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Fortsetzung: Shell Nigeria und der Fall Ken Saro-Wiwa

Julius Rustam Affandi

4. Shell Nigeria und die Umwelt

4.1 Shell Nigeria

Die SPDC (Shell Petroleum Development Company) ist der größte transnationale Erdölkonzern in Nigeria und zugleich auch der größte Investor. Sie ist eine Tochtergesellschaft der Royal Dutch/Shell Group of Companies. In den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts, damals noch Shell D'Arcy, begann sie mit der Suche nach Ölvorkommen. Von 1956 an förderte dann die Shell-BP das erste Öl.26

Ein Barrel Öl (Barrel = 159 Liter) kostete im Juli 2002 auf dem Weltmarkt 26 USDollar. Von der Verkaufssumme jedes Barrels erhält der nigerianische Staat 55%, die SPDC 30%, Elf 10% und Agip 5%. Einen Großteil dieses Gewinns investieren die Öl-TNCs wieder für Unterhaltung und Instandsetzung ihrer Infrastruktur, wie Straßen, Pipelines, Pump- und Förderstationen.27

Gegner der SPDC bezifferten die Menge des von der SPDC im Ogoniland zwischen 1958 und 1993 geförderten Öls auf eine Summe von etwa 5,2 bis zu 30 Milliarden  USDollar. Von dieser Summe, so die SPDC-Gegner, erhalten die Ogoni so gut wie nichts. Vielerorts gibt es keine Elektrizität, kein fließend geschweige denn sauberes Wasser. Die SPDC hingegen macht für diese Missstände die Korruption innerhalb der nigerianischen Zentralregierung verantwortlich.28

4.2 Öl, Umwelt und Ogoni

Traditionell waren die Ogoni Fischer oder lebten vorwiegend von der Subsistenzlandwirtschaft. Als die Öl-Konzerne kamen, änderte sich ihre Lebensweise. Gutes Ackerland musste der Errichtung von Infrastrukturen für die Konzerne weichen. Hinzu kamen die Verschmutzung der Gewässer im Delta, die Schadstoffe in der Luft und im Boden, verursacht durch die häufigen Ölaustritte. Dies sind die Hauptpunkte der Umweltprobleme, auf die die Ogoni und ihrer Unterstützter aufmerksam machen wollten.29

Ausmaß der Schäden

Die Schadstoffe in der Luft resultieren hauptsächlich aus dem Abfackeln des Erdgases, dessen Feuerschein die Nacht zum Tage macht. Dieses Phänomen lieferte übrigens den Titel für Ken Saro-Wiwas Buch Flammen der Hölle. Assoziertes Gas kommt unweigerlich zusammen mit dem Erdöl vor und muss bei der Förderung von diesem getrennt werden. Bis dato wurde es einfach abgefackelt, da es keine Abnehmer und keine Infrastruktur zur sachgerechten Abfüllung, Verflüssigung und zum Transport gab. Angaben der SPDC-Gegner zufolge, sind dies 95% des extrahierten Erdgases im Ogoniland, das sind 20 Milliarden m³ pro Jahr, während in den USA lediglich 0,6% abgefackelt werden. Weiterhin heißt es, dass die freigesetzten Methan- und CO2-Werte in Nigeria höher sind als auf allen anderen Ölfeldern der Welt zusammen genommen.30 Methangas gilt als Hauptursache für den Treibhauseffekt. CO2 wird aber auch bei der Verbrennung von Holz freigesetzt, was in kleineren Mengen kein Problem darstellt, bei Brandrodung, wie in Entwicklungsländern üblich, jedoch die Umwelt extrem belastet. Auch dadurch werden weiter Jahr für Jahr große Teil der Mangrovenwälder zerstört. Das wertvolle Ackerland im Nigerdelta verringert sich ohnehin beträchtlich durch die natürlichen Erosionsprozesse, die durch die regelmäßig wiederkehrenden weitflächigen Überschwemmungen noch verstärkt werden. Hinzu kommt ein jährlicher Bevölkerungszuwachs von 3% im nur 1.000 km² großen Ogoniland.31

Der hohe Schadstoffgehalt in der Luft und im Wasser sind nachweislich verantwortlich für eine erhöhte Anzahl an Fehlgeburten, Erkrankungen der Atemwege, wie Bronchitis und ähnliches. Gegner der SPDC beklagen, dass die Pipelines oft dicht an den Dörfern vorbei laufen und die Abfackelungen in deren Nähe die Nacht zum Tage machen.32 Letztlich siedeln sich die Menschen auf der Suche nach Arbeit oft ganz bewusst in der Nähe von Ölbohreinrichtungen an.

Tochtergesellschaften der Royal Dutch/Shell Group of Companies bohren in 28 Ländern der Welt, die SPDC jedoch hat sich für 40% aller Ölaustritte (Verschmutzungen durch Bohrrückstände, durch undichte Pipelines sowie die Entsorgung von Spülwasser) des gesamten Konzerns zu verantworten. Weiterhin heißt es, dass sich diese 40% im Wesentlichen auf das Nigerdelta allein konzentrieren. Einer Statistik aus der Dokumentation "The Drilling Fields" zufolge, gab es im Zeitraum zwischen 1976 und 1991 2.976 Ölaustritte. Die Ölaustritte aus den Siebziger Jahren allein sind vier Mal so hoch wie die Menge des ausgelaufenen Öls der 1989 gekenterten Exxon Valdez.33 Das ausgetretene Öl zerstört wertvolles Ackerland, verschmutzt das Grundwasser und gerät damit in die Flüsse des Deltas, was wiederum den Fischbestand dezimiert. Die SPDC räumt ein, dass es an einigen Stellen zu Unfällen gekommen sei, beharrt aber auf ihrer Statistik, wonach 60% aller Ölaustritte auf Sabotage zurückzuführen sind. Weiterhin erklärt sie, dass dies eine Taktik der Dorfbewohner sei, Geld in Form von Schadensersatzzahlungen zu bekommen.34  Mit dieser Form der "Erpressung" sehen sich TNCs weltweit konfrontiert. 

Die SPDC gesteht, dass bei der Förderung von Öl wohl ein gewisses Maß an Umweltverschmutzung auftreten kann und versucht laut eigenen Veröffentlichungen, diese so gering wie möglich zu halten. Gleichwohl ist sie sich auch bewusst, dass immer Unterschiede zwischen selbst gesetzten Umweltstandards und deren Umsetzung bestehen.35 Dazu muss gesagt werden, dass es der SPDC seit 1993 nicht möglich war, ihre Einrichtungen im Ogoniland zu warten, weshalb mit hoher Wahrscheinlichkeit mit zahlreichen neuen Öllecks und Verschmutzung anderer Art zu rechnen ist.

4.3 Shells neuer Kurs

Nach der Hinrichtung Ken Saro-Wiwas und der anderen MOSOP-Aktivisten betonte die SPDC wiederholt, dass sie nicht tatenlos zugesehen, sondern mehrfach an die nigerianische Regierung appelliert hätte, die Todesurteile aufzuheben. Ihre Gegner jedoch hatten der SPDC das Gegenteil unterstellt. Die Antwort des Konzerns auf den Vorwurf, warum die SPDC ihren Einfluss nicht stärker geltend gemacht hätte, ist, dass sie als Konzern sich nicht in die inneren Angelegenheiten Nigerias einmischen könne und sollte.36

Das negative Image für die Royal Dutch/Shell Group of Companies durch den Fall Ken Saro-Wiwa und Brent Spar führten zu weltweiten Boykotts gegen Shell. Diese veranlassten den Konzern seine Kernwerte, auch bekannt als allgemeine Geschäftsprinzipien, zu überdenken. Die neuen Werte im Mission Statement konzentrieren sich auf die Verantwortung der SPDC  für eine nachhaltige Entwicklung im Nigerdelta zu sorgen, insbesondere im Ogoniland. Des Weiteren stehen Werte wie Aufrichtigkeit, Integrität, Respekt und Achtung der Persönlichkeit und das Eintreten für die Menschenrechte sehr weit oben auf der Liste. So war die Royal Dutch/Shell Group of Companies 1997 der erste große Energiekonzern, der sich öffentlich zur Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte bekannte und sie in seinen Wertekatalog aufnahm.37

Nicht nur die Kernwerte wurden verändert, die SPDC wollte auch ihr Verhalten im Nigerdelta verändern. Zum Beispiel versprachen sie, alle unnötigen Abfackelungen einzustellen und statt dessen das freigesetzte Gas zu sammeln und mit Hilfe einer Verflüssigungsanlage sicher nach Europa zu exportieren. Diese Maßnahmen sollen bis 2008 verwirklicht werden. Weiterhin wollte die SPDC bis 2003 alle Pipelines unterirdisch verlegen.38 In diesem Zusammenhang ließe sich jedoch fragen, ob das Gas nur exportiert wird, um so dem Konzern eine weitere Einnahmequelle zu bescheren oder ob die Pipelines lediglich unterirdisch verlegt werden sollen, damit die Öllecks nicht so leicht zu entdecken sind.

Die angestrebten Veränderungen betrafen allerdings nicht nur die Infrastruktur der SPDC. Mit den Ogoni versucht die SPDC, mittels kommunaler Programme einen Wiedergutmachungs- und Aussöhnungsprozess einzuleiten, was sich nach SPDC-Aussagen offensichtlich schwierig gestaltet, da die Führung der Ogoni und die der MOSOP gespalten sind. Der Konzern investiert eigenen Angaben zufolge 33 Millionen USDollar jährlich in freiwillige kommunale Entwicklungs- und Versorgungsprogramme wie Medikamente, Krankenhäuser, Gesundheitszentren, Schulen, Infrastruktur und Stipendien für Schüler und Studenten.39


26 Shell Nigeria, Operations: History of Shell in Nigeria, http://www.shellnigeria.com/shell/operations_rhs.asp
27 Shell Nigeria, SPDC: Factfile, http://www.shellnigeria.com/shell/factfile_rhs.asp
28 Boycott Shell/Free Nigeria, Why boycott Shell?, http://www.essentialaction.org/shell/issues.html
29 Ebd.
30 Ebd.
31 Deutsche Shell AG, Nigeria. Entwicklungen und Ereignisse, Meinungen und Fakten zu Politik, Menschenrechten und Ölförderung., Deutsche Shell AG, Hamburg, 1996, S.27
32 Vgl. Boycott Shell/Free Nigeria, a.a.O. (Anm.28)
33 Steven Cayford, The Ogoni Uprising: Oil, Human Rights and a Democratic Alternative in Nigeria, Africa Today, vol. 43, no. 2 April/Juni 1996, S.183
34 Ulrich Schilling Strack, Von Umweltsünden ist in Nigeria kaum etwas zu sehen, Stuttgarter Nachrichten, 22.101996
35 Vgl. Deutsche Shell AG, a.a.O. (Anm.31), S.27
36 Ebd. S.13
37 Shell: Menschenrechte Teil der neuen Unternehmensgrundsätze, http://www.shell.de
38 Ebd.
39 Shell Nigeria, FAQ, http://www.shellnigeria.com/frame.asp?Page=faq
Fortsetzung: Shell Nigeria und der Fall Ken Saro-Wiwa


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Jahrbuch Internationale Politik: Weltverträgliche Energiesicherheitspolitik
von Josef Braml, Karl Kaiser, Hanns W. Maull, Eberhard Sandschneider, Klaus Werner Schatz (Hrsg.)

Veröffentlicht am 2. Juni 2008

Das neu konzipierte Standardwerk der internationalen Politik bietet eine systematisch-vergleichende Analyse eines aktuellen Themas: Weltverträgliche Energiesicherheitspolitik. Autorinnen und Autoren sind renommierte deutsche Experten sowie maßgebliche Repräsentanten der operativen Politik, des Bundeskanzleramts, des Bundestags und von Bundesministerien. Neben der wechselseitigen Politikberatung leistet das Jahrbuch – in Zusammenarbeit mit den Medien und anderen Multiplikatoren – auch Öffentlichkeitsberatung.

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