisten afrikanischen Länder hängen in hohem Maße von der Ausfuhr von Agrarprodukten und einigen wenigen Rohstoffen ab. Bis heute haben es nur wenige Länder geschafft, ihre Produktpalette zu diversifizieren und höherwertige Industriegüter herzustellen. Aufgrund dieser Exportstruktur sind die afrikanischen Wirtschaften äußerst anfällig für Preisveränderungen und klimatische Schwankungen. Außerdem ist der Handel mit den meisten Rohstoffen in den vergangenen Jahren sehr viel geringer gewachsen als der weltweite Handel insgesamt. Auf den dynamischsten Märkten mit den größten Wachstumsperspektiven ist Afrika dagegen kaum vertreten. Erschwert wird die Integration Afrikas in den internationalen Handel darüber hinaus durch die schlechte Infrastruktur, den Rückstand in der Informations- und Kommunikationstechnologie sowie die oftmals aufwändigen Zollformalitäten.
Als eines der Hauptexporthindernisse für Afrika werden zudem die hohen Handelsbarrieren in Europa und Nordamerika genannt, die in Form von Importbeschränkungen, Zöllen oder Subventionen für heimische Produzenten bestehen und vor allem Agrargüter betreffen. Diese Maßnahmen erschweren sicherlich den Marktzugang für die afrikanischen Produzenten. Allerdings würde auch ein Abbau der Handelshindernisse in Europe und Nordamerika nicht ausreichen, das Exportvolumen Afrikas signifikant zu erhöhen, da die afrikanische Landwirtschaft aufgrund ihrer geringen Produktivität international überhaupt nicht wettbewerbsfähig ist. Von einer Reduktion der Handelsbarrieren würden die afrikanischen Länder deshalb in weitaus geringerem Maße profitieren, als Länder in Asien oder Südamerika. Würden etwa sämtliche Handelsbarrieren abgeschafft, könnten alle Entwicklungsländer zusätzliche Einnahmen von 200 Milliarden US-Dollar jährlich erhalten. Auf die afrikanischen Länder entfielen dabei aber gerade einmal 2,4 Milliarden US-Dollar![6]
Auf ihrem Millennium Gipfel im September 2000 haben die Vereinten Nationen die Millennium Entwicklungsziele (Millenium Development Goals) verabschiedet.[7] Hierin verpflichten sie sich unter anderem dazu, den Anteil der Menschen, die in extremer Armut leben, bis 2015 um die Hälfte zu senken.[8] Dieses Ziel werden die meisten afrikanischen Länder mit sehr großer Wahrscheinlichkeit nicht realisieren. Dazu wäre ein jährliches Wirtschaftswachstum von mindestens 7 Prozent nötig, was nur sehr wenige Länder erreichen. Anstatt zu sinken, steigt deshalb die Zahl der Armen in Afrika sogar noch weiter an, während sie in anderen Teilen der Welt - insbesondere in Asien - zurückgeht. Dies gilt insbesonder für die Länder südlich der Sahara. So leben heute in Sub-Saharae Afrika 89 Millionen mehr Menschen in extremer Armut als noch 1990.[9]
Um die Armut auf dem afrikanischen Kontinent zu bekämpfen, bedarf es weiterhin eines umfassenden Einsatzes, der nicht nur die wirtschaftliche sondern auch die sozialen, politischen und kulturellen Ursachen der Armut berücksichtigt. Erforderlich ist vor allem ein kontinuierliches und geduldiges Engagement, sowohl von Seiten der afrikanischen Staaten wie auch von Seiten der Weltgemeinschaft, da konkrete Erfolge nur langfristig zu erwarten sind.
Afrika ist ein äußerst heterogener Kontinent. Hinter den allgemeinen, auf den ganzen Kontinent bezogenen Statistiken findet man auf Ebene der einzelnen Länder gänzlich unterschiedliche Entwicklungen. Dies lässt sich am Beispiel der beiden benachbarten Staaten Simbabwe und Mosambik sehr gut darstellen.
Simbabwe ist wohl das derzeit beste Beispiel dafür, wie ein wirtschaftlich prosperierendes Land, das mit umfangreichen natürlichen Ressourcen ausgestattet ist, durch politische Misswirtschaft förmlich zugrunde gerichtet werden kann. Seit Mitte der neunziger Jahre lässt sich in Simbabwe eine rapide Verschlechterung der innenpolitischen Lage ausmachen. So konnte sich der seit 1980 amtierende Präsident Robert Mugabe bei den letzten Präsidentschaftswahlen 2002 nur durch Gewalt und Einschüchterung der Opposition und der Presse durchsetzen. Die Repression der Regierungskritiker hat sich seitdem noch verschärft, die Unabhängigkeit der Justiz wird zunehmend eingeschränkt und die Korruption ist allgegenwärtig. Als besonders nachteilig hat sich die von Mugabe lancierte „Landreform“ ausgewirkt. Das von der Regierungspartei ZANU-PF dominierte Parlament verabschiedete im Jahr 2000 ein Gesetz, das die entschädigungslose Enteignung von Land möglich machte. Dieses Gesetz war vor allem gegen die noch etwa 4 500 im Land verbliebenen weißen Großfarmer gerichtet, die sich den Zorn Mugabes zugezogen hatten, da sie die Oppositionspartei Movement for Democratic Change (MDC) unterstützten, aber auch gegen die – oft ebenfalls mit dem MDC sympathisierenden – schwarzen Landarbeiter. Zahlreiche Farmen wurden in der Folge gewaltsam besetzt, wobei auch mehrere weiße Farmer ermordet wurden. Diese „Landreform“ spricht nicht nur den Grundsätzen einer „guten Regierungsführung“ hohn. Sie schadet auch massiv der Wirtschaft Simbabwes. Die 4500 Großfarmer haben 350 000 Menschen beschäftigt und 50 Prozent der Devisen erwirtschaftet. Durch die chaotische Enteignung und die vollkommen ungeplante Neuverteilung, bei der sich oft hohe Funktionäre der Regierungsparte ZANU-OF bereicherten, ist die landwirtschaftliche Produktion, eingebrochen. Simbabwe ist von einem Nahrungsmittelexporteur zu einem Hungerland geworden. Das gesamte BIP ist gleichzeitig in beachtlichem Ausmaß zurückgegangen: 2002 um 11,1 Prozent, 2003 um 9.3 Prozent und 2004 um schätzungsweise 5,2 Prozent. Das BIP pro Kopf ist von 837,3 US Dollar in den Jahren 1997-2001 bis auf 625,3 US Dollar 2003 gefallen. Die Inflation betrug 2003 etwa 420 Prozent. Die instabile innenpolitische Lage schreckt außerdem zunehmend Investoren ab. Die Investitionsrate belief sich 2003 auf gerade einmal 1,9 Prozent des BIP, im Vergleich zu 18,2 Prozent im gesamten Sub-Sahara Afrika und 26,0 Prozent im benachbarten Sambia.[10]
Während Simbabwe somit als ein „Musterbeispiel“ für den Zusammenhang zwischen schlechter Regierungsführung und wirtschaftlichem Verfall gelten kann, wird das Nachbarland Mosambik als eines der vielversprechendsten Länder Afrikas angesehen. Obwohl das Land nur geringe Rohstoffvorkommen besitzt und außerdem immer noch unter den Folgen des langjährigen Bürgerkriegs (1976-1992) leidet, ist seine wirtschaftliche Entwicklung durchaus positiv. So stieg das BIP von 1997-2001 um durchschnittlich 9,2 Prozent, 2002 um 7,4 Prozent, 2003 um 7,1 Prozent und 2004 um 8,4 Prozent. Damit einher ging ein beachtliches Wachstum des BIP-pro-Kopf, das sich von 261,4 US Dollar (1997-2001) auf 337,3 US Dollar in 2004 steigerte. Die Inflation ist relativ gemäßigt und lag 2004 bei 12,9 Prozent. Auch die Investitionsrate liegt mit 24,5 Prozent des BIP im Jahre 2004 deutlich über dem Durchschnitt Sub-Sahara Afrikas. Grundvoraussetzung für diese positive wirtschaftliche Entwicklung ist die politische Stabilität, die seit dem Ende des Bürgerkriegs 1992 herrscht. Die bisher abgehaltenen Wahlen verliefen weitestgehend frei und fair. Die Regierung kooperiert eng internationalen Organisationen, es herrscht Rechtssicherheit und Pressefreiheit. Obwohl Mosambik weiterhin eines der ärmsten Länder der Welt ist, zeigt das Beispiel dieses Landes sehr gut, wie ein Land trotz schlechter Ausgangsbedingungen innerhalb kurzer Zeit bedeutende Fortschritte machen kann.[11]
[1]Vgl. International Monetary Fund,
Sub-Saharan Africa: Regional Economic Outlook,
Washington/D.C. 2004, S.1-6.
[2] Vgl. African Development Bank,
Macroeconomic Indicators, Output and per capita
income, http://www.afdb.org
(Tabelle)
[3] Quelle: United Nations Development
Programme, Human Development Report 2004. Cultural
liberty in today’s diverse world,
S.139-142.
[4] The African Union Commission,
Strategies for employment creation/promotion and
enhancing sustainable livelihoods : Assembly of the
African Union, third extraordinary session on
employment and poverty alleviation, 8-9 September
2004, Ouagadougou, Burkina Faso (Hintergrundpapier),
Ouagadougou, 2004, S.9-13.
[5] Vgl. United Nations Conference on
Trade and Development, Economic Development in
Africa. Trade Performance and Commoditiy Dependence,
New York 2003, S.1.
[6] Vgl. African Development Bank,
Achieving the Millenium Development Goals in Africa.
Progress, Prospects, and Policy Implications. Global
Poverty Report 2002, S.8.
[7] Vgl. http://www.developmentgoals.org/.
[8] Als extreme Armut wird ein
verfügbares Einkommen von weniger als 1 US $
täglich definiert.
[9] Vgl. International Food Policy
Research Institute, Annual Report 2003-2004, S.8.,
African Development Bank, Achieving the Millenium
Development Goals in Africa. Progress, Prospects,
and Policy Implications. Global Poverty Report 2002,
S.8.
[10] Vgl. Martin Papst, 05/2002,
September/Oktober 2002, S.599-604, International
Monetary Fund, Sub-Saharan African Regional Economic
Outlook, Washington 2004, S.40-60.
[11] Vgl. International Monetary Fund,
a.a.O. (Anmerkung 1), S.40-60.
bookmarken bei...



