Julius Rustam Affandi
Bedeutete der Tod Ken Saro-Wiwa, dass MOSOP ins Stocken geraten ist? Ist die Organisation heute immer noch so aktiv wie damals unter der Führung ihres geistigen Vaters? Schließlich hatte die Grass-Roots-Bewegung mit Ken Saro-Wiwa die SPDC dazugebracht, sich aus dem Ogoniland zurückzuziehen. Als Fortschritt kann man den aufgenommenen Dialog zwischen MOSOP und der SPDC zählen. Ob die SPDC jedoch durch die Änderung ihrer Kernwerte auf dem Papier nun auch eine veränderte praktische Vorgehensweise gegenüber den im Nigerdelta lebenden Menschen, insbesondere den Ogonis an den Tag legt, muss sich noch zeigen. In seinen Statements und Veröffentlichungen jedenfalls gibt sich der Konzern sehr grundwerte-, umwelt- und kooperationsorientiert und verspricht Besserung. Ob die Hilfsprogramme, die Entwicklung und Wohlstand befördern und den Konflikt einer Lösung zusteuern sollen, so gänzlich selbstloser Natur sind oder ob es lediglich eine Krisenmanagementstrategie ist, um die Region zu befrieden und damit ihre Ölplattformen im Ogoniland erneut besetzen zu können, bleibt ebenfalls abzuwarten. Abgesehen von all diesen löblichen Schritten, bleibt die SPDC nach wie vor ein Konsortium, dessen Hauptaufgabe es ist, Gewinne zu erzielen.
Die Zukunft wird zeigen, ob die SPDC und MOSOP einen Weg der Wiedergutmachung zusammen beschreiten können. Der Shell-Konzern investiert derweil immer noch kräftig in sein Image; das Ansehen in der Öffentlichkeit soll verbessert werden. So gibt es momentan eine Fernsehwerbung, in der eine Wissenschaftlerin von Shell zeigt, wie sie nach sauberen, umweltfreundlichen und alternativen Wegen der Energiegewinnung sucht. Dieser Spot soll unterstreichen, wie sehr dem Shell-Konzern doch die Umwelt am Herzen liegt.
Eine Prognose lässt sich nicht abgeben, die Entwicklung der Dinge hängt letztendlich von allen beteiligten Parteien ab. Die SPDC in Verbindung mit dem Staat und die Ogoni müssen aufeinander zugehen und offen und ehrlich verhandeln. Zu viele Dinge werden der Öffentlichkeit vorenthalten. Ein erster Anfang seitens der SPDC ist vielleicht gemacht mit ihrem Prozess der Wiedergutmachung. Der nächste Schritt, im Falle einer Rückkehr ins Ogoniland, wäre die Beachtung und Umsetzung der selbst gesetzten Kernwerte und Umweltstandards. Es gibt ja immer wieder Gerüchte, dass Shell die Arbeit wieder aufnehmen will. Als eine Voraussetzung dafür müsse erst die Zustimmung "aller Gruppen der Ogoni" gegeben sein, so Shell, wohl wissend, dass diese Frage immer wieder zu zahlreichen Konflikten führt zwischen einzelnen Ogoni-Dörfern wie auch zwischen den Dorfvorstehern und der jungen Generation. MOSOP will mit den Lokalpolitikern, die nach dem Ende der Militärdiktatur neu gewählt wurden, nicht zusammengehen und hält sie für Opportunisten, weil sie schon vorher mit dem alten Regime und Shell gemeinsame Sache gemacht hatten. In der eigenen Führung jedoch besteht auch Uneinigkeit. Viele Aktivisten waren zur Zeit der Wahlen noch im Exil, konnten keinen Einfluss nehmen, und der in Kanada lebende Bruder Ken Saro-Wiwas, Owen Wiwa hat Anfang 2000 seine eigene MOSOP-Führung gegründet.48 Was die Beziehung zwischen der Zentralregierung und den Ogoni anbelangt, wird sich dies nur zum besseren verändern, wenn die heutige, 1999 demokratisch gewählte Regierung Nigerias den Ogoni eine angemessene Beteiligung an den Rohölexporterlösen zuerkennt. Die anvisierte Wiedergutmachung für 30 Jahre Ölförderung und Umweltverschmutzung allerdings wird wohl noch lange auf sich warten lassen, da die Regierung nicht in der Lage ist, auch nur einen Teil der Summe zu begleichen. Zunächst stehen im Jahre 2003 die zweiten demokratischen Wahlen ins Haus, in deren Vorfeld sich die Politiker entsprechend positionieren und die Spannungen zwischen den verschiedenen Volksgruppen offenbar landesweit anwachsen.49
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