Markus Mildenberger
von Markus Mildenberger
Über fünfzig Jahre nach Krieg und Vertreibung, nach der friedlichen Überwindung der Teilung des Kontinentes in zwei feindliche Lager haben wir es mit einer neuen deutsch-polnischen Realität zu tun. Das Verhältnis wird bestimmt durch die beiden Verträge "über die Bestätigung der zwischen beiden Staaten bestehenden Grenze" vom 14. November 1990 und "über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit" vom 17. Juni 1991. Polen und Deutschland sind Partner in der NATO und in Zukunft auch in der Europäischen Union.
Damit stellt sich auch die Frage nach der Rolle der Vertriebenen im Dialog mit Polen neu. Das betrifft jedoch weniger die einzelnen Vertriebenen, die schon bald erfolgreich in die Gesellschaften von Bundesrepublik und DDR integriert worden waren und dort eine neue Heimat gefunden haben. Viele dieser Vertriebenen haben nach 1989 die Chance genutzt, die sich aus Anerkennung und Öffnung der Grenze ergeben hat, und haben ihre Herkunftsgebiete besucht, Kontakte geknüpft und dadurch mitgeholfen, Vorurteile auf beiden Seiten abzubauen. Die Frage nach der neuen Rolle der Vertriebenen ist von größerer Bedeutung für das Selbstverständnis und insbesondere den politischen Anspruch der Vertriebenenorganisationen. Dieser Beitrag beschränkt sich demnach auf die organisierten Vertriebenen und dabei im engeren Sinne auf den Bund der Vertriebenen (BdV). Dies ist auch dadurch gerechtfertigt, daß der BdV sich als zentrale Interessenvertretung der Vertriebenen versteht und als solche im wesentlichen auch von der Öffentlichkeit Polens und Deutschlands wahrgenommen wird. Davon, ob die organisierten Vertriebenen in der Lage sind, die neue Situation zu akzeptieren und im Geiste der Verständigung zu nutzen, wird es abhängen, welche Rolle ihnen im Dialog mit Polen zufällt. Der Widerstand gegen das deutsch-polnische Vertragswerk oder Forderungen nach einem Einbringen von Vertriebenenpositionen in die EU-Beitrittsverhandlungen, welche die deutsch-polnischen Beziehungen belasten, zeigen, daß dieser Prozeß noch keineswegs abgeschlossen ist.
Als am 5. August 1950 in Stuttgart die "Charta der deutschen Heimatvertriebenen" verabschiedet wurde, befanden sich in der Bundesrepublik Deutschland ca. 8 Millionen, in der DDR ca. 4 Millionen und in Österreich etwa 400.000 Heimatvertriebene. Zählt man die ungefähr zwei Millionen dazu, die durch Flucht und Vertreibung ihr Leben verloren haben, so ergibt sich eine Zahl von ungefähr 15 Millionen von Vertreibung Betroffener.
Nachdem die alliierten Besatzungsmächte in den ersten Nachkriegsjahren die Bildung von Vertriebenenorganisationen aus Angst vor einer Radikalisierung der Bevölkerung untersagt hatten und sich Vertriebene nur unter dem Dach der Kirche organisieren konnten, bildeten sich in den fünfziger Jahren unabhängige Organisationen: 1950 der "Block der Heimatvertriebenen und Entrechteten" (BHE), der zu einem gefragten Koalitionspartner auf Bundes- und Länderebene wurde, und im Jahre 1957 der "Bund der Vertriebenen - Vereinigte Landsmannschaften" (BdV). Deren primäre Ziele, wie sie in der "Charta" bereits formuliert waren, nämlich "gleiches Recht als Staatsbürger nicht nur vor dem Gesetz, sondern auch in der Wirklichkeit des Alltags", eine gerechte Lastenverteilung, den "Einbau aller Berufsgruppen der Heimatvertriebenen in das Leben des deutschen Volkes und die Beteiligung am Wiederaufbau Europas, konnten spätestens Ende der sechziger Jahre als erreicht gelten. Aus einer zusätzlichen Belastung für die Versorgung der Bevölkerung der Aufnahmegebiete mit Lebensmitteln und Wohnraum, wurden die Vertriebenen bald zu einem Modernisierungsfaktor: Sie verstärkten die Tendenz zu Verstädterung und Industrialisierung, veränderten den kulturellen und konfessionellen Charakter der Aufnahmegebiete und nahmen Einfluß auf das Staats- und Gesellschaftsleben der Bundesrepublik. Ende der sechziger Jahre konnte auch in der DDR die soziale Integration der aus ideologischen Gründen als "Umsiedler" bezeichneten Vertriebenen, denen die Bildung eigener Interessenvertretungen untersagt blieb, als abgeschlossen betrachtet werden. Infolge der gelungenen Integration setzte ein Schrumpfungsprozeß der Organisationen ein, so daß schon im Jahre 1965 nur noch knapp ein Prozent der Vertriebenen einer Landsmannschaft angehörte und die Vertriebenenorganisationen rapide an politischer Bedeutung verloren.
Es konnte von Beginn an kein Zweifel daran bestehen, daß die politischen Forderungen der Vertriebenen, die unter Berufung auf das "Recht auf Heimat" eine Revision der Grenze zum Ziel hatten, zu keiner Zeit Aussicht auf Erfolg hatten. Ganz abgesehen von der weltpolitischen Lage, die eine Grenzrevision mit friedlichen Mitteln unmöglich machte, betrieben Alliierte und Bundesregierung eine "doppelbödige Politik" zwischen Deklarationen über die bis zu einem Friedensvertrag offene deutsche Frage einerseits und einer pragmatischen Stabilisierung des Status Quo andererseits. Wachgehaltene Illusionen verfestigten den west-östlichen Antagonismus. Die Hoffnungen, bzw. Ängste, die Vertriebene und Polen mit einer Revision der Grenze verbanden, wirkten paradoxerweise auf beiden Seiten systemstabilisierend: Sie legitimierten die Westintegration der Bundesrepublik und sicherten den Herrschaftsanspruch der kommunistischen Diktatur. Erst die faktische Anerkennung der Grenze durch die Neue Ostpolitik der Regierung Brandt durchbrach diese Logik und trug somit langfristig zum Ende der Konfrontation bei. Diese Politik wurde von der Gesellschaft der Bundesrepublik mehrheitlich unterstützt, wodurch die auf ihrer Position beharrenden Vertriebenenvertreter zunehmend in die Isolation gerieten. Der oft geäußerten Behauptung, die Vertriebenen seien aufgrund ihres Festhaltens an "gesamtdeutschen Zielsetzungen" und "realisierbaren Schritten zur Überwindung der Teilung Deutschlands und Europas" öffentlich diffamiert und die Erinnerung an die Vertreibung insgesamt tabuisiert worden, läßt sich entgegenhalten, daß von einem Gegenwind der öffentlichen Meinung in den fünfziger und sechziger Jahren keineswegs die Rede sein konnte. Außerdem konnten sich die Vertriebenenorganisationen auch nach der Neuen Ostpolitik der materiellen und zumindest auch rhetorischen Unterstützung von Seiten der Politik sicher sein. Die ostpolitische Kurswende war nicht das Ergebnis einer Diffamierunskampagne, sondern spiegelte die Hoffnung der Bevölkerungsmehrheit in eine realistische Entspannungspolitik wieder. Der Stimmungsumschwung wurde zusätzlich beschleunigt durch eine veränderte Sichtweise der deutschen Geschichte: Die Frage nach der deutschen Schuld im Zweiten Weltkrieg wurde in der Bundesrepublik nun offen diskutiert und die Vertreibung wurde in den Kontext der Ereignisse vor 1945 gestellt, was manche Vertriebenenvertreter als Versuch, die Vertreibung zu rechtfertigen, interpretieren.
Fortsetzung: Brücke oder Barriere? Die Rolle der Vertriebenen in den deutsch-polnischen Beziehungen
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