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Der algerische Bürgerkrieg 1992-2002: Hintergründe eines Krieges ohne Namen

Eva Dingel

Inhalt:

Einleitung

Algerien, mit mehr als 31 Mio. Einwohnern der bevölkerungsreichste der Maghreb-Staaten, ist heute für viele Synonym für skrupellosen Terrorismus, explosionsartiges Bevölkerungswachstum und islamischen Fundamentalismus. Die schwierige Entwicklung, die das Land in den letzten zehn Jahren durchgemacht hat, lässt sich jedoch weder durch den Terrorismus islamitischer Bewegungen noch durch seine koloniale Vergangenheit oder seine schwierige Position auf dem Welthandelsmarkt allein schlüssig oder vollständig erklären. In dem Versuch, Hintergründe zur aktuellen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Lage Algeriens zu liefern, wird hier daher ein möglichst breiter Ansatz vorgezogen, der Problematiken aufzeigen und beleuchten will, ohne sie zum alleinigen Erklärungsfaktor zu machen.

Der 1992 begonnene Bürgerkrieg Algeriens – so bezeichnet, da es sich bei den gewalttätigen Auseinandersetzungen größtenteils um Auseinandersetzungen zwischen der Zivilbevölkerung und bewaffneten Gruppierungen handelt – gibt zunächst eine Reihe von Rätseln auf. Nachdem der Krieg Mitte der Neunziger Jahre die europäischen Medien wegen der spektakulären Natur seiner Menschenrechtsverletzungen stark beschäftigte, beschränkt sich die Berichterstattung heute auf ein absolutes Minimum. Jedoch sterben in Algerien weiterhin monatlich im Durchschnitt etwa Fünfzig bis Hundert Personen, während die Zahl der Gesamtopfer seit Beginn der Gewalttaten 1992 auf 150,000 bis 200,000 geschätzt wird[i]. Die Gründe für dieses scheinbar mangelnde Interesse am algerischen Konflikt sind möglicherweise ebenso vielfältig wie die Faktoren, die den Bürgerkrieg erst hervorrufen und beeinflussen. Die Abwesenheit von Dokumentation, vor allen Dingen von Bildern, zum großen Teil auf die schwierigen Arbeitsbedingungen für Journalisten in Algerien zurückzuführen, ist hier sicherlich von Bedeutung und erschwert den Aufbau eines Bezugs, bzw. einer Nähe oder Betroffenheit, zum Sterben in Algerien.

Ein weiterer Grund für das fast tabuartige Schweigen im Zusammenhang mit Algerien ist wohl in der komplizierten Natur des Konfliktes zu suchen, als auch in den Bemühungen des Regimes, die Fakten weiter zu verschleiern. Zusätzlich hat für ein westliches Publikum der Fundamentalismus-Erklärungsansatz oft die größte Anziehungskraft. Jedoch wird bei einer Interpretation des Konfliktes nach einem Schema Fundamentalisten <-> Regierung/Zivilbevölkerung außer Acht gelassen, dass Fragen nach demokratischen Mitspracherechten, Ausdrucksfreiheit oder regionaler Identität, wie in der Kabylei[ii], seit der algerischen Staatsgründung vom Regime ignoriert werden bzw. ihre Formulierung unterdrückt wird.

Wird dies zusammengenommen mit der konsequenten Selbstbereicherung des Regimes seit der Staatsgründung, mit Korruption, steigender Armut und fehlenden Perspektiven für die 80% der Arbeitslosen, die unter 30 Jahre alt sind[iii] , ergibt sich ein weitaus komplexeres Bild als das, welches aus einer bloßen Darstellung des fundamentalistischen Aufstiegs resultiert. Natürlich spielt dieser Gewinn an Einfluss der Fundamentalisten in der Bevölkerung, besonders der politische Aufschwung der FIS[iv] als Protestpartei Ende der Achtziger und Anfang der Neunziger Jahre, sowie die anschließende Suppression der Fundamentalisten durch das Regime, eine wichtige Rolle.

Abgesehen von der politischen Krise, und mit ihr verbunden, stellen sich aber ferner auch schwerwiegende wirtschaftliche und soziale Probleme, die in ihrer Gesamtheit weiter zur Verstrickung Algeriens in einen heute zehnjährigen Bürgerkrieg beitragen. Obwohl Algerien seit 1994 ein Structural Adjustment Programme des Internationalen Währungsfonds umsetzt, und dies auf finanzieller Ebene auch relativ erfolgreich[v], steigt die Arbeitslosigkeit weiter an, verschlechtert sich die Wohnungssituation und gegenwärtig auch die Trinkwasserversorgung[vi]. Der algerischen Presse zufolge lebten 2001 über 11 Mio. Menschen in Algerien unter der Armutsgrenze[vii]. Aufgrund der vor allen Dingen unter Präsident Boumediene in den Siebziger Jahren betriebenen industriellen Entwicklungspolitik sieht sich Algerien heute mit einer schwierigen Insertion in den Welthandelsmarkt konfrontiert. Die Handelsstruktur weist sowohl bei Importen (2000 betrug der Anteil von Lebensmitteln an allen Importen immer noch ein Viertel) als auch bei Exporten (97% der algerischen Exporte sind Ölexporte) extreme Spezialisierungen auf[viii], und die Privatisierung staatlicher Unternehmen führt zu weiteren Arbeitsplatzverlusten.

Als letzter Punkt dieser Einführung sollte noch erwähnt werden, dass die Internationale Gemeinschaft, genau wie die internationale Presse, offensichtliche

Berührungsängste aufzeigt, wenn es um den algerischen Bürgerkrieg geht. Die europäische Union etwa schreckt offenbar vor ausdrücklichen Verurteilungen der Menschenrechtsverletzungen in Algerien zurück, obwohl sich in letzter Zeit die Hinweise auf eine Beteiligung der Armee bzw. bestimmter Polizeieinheiten an einer Reihe von Massakern mehren. Dies könnte mit den europäischen Interessen in Algerien zusammenhängen, die zu einem großen Teil in der Extraktion der algerischen Ölvorkommen bestehen. Hierfür bürgt das jetzige Regime immer noch als Sicherheitsgarant und zuverlässiger Verhandlungspartner, da es selbst auf die Einkommen aus Ölexporten angewiesen ist. Mögen die Motivationen auch dahingestellt bleiben, fest steht, dass die Europäische Union im Besonderen und die Internationale Gemeinschaft im Allgemeinen bisher keinen ausgeprägten Handlungsbedarf in Sachen Algerien verspürt zu haben scheinen. Eine Mission unter der Ägide des UN-Generalsekretärs Kofi Annan kehrte 1998 von einer fact finding mission in Algerien mit zahlreichen beunruhigenden Zeugenaussagen, jedoch nur unbestimmten Handlungsvorschlägen zurück—u.a. wurde zur Stärkung algerischer Menschenrechtsorganisationen sowie zur weiteren Privatisierung der algerischen Wirtschaft aufgerufen[ix].

Die gegenwärtige Lage in Algerien stellt sich also als komplexe Situation dar, in der das Zusammenspiel von postkolonialer Entwicklungspolitik und liberaler Marktwirtschaft, von politischer Repression und wirtschaftlicher Perspektivlosigkeit eine Entwicklung angestoßen haben, die sich heute weitgehend verselbständigt und jeglicher Kontrolle entzogen hat. Im folgenden sollen nun die schon angesprochenen Problematiken, die hinter dem algerischen Bürgerkrieg liegen, weiter vertieft werden, um einem größeren Verständnis der Situation näher zu kommen.


[i]Werenfels, Isabelle, Algerien nach den Parlamentswahlen: Neue Voraussetzungen für Reformen?, SWP-Aktuell, Stiftung Wissenschaft und Politik, Juni 2002, Berlin, S. 2; Schätzungen auf 200,000 etwa in frz. Presse
[ii] Region östlich von Alger, die hauptsächlich von Berbern bewohnt ist. Vgl. Epilog
[iii]Haddad, Said, Portrait économique et social de l’Algérie à l’heure des émeutes de Kabylie, Maghreb-Machrek, No. 173, Juillet-Septembre 2001, S. 64
[iv] Front Islamique du Salut, Islamische Heilsfront
[v] vgl. Haddad, a.a.O. (Anm. 2), S. 65
[vi] The Horrors of War Aren’t Over Yet, The Economist, July 11 2002
[vii] L’Algérie à l’heure de la pauvreté, Le Matin, 14 Fév. 2001
[viii] Algeria: Statistical Appendix, Country Report No. 01/163, International Monetary Fund, www.imf.org
[ix] Report of the Panel appointed by the Secretary-General of the United Nations to gather information on the situation in Algeria in order to provide the International Community with greater clarity on that situation, July-August 1998, www.un.org/NewLinks/dpi2007/ Fortsetzung: Der algerische Bürgerkrieg 1992-2002: Hintergründe eines Krieges ohne Namen


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von Josef Braml, Karl Kaiser, Hanns W. Maull, Eberhard Sandschneider, Klaus Werner Schatz (Hrsg.)

Veröffentlicht am 2. Juni 2008

Das neu konzipierte Standardwerk der internationalen Politik bietet eine systematisch-vergleichende Analyse eines aktuellen Themas: Weltverträgliche Energiesicherheitspolitik. Autorinnen und Autoren sind renommierte deutsche Experten sowie maßgebliche Repräsentanten der operativen Politik, des Bundeskanzleramts, des Bundestags und von Bundesministerien. Neben der wechselseitigen Politikberatung leistet das Jahrbuch – in Zusammenarbeit mit den Medien und anderen Multiplikatoren – auch Öffentlichkeitsberatung.

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