Julius Rustam Affandi
Laut SPDC ist es in Nigeria gang und gäbe, dass die TNCs und ihre Einrichtungen unter dem Schutz der Supernumerary Police stehen, einer Polizeieinheit, die auf Objektschutz spezialisiert ist. Ist es jedoch normal oder besser noch legal, dass ein TNC Waffen für diese Supernumerary Police importiert? 1987 rüstete die SPDC die für sie zuständige Einheit dementsprechend aus. Acht Jahre später wollte der Konzern erneut Waffen für die Polizeiabordnung importieren, damit die "Kriminalität" im Schach gehalten werden kann. Die Bestellung umfasste halbautomatische Waffen, Pump-Action Shotguns und Tränengas, welche laut Human Rights Watch nur zur Kontrolle von Demonstrationen benötigt würden. Daraufhin überdachte die SPDC ihr Vorhaben noch einmal und strich die Importe.40
Nach Scott Pegg gibt es zwei Wege wie ein Konzern sich in einen Konflikt einmischen kann, um die oben genannten Zustände für die Rohölförderung zu gewährleisten. Direct Corporate Involvement war zum Beispiel gegeben, als Mitglieder der Mobile Police Force 1984 in SPDC-Hubschraubern zu einer Demonstration im Ibon State geflogen wurden. Des Weiteren gehört dazu auch der Import von Waffen für staatliche Sicherheitskräfte sowie die Auszahlung von Verpflegungsgeldern an Mitglieder der Supernumerary Police. 41 Closely Linked Involvement liegt vor, wenn, wie hier, die SPDC oder einer ihrer Zulieferer unter dem Schutz des Militärs Pipelines verlegen will. Es gibt auch Fälle, bei denen Absprachen zwischen staatlichen Sicherheitskräften und der SPDC vermutet werden, wie zum Beispiel im August 1993, als ein Ogonidorf von einem verfeindeten Volk in Begleitung von Soldaten und Polizisten in Zivil verwüstet wurde. 42
Im Rückblick auf den Konflikt im Ogoniland ergeben sich u.a. die Fragen, wer für wen eine Bedrohung dargestellt hat, ob es einer Grass-Roots-Bewegung wie MOSOP unter der Führung von Ken Saro-Wiwa gelungen war, der Militärjunta in Abuja und der SPDC Angst einzuflößen und ob Ken Saro-Wiwa deshalb sterben musste. Zugeständnisse an die Ogoni hätten, gerade auch weil 80% der Steuereinnahmen aus dem Ölgeschäft resultieren, zu erheblichen Einbußen für das Staatsbudget geführt, was wiederum das Machtmonopol und den Einfluss der Militärjunta untergraben hätte. Für die SPDC in ihrer Verflechtung mit dem Staat hätte dessen Nachgeben höhere Abgaben und damit eine Schmälerung der eigenen Gewinne bedeutet; eine Entwicklung also, die weder im Interesse der SPDC noch der nigerianischen Regierung gewesen wäre und die es mit allen Mitteln zu verhindern galt.
Die nigerianische Regierung und die SPDC waren und sind eine klare Bedrohung für die Ogoni, nicht nur in einem sicherheitspolitischen sondern auch einem wirtschaftlichen und traditionellen Kontext. Der Regierung in Abuja sind ihre Ölexportgelder wichtig und teuer, daher setzt sie Sicherheitskräfte im Ogoniland ein, um den TNCs das geeignete Umfeld zur Ölförderung zu gewährleisten. Wenn man diesen Gedanken etwas weiter verfolgt, lässt sich ganz logisch schlussfolgern, warum die SPDC der ihr zugeteilten Supernumerary Police Waffen zukommen lassen wollte. Somit ist es durchaus legitim zu behaupten, dass die Regierung und ganz sicher auch die SPDC zu einer Bedrohung für das Volk der Ogoni, MOSOP und Ken Saro-Wiwa geworden waren.
Es gibt auch Beweise, dass die SPDC und die Zentralregierung MOSOP als eine Bedrohung ansehen. Zum Beispiel existiert ein Memo von Major Paul Okuntimo, dem Kommandeur der River State Internal Security Task Force, in dem es heißt, dass eine SPDC-Aktivität unmöglich ist, es sei denn, militärische Operationen werden ausgeführt, um reibungslose, wirtschaftliche Aktivitäten zu gewährleisten. 43 Für jeden TNC ist die Zusicherung von politischer Stabilität und Sicherheit Voraussetzung dafür, dass er es in Betracht zieht, in einem Schwellen- oder Entwicklungsland zu investieren, auch wenn es nur Sicherheit für die TNCs bedeutet und nicht notwendigerweise auch für die Bevölkerung des jeweiligen Landes.44
Wie es jedoch oft in Konfliktsituationen ist, gibt es nicht nur eine Wahrheit. Der Blickwinkel des Betrachters und die Informationen, die ihm zur Verfügung stehen, beeinflussen die Meinung und die Einstellung zu einer Thematik. Shell Deutschland nimmt in einer Dokumentation zum Fall Ken Saro-Wiwa Stellung. So heißt es in etlichen Zeitungsartikeln, dass Journalisten im Nigerdelta keine überdurchschnittlich hohen Umweltsünden seitens der SPDC entdecken konnten: "die Belastung durch übliche Brandrodung ist wahrscheinlich größer".45
Was die bereits erwähnte Supernumerary Police angeht, so bestätigen die SPDC und viele andere in Nigeria ansässige TNCs, dass sie diese Polizeikräfte teilweise zwar benötigen, sie aber besser gar nicht erst anforderten, weil man sich oft genug in der Rolle des Opfers wiedergefunden hatte. Viele Völker Nigerias, so schrieb die Frankfurter Allgemeine Zeitung, haben die Erfahrung gemacht, dass, wann immer sie sich mit ihren Problemen und Beschwerden an die Regierung in Abuja gewandt hatten, dies in der Vergangenheit stets zum Einsatz militärischer Gewalt geführt hatte, so dass sie mit ihren Forderungen lieber gleich bei den TNCs selbst vorstellig würden. Ein Mitarbeiter der nigerianischen Tochterfirma von Bilfinger und Berger beschrieb das Problem folgendermaßen:
"Die Jugendlichen stehen vor unseren Werkstoren und fordern Arbeit. Sie hören nicht länger auf die mäßigenden Worte der traditionellen Führer. Stellen wir sie nicht ein, werfen sie Steine oder schlagen mit Eisenstangen auf uns ein. Wie sollen wir uns verhalten? Riefen wir die Polizei zu Hilfe, kämen Truppen und schössen gnadenlos in die Menge. Dann gäbe es weltweit die Schlagzeile: "Ausländischer Konzern lässt Schwarze erschießen." Rufen wir die Polizei nicht, werden wir zusammen geschlagen."46
Die Mitarbeiter vieler TNCs in Nigeria, wie auch in vielen anderen Entwicklungsländern sind oft einem hohen Sicherheitsrisiko ausgesetzt. Geiselnahmen und Entführungen sind keine Seltenheit; oft werden diese als Druckmittel zur Erpressung von Lösegeldern oder auch als Trümpfe bei Lohnverhandlungen eingesetzt. So scheinen die Opferrollen nicht immer so eindeutig verteilt zu sein, wie es die Berichterstattung suggeriert.
Abschließend noch ein Zitat, das die Situation im Nigerdelta treffend beschreibt. Es sind die Worte von König Ogheneruemo Arubi Omanmohowo II., dessen "Königreich" sich nahe der Ölstadt Warri, 100 km nordwestlich von Port Harcourt befindet:
"Seien Sie sich darüber im klaren, dass wir immer mehr fordern werden, je mehr wir bekommen, denn vom Staat bekommen wir nichts. Ausländer haben uns das Licht gebracht, nicht die nigerianische Regierung. Aber deshalb ist es unangebracht, dieses Licht jetzt die "Flammen der Hölle" zu nennen."47
In den Augen der SPDC wiederum waren die Ogoni zu einer klaren Bedrohung für den Konzern und seine Interessen geworden, als sie 1993 den Konzern in einem Ultimatum dazu aufforderten ihre Forderungen zu erfüllen oder das Ogoniland zu verlassen. Letzteres nur kam als Option für die SPDC in Frage, da sie sich nicht mehr in der Lage sah, die Sicherheit ihrer, bereits durch Entführungen und Gewalttaten gefährdeten Mitarbeiter zu garantieren. Also ist es legitim aus der Sicht des Konzerns zu sagen, dass die Ogoni für ihn eine Bedrohung darstellten.

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