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Indien – Wandel, Wachstum, Weltmacht

Nikolaus Unnerstall

Einleitung

Indien rückt aufgrund seiner beeindruckenden wirtschaftlichen Entwicklung zunehmend ins Blickfeld der Weltöffentlichkeit. Zurückzuführen ist der Wirtschaftsboom auf die Öffnung des Landes für die Weltwirtschaft seit 1990 und den Liberalisierungsprozess der letzten zwei Jahrzehnte. Neuesten Analysen zufolge wird Indien spätestens im Jahre 2050 zu den sechs größten Volkswirtschaften der Welt gehören. Die derzeitige Nummer drei, Deutschland, soll es schon vor dem Jahr 2025 überholt haben, die derzeitige Nummer zwei, Japan, noch vor 2035. Wo die alten Größen, so zum Beispiel Deutschland, schwächeln, punktet Indien: Die Bevölkerung wächst um über 1,5 Prozent, die Wirtschaft um bis zu sieben Prozent jährlich. So ist es nicht verwunderlich, dass sich Indien unter den drei attraktivsten Zielländern ausländischer Investitionen befindet, und auch kein Wunder, dass in jüngster Zeit das Interesse an der scheinbar unaufhaltsam aufsteigenden Weltmacht zunimmt.

Wenn das Interesse an dem südasiatischen Riesen auch nicht gänzlich neu ist – man denke an den Gewürzhunger des Mittelalters, die britische Kolonialherrschaft oder die fernöstlich inspirierten Sinnsuchbewegungen der letzten 30 Jahre – so ist es doch nötig, sich heute ganz neu mit Indien zu beschäftigen, um es verstehen zu können. Denn sowohl in innen- als auch in außenpolitischer Hinsicht, aber besonders im wirtschaftlichen Bereich hat das Land in den letzen 20 Jahren einen einschneidenden und zukunftsentscheidenden Prozess durchlaufen, der sich in den nächsten Jahrzehnten noch fortsetzen wird.

Geschichtliche Entwicklung

Schon vor rund 8000 Jahren wurde in den Randgebieten des Industals Ackerbau betrieben. Hier entwickelte sich eine der ersten Hochkulturen der Welt, für die für etwa 2500 v. Chr. erste geplante Städte zu belegen sind. In der sogenannten vedischen Zeit (ca. 1500 – 500 v. Chr.) bildeten sich wichtige bis heute bestehende Grundlagen der indischen Kultur heraus wie der Hinduismus und später auch der Buddhismus. Im 4. Jahrhundert v. Chr. entstand unter der Dynastie der Maurya erstmals ein indisches Großreich, das unter König Ashoka zum ersten Mal fast den gesamten südasiatischen Subkontinent, also den Großteil dessen, was wir heute als Indien bezeichnen, beherrschte. Ab dem 12. Jahrhundert n. Chr. kam es durch die Eroberungen zentralasiatischer Mächte zur Ausbreitung muslimischer Herrschaft zunächst über Nordindien (Sultanat von Delhi), später auch über andere Teile Indiens.

Diese muslimische Herrschaft dauerte in unterschiedlicher Stärke und Ausprägung bis zur Kolonialisierung durch die Briten im 18. Jahrhundert an. 1857 wurde Indien der britischen Krone unterstellt und eine königlich britische Verwaltung eingeführt. Bemerkenswert ist, dass die britischen Kolonialherren mit einem missionarischen Sendungsbewusstsein nach Indien kamen, die zu missionierenden Inder jedoch alles Britische dermaßen schnell adaptierten, dass sie schon bald mit den Briten diesbezüglich gleichzogen. Diese Entwicklung manifestiert sich noch heute in vielen Bereichen der indischen Gesellschaft, nicht zuletzt im Englischen als der zweiten Amtssprache.

Infolge der Unabhängigkeitsbewegung unter Führung von Mahatma Gandhi endet die britische Kolonialzeit 1947 mit der Entlassung Indiens in die Unabhängigkeit. Damit wurde zugleich die Abtrennung Pakistans beschlossen, womit den Forderungen der muslimischen Minderheit nach einem eigenen Staat Rechnung getragen wurde. Es folgten massive Vertreibungs- und Flüchtlingsbewegungen: Ungefähr zehn Millionen Hindus und Sikhs wurden aus Pakistan, etwa sieben Millionen Muslime aus Indien vertrieben. Dieser regionale bzw. ethnisch-religiöse Konflikt, der bis zu einer Million Menschen das Leben kostete und nach drei Kriegen in Form der Kaschmir-Frage bis heute andauert, ist allerdings nur eine Herausforderung, mit der die 1949 gegründete Republik Indien seither zu kämpfen hat.

Innenpolitische Entwicklung

Indien bezeichnet sich selbst als die „größte Demokratie der Welt“. Zu Recht – denn schon heute leben in Indien 1,1 Milliarden Menschen, und sollte das gegenwärtige Bevölkerungswachstum von 1,5 Prozent pro Jahr anhalten, dann wird es bis 2050 sogar auch noch das bevölkerungsreichste Land der Erde sein. Aber nicht nur in dieser Hinsicht kann sich Indien einer „großen Demokratie“ rühmen. „Groß“ ist Indiens Demokratie nämlich auch, weil sie es seit ihrer Gründung geschafft hat, die verschiedensten Facetten, Konflikte und Richtungen zu umfassen und in sich zu vereinen.

Indien gilt als heterogenster Staat der Welt. Es gibt 15 Hauptsprachen und hunderte kleinerer Sprachen. Über 300 Ethnien sind zu unterscheiden. Fast alle Religionen sind vertreten, die größten Gruppen unter ihnen sind Hindus (81,3 %), Muslime (12 %), Christen (2,3 %) und Sikhs (1,9 %).[1] Zu Konflikten kommt es besonders immer wieder zwischen Hindus und Muslimen.

Kulturelle bzw. religiöse Gebräuche sind eng mit dem täglichen öffentlichen und privaten Leben verbunden. So gliedert sich die Religionsgruppe der Hindus selbst nach dem Kastensystem, das zwar offiziell abgeschafft ist, aber noch immer weitreichende Wirkung hat. An der Spitze des Kastensystems stehen die Brahmanen, denen ein Großteil der heute erfolgreichen Inder angehört. Am anderen Ende stehen die Dalits, die Unterdrückten, die so weit unten stehen, dass sie gar keine Kaste haben. Die soziale Mobilität zwischen den Kasten ist gering bis inexistent. Vielmehr sieht das System eine strikte Trennung der Kasten in „rein“ und „unrein“ vor, zwischen denen jeglicher Kontakt streng verboten ist. Heute ist das Kastensystem allerdings zunehmend im Abbau begriffen, da es mit der Ausbreitung von Demokratie und Marktwirtschaft nur schwer vereinbar ist.

Zu diesen ethnisch-religiösen Unterschieden kommen oft soziale und wirtschaftliche hinzu. 80 Prozent der Inder leben von lediglich bis zu zwei US-Dollar pro Tag. Außerdem wächst die Kluft zwischen einer verarmenden Landbevölkerung (ca. zwei Drittel der Bevölkerung) und einer reicher werdenden städtischen Mittelschicht. Wenn auch die absolute Armut seit 1990 rückläufig ist, so stehen dem sozialen Aufstieg doch oft das schon angesprochene Kastensystem oder aber das mangelhafte Bildungssystem entgegen – noch immer gelten über 40 Prozent der Inder als Analphabeten.

Daneben existieren starke regionale Unterschiede und in manchen Teilen des Landes Sezessionstendenzen. Dem reicher werdenden Süden steht ein armer Norden gegenüber. Autonomiebestrebungen gab es in Indien immer wieder und sie haben teils zu heftigen Konflikten geführt – beispielsweise im Bundesstaat Assam.

Die indische Republik versuchte, diesen Konfliktpotenzialen durch Zugeständnisse und territoriale Einverleibungen zu begegnen: Die indische Verfassung ist die angeblich längste der Welt und weist eine äußerst hohe Regelungsdichte auf. Des Weiteren ist Indien als Bundesrepublik organisiert, von deren Bundesstaaten zwar einige zur Abwendung von Sezessionen gegründet wurden, aber dennoch im Notfall den Weisungen der Zentralregierung in Neu-Delhi unterliegen.

Auch in der Parteienlandschaft spiegelt sich die große Vielfalt Indiens. Auf der lokalen Ebene dominieren oft Minderheitenparteien, die auf Bundesebene nur eine untergeordnete Rolle spielen. Dennoch sind die beiden großen Parteien auf diese regionalen Parteien angewiesen, um eine funktionsfähige Bundesregierung aufstellen zu können. Mit den großen Parteien sind die Kongresspartei und die BJP (Bharatiya Janata Party) gemeint. Die Kongresspartei war bis 1990 die staatstragende Partei, die bis dahin alle Ministerpräsidenten gestellt hatte. Sie vertritt vor allem die großen Minderheiten (Muslime und die untersten Kastenschichten). Die BJP stützt sich seit ihrem Aufstieg Ende der 1980er Jahre vor allem auf die Oberschicht und vertritt einen so genannten „Hindunationalismus“. Diese beiden Parteien haben mit der schwierigen Aufgabe zu kämpfen, zum einen durch eine Politik der Mitte möglichst viele Wählerstimmen auf sich vereinen und zum anderen dann in sehr heterogenen Koalitionen eine effektive Regierungsarbeit leisten zu müssen.

Die Parlamentswahlen im Frühjahr 2004 hatten einen überraschenden Sieg der Kongresspartei zur Folge. Diese bildet seither mit 15 anderen Parteien eine Minderheitsregierung unter dem Namen „United Progressive Alliance“, die sich unter anderem auch auf die „Duldung von außen“ durch die Kommunisten stützt. Premierminister Manmohan Singh, der der Minderheit der Sikhs angehört und der dadurch ins Amt kam, dass die gewählte Premierministerin Sonja Gandhi vor allem auf Druck der Hindunationalisten auf dieses Amt verzichtete und Singh berief, führt eine Regierung aus 68 Ministern. Die Zusammensetzung dieses Kabinetts umfasst sowohl Angehörige der untersten Kasten als auch einiger anderer Minderheiten und versucht auf diese Weise einen Teil der ungeheuren Vielfalt Indiens widerzuspiegeln.

Wirtschaftliche Entwicklung

Direkt nach der Regierungsübernahme erklärte der neue Premierminister Singh, dass er die marktorientierte Politik der Vorgängerregierung fortsetzen werde. Dies verwundert insofern nicht, da er selbst in den Jahren 1991-1996 die wirtschaftliche Öffnung seines Landes einleitete, dessen Wirtschaftswachstum seit der Unabhängigkeit durch eine stark interventionistische Politik behindert worden war. Die liberale Wirtschaftspolitik der Regierung Singh soll aber ein „menschliches Antlitz“ erhalten, vor allem mit Hilfe milliardenschwerer Programme zur Armutsbekämpfung auf dem Land, zur sozialen Sicherung und zum Ausbau des Gesundheitswesens.

Die wirtschaftlichen Erfolge seit Beginn der 1990er Jahre sprechen klar für die Politik der Öffnung des Landes. Indien ist heute eine der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Welt – in den letzten drei Jahren um durchschnittlich acht Prozent. In den vergangenen zwei Jahren legte das führende indische Börsenbarometer Sensex um 125 Prozent zu. Zusätzlich wächst die bereits immense Bevölkerung weiter: Schon heute lebt jeder vierte Mensch unter 25 Jahren in Indien, während ein Drittel der einen Milliarde Inder unter 15 Jahre alt ist. Indien könnte, der bekannten Studie von Goldman&Sachs aus dem Jahre 2003 zufolge, bis 2032 die Volkswirtschaften von Italien, Frankreich, Deutschland und Japan überholt haben und, so die neueste Erkenntnis der Analysten, schon 2035 die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt sein.[2] Bereits heute rangiert Indien unter den attraktivsten Zielländern für Investitionen auf Rang zwei hinter China. Doch Indien holt noch weiter auf. Die Gehälter sind niedrig und die Arbeitskräfte oft sehr gut ausgebildet. Der indische Absatzmarkt wächst und wird zunehmend interessant für Exportländer: Die kaufkräftige indische Mittelschicht umfasst bereits 150 Millionen Menschen. Außerdem will die neue indische Regierung die Investitionsbedingungen für Ausländer noch attraktiver gestalten.

Eine besondere Stärke  Indiens liegt im Dienstleistungsbereich. Er gilt weltweit als die Drehscheibe für informationstechnische Dienstleitungen, auf der Software entwickelt sowie Buchungen und die Verarbeitung von Geschäftsdaten aus dem Ausland durchgeführt werden. Auf lange Sicht will Indien zu einem „sourcing center“ für global tätige Unternehmen werden. So wird es in jüngster Zeit, neben China, auch als Forschungs- und Entwicklungsstandort attraktiver und entsprechend soll der Produktionsstandort Indien in den nächsten Jahren ausgebaut werden. Zu den zurzeit erfolgreichsten Branchen  zählen die Informations- und Kommunikationstechnologie, aber auch die Biotechnologie, die Nahrungsmittelverarbeitung, der Pharmabereich und die Automobilproduktion legen deutlich zu. Der Erfolg des Dienstleistungsbereichs schlägt sich deutlich in der Wirtschaftsstruktur nieder: Es findet eine Verschiebung vom primären zum sekundären und tertiären Sektor statt. Über die Hälfte des indischen BIP entfällt mittlerweile auf den Dienstleistungssektor, der sich vor allem in den urbanen Zentren Neu-Delhi, Bombay, Pune, Bangalore, Madras und Kalkutta angesiedelt hat.

Bemerkenswerterweise dominiert der öffentliche Sektor noch immer mit bis zu 70 Prozent zentrale Bereiche der Wirtschaft und Privatisierungen kommen derzeit, auch aufgrund der Abhängigkeit der Regierung von den Kommunisten, nur sehr schleppend voran. Doch nicht nur in dieser Hinsicht ist die Handlungsfähigkeit der Regierung eingeschränkt. Das hohe Haushaltsdefizit, das bis zu zehn Prozent des BIP umfasst, beschränkt nach wie vor den wirtschaftspolitischen Handlungsspielraum von Regierung und Zentralbank. Und auch wenn die Exporte im Halbjahr 2005/2006 um 20 Prozent zulegten, so wuchsen die Importe, vor allem wegen der hohen Rohstoffpreise, um 33 Prozent.[3] Relativ gesehen ist Indiens Anteil am Welthandel mit 0,82 Prozent auch noch sehr gering. Dieser Anteil soll sich jedoch bis 2009 verdoppeln.

Das derzeitige Handelsdefizit, gepaart mit dem Haushaltsdefizit und einer insgesamt hohen Staatsverschuldung, lassen die öffentlichen Investitionen zurzeit leiden, obwohl an einigen Stellen dringender Modernisierungsbedarf bestünde. Nach Aussage der Weltbank hemmen vor allem drei Gründe Investitionen in Indien: bürokratische Erschwernisse, hohe Korruption und mangelhafte Infrastruktur. Bürokratische Erschwernisse sind zum Beispiel die teilweise unflexiblen Arbeitsgesetze. Auf dem Korruptionsindex von 158 Ländern rangiert Indien auf Platz 88. Die Mängel bei der Infrastruktur stellen schließlich die wohl größte Herausforderung dar: Nicht nur der Straßen- und Schienenverkehr müssten verbessert werden, sondern auch die Flug- und Seehäfen sind modernisierungsbedürftig. Hinzu kommen die Probleme der Energieversorgung: 40 Prozent der Stromproduktion gehen aufgrund maroder Leitungen und durch Stromdiebstahl verloren. 2020 wird Indien so viel Strom verbrauchen wie Deutschland, eine Perspektive, die bei starker Abhängigkeit von Erdölimporten drängende energiepolitische Fragen aufwirft.

Sollte es Indien dennoch gelingen, die Voraussetzungen für ein anhaltendes Wirtschaftswachstum, makroökonomische Stabilität, einen funktionierenden Staatsapparat, die weitere Öffnung gegenüber dem Welthandel und ausländischen Investitionen und die Verbesserung des Bildungssystems zu schaffen, dann steht dem Aufstieg des Landes zu einer wirtschaftlichen Weltmacht beinahe nichts mehr im Wege. Die rasante Entwicklung der letzten Jahre jedenfalls legt eine solche Schlussfolgerung in imposanter Weise nahe.

Außenpolitische Entwicklung

Angesichts der wirtschaftlichen Erfolge des Riesenlandes ist es wenig verwunderlich, dass auch Indiens politisches Gewicht in jüngster Zeit gestiegen ist und sich in Delhi die Staatsoberhäupter quasi die Türklinke in die Hand geben. Es scheint, als sei Indien auf dem besten Weg zu erreichen, was es seit seiner Unabhängigkeit 1947 außenpolitisch angestrebt hatte: eine bedeutende Rolle auf der weltpolitischen Bühne zu spielen. Während des Kalten Krieges hatte sich dies vor allem in Indiens Engagement in der so genannten Bewegung der Blockfreien Staaten geäußert. Mit Hilfe dieses „dritten Weges“ jenseits der Konfrontation der Supermächte versuchte Indien, außenpolitische Ungebundenheit und internationalen Prestigegewinn zu erzielen. Dennoch wurde aus der Blockfreiheit sehr bald, auch bedingt durch die bedrohlich wirkende Umgebung mit Blockparteigängern, eine mehr oder minder offene Bindung an die UdSSR. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der damit verbundenen Neuordnung der weltpolitischen Kräfteverhältnisse wurde auch Indien zu einer außenpolitischen Neupositionierung genötigt. Zentral sind dafür seither der Ausbau des Engagements in Süd- und Südostasien, die Öffnung gegenüber den westlichen Staaten und der verstärkte Einsatz in multilateralen Organisationen.

Indiens regionale Rolle ist durch wirtschaftliche und machtpolitische Interessen in Süd- und auch Südostasien, die Rivalität mit China und besonders den Konflikt mit Pakistan gekennzeichnet. In Südasien ist Indien das wirtschaftliche, geographische und bevölkerungsmäßige Schwergewicht. Aus dieser Dominanz ergaben sich in der Vergangenheit teilweise Großmachtallüren, die darauf zielten, vor allem jegliche auswärtige Einmischung in der Region zu unterbinden. Heute ist der indische Führungsanspruch in Südasien zwar nach wie vor zu spüren, aber Delhi ist mittlerweile gezwungen, das Engagement anderer Großmächte in der Region vernünftigerweise zu akzeptieren – als Beispiel sei hier der multilaterale Einsatz in Sri Lanka genannt.  Außerdem setzt sich auch Indien für das weitere politische und wirtschaftliche Zusammenwachsen der Region ein – hier sind vor allem die SAARC (South Asian Association for Regional Cooperation) seit 1985 und die SAFTA – das südasiatische Freihandelsabkommen – seit 1993 zu nennen. Darüber hinaus strebt Indien eine stärkere Anbindung an Südostasien an – es ist bereits Dialogpartner der ASEAN, der südostasiatischen Staatengemeinschaft, und wird demnächst wahrscheinlich ein Freihandelsabkommen mit den südostasiatischen Staaten eingehen.

Besonders im Zuge dieses Engagements in Südostasien trifft Indien immer wieder auf seinen traditionellen Rivalen China. Als Rivalen gelten die beiden Länder bis heute, da ihre Grenzstreitigkeiten noch immer nicht gelöst sind und ihr Streben nach Einfluss, aber auch nach Energieressourcen sie weltweit, besonders aber im asiatischen Raum, in Konkurrenz treten lässt. Eine Verbesserung der bilateralen Beziehungen war in den letzten Jahren durch den zunehmenden Handel zwischen beiden Staaten zu verzeichnen.

Ein sehr viel größeres regionales Konfliktpotenzial liegt in der Beziehung Indiens zu einem anderen Nachbarn: Pakistan. Schon am Ende der Kolonialzeit hatten sich die Beziehungen zwischen Hindus und Muslimen in Britisch-Indien stark verschlechtert. Nach Teilung und Vertreibung hatte sich dieser Konflikt in den Köpfen festgesetzt. Seinen Ausdruck fand er im Streit um Kaschmir, der Anlass für drei Kriege – 1947, 1965 und 1971 – war. Kaschmir, ein zum Zeitpunkt der Teilung muslimisch bevölkertes, aber hinduistisch beherrschtes Fürstentum im Grenzgebiet zwischen den beiden neu entstandenen Staaten, dessen Zugehörigkeit bei der Teilung nicht eindeutig festgelegt werden konnte, war aber wohl nur der vorgeschobene Grund für einen sehr viel tiefer liegenden Konflikt.

Aus einem ehemals zusammenhängenden Gebiet waren in einem von Gewalt und Vertreibung gekennzeichneten Prozess zwei Staaten mit ganz verschiedenen Philosophien entstanden, deren Gründung bereits auf gegenseitiger Ablehnung beruhte. Dementsprechend verlief die weitere Entwicklung: Es kam zu den drei erwähnten Kriegen; Pakistan wurde im Kalten Krieg von den USA unterstützt, Indien lehnte sich an die UdSSR an; ab 1974 folgte ein verstärktes Wettrüsten, das auch die Beschaffung atomarer Waffen einschloss. Noch 2002 befanden sich beide Länder am Rande einer kriegerischen Auseinandersetzung. Seit 2003 besteht nun jedoch ein Waffenstillstand entlang der bereits nach dem letzten Krieg 1972 festgelegten Kontrolllinie. Seither stehen die Zeichen auf Annäherung und Kooperation. 2004 wurde beschlossen, in einen strukturierten Dialog einzutreten, der bereits zu ersten Ergebnissen geführt hat und fortgesetzt werden soll. Mittlerweile halten beide Seiten den Friedensprozess für irreversibel und besonders der langsam aufblühende bilaterale Handel könnte ein gutes Fundament für eine friedliche Nachbarschaft bieten. Vor allem Indien ist im Hinblick auf seine weitere wirtschaftliche Entwicklung um Aussöhnung und Stabilität und um die Abwendung der Perspektive eines nuklearen Krieges besorgt.

Insbesondere die Nuklearwaffen und die ersten Nukleartests des Landes 1974 hatten Indien gegenüber zu großer internationaler Besorgnis und auch zu Sanktionen geführt. Den Schritt zur Beschaffung der Waffe begründete es vor allem mit der Notwenigkeit einer nuklearen Minimalabschreckung gegenüber Pakistan und China. Einige Berechtigung hat es auch anzunehmen, dass der Besitz von Atomwaffen für Indien eine Art Fortsetzung des Unabhängigkeitskampfes mit anderen Mitteln darstellt.[4] Dies äußert sich bis heute in der indischen Ablehnung des Atomwaffensperrvertrags. Man will sich den Atommächten nicht unterordnen und sich vor allem nicht erpressen lassen. Doch obwohl es den Vertrag nicht unterzeichnet und sich so seine Unabhängigkeit auf diesem Gebiet bewahrt, hält Indien sich dennoch an die entsprechenden internationalen Regeln, beispielsweise die Nichtverbreitung von Atomwaffen.

Die Beziehungen zu den USA wurden durch Indiens Atompolitik seit 1974 stark belastet. Das Ende des Kalten Krieges und die außenpolitische Neuorientierung hatten jedoch eine zunächst zaghafte Hinwendung zu den USA zur Folge. Diese Neuausrichtung begründet sich bis heute vor allem durch wirtschaftliche – die USA sind der wichtigste bilaterale Handelspartner Indiens – und durch sicherheitspolitische Interessen – der Kampf gegen den internationalen Terrorismus ist beiden Ländern ein zentrales Anliegen. Der Besuch Präsident Clintons in Indien im Jahr 2000 bedeutete einen entscheidenden Schritt in dieser Entwicklung. Die USA begannen, Indiens Anspruch auf eine unabhängige Position als Weltmacht zu akzeptieren, denn sie hatten mittlerweile ein spezifisches Interesse an einer starken Verbundenheit mit Indien: Es sollte als Gegengewicht zu China im asiatisch-pazifischen Raum aufgebaut werden.

Die Beziehungen zwischen den beiden Ländern haben nun jüngst mit dem Abkommen über die zivile Nutzung der Atomenergie ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht. Indien verpflichtet sich dazu, die zivilen Teile seines Nuklearprogramms der Aufsicht der Atomenergiebehörde zu unterstellen. Die USA können die seit 1974 bestehenden Sanktionen aufheben und werden Indien sogar Zugang zur eigenen zivilen Nukleartechnologie eröffnen. Für Indien bedeutet dies die De-facto-Anerkennung als Atommacht und somit eine erhebliche politische Aufwertung im internationalen Kontext. Auf der anderen Seite stellt die enge Anbindung an die USA auch eine Abkehr vom indischen Prinzip einer unabhängigen Außenpolitik dar. Eine ausschließliche Orientierung an den eigenen Interessen dürfte aufgrund der gewachsenen internationalen Verantwortung allerdings wohl nicht mehr durchzuhalten sein. Aber auch für die USA stellt dieser Schritt einen bedeutenden Prinzipienbruch dar, da Indien nach wie vor eine Unterzeichnung des Atomwaffensperrvertrags ablehnt.

Zu einer Belastung für das neue Vorzeigeverhältnis zwischen Indien und den USA könnte schon bald der indische Energiehunger werden. Zurzeit wird dieser zu 70 Prozent durch Rohölimporte gestillt. 70 Prozent davon stammen aus dem Nahen Osten, der Rest unter anderem aus Venezuela und dem Sudan. Beziehungen zu diesen Ländern aber, besonders die zum Iran, könnten das Verhältnis zu den USA empfindlich belasten. Neben diesen neuen energiebedingten Partnerschaften pflegt Indien außerdem gute Kontakte zu anderen Schwellenländern, in jüngster Zeit besonders zu Brasilien und Südafrika. Auch mit der EU, mit der Indien ein intensiver wirtschaftlicher Austausch verbindet, und mit Israel, mit dem man vor allem in verteidigungspolitischen und Geheimdienstfragen zusammenarbeitet, unterhält Indien enge Beziehungen.

Grundsätzlich tritt Indien für eine multipolare Weltordnung und multilaterale Lösungen ein. In einer solchen Welt aber beansprucht Indien für sich einen Rang mit besonderem Einfluss. Das südasiatische Land engagiert sich stark in internationalen Foren wie UNO und WTO. Bei einer Reform der UNO hat Indien für sich bereits einen ständigen Sitz im Weltsicherheitsrat eingefordert.

BRIC und Ausblick

Gemäß der viel beachteten Studien von Goldman&Sachs soll Indien gemeinsam mit Brasilien, Russland und China bis 2050 zu den sechs größten Volkswirtschaften der Welt gehören. Anders jedoch als die übrigen „BRIC’s“ könnte Indien bis 2050 ein Wirtschaftswachstum von durchschnittlich über fünf Prozent pro Jahr erzielen und außerdem als einziges dieser Länder eine wachsende Bevölkerung haben. So hat Indien das Potenzial, von den BRIC’s über einen langen Zeitraum am schnellsten zu wachsen.[5]

Um dies aber zu gewährleisten, muss das Land, wie gezeigt wurde, noch einige Hindernisse bewältigen. Innenpolitisch kommt es darauf an, die immense Vielfalt und Heterogenität politisch zu umfassen und zu integrieren. Wirtschaftlich müssen die Hürden von Bürokratie, Korruption und schlechter Infrastruktur genommen und makroökonomische Stabilität, Optimierung des Staatsapparats, Marktöffnung und Bildungsausbau vorangetrieben werden. Außenpolitisch können die Ansprüche auf Führung und Stabilität, auf eine Großmachtposition in der Region und auf wachsenden Einfluss in der Welt durch gute Beziehungen zu Pakistan, China und den USA verwirklicht werden. Viel hängt von einer anhaltenden positiven Wirtschaftsentwicklung ab, mit der Indien es schaffen könnte, soziale Unterschiede abzuschwächen und das außenpolitische Gewicht weiter zu erhöhen. Außerdem ist gerade auch eine fortschreitende Demokratisierung in Indien ein wichtiger Faktor, der zwar manches Mal im Gegensatz zu China Entscheidungen verlangsamt, aber auf lange Sicht politische Stabilität sichern und zum Abbau sozialer Ungleichheit beitragen wird.

Wenn Indien es also schafft, seine oben skizzierten Probleme zu bewältigen und die bestehenden Hindernisse aus dem Weg zu räumen, ist es durchaus berechtigt anzunehmen, dass es in den nächsten Jahrzehnten wirtschaftlich und außenpolitisch erheblich an Bedeutung gewinnen und sogar das Gros der westlichen Länder und der BRICs überholen wird. „Indien hat das Potenzial zur Weltmacht.“[6]



[1]Beate Bergé, Indien, in: Wirtschaftshandbuch Asien, Pazifik 2004/2005, Hamburg 2004, S. 173.
[2]Dominic Wilson, Roopa Purushothaman, Dreaming with BRICs: the path to 2050, New York/N.Y. ... 2003, (Global Economics Paper; No. 99), S. 3.
[3] Bundesagentur für Außenwirtschaft (Hrsg.), Indien - Wirtschaftstrends 2006: Gesamtwirtschaftlicher Ausblick, Köln 2006, (BfAI-Wirtschaftstrends; Januar 2006), S. 8.
[4] Vgl. Dietmar Rothermund, Geschichte Indiens: Vom Mittelalter bis zur Gegenwart. 2., akt. Auflage, München 2006, S. 112.
[5]Dominic Wilson, Dreaming with BRICs, 2003, S. 1-4.
[6]Teresita C. Schaffer, Indien – auf dem Weg zur Weltmacht?, Frankfurt am Main 2006 (Deutsche Bank Research; Aktuelle Themen 342), S. 1.


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Jahrbuch Internationale Politik: Weltverträgliche Energiesicherheitspolitik
von Josef Braml, Karl Kaiser, Hanns W. Maull, Eberhard Sandschneider, Klaus Werner Schatz (Hrsg.)

Veröffentlicht am 2. Juni 2008

Das neu konzipierte Standardwerk der internationalen Politik bietet eine systematisch-vergleichende Analyse eines aktuellen Themas: Weltverträgliche Energiesicherheitspolitik. Autorinnen und Autoren sind renommierte deutsche Experten sowie maßgebliche Repräsentanten der operativen Politik, des Bundeskanzleramts, des Bundestags und von Bundesministerien. Neben der wechselseitigen Politikberatung leistet das Jahrbuch – in Zusammenarbeit mit den Medien und anderen Multiplikatoren – auch Öffentlichkeitsberatung.

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