Holger Berschel
Israel befand sich seit der Staatsgründung in einer besonders ungünstigen geostrategischen Situation. Das Land war umgeben von feindlichen Nationen, mit unvergleichlich größerer Bevölkerung, und es verfügte über eine eigentlich völlig ungenügende strategische Tiefe. Als Konsequenz aus diesen Tatsachen versuchte Israel nicht nur, eine deutliche Überlegenheit auf dem Gebiet der konventionellen Kriegführung zu erlangen und eine den Gegebenheiten angepaßte offensive Militärstrategie zu entwickeln, sondern es interessierte sich auch sehr bald nach der Staatsgründung für die Entwicklung von Atomwaffen.
Die israelischen Atomwaffen, die etwa seit Ende der 60er Jahre zur Verfügung stehen, richteten sich zunächst in erster Linie gegen die unmittelbaren Nachbarstaaten und stellten eine entscheidende strategische Rückversicherung im Falle des Scheiterns in einem konventionell geführten Krieg dar. Israel hat den Besitz von Atomwaffen nie offiziell bestätigt, er ist jedoch ein offenes Geheimnis. Dementsprechend ist das Land auch dem Atomwaffensperrvertrag nicht beigetreten.
Durch die Entwicklung von Massenvernichtungswaffen in den islamischen Staaten der Region sah sich Israel spätestens in den 80er Jahren gezwungen, seine Abschreckungsstrategie zu modifizieren. Israel reagierte auf die neue Lage, indem es einerseits die Aufrüstung der betreffenden Staaten zu verhindern suchte, wie durch den erfolgreichen Luftangriff auf den irakischen Kernreaktor Osirak am 7. Juni 1981.[47] Die Möglichkeit eines Präventivschlages behält sich die israelische Regierung jederzeit vor. So sickerte Anfang 2001 aus israelischen militärischen Quellen durch, daß Ministerpräsident Scharon für den Fall eines von israelischen Geheimdiensten vorausgesagten nicht-konventionellen Angriffs, die an der syrischen Grenze liegende potentielle Abschußzone irakischer Raketen mit Neutronenbomben “ausradieren” werde.[48]
Andererseits beteiligte Israel sich an der amerikanischen Entwicklung eines Raketenabwehrprogramms, was um so dringlicher erschien, nachdem der Irak Israel im Golfkrieg von 1991 mit Scud-Raketen beschossen hatte und nach dem Krieg klar wurde, wie weit Saddam Hussein mit der Entwicklung der irakischen Atombombe schon gekommen war. Neben der Raketenabwehr begann man die Überlebensfähigkeit der israelischen Nuklearstreitmacht zu verbessern, um eine wirkungsvolle Abschreckung gegen einen sonst denkbaren atomaren Überraschungsangriff aufzubauen. Diesem Zweck diente der Erwerb dreier in Deutschland gebauter U-Boote, die mit Atomwaffen bestückt werden können.[49]
Das israelische Atomwaffenprogramm wurde Ende der fünfziger Jahre mit Hilfe der französischen Regierung begonnen, zu einer Zeit, als die beiden Staaten beste Beziehungen unterhielten und die französische Seite vor dem Hintergrund der Auseinandersetzungen in Algerien die israelische Bedrohungsperzeption gut nachvollziehen konnte und Israel als quasi natütlichen Verbündeten gegen den arabischen Nationalismus betrachtete. Frankreich versorgte Israel nicht nur mit einem Kernreaktor zur Herstellung von Plutonium, mit dessen Bau Ende der 50er Jahre in Dimona in der Negevwüste begonnen wurde, es lieferte auch eine Anlage zur Gewinnung des Plutoniums aus den abgebrannten Kernbrennstäben sowie Pläne zum Bau von Atombomben. Als Folge der intensiven Zusammenarbeit mit den Franzosen gelang es bereits 1967 die ersten funktionsfähigen Atomwaffen zu bauen.
Es ist ungeklärt, ob Israel jemals seine Atomwaffen getestet hat, jedoch ist davon auszugehen, daß sowohl die französische als auch die US-Regierung den Israelis in den späten 1950er und in den 1960er Jahren Datenmaterial ihrer eigenen Atomtests zur Verfügung stellten. Es gibt außerdem einige Spekulationen über einen israelischen Atomtest, der 1979 stattgefunden haben könnte. Sie beziehen sich auf ein von dem US Spionagesatelliten VELA über dem Südatlantik aufgefangenes Signal, das als Test interpretiert werden konnte. Die Schätzungen über die Anzahl der israelischen Nuklearwaffen gehen auseinander und rangieren zwischen 100 und 172.[50]
In jüngster Zeit wurde die israelische Nuklearrüstung zum ersten Mal Gegenstand einer Parlamentsaussprache, die von dem arabischen Abgeordneten Issam Makhul per Beschluß des obersten Gerichts erzwungen worden war. Die Debatte dauerte freilich nur eine knappe Stunde, da Makhul weitgehend isoliert war.[51] Dennoch läßt sich die israelische Strategie, das Thema der eigenen Atomrüstung gar nicht zu berühren, immer schlechter aufrecht erhalten. Die israelische Zweideutigkeit, für die der von Offiziellen immer wieder zu hörende Satz “Israel will not be the first to introduce nuclear weapons into the Middle East” steht, sollte es ursprünglich den Vereinigten Staaten ermöglichen, die Politik der Nichtverbreitung zu betreiben, ohne sich gleichzeitig wegen der atomaren Rüstung des verbündeten Israel angreifbar zu machen. Da aber die israelische Atomrüstung inzwischen das sprichwörtliche offene Geheimnis ist, geraten die USA immer stärker unter Druck, und werden insbesondere von arabische Staaten mit dem Vorwurf konfrontiert, im Falle des Iraks und Irans im Vergleich zu Israel mit zweierlei Maß zu messen.[52]
Hinzu kommt, daß die israelischen Atomanlagen in Dimona inzwischen über vierzig Jahre alt sind und sich auf Grund starker Beanspruchung bei zu langer Laufzeit zu einem stetig wachsenden Sicherheitsrisiko entwickeln. Es ist inzwischen gerichtsnotorisch, daß in Dimona Arbeiter in Folge von erhöhter Radioaktivität gestorben sind und es zu erheblichen Zwischenfällen gekommen ist.[53] Insofern ergeben sich ganz neue Risiken, bis hin zu einem GAU, die den stillschweigenden Weiterbetrieb der Anlage erheblich erschweren. Andererseits will die israelische Regierung den Reaktor nicht stilllegen, weil sie auf dessen Tritiumproduktion angewiesen ist. Tritium hat eine Halbwertszeit von 12.3 Jahren und muß in den Nuklearwaffen ständig erneuert werden.[54] Daß diese Gefahren aus Gründen der Staatsräson nicht öffentlich angesprochen werden dürfen, schwächt das demokratische System in Israel.
Israel betreibt ein Biowaffenprogramm dessen Zentrum das Israel Institute for Biological Research in Ness Ziona ca. 10 Kilometer südlich von Tel Aviv ist. Zum genauen Umfang der B-Waffenforschung bezieht die Regierung keine Stellung. Dasselbe gilt für Erforschung und Produktion von chemischen Kampfstoffen, die ebenfalls in Ness Ziona betrieben wird.[55] Sicher ist aber, daß intensiv geforscht wird. Es wäre für die israelische Sicherheitspolitik auch vollkommen untypisch, den arabischen Nachbarn das Feld der biologischen und chemischen Kampfstoffe völlig zu überlassen. Vielmehr ist es wahrscheinlich, daß Israel eine den Arabern überlegene wissenschaftliche Expertise garantieren will. US-Experten geben zu, daß Israel im Besitz chemischer wie biologischer Waffen ist. In welcher Form und in welcher Zahl solche Waffen existieren und wo sie stationiert sind, ist indessen ganz unklar.[56]
Die israelischen Streitkräfte sind sowohl im Besitz von Kurz- als auch von Mittelstreckenraketen. Die Kurzstreckenrakete Jericho I hat eine Reichweite von 500 Kilometern bei einer Tragfähigkeit von 500 kg. Die Mittelstreckenrakete Jericho II verfügt über eine Reichweite von 1500 Kilometern bei 1000 kg Traglast. Beide Raketen werden von mobilen Abschußrampen gestartet und können mit Atomsprengköpfen bestückt werden. Sie sind in Bunkern in den Hügeln südwestlich von Jerusalem untergebracht. So wie das Nuklearprogramm, wurde auch die Entwicklung der Jericho I Rakete seit Beginn der 1960er Jahre maßgeblich durch die Franzosen gefördert und 1973 abgeschlossen. Die Jericho II wurde 1990 in Dienst gestellt. Es ist davon auszugehen, daß Israel ungefähr 100 Jericho Raketen besitzt. Da die Israelis schon einen eigenen Satelliten ins All geschossen heben, ist weiterhin anzunehmen, daß sie in kurzer Zeit auch in der Lage wären, Raketen mit erheblich größerer Reichweite zu bauen.
Israel ist außerdem im Besitz amerikanischer Harpoon Cruise Missiles mit einer Reichweite von 120 Kilometern, sowie der eigenen Entwicklungen Popeye 1 und 3 (100 km / 350 km Reichweite) und Deliah (400 km Reichweite).
Die jüngste Entwicklung der israelischen Trägertechnologie stellen sicher die drei U-Boote der Delphin-Klasse dar, die mit Cruise Missiles ausgerüstet werden können. Die U-Boote wurden in den 1990er Jahren von den Thyssen Nordseewerken in Kiel gebaut. Im Jahr 2000 wurde das letzte der Boote an Israel geliefert. Die Kosten wurden zu einem großen Teil von der deutschen Bundesregierung übernommen, die Israel damit für den Beitrag der deutschen Industrie an der nichtkonventionellen irakischen Aufrüstung entschädigen wollte. Bereits im Jahr 2000 sollen nach einem Bericht der Sunday Times (von Sri Lanka und Israel dementiert) vor der Küste Sri Lankas erste Tests von seegestützten Cruise Missiles mit einer Reichweite von 1500 Kilometern durchgeführt worden sein. Dies wäre eine erhebliche Abweichung der bisher angenommenen Reichweite der Popeye Cruise Missiles. Eine derartige Reichweitenerhöhung gilt aber allgemein als realistisch. Das technische know how ist in Israel vorhanden.[57]
Israel ist für Raketenangriffe mit nicht konventionellen Sprengköpfen einerseits ein außerordentlich lohnendes Ziel, da ungefähr 80% der Bevölkerung und die wichtigsten strategischen Einrichtungen auf die Region Tel Aviv konzentriert sind. Andererseits wandelt sich der strategische Nachteil einer mangelnden strategischen Tiefe des Landes unter diesem Aspekt zu einem Vorteil, da bei Angriffen mit nicht-konventionellen Waffen, die Israel von arabischen Staaten, dem Iran oder auch Pakistan drohen könnten, auch immer Muslime bzw. Araber betroffen wären. Dennoch ist dies keine Gewähr dafür, daß solche Angriffe auf Israel ausgeschlossen sind.
Um der Gefahr durch Raketenangriffe zu begegnen, hat Israel das Raketenabwehrsystem Arrow 2 eingeführt. Die Arrow 2 hat eine Reichweite von 150 Kilometern und kann angreifende Raketen in 50 bis 75 Kilometer Höhe abschießen. Eine von geplanten drei Batterien ist bereits im Jahr 2000 in Zentralisrael stationiert worden. Die Entwicklung der Arrow Rakete begann mit der Beteiligung Israels an den Forschungen zu Ronald Reagans SDI. Nach den Scud-Angriffen Saddam Husseins auf Israel 1991, wurde das Projekt vorangetrieben und war um die Jahrtausendwende einsatzbereit. Die Entwicklungskosten von etwa zwei Mrd. US-Dollar wurden zu 60% von den USA übernommen.[58]Bisher bestand das israelische Raketenabwehsystem lediglich aus den nur bedingt tauglichen amerikanischen Patriot (Patriot Advanced Capability 2 und 3) und Hawk Raketen. Beide Waffensysteme sind aber zur Bekämpfung ballistischer Raketen nicht optimal und können anfliegende Raketen bestenfalls kurz vor ihrem Einschlag abschießen, was gerade bei Sprengköpfen mit Massenvernichtungswaffen nicht unbedingt ausreicht. Auch das Arrowsystem gilt als mangelhaft, da es von einer Massenattacke ebenso überfordert werden kann wie von Clusterbombensprengköpfen mit biologischer oder chemischer Bestückung. Auch der Abschuß von Mittelstreckenraketen von 2000 und mehr Kilometern Reichweite dürfte schwierig bis unmöglich sein, da diese Raketen eine für das Arrowsystem zu hohe Geschwindigkeit erreichen. Das bedeutet, daß Arrow 2 lediglich gegen Raketen des Scud-Typs ausreichenden Schutz gewährleistet, die Wirksamkeit gegen die iranische Schahab 3 oder die nordkoreanische Taepo Dong 1 aber bereits fraglich ist.[59]
Aus diesen Gründen arbeitet Israel an Waffensystemen, die in der Lage sein sollen, angreifende Raketen schon in der Startphase anzugreifen, wenn sie am verwundbarsten sind. Die Entwicklungen gehen in die Richtung, daß ein high-altitude-long-endurance (HALE) unmanned aerial vehicle (UAV) als Waffenträger für eine Rakete dient und ständig bzw. abwechselnd mit anderen HALE-UAVs über einem potentiellen Abschußgebiet kreist, so daß die Abfangrakete nah genug an der Startposition der Ballistischen Rakete ist, um diese in der Startphase anzugreifen. Das System befindet sich aber noch mitten in seiner Entwicklungsphase, so daß sich die israelische Raketenabwehr bis auf weiteres auf die Arrow 2 (oder auf Präventivschläge) wird verlassen müssen.[60]
[47] Cirincione, a.a.O., S. 226 f.
[48] Defectors Say Iraq Tested Nuclear Bomb, London Sunday Times, 25.2.2002, Internetversion.
[49] Cirincione, a.a.O., S. 227 f.
[50] Ebd., S. 221-225.
[51] Nuclear Debate in Israel, International Herald Tribune, 3.2.2000, S. 4.
[52] Eshel, David: Israel´s nuclear deterrent faces first public scrutinity, in: Jane´s Intelligence Review, July 2000, S. 14.f.
[53] Ulfkotte, Udo: Verwundbare Atommacht, FAZ, 6.11.1998, S. 6; 25.2.2000. S. 12.
[54] Hough, Harold: Israel reviews its nuclear deterrent, in: Jane´s Intelligence Review, November 1998, S. 11-13.
[55] Cirincione, a.a.O., S. 10; S. 223 f.
[56] Cordesman, Anthony H. Weapons of Mass Destruction in the Middle East, a.a.O., S. 30.
[57] Cirincione, a.a.O., S. 221-223, S. 230f.; Cordesman, Anthony H. Weapons of Mass Destruction in the Middle East, a.a.O., S. 29.
[58] Sontag, Deborah: Nuclear Debate in Israel, IHT 7.10.2002, S. 1; Israel nimmt sein Arrow-2-System in Dienst, NZZ 16.3.00 S. 5. Rodan, Steve: Israel declares that Arrow 2 is operational, in: Jane´s Defence weekly, 22. März 2000, S. 2.
[59] Cordesman, Anthony H. Weapons of Mass Destruction in the Middle East, a.a.O., S. 36.
[60] Eshel, David: Examining Israel´s BMD options, in: Jane´s Intelligence Review, September 2000, S. 21-24.

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