Tamara Jugov und Stefanie Agerer
Die Suez-Krise bezeichnete 1956 die zweite offene Auseinandersetzung einer Anzahl arabischer Staaten mit Israel. Auslöser des Konflikts war die Politik Gamal-Abdul Nassers, der sich bereits 1952 in Ägypten an die Macht geputscht hatte, und seitdem seine Außenpolitik des „positiven Neutralismus“[26] verfolgte, welche v.a. eine Hinwendung zum Ostblock beinhaltete und zum Konflikt mit dem Westen führte. Gipfel dessen war schließlich die Verstaatlichung des Suez-Kanals durch Nasser, der auch die Straße von Tiran am Roten Meer blockieren ließ, womit nun auch Israel betroffen war, das sich von einer wichtigen Versorgungslinie abgeschnitten sah. Dies alles waren Anlässe genug für Frankreich und Großbritannien, um militärisch einzugreifen. Zusammen mit Israel, das sich nicht nur speziell durch das Dreierbündnis zwischen Syrien, Jordanien und Ägypten bedroht sah, sondern sich durch explizite Drohgebärden von Seiten Nassers in die Defensive gedrängt fühlte, einigten sie sich auf einer Geheimkonferenz in Paris auf ein gemeinsames Vorgehen gegen Ägypten. Daraufhin besetzte Israel im Oktober 1956 den Sinai sowie den Gazastreifen. Vor allem Druck seitens der USA und der Sowjetunion veranlasste Israel schließlich, seine Truppen wieder abzuziehen. Die ägyptische Grenze wurde daraufhin von entsandten UN-Truppen gesichert und Kairo öffnete die Passage im Roten Meer für Israel. Für den ägyptischen Präsident Gamal Nasser war die Suez-Krise - trotz militärischer Niederlage – ein politischer Erfolg, aus dem er gestärkt und als unbestrittene Führungsfigur des panarabischen Nationalismus hervorging.[27]
Viele unterschiedliche Ursachen werden für die Zuspitzung des israelisch-arabischen Konflikts im Sechs-Tage-Krieg von 1967 verantwortlich gemacht. 1966 hatte in Syrien ein Militärputsch stattgefunden, in dessen Verlauf die alte Elite der Baath-Partei entmachtet wurde. Vor allem aufgrund von innenpolitischem Druck, ausgelöst durch ihre mangelnde Popularität in der Bevölkerung, sahen sich die neuen syrischen Machthaber zu einer härteren Gangart gegenüber Israel genötigt und konnten schließlich Ägypten von der Notwendigkeit eines Verteidigungspakts überzeugen.[28] Sowohl innen- als auch außenpolitisch war die Lage Israels angespannt: im Inneren quälten es ökonomische Schwierigkeiten, verursacht durch ein zu schwaches Wirtschaftswachstum und die weiterhin hohen Einwanderungszahlen, sowie Spannungen innerhalb der Arbeiterpartei, die schließlich zu deren Spaltung führen sollten; außenpolitisch litt das Land dagegen v.a. unter der sehr verwundbaren geographischen Lage, in der die Staatsgründung es zurück gelassen hatte.[29] Dies verschärfte sich, nachdem es zu Kampfgefechten zwischen syrischen und israelischen Kampfflugzeugen gekommen war und Ägypten mit Jordanien und Irak jeweils einen Verteidigungspakt schloss, so dass Israel sich nun von drei Seiten umzingelt sah. Als die UN im Mai 1967 nicht nur dem Wunsch des ägyptischen Präsidenten nach Abzug ihrer Truppen von der Sinai-Halbinsel nachkamen und Nasser daraufhin erneut Israels Zugang zum Roten Meer unterbrach, sondern beinahe alle arabische Staaten aufzurüsten begannen, musste Israel praktisch zwangsläufig mit der totalen Mobilmachung reagieren, um den offensichtlich aggressiven Absichten der arabischen Staaten zuvor zu kommen.[30]
Am 5. Juni 1967 zerstörte Israel in einem Überraschungsangriff innerhalb weniger Stunden beinahe die gesamte Luftwaffe der gegnerischen Staaten. In den folgenden Tagen drangen die israelischen Truppen bis an den Suez-Kanal vor, eroberten den gesamten Sinai, Ostjerusalem, die Westbank sowie die Golanhöhen. Infolge des Krieges flohen erneut etwa 300.000 Palästinenser in die umliegenden Staaten.[31] Trotz der erklärten israelischen Bereitschaft, im Zusammenhang mit einem Friedensvertrag weitgehende territoriale Zugeständnisse zu machen (im wesentlichen eine Rückkehr zu den Grenzen von vor 1967), trauten die arabischen Staaten den bekundeten Absichten der israelischen Führung nicht und forderten den Abzug aus den besetzten Gebieten als Voraussetzung für den Beginn von Verhandlungen.[32] Im November verabschiedete der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen schließlich die Resolution 242, welche den Abzug der israelischen Truppen aus den besetzten Gebieten forderte, um als Gegenzug die Anerkennung des Existenzrechts des Staates Israel zu erhalten („Land für Frieden“). Wenngleich die Resolution zumindest von Ägypten und Jordanien als weitere Verhandlungsbasis akzeptiert wurde, bleibt ihr ultimativer Nutzen hierfür fraglich aufgrund unterschiedlich lautenden Übersetzungen, aus denen nicht klar wird, ob das gesamte besetzte Gebiet zurückgegeben werden sollte oder ob ein Teil davon bereits reichen könnte. Für die Palästinenser hatten der Krieg und seine Auswirkungen weitreichende Folgen. Sie waren nun auf sich allein gestellt, nachdem die arabischen Staaten offenbar zu schwach waren, um sich ihrer Sache anzunehmen, und die internationale Gemeinschaft „nicht einmal die Existenz eines palästinensischen Volkes“ anzuerkennen schien.[33]
Unter der israelischen Besatzung, lag die Machtbefugnis über das besetzte Gebiet rechtlich gesehen bei der israelischen Armee und einem Militärbefehlshaber, der legislative, exekutive und gesetzliche Vollmachten innehatte und letztlich dem israelischen Verteidigungsministerium unterstand. Einzelne Ressorts wurden ab 1981 von einer Zivilverwaltung übernommen, die aber immer noch unter dem Militärbefehlshaber agierte. Einem völkerrechtlichen Gebot zufolge hatte in den besetzten Gebieten das vor der Besatzung übliche Recht weiterhin zu gelten, sprich: das jordanische Recht für die Westbank und das britischen Recht aus der Mandatsherrschaft für den Gaza-Streifen. Zahlreiche Militärerlasse ermöglichten allerdings die Modifizierung diesen Rechtes, so dass nun zum Teil britische Notstandsverordnungen übernommen wurden, die den Besatzern Vollmachten erlaubten wie das Zensurrecht sowie das Recht, Ausgangssperren zu verhängen und Häuser zu zerstören. Im Laufe der Zeit gewann die Militär- gegenüber der Zivilgerichtsbarkeit zunehmend die Oberhand, wobei Struktur und Praxis der militärisch dominierten Gerichtsbarkeit vielfach als problematisch eingestuft wurden, beispielsweise hinsichtlich der langen Untersuchungshaftzeiten und der zweifelhaften Neutralität des gesamten Rechtsprozesses.[34]
Wirtschaftlich wurde das besetzte Gebiet beinahe vollständig von Israel abhängig, was einerseits die Entstehung einer eigenständigen palästinensischen Wirtschaft unmöglich machte, auf der anderen Seite allerdings den allgemeinen Lebensstandard der Bevölkerung in den Gebieten anhob, was wiederum dem sozialen Frieden zuträglich war. Die zum Zeitpunkt der Besatzung 1967 bereits wirtschaftlich schlecht gestellten Gebiete, wurden durch die israelische Besatzung zusätzlich von ihren wichtigsten Absatzmärkten (v.a. Ägypten und Jordanien) abgeschnitten und mussten sich somit gezwungenermaßen auf den Handel mit Israel verlegen. Durch die schwieriger gewordene Finanzierung für kleine und mittlere Unternehmen sowie die Einschränkung der traditionellen Landwirtschaft (v.a. im Zuge der israelischen Siedlungspolitik, s.u.) war die Zahl der Arbeitslosen angestiegen, welche nun auf den wirtschaftlich expandierenden israelischen Markt drängten und dort Arbeit fanden. Während so der Lebensstandard der Familien stieg, wurde gleichzeitig keine Basis für eine eigenständige Wirtschaft gelegt. Viele Palästinenser arbeiteten für niedrige Löhne im israelischen Kernland, die wirtschaftliche Kraft der besetzten Gebiete blieb sehr schwach und in starkem Maße abhängig von den Löhnen aus Israel und teilweise weiteren arabischen Staaten (v.a. Jordanien und den Golfländern, die aufgrund des Ölbooms an Arbeitskräften interessiert waren).[35]
Auch gab es in der Zeit ab 1967 in den Gebieten der Westbank und des Gaza-Streifens einen massiven Entzug von Boden durch die israelischen Besatzer. Dies geschah v.a. im Zuge der israelischen Siedlungspolitik, die dem Siedlungskonzept Yigal Allons aus dem Jahre 1967 folgte und die Einrichtung eines Siedlungsstreifens entlang des Westufers des Jordans sowie den Aufbau jüdischer Siedlungen an strategisch wichtigen Positionen vorsah. V.a. in der Westbank erklärte Israel vormals jordanischen Staatsbesitz zu israelischem Eigentum und nutzte darüber hinaus das sog. Gesetz über Abwesende, um den ehemaligen Besitz von Flüchtlingen entschädigungslos in israelischen Staatsbesitz zu überführen. Auf diese Art gelangten im ersten Jahrzehnt der Besatzung ca. 160.000 Hektar – was etwa einem Drittel der Gesamtfläche der Westbank entspricht – in israelischen Besitz. Noch hartnäckiger sollte diese Politik ab 1977 verfolgt werden, als die Siedlungsaktivitäten zunehmend nationalistisch-religiös begründet wurden, was wiederum auf dem Grundgedanken fußte, die Staatsgründung Israels basiere auf „historischen Rechten“. Diese Auffassung führte nicht nur zu starken innerisraelischen Konflikten, sondern auch wurde der Sechs-Tage-Krieg damit im Nachhinein zu einem Eroberungskrieg, was ursprünglich nicht in der Absicht der israelischen Politik gelegen hatte.[36]
Politische Betätigung oder Mitbestimmung der Palästinenser waren allgemein schwer, wobei die Lage in der Westbank deutliche Unterschiede zu jener im Gazastreifen zeigte. Wenngleich die Westbank bereits unter jordanischer Herrschaft in die gesellschaftlichen und politischen Strukturen jenes Landes eingebunden gewesen war, hatte sich doch kaum eine echte politische Infrastruktur entwickelt. Dennoch ließ Israel die Abhaltung von Kommunalwahlen zu, u.a. um die traditionelle Elite für sich zu gewinnen und eine politische Alternative zur palästinensischen Führung in der Diaspora zu schaffen. So konnten sich in der Westbank von der Diaspora unabhängige Strukturen entwickeln, Gewerkschaften und soziale Organisationen entstanden, die auch auf das kulturelle Leben der Palästinenser positiv Einfluss nahmen. Im Gegensatz dazu wurden im Gazasteifen selbst die aus der ägyptischen Verwaltungszeit gebliebenen, lediglich rudimentär ausgebildeten Institutionen (z.B. der palästinensische Legislativrat) durch die israelischen Besatzer aufgelöst. Ohne politische Artikulationsmöglichkeiten begann die Bevölkerung im Gazastreifen, sich vornehmlich auf den bewaffneten Widerstand zu konzentrieren, der auch der eigenen Bevölkerung gegenüber immer extremere Formen annahm (z.B. in Form von Selbstjustiz und Einschüchterungen) und 1971 durch Israel zerschlagen wurde. So konnten sich einige wenige kulturelle und soziale Einrichtungen entwickeln, deren Einfluss aber gering blieb; auch anschließend übernahmen radikalere politische Gruppierungen die Führung, u.a. die Moslembruderschaft und der Islamische Dschihad.[37]
Durch die Niederlage der arabischen Regierungen im Sechs-Tage-Krieg fiel es der betont unabhängigen palästinensischen Widerstandsbewegung leichter, neue Mitglieder anzuwerben. Ihr Widerstand gegen die Besatzer äußerte sich auf der einen Seite in politischer und sozialer Aktivität, andererseits aber auch in Form von Aufständen und terroristischen Aktionen. Die bereits 1964 gegründete Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO), die sich in ihrer Charta die Befreiung ganz Palästinas in den Grenzen des britischen Mandatsgebietes als Ziel gesetzt und den bewaffneten Kampf als Mittel dafür legitimiert hatte, hatten sich nach dem Sechs-Tage-Krieg aus den besetzten Gebieten in die Diaspora zurückziehen müssen und konnte sich erst nach 1973 wieder eine gesicherte Basis im Libanon einrichten. Anfang der 70er Jahre operierten allerdings v.a. Guerillatruppen in den besetzten Gebieten, darunter in erster Linie Fatah, die mit Übergriffen, Anschlägen und Sabotageakten von sich reden machten. Ihre Aktionen konnten aber vom israelischen Sicherheitssystem in der Westbank recht erfolgreich eingeschränkt werden. Andere Entwicklungen hatten hingegen im Gazastreifen dazu geführt, dass der Terror hier aufblühen konnte. Nicht nur die fehlenden politischen Betätigungsmöglichkeiten, sondern auch die desolate wirtschaftliche Lage und soziale Faktoren hatten zu einer Radikalisierung der Guerillatruppen geführt, die sich zur Vereinigten Nationalfront zusammenschlossen und die Übergriffe auf israelische Einrichtungen deutlich steigerten. Erst 1971 gelang es Israel, auch hier den Widerstand zu brechen, um infolgedessen den Gazastreifen grundlegend umzustrukturieren und eine effiziente Kontrolle möglich zu machen. So konnten die terroristischen Aktivitäten nahezu völlig erstickt werden.[38]
Trotz des von den UN vermittelten Waffenstillstandsabkommens, sollte es auch nach dem Sechs-Tage-Krieg keinen Friedensschluss zwischen Israel und den involvierten arabischen Parteien geben. Auf der Gipfelkonferenz der arabischen Staaten 1967 in Khartum weigerten diese sich weiterhin, Israel anzuerkennen und schlossen damit Verhandlungen und Friedensschlüsse mit Israel prinzipiell aus. 1968 begann am Suez-Kanal ein zermürbender Grenzkrieg zwischen Ägypten und Israel, der eine Vielzahl von Opfern forderte und erst 1970 mit einem von den USA vermittelten Waffenstillstand endete.[39]
Während die Kontrolle in den besetzten Gebieten mehr oder weniger wieder hergestellt und offenbar stabil war, sah sich Israel am 6. Oktober 1973, dem Yom-Kippur (höchster israelischer Feiertag), völlig überrascht mit einem Angriff von Seiten Ägyptens und Syriens konfrontiert. Im Süden drangen die ägyptischen Truppen über den Suezkanal in den Sinai ein, während zeitgleich im Norden Syrien in den Golanhöhen angriff. Die zunächst ebenso überraschten Supermächte USA und UdSSR begannen bald damit, ihre jeweiligen Bündnispartner mit Material zu unterstützen. Trotz der Anfangserfolge, welche die Armeen Syriens und Ägyptens vor allem aufgrund des Überraschungsmoments erzielen konnten, gelang er der Übermacht Israels doch bald, ihre Truppen weit in das Territorium der beiden Aggressoren eindringen zu lassen. Nun sahen sich auch die Supermächte zu einer öffentlichen Intervention gezwungen.[40]
Von den USA wurde ein Truppenentflechtungsabkommen zwischen Israel und Ägypten vermittelt, welches für 1974 und 1975 den Rückzug israelischer Einheiten aus Teilen des Sinai vorsah. Auch an der Golanhöhen-Front fand eine Truppenentflechtung zwischen Syrien und Israel statt. Territorial waren die durch den Krieg erwirkten Veränderungen unwesentlich, wenngleich die arabische Welt den Ausgang als Teilerfolg feierte, da er ein „Aufleben der arabischen Solidarität“ bewirkt hatte. So kam es im November 1973 zu einem arabischen Gipfeltreffen, auf dem die PLO erstmals als rechtmäßige Vertreterin des palästinensischen Volkes akzeptiert wurde. Im folgenden Jahr erlangten die Palästinenser einen weiteren Erfolg, als Arafat im November 1974 vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen sprechen konnte und die Resolution 3236 der PLO einen Beobachterstatus bei der UN zusprach. Nun war zum ersten Mal die Rede von den „Rechten des palästinensischen Volkes“, was v.a. das Recht auf Selbstbestimmung beinhaltete[41], während Israel weiterhin seine Siedlungspolitik in den besetzten Gebieten vorantrieb (s.o.).
Auf Vermittlung des amerikanischen Außenministers Henry Kissinger hin begannen ab 1973 Verhandlungen zwischen Israel und Ägypten, die 1977 zum sog. Sinai-Abkommen und im November 1977 zu einem historischen Besuch des ägyptischen Präsidenten Anwar al Sadat in Jerusalem führten. Ägypten versprach sich von dieser Politik in erster Linie wirtschaftliche Vorteile von Seiten der USA. In seiner Rede vor der Knesset äußerte Sadat den Friedenswillen Ägyptens, betonte aber auch, dass ein dauerhafter Frieden nicht ohne Rückzug Israels aus den besetzten Gebieten sowie Lösung des Palästinenserproblems und Anerkennung deren Rechte durch Israel möglich sei. Die arabische Welt war über diese Schritte Ägyptens freilich entsetzt und sprach von „Verrat an der arabischen Sache“. Nicht nur straften die Regierungschefs Ägypten mit dem Ausschluss aus der Arabischen Liga, sondern Sadat sollte 1981 für seine Politik persönlich mit dem Leben bezahlen: er wurde von islamischen Fundamentalisten ermordet.[42] Da die Reaktion des israelischen Ministerpräsidenten Menachem Begin insgesamt zurückhaltender als erwartet ausfiel, lud schließlich Jimmy Carter beide Parteien zu einem Friedensgipfel nach Camp David ein. Bei zwischenzeitlich völlig aussichtslos scheinenden Verhandlungen nahm Israel zu Beginn einen eher unflexiblen Standpunkt ein, stimmte am Ende aber doch zu, sich aus dem Sinai zurückzuziehen. Aufgrund dieser Rückgabe von besetztem Land kam der Friedensvertrag zwischen Israel und Ägypten von 1979 zustande. Ägypten war das erste arabische Nachbarland Israels, das den Staat Israel anerkannte. Die Sanktionen, die das Land daraufhin von den anderen arabischen Staaten erfuhr, wurden bereits erwähnt. In Israel wurde das Camp-David-Abkommen von breiten Bevölkerungsschichten positiv aufgenommen, während in politischen Kreisen vielen die Zugeständnisse Begins zu weit gingen. Bei den Palästinensern stieß Sadats Friedensinitiative und der nachfolgende Vertrag mit Israel hingegen auf starke Ablehnung.[43]
Durch die verstärkte Präsenz palästinensischer Kämpfer in Jordanien war es dort 1970 zu einem Bürgerkrieg gekommen, in dessen Verlauf das jordanische Militär v.a. palästinensische Guerillastützpunkte angriff und im Juli 1971 zur Gänze zerstört hatte. Infolgedessen war die PLO gezwungen, ihre Basis zu verlegen, stieß dabei aber auf wenig Unterstützung von Seiten anderer arabischer Staaten und sah sich zudem zunehmend marginalisiert, worauf sie Anfang der 70er Jahre mit radikalen Maßnahmen wie Anschlägen auf zivile Ziele in Israel und im Ausland reagierte. Schließlich nutzten die Guerillagruppen der Palästinenserorganisation die Schwäche der Zentralregierung im Libanon und errichteten neue Stützpunkte mit Hauptquartier in Beirut. Die dort entwickelten Strukturen ähnelten zunehmend einem „Staat im Staate“, was u.a. auch auf die palästinensische Einwanderungswelle von womöglich bis zu 30.000 Personen zurückzuführen war.[44] Von ihrer Basis im südlichen Libanon aus wurden Angriffe gegen Israel geplant und durchgeführt. In Israel mehrten sich im Laufe dieses Prozesses die Stimmen der „Falken“, d.h. derjenigen, welche die angesprochenen Probleme durch militärische Gewalt lösen wollten. Auch wenn keine offiziellen Anordnungen bekannt sind, wird doch von einer Reihe israelischer Analysten berichtet, dass im Frühjahr 1982 u.a. Verteidigungsminister Ariel Scharon verlauten ließ, dass er Soldaten, die auf palästinensische Protestanten das Feuer eröffneten, nicht hart zu bestrafen gedenke.[45] Die Hardliner in der israelischen Führungen plädierten schon früh für einen Angriff auf den Libanon, wobei die Zerschlagung der PLO sowie die Installierung eines Israel-freundlichen Regimes im Libanon erkläre Ziele waren.[46] Anlass zum endgültigen Einmarsch in den Südlibanon war die Ermordung des israelischen Botschafters in London im Juni 1982, so dass Israel bereits am Tag danach intensive Luftangriffe starteten. Bald wurde deutlich, dass Israel nicht lediglich die Errichtung einer „Sicherheitszone“ im Südlibanon anstrebte, wie zunächst vermittelt worden war, sondern die Kontrolle über den Südlibanon sowie die Zerschlagung der PLO-Strukturen beabsichtigte. Erst ein erneutes Eingreifen der USA, diesmal unter Führung von Phillip Habib, konnte die Situation entschärfen. Die palästinensischen Truppen versprachen ihren Rückzug aus Beirut, falls im Gegenzug dazu eine internationale Friedenstruppe stationiert würde, die den Schutz der verbleibenden Palästinenser – v.a. der Zivilbevölkerung – sichern würde. Diese verließ allerdings sehr schnell wieder das Land und ließ die Palästinenser ungeschützt zurück. So konnte es zu jenem Massaker am 16. September 1982 kommen, als maronitische Milizen unter den Bewohnern zweier Flüchtlingslagern ein Blutbad anrichteten, dem die israelische Armee tatenlos zusah.[47]
Auf dieses Ereignis ist auch jene Tatsache hauptsächlich zurück zu führen, dass es in der israelischen Bevölkerung zu massiven Protesten gegen den geführten Krieg kam und sich eine starke Opposition gegen diesen Krieg formierte. In Tel Aviv gab es die größten Demonstrationen in der Geschichte Israels und Verteidigungsminister Ariel Scharon musste zurücktreten. Letztendlich zog Israel sich 1985 aus dem Libanon zurück, behielt aber die Kontrolle über eine „Sicherheitszone“, die terroristische Angriffe aus dem Südlibanon verhindern sollte.[48]
Insgesamt hatte Israel sein Ziel einer Zerschlagung der PLO nicht erreichen können, wenngleich diese sehr geschwächt aus dem Konflikt hervorging und erneut ins Exil fliehen musste, diesmal nach Tunis. Immerhin hatte sie weiterhin ihre Bedeutung als wichtigstes Identifikationsobjekt für die Palästinenser nicht verloren. Der Nahostkonflikt selbst hatte sich durch die beschriebenen Ereignisse von den zwischenstaatlichen Streitigkeiten der 60er und 70er Jahre, die ihren Ausdruck besonders im Sechs-Tage-Krieg und dem Yom-Kippur-Krieg gefunden hatten, wegbewegt, wenngleich die arabischen Staaten weiterhin eine Rolle in den folgenden Jahrzehnten des Konflikts spielen sollten. Was seitdem folgte spielte sich in erster Linie zwischen dem Staate Israel und (teilweise selbsterklärten) Vertretern des palästinensischen Volkes, wie der PLO, ihren Unterorganisationen sowie zahlreichen radikalen Terrorgruppen wie Hisbollah ab.[49]
Im Laufe der 80er Jahre kam es vermehrt zu Übergriffen und gewalttätigen Auseinandersetzungen in den besetzten Gebieten, auf welche die israelische Regierung mit einer „Politik der eisernen Faust“ reagierte. Hierzu gehörte u.a. das Verbot PLO-naher Organisationen und die Absperrung von Städten und Dörfern. Die aufgestauten Frustrationen auf palästinensischer Seite, die sich auf die verschlechterte wirtschaftliche Lage der Bevölkerung, die fehlenden politischen Betätigungsmöglichkeiten sowie auch die israelische Siedlungspolitik in der Westbank und dem Gazastreifen zurückführen lassen, entluden sich schließlich, nachdem am 8. Dezember 1987 am Eres-Checkpoint ein israelisches Militärfahrzeug mit einem palästinensischen PKW zusammenstieß. Ergebnis war die erste Intifada (arab. „Erhebung“) der Palästinenser gegen die israelische Besatzung, die in besonders extremer Form im Gazastreifen ausbrach. In diesem hatten sich aufgrund der sehr schlechten Lebensbedingungen militante islamistische Bewegungen, wie beispielsweise die Gruppen Islamischer Heiliger Krieg und Hamas etablieren können und weit mehr Einfluss als die PLO gewonnen.[50] Im Westjordanland, auf das die Unruhen schnell übergriffen, wurde die Intifada hingegen weitestgehend von der PLO kontrolliert. Es kam zum Boykott israelischer Produkte, zu zivilem Ungehorsam und Generalstreiks, während Steine werfende palästinensische Jugendliche, denen sich die weit überlegene israelische Militärmacht entgegenstellte, am medienwirksamsten waren. Bei der 19. Sitzung des Palästinensischen Nationalrates 1988 proklamierte Arafat in Tunis den Staat Palästina. Dabei bezog er sich eindeutig auf die UN-Teilungsresolution 181 von 1947, womit er gleichsam automatisch das Existenzrecht eines jüdischen Staates anerkannte.[51] Auch die UN-Resolutionen 242 und 338 wurden in diesem Zuge anerkannt. Der Sinneswandel auf palästinensischer Seite wurde teilweise mit der seit 1974 einsetzenden Hinwendung der PLO zu einer realistischeren Politik bzw. Diplomatie erklärt.[52] Nach einer Rede Arafats vor der UN-Vollversammlung im November 1988, in der er ausdrücklich die Existenz des Staates Israel anerkannte, nahm die USA einen Dialog mit der PLO auf, was sie bisher immer abgelehnt hatte.[53] Die israelische Bevölkerung stand diesem Umschwung der PLO skeptisch gegenüber, während die Intifada an Stoßkraft verlor.
Aber auch innerpalästinensische Konflikte wurden im Zuge der Intifada immer grausamer ausgetragen. Meist wurde der Vorwurf der Kollaboration mit der israelischen Besatzungsmacht zur Legitimation für die Tötung ungeliebter Konkurrenten benutzt, so dass die Zahl der Opfer innerpalästinensischer Konflikte ab 1991 die Zahl der durch Israelis getöteten Palästinenser übertraf. Viele Palästinenser waren außerdem darüber enttäuscht, dass die politischen Konzessionen von 1988 keine direkten Folgen gezeitigt hatten, da Israel weiterhin direkte Verhandlungen mit der PLO ablehnte. Schwerer noch wurde der Stand der PLO, als sie im Golf-Krieg 1991 offen Partei für Saddam Hussein ergriff, wodurch sie nicht nur auf Distanz zum eben für ihre Probleme sensibler gewordenen Westen ging, sondern auch noch die Sympathien und die damit zusammenhängenden Finanzquellen innerhalb der arabischen Welt verspielte.[54]

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