Julius Rustam Affandi
In Nigeria gibt es 250 verschiedene Völkergruppen. Eine davon sind die Ogoni. Sie stammen aus der Region des Nigerdeltas im Südosten Nigerias. Das Ogoni-Gebiet, östlich von Port Harcourt im Rivers State gelegen, erstreckt sich über eine Fläche von ca. 1.000 km², in dem ungefähr 500.000 Ogoni leben.9 Hier befindet sich der Großteil der ergiebigen Erdöl- und Gasvorkommen Nigerias.
Ken Saro-Wiwa wurde 1941 im Ogoniland geboren. Während der späten 60er und Anfang der 70er Jahre war er Mitglied der Regierung des Bundesstaates Rivers State. Als er diese jedoch 1973 verließ, wandte er sich der Ogoni Development Association (ODA) zu, die sich für die Repatriierung der nach dem Bürgerkrieg zurückkehrenden Ogoni einsetzte.10 Im Laufe der 80er Jahre dann konzentrierte sich Saro-Wiwa verstärkt auf seine literarischen Fähigkeiten und wurde als angesehener Schriftsteller und Bühnenautor bekannt. Aus seiner Feder stammen Romane wie zum Beispiel Sozaboy sowie zahlreiche Theater- und Fernsehstücke.11 Er wurde vielfach mit Auszeichnungen geehrt, darunter auch mit dem Alternativen Nobelpreis. Er starb am 10. November 1995 den Tod durch den Strang.
MOSOP, Movement for the Survival of the Ogoni People, wurde 1989 von Ken Saro-Wiwa gegründet. Ein Jahr später entwarf MOSOP unter Saro-Wiwas Federführung die Ogoni Bill of Rights (OBR), in der die Ogoni politische und kulturelle Autonomie, gerechte Repräsentation in den nationalen Institutionen und einen fairen Anteil an den Einnahmen aus der Ölförderung im Ogoniland forderten. Offiziell jedoch konstituierte sich MOSOP erst im Jahre 1991, als zur OBR ein Zusatz verabschiedet wurde, der die Funktionen der Organisation festlegte. Ken Saro-Wiwa betonte in diesem Zusammenhang, dass MOSOP ihre Ziele ausschließlich durch politische Gewaltlosigkeit verfolgen wolle.12
MOSOP wurde zum ersten Mal einem größeren Kreis bekannt auf der UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung im Juni 1992 in Rio de Janeiro. MOSOP stellte nicht nur die oben genannten Forderungen, sie engagierte sich auch für die Entwicklung des Ogonilandes mit der Unterstützung von neu gegründeten Organisationen wie dem National Youth Council of Ogoni People (NYCOP) und weiteren Organisationen, die sich für die Rechte von Studenten, der Bewahrung von Religion und Traditionen einsetzten.13
Seit ihrer Gründung hatte MOSOP immer wieder an die Regierung und die SPDC appelliert ihre Forderungen zu erfüllen. Im Dezember 1992 schließlich stellte MOSOP den TNCs ein Ultimatum. Sie forderten Wiedergutmachung und Regresszahlungen für die Ölförderung und die dadurch verursachte Umweltverschmutzung in den zurückliegenden 30 Jahren durch die SPDC und die NNPC. Diese ignorierten zunächst die Forderungen, jedoch war das MOSOP-Ultimatum der Beginn der offenen Auseinandersetzung mit den TNCs und der Zentralregierung in Abuja.14 Gegen Ende des Jahres 1992 war die politische Situation in Nigeria insgesamt sehr angespannt. Am 4. Januar 1993 fand im Ogoniland eine Massendemonstration statt, gewissermaßen der Auftakt zum Internationalen Jahres der autochthonen Bevölkerungsgruppen der Welt, zu dem die Vereinten Nationen aufgerufen hatten. Hier trafen die MOSOP und der State Security Service zum ersten Mal direkt aufeinander. Wenige Tage nach dem Ogoni-Day-March gaben die Dorfvorsteher und besonders die traditionellen Ogoni-Herrscher in einem Kommuniqué bekannt, dass sie keine weiteren Demonstrationen planten. Dies war ein deutliches Zeichen für den Machtkampfes innerhalb der MOSOP: auf der einen Seite die Getreuen der Militärjunta von General Ibrahim Babangida in Abuja und auf der anderen Seite die Anhänger des "radikalen" Ken Saro-Wiwa.15
Am 28. April 1993 kam es zu einer ersten blutigen Auseinandersetzung. Mehrere Ogoni demonstrierten gegen die Vernichtung wertvollen Ackerlands durch den Bau einer Pipeline im Auftrag der SPDC. Die zum Schutz der Bauarbeiter abgeordneten Soldaten eröffneten das Feuer auf die unbewaffneten Demonstranten, als diese der Baufirma den Zugang versperren wollten. Dabei wurden mehrere Menschen verletzt, was zu erneuten Demonstration am nächsten Tag mit zahlreichen Verletzten und einem Toten führte.16
In Folge dessen spitzte sich die Auseinandersetzung im Vorstand der MOSOP zu. Die Dorfvorsteher, besonders die traditionellen Ogoni-Herrscher sowie viele Ogoni-Aktivisten selbst sahen in General Babangidas Demokratisierungsprogramm eine Chance und befürworteten die kommenden Wahlen. Ihnen gegenüber standen Ken Saro-Wiwa und seine Anhänger, die weiterhin an ihren Forderungen nach Autonomie und auf Schadensersatzzahlungen festhielten. Nach einer Kampfabstimmung im Vorstand war die Spaltung perfekt. Mehrere MOSOP-Aktivisten der ersten Stunde legten ihre Ämter nieder und verließen die Organisation, die nun unter der Führung Ken Saro-Wiwas stand.17
Zur selben Zeit tobte im fernen Abuja und Lagos ein Machtkampf zwischen vier mächtigen Männern: dem neuen "demokratisch gewählten" Präsidenten Moshood Abiola, dem abgewählten General Ibrahim Babangida, Ernest Shonekan, der die Interimsregierung leiten sollte und General Sani Abacha, der zum engsten Führungszirkel Babangidas gehörte. Letzterer konnte sich im November 1993 durchsetzten und putschte sich an die Macht.18 Vor diesem Hintergrund hatte sich die Shell Petroleum Development Company Anfang des Jahres 1993 aus dem Ogoniland zurückgezogen, da angeblich SPDC-Arbeiter und -Ingenieure bedroht wurden und die Firma nicht mehr für die Sicherheit ihrer Mitarbeiter garantieren konnte.19 In diesem Jahr erscheint Ken Saro-Wiwas Buch A Day and a Month (Deutsch: Flammen der Hölle), das er während seines Hausarrests, unter den er Mitte des Jahres für 31 Tage gestellt wurde, schrieb. In diesem Buch berichtet er über seine Haft, beschreibt die allgemeine Situation der Ogoni und die Umweltschäden in seiner Heimat.20
Auch nach dem Machtwechsel in Abuja blieb MOSOP der Zentralregierung ein Dorn im Auge. Bereits während der vorausgegangenen Machtkämpfe hatte es Überfalle auf Ogoni-Dörfer gegeben, die zu einer blutigen Kettenreaktion von Zwischenfällen führten, die nach außen hin als ethnische Konflikte dargestellt wurden.21 Ken Saro-Wiwa und MOSOP wurden 1994 für ihren gewaltlosen Kampf und ihr Engagement für die Gerechtigkeit mit dem Alternativen Nobelpreis, bekannt auch als the Right Livelihood Award, ausgezeichnet.22
Am 21. Mai 1994 wurden vier bekannte MOSOP-Gegner auf einer Wahlveranstaltung ermordet. Der genaue Tathergang und die Täterschaft blieben unklar, trotzdem wurden Ken Saro-Wiwa und 30 weitere hochrangige MOSOP-Aktivisten am nächsten Tag von Sicherheitskräften verhaftet. Die am 22. Mai nachgereichte Anklage lautete auf Anstiftung von NYCOP-Mitgliedern zum Mord an den vier Oppositionellen. Bemerkenswert an dieser Konstellation war, dass zwei der vier Ermordeten mit Ken Saro-Wiwa verschwägert und die beiden anderen langjährige, gute Freunde von ihm waren.23
Am 6. Februar des folgenden Jahres nahm das eigens für diesen Fall eingerichtete und handverlesene Civil Disturbances Special Tribunal die Verhandlung auf. Die Angeklagten wurden in zwei Gruppen eingeteilt, so dass es zwei parallel laufende Verfahren gab. Das Sondergericht wurde auf der Grundlage des Civil Disturbances Decree von 1987 und des Special Tribunal Decree von 1994 einberufen, welche beide im Falle eines Schuldspruchs nur die Todesstrafe zuließen. Des Weiteren bestand keine Möglichkeit Berufung einzulegen. Aus Protest legte Ken Saro-Wiwas Anwalt in Absprache mit seinem Mandanten sein Amt nieder. Der Prozess war durch bestochene Zeugen, die Nicht-Zulassung von entlastendem, Beweismaterial, "extremen Widersprüchen, nachweislichen Falschaussagen und einseitigen Schlussfolgerungen" gekennzeichnet.24
Am 30. Oktober 1995 wurden die ersten Todesurteile gegen fünf MOSOP-Aktivisten verhängt. Ken Saro-Wiwa und drei weitere Mitstreiter wurden am darauffolgenden Tag zum Tode verurteilt. Die Todesurteile wurden mit Entsetzen und Fassungslosigkeit von der Weltöffentlichkeit aufgenommen. Trotz massiver Proteste seitens zahlreicher NGOs und Regierungen an die nigerianischen Militärs bestätigte General Abacha am 8. November die Todesurteile, die dann bereits zwei Tage später am 10. November 1995 vollstreckt wurden.25

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