Home > Regionen > Nord- und Lateinamerika > Gesamtregion > Analysen > Brüchige Identitäten in Late...

Brüchige Identitäten in Lateinamerika

Manfred Mols

in: Internationale Politik, 09/2001, S. 23-30.

In den noch nicht abgeschlossenen Umbruch des internationalen Systems ist Lateinamerika voll einbezogen, jedoch weiterhin nicht, wie führende Analysten betonen, als „rulemaker“, sondern als „ruletaker“.1 Die lateinamerikanischen Länder hätten im globalen System – jenseits von Ökonomiefragen und mit der möglichen Ausnahme Brasiliens –  kaum eigene Akzente gesetzt und seien daher Mitspieler dritten Grades geblieben. Kein Geringerer als Robert O. Keohane leugnet Lateinamerikas früher gern diskutierte Qualität eines regionalen Subsystems im globalen System.2 Heißt dies, dass Lateinamerika mit den internationalen Herausforderungen nicht fertig wird und allmählich zu einer historischen Randgröße der internationalen Politik wird? Und geht damit auch jene früher als selbstverständlich angesehene Identität des iberischen Amerika verloren, die seit den Tagen Simón Bolívars eine historisch und kulturell abgeleitete Orientierungsgröße in den Staaten und Gesellschaften südlich des Rio Grande war?3
Beitrag erschienen in: Internationale Politik 9/2001
Eine vorläufige Antwort auf diese  Fragen mag paradox klingen: Lateinamerika zeigt mit Sicherheit nicht mehr die Handlungseinheit früherer Jahrzehnte; es ist sich aber realer Optionen im internationalen System bewusst, die ihm über Generationen hinweg versagt waren.
Der am häufigsten genannte Hinweis auf Lateinamerikas veränderte internationale Konditionierung bezieht sich auf das Ende des Ost-West-Konflikts. Eine geradezu radikale Konsequenz sei die erhebliche Relativierung Lateinamerikas im Aufmerksamkeitspegel Washingtons. Lateinamerika habe aufgehört, im Rahmen der weltweit geführten Konkurrenz mit dem kommunistischen Lager jene teils überwachte, teils umworbene Region zu sein, die ihrer Qualität als „our Western Hemisphere“ nicht verlustig gehen durfte. Wenn und wo es noch hegemoniale Anklänge gäbe, hießen sie überwiegend „hegemony by default“.4 In der Tat: Wenn aus der Sicht Washingtons im Realverhältnis heute vor allem die Schnittmengen von außen- und innenpolitischen Problemen zählen (Drogen, Migrations- und Grenzfragen, Umweltprobleme, Gesundheitsrisiken, Außenhandel als Beschaffer von Arbeitsplätzen), dann wird hier auf Verwundbarkeiten abgehoben, denen sich die USA selbst ausgesetzt sehen.5 Hier hat sich ein ungewohnter Problemkomplex für die lateinamerikanischen Staaten aufgebaut: Sie müssen mit der relativen Vernachlässigung durch den bisherigen Hegemon fertig werden, der in der jetzt einzigartigen Rolle als globale Ordnungsmacht internationale Verantwortlichkeiten kennt, die sich nur noch dann auf die westliche Hemisphäre beziehen, wenn sie nördlich des Rio Grande innenpolitisch durchschlagen. Ein aussagekräftiger Indikator des „default“ ist z.B. der drastisch gesunkene Anteil der USA an der Lateinamerika gewährten Entwicklungshilfe. Damit haben die Vereinigten Staaten ein früher bewährtes Instrument der Politikbeeinflussung weitgehend aus der Hand gegeben.6 Von Lateinamerika geht, abgesehen von den veränderten Sicherheitsproblemen der „intermestic issues“, keine Sicherheitsbedrohung der klassischen Art mehr für die USA aus.

Alles in allem zeichnen sich jedoch schon die späten achtziger und mehr noch die neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts durch eine fühlbare Entkrampfung im interamerikanischen Verhältnis aus. Pragmatismus und Funktionalität haben mehr und mehr historische Vorbelastungen und ideologische Vereinnahmungen und Abgrenzungen ersetzt. So sehr die Vereinigten Staaten weiterhin eine Rolle spielen werden, die man nur verbrämend als die eines „primus inter pares“ bezeichnen könnte, und so sehr sie auch heute nicht völlig frei sind von den Versuchungen der überkommenen „hegemonic presumption“ (Art der Behandlung Kolumbiens einschließlich des Missbrauchs andiner Souveränitäten, Zertifikationsfrage, Helms-Burton-Gesetz und anhaltende Diskriminierung Kubas), so sehr hat sich vieles im innerhemisphärischen Verhältnis normalisiert. Aus Konfrontation ist ein erhebliches Stück Konvergenz geworden. Der einflussreiche chilenische OAS-Botschafter und Politologe Heraldo Muñoz spricht daher von einer „agenda of shared interests“, die sich in verschiedener Hinsicht zeige:7 etwa in der (überwiegenden) Zuwendung zur repräsentativen Demokratie, in der weitgehenden lateinamerikanischen Akzeptanz einer marktwirtschaftlich ausgerichteten Ordnungspolitik und in der internationalen Grundorientierung zu einem „offenen Regionalismus“, in der stärkeren Orientierung der lateinamerikanischen politischen und ökonomischen Eliten an Kriterien kalkulierbaren ökonomischen Nutzens, und in relativ freien internationalen Optionen, wie sie Lateinamerika vordem nie gekannt hatte.

Orientierungszwänge

Die veränderte hemisphärische Situation ist sicherlich mit Blick auf frühere Identitätsanläufe Lateinamerikas kein durchgehender Gewinn. Doch sind die Vorteile genauso wenig zu übersehen. Lateinamerika ist gezwungen, sich eigenständiger und selbstverantwortlicher Akteur auf dem  internationalen Feld zu bewegen. In dieser historisch neuen Situation liegt es nahe, sich um drei Dinge zu kümmern: 1. ist das Verhältnis zu den lateinamerikanischen Nachbarn zu überdenken und eventuell zu intensivieren; 2. sind Strategien einer breiteren internationalen Diversifizierung zu verfolgen; 3. muss Lateinamerika sich dem Phänomen der Globalisierung stellen. Hier ist eine Umbruchsituation in den Orientierungen Lateinamerikas aufgekommen, die noch längst nicht abgeschlossen ist.
Zum markantesten Erscheinungsbild Lateinamerikas gehört in der Gegenwart ein intensivierter Regionalismus in informeller wie in formell-organisatorischer Hinsicht. Es gibt eine Vielzahl bi- und multilateraler Kooperationsverträge, die einen erheblich intensivierten Austausch im Handel und selbst im Investitions- und Dienstleistungsbereich, bei Verkehrs- und Energieprojekten, in der Verbrechensbekämpfung sowie in sicherheitspolitischer und in kultureller Hinsicht ermöglicht haben, was im Gesamteindruck an die früheren Vorstellungen Karl W. Deutschs zum Transaktionalismus erinnert. Staatspräsidenten, Außen- und sonstige Fachminister sehen sich mehrmals im Jahr; parallel dazu wird die besonders wichtige Ebene der leitenden Beamten immer verflochtener. Ein anderes Kennzeichen dieses intensivierten lateinamerikanischen Transaktionalismus sind länderübergreifende Netzwerke in Unternehmensbereichen, aber auch im Zwischenfeld zwischen Ökonomie und Politik, wie sie für das Entstehen von wirtschaftlichen Großräumen internationaler Prägung charakteristisch sind.
Gleichwohl darf aus solchen Entwicklungen nicht der Schluss gezogen werden, die Region als ganze bewege sich damit in einer zeitangemessenen Form auf jene Einheit zu, die sich in Lateinamerikas historischer Projektionsphilosophie des Bolivarismus oder in der früheren Integrationshaltung der Comisión Económica para América Latina (CEPAL) anzukündigen schien. Quer zum fortlaufenden Prozess des Transaktionalismus und damit auch quer zu potenziellen Verflechtungseffekten stehen mehrere Entwicklungen, die den „erneuerten Regionalismus“ (Muñoz) wieder einschränken. Die augenfälligste Form der Distanzierung von den bolivaristischen Traditionen ist die zu beobachtende starke ökonomische und politische Subregionalisierung. Die zumindest bisher erfolgreichste Erscheinung dieser Art ist der zwischen Brasilien, Argentinien, Paraguay und Uruguay (mit Chile und Bolivien als assoziierten Mitgliedern) abgeschlossene „Markt des Südens“ (Mercosur).
Parallel dazu haben sich ältere Subregionalismen in anderen Zonen Lateinamerikas revitalisiert: die Anden-Gemeinschaft, der Zentralamerikanische Gemeinsame Markt (MCCA), der Zusammenschluss der meisten Staaten der Inselkaribik unter dem Namen CARIFTA/CARICOM und – als ein jede lateinamerikanische Integrationstradition sprengender Grenzfall – Mexiko mit seiner Zugehörigkeit zur Nordamerikanischen Freihandelszone (NAFTA). Dem Mercosur lag die strategische Idee zugrunde, „der Logik der Integration den Vorzug vor der Logik der Zersplitterung zu geben und somit einen gemeinsamen Raum der Stabilität und der Demokratie zu schaffen, dessen Träger ihre Ressourcen und Märkte teilen, und die gemeinsam auf internationaler Bühne konkurrieren und Handel treiben.“8 Aus verschiedensten Gründen ist das zeitweilig erfolgreichste Projekt regionaler Integration in eine Situation geraten, in der selbst seine führenden Architekten wie etwa der Argentinier Felix Peña die Gefahr des Stillstands und der Erosion diskutieren müssen, wobei er an Gefahren der „Verstärkung jener Fragmentierungstendenzen“ erinnert, „die im regionalen südamerikanischen Raum bereits zu beobachten sind.“9

Klima der Kooperation

Dem erkennbaren Erfolg, den die regionale wie subregionale politische Kooperation in Lateinamerika mit sich gebracht hatte und die man vor Jahren nicht ohne verständlichen Stolz dem eigenen politischen Publikum und internationalen Freunden unter dem Leitbegriff der „concertación“ vorzustellen suchte, steht die schlichte Tatsache gegenüber, dass die Konzertation weder auf einer gesamtregionalen Ebene noch im Mercosur noch in der Anden-Gemeinschaft noch in Zentralamerika die Bindekraft verbindlicher Entschließungen kannte. Sie schuf ein nicht zu unterschätzendes Kooperationsklima, das auch heute nicht zu existieren aufgehört hat, aus dem aber keine  institutionellen Arrangements entstehen konnten, die auf den Ebenen von verbindlichen politischen Entscheidungen und ihrer administrativen Umsetzungen liegen. Traditionelle Souveränitätsvorbehalte spielen hier hinein, auch die noch längst nicht überwundene politisch-soziale Kultur der „desconfianza“ dem anderen gegenüber.
Dieses Misstrauen wird heute zusätzlich genährt durch die verbreitete Einsicht, dass weder die prodemokratische Wende noch die liberale Ordnungspolitik zu gesicherten Größen von Dauer für alle geworden sind. Die „Fälle“ Paraguay (Putschversuche), Peru (Fujimori-Komplex), Ecuador (brüchige Regierbarkeit), Kolumbien (nicht gelöste Guerilla- und Violencia-Situation), Venezuela (Aufgabe des demokratischen Parteiensystems) sowie die Entwicklungen in Argentinien (Dekrete-„Demokratie“ unter Carlos Menem, eklatante Führungsschwäche unter Fernando de la Rúa) und die politische Situation in den meisten zentralamerikanischen Ländern erlauben es nicht, ein wechselseitiges politisches Vertrauen aufkommen zu lassen. Weniger belastend hingegen – darin unterscheidet sich Lateinamerika von Europa – ist der Umgang mit ehemaligen Diktatoren und autoritären Regimen, da sie innerhalb einer traditionell etatistischen Staatsanschauung und autoritär geprägten Sozialkultur eher Extremfälle vorhandener Muster denn Beispiele völliger Anormalität abgaben.
Im gegenwärtigen Lateinamerika fehlt dem gängig gewordenen Uni- und Bilateralismus und den mehrfachen Subregionalismen eine gesamtregionale, auf Konsens stoßende Vision, die auf gemeinsame regionale Interessen und Handlungschancen abhebt. Konfliktmanagement ist das vorherrschende, länderübergreifende Identitäten nicht gerade fördernde Orientierungsmuster fast aller Regierungen geworden.
Die erwähnten wirtschaftlich geprägten Netzwerke schaffen keinen Ausgleich, da sie auf Funktionslogik ausgerichtet sind, in internationalen Ansätzen keine effektive Steuerungsinstanz kennen und in der Anlage mit nichtstabilen Mitgliedschaften informell bleiben. Erschwerend kommt hinzu, dass die parteipolitische Schiene gesamtlateinamerikanischer Vernetzungen kaum noch ins Gewicht fällt. Die internationalen bzw. regionalen Parteienfamilien der Christdemokraten, Sozialdemokraten, Liberalen usw. üben bei weitem nicht mehr die politische Anziehungskraft früherer Jahre aus.

Es fällt außerdem auf, dass in den Universitäten und Forschungsinstituten die intellektuelle Trägerschicht für Überlegungen zur lateinamerikanischen Einheit dünner geworden ist. Bedeutet das Schwinden von Auslegern und „Fahnenträgern“ der Identität einen bloßen Ausdruck eines Generationenwechsels? Oder steckt dahinter eine historische Großkonstellation, die mit attraktiv erscheinenden, aber für die einzelnen Länder nicht identischen Optionen und dem Druck und den Chancen der Globalisierung zusammenhängen?

Optionen

Dank der geschilderten Relativierung der „hegemonic presumption“ verfügt Lateinamerika heutzutage über strategische Optionen, die ihm früher nicht geläufig, verschlossen oder de facto erheblich erschwert waren.10
Option I besteht in weltweit angelegten Handelsbeziehungen, wie sie insbesondere von Chile mit etlichem Erfolg versucht worden sind, die aber in der Tendenz auch für weitere südamerikanische Länder gelten. Chile wickelt inzwischen rund ein Drittel seines Außenhandels mit Ost- und Südostasien und ein weiteres Drittel mit den EU-Ländern ab. Von einer Dominanz der USA kann allenfalls noch bei den Investitionen die Rede sein.
Option II ist ein engerer Anschluss an den Norden; Prototyp dieser Orientierungen ist Mexiko. Es war dies keineswegs eine Traumoption für Mexiko, das unter seinem Präsidenten Carlos Salinas de Gortari noch den plurilateralen Versuch Chiles überlegt hatte, in Europa aber damit scheiterte und mit Blick auf Asien nicht im Ansatz jenes Maß an konsequenter Politikkoordinierung und -Steuerung schaffte, das in Chile durchsetzbar war.11 Die NAFTA-Zugehörigkeit hat sich trotz mancher Reibungen mit den USA als ein Erfolg für Mexiko herausgestellt. Andere lateinamerikanische Staaten (vor allem Argentinien, Chile, Costa Rica und zeitweilig Kolumbien) konnten sich daher gut eine Western Hemisphere Free Trade Area (WHFTA) vorstellen.
Überlegungen dieser Art erhielten durch den ersten „Summit of the Americas“ in Miami (Dezember 1994) einen erheblichen Auftrieb, wo man eine – zunächst mit Chile zu beginnende – Free Trade Area of the Americas (FTAA) beschloss. Obwohl die Staats- bzw. Regierungschefs der 34 beteiligten Länder die Überlegungen ihrer Handelsminister auf dem dritten Gipfel der Amerikas vom 20. Und 21. April 2001 in Quebec bekräftigen, die FTAA-Verhandlungen im Januar 2005 abzuschließen, blieb es dennoch offensichtlich, dass längst nicht alle lateinamerikanischen Länder hinter der Option II („Joining with the North“) stehen. Zwar blieb Präsident Hugo Chavez von Venezuela der einzige, der offen opponierte, doch kamen Bedenken von vielen Seiten und mit unterschiedlichen Argumentationen. Es ist u.a. offensichtlich, dass Brasilien weiterhin die seit 1994 beharrlich lancierte Idee einer großen Südamerikanischen Freihandelszone (die auf eine Fusion von Mercosur und Anden-Gemeinschaft unter Brasilias Führung hinauslaufen würde) bevorzugt.  
Option III wird mit „Affirming Self-Reliance“ beschrieben. Darunter wird angesichts der divergierenden Interessen in Lateinamerika sowohl eine gezielte Rückbesinnung auf die strategischen Möglichkeiten einzelner Staaten als auch eine Stärkung subregionaler Integration verstanden, beides mit dem Ziel, sich effektiver in die Weltwirtschaft einzubringen und sich auf diese Weise aktiver der Globalisierung zu stellen. Die Strategie mag einiges an Plausibilität für sich beanspruchen, verrät aber bei näherem Hinsehen ihre Grenzen. Konsequent verfolgt, bedeutet sie den endgültigen Verzicht auf regionale Einheit durch kalkulierbare Kooperation. Versteht man Globalisierung zunächst als eine intensivierte ökonomische und finanzielle Verflechtung auf weltweiter Basis, bleiben die lateinamerikanischen Volkswirtschaften und ihre Gruppierungen zu unbedeutend, um Impulse gebende Einflüsse aus eigener Kraft entstehen zu lassen. Schließt man den Faktor Entwicklung und Forschung mit ein, ist – mit der relativen Ausnahme Brasiliens – Fehlanzeige zu melden. Weitet man Globalisierung auf Wirtschaft, Gesellschaftsstrukturen und Politik formende grundsätzliche Vorstellungen aus, d.h. auf den zivilisatorischen Prozess der Weltgegenwart in seinen wesentlichen Ordnungskomponenten, wird man sich dem Urteil Keohanes anschließen müssen, dass die lateinamerikanischen Länder „nicht wirklich die Globalisierung …, wohl aber … deren Brechungen in ihren Gesellschaften beeinflussen können.“12
Im Verhaltensalltag (nicht nur der Lateinamerikaner) wird Globalisierung häufig mit Amerikanisierung gleichgesetzt. Bringt man dies zusammen mit der Tatsache, dass das in Mode befindliche neoliberale Wirtschaftsmodell seinen Ursprung in den USA hatte und seine Auswirkungen in Lateinamerika heute umstritten sind, dann wird völlig klar, dass der Kontinent weder zu den „rulemakers“ gehörte noch gehören wird, weil die Schattenseiten des Modells immer offener diskutiert werden. Weder hat die neue Politik die überkommenen Distributionsverzerrungen aufgehoben, noch das in allen Ländern zu beobachtende und eher noch wachsende Modernisierungsgefälle (die berüchtigte „Dualisierung“ in Ländern wie Mexiko, Brasilien, Chile, Argentinien usw.) angehen können.
Option IV bezeichnet das Werben um extrahemisphärische Partnerschaften. Lateinamerikas historische Legate einschließlich seiner grundlegenden historischen und philosophischen Konzepte sind seit Jahrhunderten durch Europa geprägt, und – wie immer gelungen und manchmal auch problematisch die europäische Politik gegenüber Lateinamerika sich gestalten mag – Europa hat selten prinzipielle Schwierigkeiten gehabt, Lateinamerika als Teil der eigenen Welt anzusehen – als „den äußersten Westen“ (Alain Rouquié). Von Europa sind immer wieder Impulse zur Unterstützung einer lateinamerikanischen Identität ausgegangen. Weder wäre der ab 1960 auf breiter Front angelaufene lateinamerikanische Integrationsprozess ohne eine massive und im Einzelnen konkrete europäische Unterstützung vorangekommen, noch hätten sich ins Gewicht fallende lateinamerikanische Institutionen seiner internationalen Repräsentation (Rio-Gruppe, Lateinamerikanisches Parlament) ohne bewusst von Europa aufgebaute Partnerschaften durchgesetzt. Unvergessen bleibt auch die friedenserhaltende Politik der Europäer im Zentralamerika-Konflikt der achtziger Jahre, die die von Lateinamerika selbst ausgehenden Lösungsansätze (Contadora- und Contadora-Unterstützungsgruppe, Esquipulas-Prozess) dadurch erheblich aufwertete, dass sie sie ernst nahm.
Die Europäer sehen sich indessen heute mit der Tatsache der innerlateinamerikanischen Subregionalisierung bzw. mit den unterschiedlich ergriffenen Optionen einzelner Länder und Ländergruppen konfrontiert, so dass eine mit Substanz angefüllte, auf ganz Lateinamerika ausgerichtete europäische Politik trotz der iberisch-lateinamerikanischen Gipfeltreffen und trotz des Rio-Gipfels vom Sommer 1999 wenig Chancen hat. Symptomatischer sind die getrennt geführten Assoziierungsverhandlungen mit Mexiko (inzwischen abgeschlossen), dem Mercosur und Chile geworden. In dieses Bild einer relativen Resignation vor dem Phänomen eines Auseinanderdriftens Lateinamerikas passt die Tatsache, dass auch das Auswärtige Amt in Berlin das Bild einer umfassenden Lateinamerika-Strategie zugunsten von Teilstrategien aufgegeben hat.

Zum Werben um außerhemisphärische Partnerschaften gehört ferner das sich entwickelnde Kooperationsverhältnis mit Asien-Pazifik. Charakteristisch ist auch hier ein Erscheinungsbild selektiver Annäherungen, was unter anderem darin zum Ausdruck kommt, dass bisher lediglich Mexiko, Chile und Peru Mitglieder der Organisation für Asiatisch-Pazifische Wirtschaftskooperation (APEC) werden konnten und offensichtlich im Verhältnis untereinander wenig Abstimmung zeigen. Inwieweit das durch eine Initiative Singapurs mit Chile neu gegründete „Forum Ostasien – Lateinamerika“ (Foro América Latina-Asia del Este/FALAE) dazu beitragen kann, die Region als Ganze an Asien-Pazifik heranzuführen, muss sich erst noch erweisen.

Sicherheitsgemeinschaft

Eine tiefgründige Überlegung zum aktuellen Stand einer lateinamerikanischen Identität stammt aus der Feder des bolivianischen Sozialwissenschaftlers Felipe Mansilla:14 Die früher so bedeutsamen ethnokulturellen Faktoren verlieren im Zeitalter der massiven Globalisierung erheblich an Gewicht. Anschluss an die ­Globalisierung bedeutet Anschluss an westliche, vor allem nordameri­kanisch geprägte Ordnungsvorstellungen, primär also die breite Übernahme westlicher liberaldemokratischer Standards. Wer dem nicht entspricht, droht in eine Randlage zu geraten. Dies aber impliziert Wettbewerb der einzelnen Staaten und Gesellschaften bzw. der lateinamerikanischen Subregionen untereinander zu Lasten bisher akzeptierter historisch geprägter Identitätsvorstellungen.

Die alte „Schicksalsgemeinschaft“, die sich als eine Mischung aus Mythos und Zukunftsprojektion darstellte, verliert an Kraft für den Zusammenhalt. Wird sich dies fortsetzen, vertiefen, zu einer nicht mehr reversiblen Gebrochenheit früherer Identität führen? Das letzte Wort darüber ist schwer zu formulieren. Wer sich als Politikwissenschaftler eine ausreichende Sensibilität für den Rang historisch-kultureller Vermächtnisse bewahrt hat, wird ein Stück Misstrauen gegenüber zeitlichen oder zeitgeschichtlichen Momentaufnahmen behalten, auch wenn sie sich als Trend unter globalen Vorzeichen präsentieren. Wir erleben ja immer wieder, dass es historisch angelegte Schichten gibt, die „Ruhezeiten“ kannten, ohne indessen verschwunden zu sein. Von der jetzt brüchig gewordenen Identität zu schreiben, darf daher nicht die oft manifeste, manchmal aber eher latente Aktualität von korrigierend eingreifender Geschichte vergessen lassen.

Anmerkungen

1 Vgl. Joseph S. Tulchin/Ralph H. Espach, Latin America in the New International System: A Call for Strategic Thinking, in: dies. (Hrsg.), Latin America in the New International System, Boulder/Colorado 2001, S. 1–34, hier S. 2.
2 Vgl. Robert O. Keohane, Between Vision and Reality: Variables in Latin American Foreign Policy, in: Tulchin/Espach, a.a.O., S. 207 ff., hier S. 208.
3 Vgl. Enrique M. Barba u.a., Iberoamérica, una comunidad, Madrid 1989.
4 Vgl. Peter H. Smith, Talons of the Eagle. Dynamics of U.S.-Latin American Relations, New York und Oxford 1996.
5 Vgl. Albert Fishlow/James Jones (Hrsg.), The United States and the Americas, New York und London 1999.
6 Vgl. Nancy Birdsall/Nora Lustig/Lesley O’Connell, The United States and the Social Challenge in Latin America: The New Agenda Needs New Instruments, in: Fishlow/ Jones, a.a.O., S. 79–108.
7 Vgl. Heraldo Muñoz, Good-bye U.S.A.?, in: Tulchin/ Espach, a.a.O. (Anm. 1), S. 73–90.
8 Vgl. Felix Peña, Der Mercosur: Rückblick auf ein Jahrzehnt – Ausblick auf die Zukunft, in: KAS/Auslandsinformationen, Nr. 6/2001, S. 46–74, hier S. 46 f.
9 Ebenda, S. 67.
10 Zum Phänomen der aktuellen strategischen Optionen vgl. Peter H. Smith, Strategic Options for Latin America, in: Tulchin/ Espach a.a.O. (Anm. 1), S. 35–72.
11 Vgl. in diesem Zusammenhang Jörg Faust, Diversifizierung als außenpolitische Strategie. Chile, Mexiko und das pazifische Asien, Opladen 2001.
12 Vgl. Keohane, a.a.O. (Anm. 2), S. 212.
13 Vgl. Felipe Mansilla, Lateinamerikanische Identität im Zeitalter der Globalisierung, in: Zeitschrift für Politikwissenschaft, Nr. 1/2000, S. 101–121.

Prof. Dr. Manfred Mols,
Institut für Politikwissenschaft,
Johannes Gutenberg-Universität Mainz.

Dieser Beitrag erscheint mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift Internationale Politik, Ausgabe 09/2001


bookmarken bei...

Mister Wong del.icio.us Facebook Furl YiGG Yahoo MyWeb Diigo Folkd StumbleUpon Google Technorati

Sachgebiete

Lektüre

Jahrbuch Internationale Politik: Weltverträgliche Energiesicherheitspolitik
von Josef Braml, Karl Kaiser, Hanns W. Maull, Eberhard Sandschneider, Klaus Werner Schatz (Hrsg.)

Veröffentlicht am 2. Juni 2008

Das neu konzipierte Standardwerk der internationalen Politik bietet eine systematisch-vergleichende Analyse eines aktuellen Themas: Weltverträgliche Energiesicherheitspolitik. Autorinnen und Autoren sind renommierte deutsche Experten sowie maßgebliche Repräsentanten der operativen Politik, des Bundeskanzleramts, des Bundestags und von Bundesministerien. Neben der wechselseitigen Politikberatung leistet das Jahrbuch – in Zusammenarbeit mit den Medien und anderen Multiplikatoren – auch Öffentlichkeitsberatung.

Weitere Informationen auf der Webseite der DGAP

Home | Newsletter | Suche | Impressum | Datenschutz | DGAP | RSS

Regionen

Service

Locations of visitors to this page

anzeige