Julius Rustam Affandi
von Julius Rustam Affandi
Am 10. November 1995 wurde Ken Saro-Wiwa, der nigerianische Menschenrechtsaktivist und Schriftsteller durch die Militärjunta des Generals Sani Abacha hingerichtet. Mit ihm starben acht weitere Männer aus dem Volk der Ogoni. Wegen angeblicher Morde an MOSOP-Gegnern (Movement for the Survival of the Ogoni People) waren sie zum Tode verurteilt worden, dabei war friedlicher Widerstand gegen die korrupte Zentralregierung und die Zerstörung ihrer Heimat im Nigerdelta durch internationale Ölkonzerne ihr einziges Vergehen. Regierungen, NGOs, die Öffentlichkeit weltweit waren entsetzt und protestierten, aber ohne Erfolg.
Was war vor diesem 10. November 1995 im ölreichen Nigerdelta Nigerias geschehen? Warum wurde Ken Saro-Wiwa, MOSOP-Anführer und engagierter Bürgerrechtler hingerichtet? Und was hatte der Multi Shell mit dem Fall Ken Saro-Wiwa zu tun?
Nigeria ist ein Land der Vielfalt; Vielfalt nicht nur im Sinne von ethnischen Gruppen, von den es über 250 verschiedene gibt, sondern auch im Sinne von natürlichen Bodenschätzen wie Erdöl, Erdgas, Kohle, Blei und Eisenerz.1 In dieser besagten Vielfalt ist allerdings auch mit der Grund für Nigerias katastrophale wirtschaftliche und politische Lage zu suchen. Wie in vielen anderen ehemaligen Kolonien, sind die Grenzen des Staates Nigeria ohne jegliche Rücksicht auf demographische Fakten gezogen worden. Seit seiner Unabhängigkeit 1960 gibt es religiöse und ethnische Spannungen zwischen dem islamischen Norden und dem vorwiegend christlichen Süden. Im Jahre 1967 begann ein blutiger Bürgerkrieg, der neben anderen Gründen auch über das Erdöl im Nigerdelta geführt wurde.2 Dieser Krieg forderte über eine Million Menschenleben und brachte eine machtorientierte militärische Elite hervor, die mit Diktatoren wie den Generälen Babangida und Abacha bis 1999 die Geschicke des Landes bestimmten. Sie selbst bereicherten sich aus den Öleinnahmen, während sich die Bevölkerungsmehrheit mit erbärmlichen Lebensbedingungen bescheiden musste.
Die Haupteinnahmequelle Nigerias ist sein Erdöl, welches auf dem Weltmarkt sehr begehrt ist, denn es ist leicht und schwefelarm. Der Staat bezieht rund 80% seiner Steuereinkünfte aus der Ölproduktion3, seine Verschuldung im Jahre 2000 jedoch belief sich auf 32 Milliarden USDollar.4 Saudi Arabien im Vergleich hierzu bezieht 70% seiner Staatseinkünfte aus der nationalen Erdölindustrie, zählt aber zu den reichsten erdölexportierenden Ländern der Welt. Nach nigerianischem Gesetz sind alle Ölvorkommen und das dazugehörige Land Staatsbesitz. 5 Die transnationalen Ölkonzerne (TNCs) arbeiten vor Ort mit der staatlichen Ölgesellschaft Nigerian National Petroleum Corporation (NNPC) in Joint-Venture-Unternehmen zusammen und übernehmen hierbei den operativen Teil der Rohölförderung.6 Am Joint-Venture Shell Petroleum Development Company of Nigeria, kurz SPDC, sind die NNPC, die Royal Dutch/Shell Group of Companies, Agip und Elf beteiligt. Die SPDC ist nicht der einzige multinationale Konzern, der in Nigeria ansässig ist; aber der wichtigste. Die SPDC fördert ca. ein Drittel des gesamten Öls im Nigerdelta. Des Weiteren operieren dort Mobil, Chevron, BP and Statoil, wenn auch nicht in dem Umfang wie die SPDC.7
Die TNCs agieren als Global Players über die Grenzen und Regulierungsmöglichkeiten nationaler Regierungen hinweg. Im Vergleich übersteigen ihre Jahresumsätze oftmals das Volumen der Staatshaushalte von kleinen und mittleren Industriestaaten, so liegt zum Beispiel der Konzernumsatz von Shell über dem Bruttoinlandsprodukt von Norwegen.8

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