Norman Stone
Auf dem Rückweg aus Kappadokien sahen wir Kolonnen gefechtsbereiter Truppen und Panzer - eine moderne Armee auf dem Marsch in Richtung Osten und zur irakischen Grenze. In Ankara flogen abends Helikopter und Kampfjets über der Stadt. Meine Begleiter, Studenten, waren erfüllt von patriotischer Euphorie. In der Türkei finden Straßenfeste statt, wenn die jungen Männer zum Militär eingezogen werden; inAnkara oder Istanbul kann es dabei sogar zu Verkehrsstaus kommen. Europäer mögen sich darüber mokieren, doch die Armee gilt hier als staatstragende Institution, ähnlich wie im aufgeklärten Osterreich und aus ähnlichen Gründen. Angesichts der gegenwärtigen Krise im Nahen Osten wird die türkische Armee nun gebraucht.
Widerspruch dagegen gibt es kaum. Einige unzufriedene Vertreter der extremer Linken protestierten bei den Feiern zu Beginn des Studienjahres an der Universität von Istanbul - hier hat der Antiamerikanismus Tradition, auch wenn er in den siebziger Jahren viel ausgeprägter war als heute. In abgelegenen Landesteilen dürfte das Einverständnis der türkischen Regierung mit der amerikanischen Politik auch auf den Protest fanatischer Muslime gestoßen sein, doch war davon nicht viel zu hören. Das einzig große Problem war der Konflikt zwischen Ministerpräsident und Staatspräsident darüber, wem das Recht zustehe, den Amerikanern die Solidaritätserklärung zu übermitteln, und zu welchem Zeitpunkt dies geschehen solle. Außenminister Ismail Cem, der sich gerade erst in Washington aufhielt, hat sicher darauf hingewiesen, wie teuer die Loyalität der Türkei ist.
Die Kosten sind in der Tat erheblich. Seit dem Ende des Golfkriegs 1991 hat das Land aufgrund des Embargos gegen Saddam Hussein einen Großteil des profitablen Irak-Geschäfts eingebüßt, vor allem mit Erdöl. Genannt wird meist eine Zahl von dreißig Milliarden Dollar. Durch Schmuggel wird einiges wettgemacht (vor allem auf den Fernstraßen inRichtung Osten ist deutlich irakischer Diesel zu riechen), auch durch den Schmuggel mit Drogen, denn die Türkei bietet sich als natürliche Transitraute nach Westeuropa an. Sollte es also abermals zu Schwierigkeiten mit dem Irak kommen, wird die Türkei darunter zu leiden haben.
Grundsätzlich bringen die Türken den terrorgeschockten Amerikanern viel Sympathie entgegen. Die Amerikaner sind beliebt. Selbst Adnan Menderes, der in den fünfziger Jahren als erster Politiker der republikanischen Türkei dem Islam Zugeständnisse machte, führte das Land mit den Worten "Was Amerika tut, ist gut für uns" in den Korea-Krieg und in die Nato. Auch der Besuch der Clintons nach dem Erdbeben fand ein großes Echo. Europäer dagegen genießen nicht die gleiche Popularität.
Die Italiener weigerten sich, den PKK-Führer Abdullah Öcalan auszuliefern, der aus seinem syrischen Versteck nach Italien geflohen war. Die französische Nationalversammlung verabschiedete eine Resolution, in der die Türkei wegen des Völkermords an den Armeniern im Jahr 1915 verurteilt wurde, obwohl die heutige Türkei keinerlei Schuld an diesen Ereignissen trägt (Franz Werfel, Autor des bekanntesten Buchs zu diesem Thema",Die vierzig Tage des Musa Dagh", schrieb immerhin "nicht gegen Türken polemisieren" auf sein Manuskript). Die Briten haben einen einigermaßen vernünftigen Standpunkt vertreten, wenngleich befürchtet werden muß, daß die griechisch-zypriotische Lobby, die in der Labour-Partei einiges Gewicht hat, die britische Politik künftig in eine antitürkische Richtung lenkt.
Wie in jedem Land, das schon vom Terrorismus heimgesucht wurde, sieht man sich auch in der Türkei in gewisser Weise bestätigt. Tuncay Özkan, ein bekannter Journalist mit guten Beziehungen zum militärischen Geheimdienst, fragte in "Milliyet" sogar, ob ein "Krieg" gegen Terroristen das richtige Mittel sei. Eine konzertierte internationale Aktion: durchaus; sie sollte sich aber gegen das Phänomen des Terrorismus ganz allgemein richten und nicht nur gegen seine jüngste Erscheinungsform. Özkan fragt auch, warum die Vereinigten Staaten ausgerechnet in Afghanistan Krieg führen wollten - in einem unmöglichen Terrain und Klima und mit der wahrscheinlichen Aussicht, daß in Pakistan ein neuer Terrorismus aufkommen wird, diesmal womöglich mit nuklearem Anstrich.
Nicht, daß es in der Türkei eine deutliche islamische Solidarität mit den Fundamentalisten gibt - eher im Gegenteil. Keiner der osmanischen Sultane unternahm je die Pilgerreise nach Mekka. (Man schickte statt dessen einen leeren Wagen mit Geschenken; der einzige, der sich tatsächlich auf Pilgerfahrt begeben wollte, war Mehmed Vahideddin, der letzte, vertriebene Sultan, im Jahr 1923. Die Engländer hinderten ihn jedoch daran.) Historiker verweisen darauf, daß das Osmanische Reich in seiner großen Zeit, im sechzehnten und frühen siebzehnten Jahrhundert, eine Art griechisch-türkisches Kondominium war, in dem der orthodoxe Patriarch beträchtliche Privilegien genoß und wo die herrschenden Sultane sich als Erben Roms verstanden. Nach der Eroberung Ägyptens und Mesopotamiens setzte sich eine andere Form des Islam durch; das Reich zerfiel. Warum? Eine gute Frage für die Historiker.
Es scheint fast, als fühle sich die Türkei verpflichtet, an der ganzen muslimischen Welt Anteil zu nehmen: In Ankara trägt ein Boulevard den Namen Jinnahs, des Gründers Pakistans, und erst kürzlich wurde ein Platz nach dem tschetschenischen Politiker Dudajew benannt. Dies jedoch sind Gesten, die keine allgemeine Zustimmung finden. Als die politisch-islamische Partei kurzzeitig (1996-97) den Ministerpräsidenten stellte, war ihr schlimmster Fehler das Eintreten für islamische Solidarität. Der jovial wirkende Erbakan verband sich mit einer bunten Schar von Leuten unter Führung von Gaddafi, die ihn alsbald wegen der türkischen Behandlung der Kurden kritisierten. Avancen in Richtung Iran führten zu unfreundlichen Äußerungen des iranischen Botschafters (der daraufhin abberufen werden musste) und der Ankunft einer Tochter des seinerzeit höchsten Ajatollahs, die absurderweise erklärte, daß die Atmosphäre in Ankara derjenigen in Teheran vor dem Sturz des Schahs gleiche.
Der politische Islam, der mit beträchtlichem Wohlwollen von seiten des Westens (und auch des Verfassers) an die Macht gekommen war, scheiterte im Grunde schon bei der ersten Hürde und hat sich nie wieder erholt. Heute gibt es zwei islamische Parteien. Die eine sucht die Verständigung mit dem Westen und dem säkularen Staat, die andere stützt sich auf eine ultrakonservative religiöse Klientel in den Provinzen.
Der politische Islam behauptet gegenüber Westeuropa, er werde verfolgt. Davon kann keine Rede sein. Allerdings sind Parteien, die ihn vertreten, im Einklang mit der Verfassung verboten worden. In einem Land mit einer fragilen demokratischen Ordnung spricht einiges für das Verbot von Parteien, die zum Sturz des Systems aufrufen. Heutzutage dürfte Einigkeit darüber bestehen, daß der Welt viel Leid erspart geblieben wäre, wenn die Nationalsozialisten in der Weimarer Republik schon frühzeitig verboten worden wären. Die Äußerungen des politischen Islam zu Zionismus, Imperialismus, Kapitalismus et cetera lassen keinen Zweifel daran, daß er sich, einmal an der Macht, in totalitärer Richtung entwickelt hätte.
Der Gedanke, der Islam werde in der säkularen Türkei verfolgt, ist schlicht abwegig. Der Ethnologe David Shankland hat dieses Problem in seiner Studie "Islam and Society in Modern Turkey" vor Ort, in zentralanatolischen Dörfern, untersucht. DerStaat tritt für Aufklärung und Säkularismus ein, Frauen dürfen in staatlichen Institutionen keine Kopfbedeckung tragen - was besonders für die wachsende Zahl von Studentinnen ein großes Problem ist. Zwei Argumente werden in diesem Zusammenhang vorgebracht: Daß der Staat die Menschen zur Freiheit zwingen müsse und daß der Islam, sobald er irgendwo Fuß fassen könne, seinen Einfluß sofort ausbauen und die Türkei auf das niedrige Niveau der meisten nahöstlichen Länder bringen werde, die sehr viel ärmer und politisch instabiler sind. Doch die Möglichkeiten des Staates sind begrenzt: außerhalb des engen staatlichen Bereichs findet ein Kampf statt, den der Islam oft genug gewinnt. Das ist schon an den erstaunlich vielen häßlichen Betonmoscheen zu erkennen, die allenthalben gebaut werden. Sind sie wirklich unabdingbar in einem Land, in dem es kaum Schulbücher gibt? Eigentlich kann nicht verwundern, daß ein Großteil der türkischen Presse die Konfrontation des Westens mit dem islamischen Extremismus in einem Tonfall kommentiert, aus dem die eigene Erfahrung spricht
Bleibt die Frage, warum der Islam so außerordentlich wandlungsresistent ist. Atatürk, selbst Produkt einer religiösen Erziehung, legte großen Wert darauf, den Islam nicht öffentlich zu kritisieren, stellte aber immerhin die Frage, warum das Diktat eines Beduinen aus dem siebten Jahrhundert noch fünfzehnhundert Jahre später den Alltag und die Denkweise eines Volks bestimmen solle, bis hin zu einzelnen Aspekten der Körperpflege. Im Fastenmonat Ramadan kommt es zu chaotischen Verhältnissen auf den türkischen Straßen und zu furchtbaren Unfällen, wenn Autofahrer, von Kopfschmerzen und Verdauungsbeschwerden geplagt, die Konzentration verlieren. In den großen Städten ertönt zu nächtlicher Stunde der Ruf des Muezzin (oft vom Tonband), und für Familien, deren Kinder aus dem Schlaf gerissen werden, dürfte das Gerede von der Verfolgung des Islam ziemlicher Unsinn sein. Es ist, wie Indro Montanelli in bezug auf Pius IX. schrieb, der "Verfolger, der die Sprache des Verfolgten spricht". Warum kann sich der Islam nicht an das moderne Großstadtleben anpassen so wie es anderen Religionen möglich war? Die Türkei hat, wie Israel oder auch Rußland, lange Zeit mit dem Terrorismus zu tun gehabt - und heftige Kritik dafür einstecken müssen. Jedermann hier weiß, daß die Kurden keine verfolgte Minderheit sind. Sehr vielen Kurden geht es gut. Es gibt zahlreiche Ehen zwischen Türken und Kurden, die Beziehungen auf der Straße sind gewöhnlich gut, besonders in Zentralanatolien und im Westen, wo die meisten Kurden inzwischen leben. Außerdem wäre die Errichtung eines Kurdistan extrem schwierig, da es nicht nur eine kurdische Sprache gibt, sondern sieben. Baran Rüzgar beklagt im Vorwort seines 1993 erschienen Wörterbuchs, daß die 15 000 Wörter den Sprechern von Zeza oder Dimili, den beiden anderen kurdischen Sprachen inAnatolien, nicht viel nützen. In Nordirak erschweren zwei Sprachen, Gorani und Sorani, jede Kooperation.
Die PKK, die für die "Kurden" zu kämpfen behauptet (ihre Kommuniqués aber intürkischer Sprache abfaßt), hat im Laufe ihrer zwanzigjährigen Kampagne an die 30 000 Todesopfer verursacht. Es hat noch andere, weniger massive Fälle von Terrorismus gegeben, entweder von kleinen Gruppen islamischer Fanatiker oder der revolutionären Linken (die kurz vor Ausbruch der jetzigen Krise einen Selbstmordanschlag vor dem deutschen Konsulat in Istanbul verübte). Wurde der Türkei das Mitgefühl zuteil, das sie als Nato-Staat erwarten durfte? Nicht unbedingt. Belgien weigerte sich, eine wegen Mordes gesuchte Linksextremistin auszuliefern, weil in der Türkei noch immer die Todesstrafe verhängt wird (die allerdings seit Jahren nicht mehr vollstreckt wurde). Wie würde die belgische Regierung wohl reagieren, wenn einer von Bin Ladins Leuten in Gent erschiene?
Die PKK und ihre Tarnorganisationen erhalten in Westeuropa mühelos Sympathiebekundungen und Geld. Es vergeht kaum ein Monat, ohne daß irgend jemand den Türken eine Predigt in puncto Menschenrechten hält. Das Türkeibild der Europäer scheint noch immer von dem gut gemachten, aber die Realität verzerrenden Film "Midnight Express" geprägt zu sein. Wer erklärt, daß die Türkei zahlreiche Erfolge aufzuweisen habe, daß die Außenhandelsbilanz schon bald diejenige Rußland übertreffen werde, daß das trostlose Anatolien von 1922 inzwischen den sechzehnten oder siebzehnten Rang auf der Liste der führenden Wirtschaftsnationen einnimmt, wird in bestimmten Kreisen auf Unverständnis stoßen. Auch im Alltagsleben ist die Türkei ein angenehmes Land. Im Zentrum von Oxford, ja sogar im Zentrum des moralpredigenden Straßburg sehe ich an einem Samstag nachmittag mehr Bettler als in sechs Jahren in Ankara.
Für die Türken und viele Kurden war die PKK eine zerstörerische Kraft. Gewiß, die Kurden sind "un peuple blessé", um den türkischen Parlamentspräsidenten Kamuran Inan zu zitieren (der Schweizer Schulen besuchte und selbst Kurde ist), aber eine wirkliche Lösung des Problems hatte auch die terroristische PKK nicht zu bieten. Sie tötete sehr viel mehr Kurden als Türken, oft in der brutalen Art der Terrororganisation "Leuchtender Pfad", mit dem sie eine gemeinsame Website unterhielt. Sie hatte Verbindungen zur Stasi (auch ihre Propaganda erinnert an die hölzerne DDR-Sprache) und zur PLO. Sie vertrat einen Kommunismus à la Vietcong, einen stalinistisch gefärbten Nationalismus. Den Europäern schien Öcalan sehr am Herzen zu liegen. während sie die Fakten des Kurdenproblems in bemerkenswerter Weise ignorierten. Doch im Internet kann man mühelos herausfinden, mit welchen Schwierigkeiten die Türkei zu kämpfen hat.
Der Golfkrieg fand ein unerwartet vorschnelles Ende; Saddam Hussein ist noch immer an der Macht, kann noch immer Unheil anrichten. George Bush senior schrieb sogar ein Buch, in dem er sich reumütig über seinen Fehler äußerte (obschon seine Worte an Benjamin Constants "fatuité d‘un esprit qui croit excuser ce qu‘il explique" erinnerten). Was wäre zu tun gewesen? Die damals beherrschende Figur in der türkischen Politik, Turgut Özal, selbst halber Kurde, wollte nach dem Ende Saddam Husseins ein türkisches Protektorat im Nord-irak und vielleicht sogar eine kurdisch-türkische Konföderation errichten. Diese Idee war seinerzeit nicht sehr populär, weder in der Türkei (die genug eigene Probleme hatte) noch im Ausland. Bald darauf starb Özal, und seine Nachfolger waren keine Politiker von vergleichbarer Statur.
Nun können die Türken rufen: Wir haben es gleich gesagt! Die Sanktionen haben Saddam nicht vertrieben. Seine Bevölkerung hat gelitten, nicht aber seine Fähigkeit, Schaden zuzufügen. Die zehn Jahre seit dem Ende des Golfkriegs sind mit wohlmeinenden, aber naiven "Friedensprozessen" vergeudet worden, bei denen vielleicht mehr Menschen umgekommen sind als unter den alten Vereinbarungen. Die Affäre Bin Ladin hat zu einem internationalen Realitätsbewußtsein geführt und die Luft von Unsinn und Hirngespinsten gereinigt. Die Bedeutung der Türkei und ihre Leistungen in einer problematischen Region verdienen Anerkennung und Respekt.
Aus dem Englischen von Matthias Fienbork.
Der britische Historiker Norman Stone ist seit 1997 Professor für Internationale Beziehungen an der Bilkent-Universität in Ankara. Der ehemalige Oxforder Professor für Neuere Geschichte hat sich mit seinen Büchern ebenso wie mit seinen unverblümt kritischen Äußerungen, etwa zur proserbischen Balkanpolitik der Regierung Major, einen Namen gemacht. In seinem Beitrag für diese Zeitung plädiert er dafür, angesichts der Krise im Nahen Osten aus den türkischen Erfahrungen mit dem Islam, dem Irak und der terroristischen PKK zu lernen und das Land für seine Leistungen in einer problematischen Region zu respektieren.
Beitrag erscheint mit freundlicher Genehmigung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
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