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Brüchige Identitäten in Lateinamerika
Manfred Mols
in: Internationale Politik, 09/2001, S. 23-30.
In den noch nicht abgeschlossenen Umbruch des internationalen
Systems ist Lateinamerika voll einbezogen, jedoch weiterhin nicht, wie
führende Analysten betonen, als „rulemaker“, sondern als „ruletaker“.1
Die lateinamerikanischen Länder hätten im globalen System – jenseits
von Ökonomiefragen und mit der möglichen Ausnahme Brasiliens –
kaum eigene Akzente gesetzt und seien daher Mitspieler dritten
Grades geblieben. Kein Geringerer als Robert O. Keohane leugnet
Lateinamerikas früher gern diskutierte Qualität eines regionalen
Subsystems im globalen System.2 Heißt dies, dass Lateinamerika mit den
internationalen Herausforderungen nicht fertig wird und allmählich zu
einer historischen Randgröße der internationalen Politik wird? Und geht
damit auch jene früher als selbstverständlich angesehene Identität des
iberischen Amerika verloren, die seit den Tagen Simón Bolívars eine
historisch und kulturell abgeleitete Orientierungsgröße in den Staaten
und Gesellschaften südlich des Rio Grande war?3
Eine
vorläufige Antwort auf diese Fragen mag paradox klingen:
Lateinamerika zeigt mit Sicherheit nicht mehr die Handlungseinheit
früherer Jahrzehnte; es ist sich aber realer Optionen im
internationalen System bewusst, die ihm über Generationen hinweg
versagt waren.
Der am häufigsten genannte Hinweis auf
Lateinamerikas veränderte internationale Konditionierung bezieht sich
auf das Ende des Ost-West-Konflikts. Eine geradezu radikale Konsequenz
sei die erhebliche Relativierung Lateinamerikas im Aufmerksamkeitspegel
Washingtons. Lateinamerika habe aufgehört, im Rahmen der weltweit
geführten Konkurrenz mit dem kommunistischen Lager jene teils
überwachte, teils umworbene Region zu sein, die ihrer Qualität als „our
Western Hemisphere“ nicht verlustig gehen durfte. Wenn und wo es noch
hegemoniale Anklänge gäbe, hießen sie überwiegend „hegemony by
default“.4 In der Tat: Wenn aus der Sicht Washingtons im Realverhältnis
heute vor allem die Schnittmengen von außen- und innenpolitischen
Problemen zählen (Drogen, Migrations- und Grenzfragen, Umweltprobleme,
Gesundheitsrisiken, Außenhandel als Beschaffer von Arbeitsplätzen),
dann wird hier auf Verwundbarkeiten abgehoben, denen sich die USA
selbst ausgesetzt sehen.5 Hier hat sich ein ungewohnter Problemkomplex
für die lateinamerikanischen Staaten aufgebaut: Sie müssen mit der
relativen Vernachlässigung durch den bisherigen Hegemon fertig werden,
der in der jetzt einzigartigen Rolle als globale Ordnungsmacht
internationale Verantwortlichkeiten kennt, die sich nur noch dann auf
die westliche Hemisphäre beziehen, wenn sie nördlich des Rio Grande
innenpolitisch durchschlagen. Ein aussagekräftiger Indikator des
„default“ ist z.B. der drastisch gesunkene Anteil der USA an der
Lateinamerika gewährten Entwicklungshilfe. Damit haben die Vereinigten
Staaten ein früher bewährtes Instrument der Politikbeeinflussung
weitgehend aus der Hand gegeben.6 Von Lateinamerika geht,
abgesehen von den veränderten Sicherheitsproblemen der „intermestic
issues“, keine Sicherheitsbedrohung der klassischen Art mehr für die
USA aus.
Alles in allem zeichnen sich jedoch schon die späten achtziger und
mehr noch die neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts durch eine
fühlbare Entkrampfung im interamerikanischen Verhältnis aus.
Pragmatismus und Funktionalität haben mehr und mehr historische
Vorbelastungen und ideologische Vereinnahmungen und Abgrenzungen
ersetzt. So sehr die Vereinigten Staaten weiterhin eine Rolle spielen
werden, die man nur verbrämend als die eines „primus inter pares“
bezeichnen könnte, und so sehr sie auch heute nicht völlig frei sind
von den Versuchungen der überkommenen „hegemonic presumption“ (Art der
Behandlung Kolumbiens einschließlich des Missbrauchs andiner
Souveränitäten, Zertifikationsfrage, Helms-Burton-Gesetz und anhaltende
Diskriminierung Kubas), so sehr hat sich vieles im innerhemisphärischen
Verhältnis normalisiert. Aus Konfrontation ist ein erhebliches Stück
Konvergenz geworden. Der einflussreiche chilenische OAS-Botschafter und
Politologe Heraldo Muñoz spricht daher von einer „agenda of shared
interests“, die sich in verschiedener Hinsicht zeige:7 etwa in der
(überwiegenden) Zuwendung zur repräsentativen Demokratie, in der
weitgehenden lateinamerikanischen Akzeptanz einer marktwirtschaftlich
ausgerichteten Ordnungspolitik und in der internationalen
Grundorientierung zu einem „offenen Regionalismus“, in der stärkeren
Orientierung der lateinamerikanischen politischen und ökonomischen
Eliten an Kriterien kalkulierbaren ökonomischen Nutzens, und in relativ
freien internationalen Optionen, wie sie Lateinamerika vordem nie
gekannt hatte.
Orientierungszwänge
Die veränderte hemisphärische Situation ist
sicherlich mit Blick auf frühere Identitätsanläufe Lateinamerikas kein
durchgehender Gewinn. Doch sind die Vorteile genauso wenig zu
übersehen. Lateinamerika ist gezwungen, sich eigenständiger und
selbstverantwortlicher Akteur auf dem internationalen Feld zu
bewegen. In dieser historisch neuen Situation liegt es nahe, sich um
drei Dinge zu kümmern: 1. ist das Verhältnis zu den
lateinamerikanischen Nachbarn zu überdenken und eventuell zu
intensivieren; 2. sind Strategien einer breiteren internationalen
Diversifizierung zu verfolgen; 3. muss Lateinamerika sich dem Phänomen
der Globalisierung stellen. Hier ist eine Umbruchsituation in den
Orientierungen Lateinamerikas aufgekommen, die noch längst nicht
abgeschlossen ist.
Zum markantesten Erscheinungsbild
Lateinamerikas gehört in der Gegenwart ein intensivierter Regionalismus
in informeller wie in formell-organisatorischer Hinsicht. Es gibt eine
Vielzahl bi- und multilateraler Kooperationsverträge, die einen
erheblich intensivierten Austausch im Handel und selbst im
Investitions- und Dienstleistungsbereich, bei Verkehrs- und
Energieprojekten, in der Verbrechensbekämpfung sowie in
sicherheitspolitischer und in kultureller Hinsicht ermöglicht haben,
was im Gesamteindruck an die früheren Vorstellungen Karl W.
Deutschs zum Transaktionalismus erinnert. Staatspräsidenten,
Außen- und sonstige Fachminister sehen sich mehrmals im Jahr; parallel
dazu wird die besonders wichtige Ebene der leitenden Beamten immer
verflochtener. Ein anderes Kennzeichen dieses intensivierten
lateinamerikanischen Transaktionalismus sind länderübergreifende
Netzwerke in Unternehmensbereichen, aber auch im Zwischenfeld zwischen
Ökonomie und Politik, wie sie für das Entstehen von wirtschaftlichen
Großräumen internationaler Prägung charakteristisch sind.
Gleichwohl darf aus solchen Entwicklungen nicht
der Schluss gezogen werden, die Region als ganze bewege sich damit in
einer zeitangemessenen Form auf jene Einheit zu, die sich in
Lateinamerikas historischer Projektionsphilosophie des Bolivarismus
oder in der früheren Integrationshaltung der Comisión Económica para
América Latina (CEPAL) anzukündigen schien. Quer zum fortlaufenden
Prozess des Transaktionalismus und damit auch quer zu potenziellen
Verflechtungseffekten stehen mehrere Entwicklungen, die den „erneuerten
Regionalismus“ (Muñoz) wieder einschränken. Die augenfälligste Form der
Distanzierung von den bolivaristischen Traditionen ist die zu
beobachtende starke ökonomische und politische Subregionalisierung. Die
zumindest bisher erfolgreichste Erscheinung dieser Art ist der zwischen
Brasilien, Argentinien, Paraguay und Uruguay (mit Chile und Bolivien
als assoziierten Mitgliedern) abgeschlossene „Markt des Südens“
(Mercosur).
Parallel dazu haben sich ältere
Subregionalismen in anderen Zonen Lateinamerikas revitalisiert: die
Anden-Gemeinschaft, der Zentralamerikanische Gemeinsame Markt (MCCA),
der Zusammenschluss der meisten Staaten der Inselkaribik unter dem
Namen CARIFTA/CARICOM und – als ein jede lateinamerikanische
Integrationstradition sprengender Grenzfall – Mexiko mit seiner
Zugehörigkeit zur Nordamerikanischen Freihandelszone (NAFTA). Dem
Mercosur lag die strategische Idee zugrunde, „der Logik der Integration
den Vorzug vor der Logik der Zersplitterung zu geben und somit einen
gemeinsamen Raum der Stabilität und der Demokratie zu schaffen, dessen
Träger ihre Ressourcen und Märkte teilen, und die gemeinsam auf
internationaler Bühne konkurrieren und Handel treiben.“8 Aus
verschiedensten Gründen ist das zeitweilig erfolgreichste Projekt
regionaler Integration in eine Situation geraten, in der selbst seine
führenden Architekten wie etwa der Argentinier Felix Peña die Gefahr
des Stillstands und der Erosion diskutieren müssen, wobei er an
Gefahren der „Verstärkung jener Fragmentierungstendenzen“ erinnert,
„die im regionalen südamerikanischen Raum bereits zu beobachten sind.“9
Klima der Kooperation
Dem erkennbaren Erfolg, den die regionale wie
subregionale politische Kooperation in Lateinamerika mit sich gebracht
hatte und die man vor Jahren nicht ohne verständlichen Stolz dem
eigenen politischen Publikum und internationalen Freunden unter dem
Leitbegriff der „concertación“ vorzustellen suchte, steht die schlichte
Tatsache gegenüber, dass die Konzertation weder auf einer
gesamtregionalen Ebene noch im Mercosur noch in der Anden-Gemeinschaft
noch in Zentralamerika die Bindekraft verbindlicher Entschließungen
kannte. Sie schuf ein nicht zu unterschätzendes Kooperationsklima, das
auch heute nicht zu existieren aufgehört hat, aus dem aber keine
institutionellen Arrangements entstehen konnten, die auf den
Ebenen von verbindlichen politischen Entscheidungen und ihrer
administrativen Umsetzungen liegen. Traditionelle
Souveränitätsvorbehalte spielen hier hinein, auch die noch längst nicht
überwundene politisch-soziale Kultur der „desconfianza“ dem anderen
gegenüber.
Dieses Misstrauen wird heute zusätzlich genährt
durch die verbreitete Einsicht, dass weder die prodemokratische Wende
noch die liberale Ordnungspolitik zu gesicherten Größen von Dauer für
alle geworden sind. Die „Fälle“ Paraguay (Putschversuche), Peru
(Fujimori-Komplex), Ecuador (brüchige Regierbarkeit), Kolumbien (nicht
gelöste Guerilla- und Violencia-Situation), Venezuela (Aufgabe des
demokratischen Parteiensystems) sowie die Entwicklungen in Argentinien
(Dekrete-„Demokratie“ unter Carlos Menem, eklatante Führungsschwäche
unter Fernando de la Rúa) und die politische Situation in den meisten
zentralamerikanischen Ländern erlauben es nicht, ein wechselseitiges
politisches Vertrauen aufkommen zu lassen. Weniger belastend hingegen –
darin unterscheidet sich Lateinamerika von Europa – ist der Umgang mit
ehemaligen Diktatoren und autoritären Regimen, da sie innerhalb einer
traditionell etatistischen Staatsanschauung und autoritär geprägten
Sozialkultur eher Extremfälle vorhandener Muster denn Beispiele
völliger Anormalität abgaben.
Im gegenwärtigen Lateinamerika fehlt dem gängig
gewordenen Uni- und Bilateralismus und den mehrfachen Subregionalismen
eine gesamtregionale, auf Konsens stoßende Vision, die auf gemeinsame
regionale Interessen und Handlungschancen abhebt. Konfliktmanagement
ist das vorherrschende, länderübergreifende Identitäten nicht gerade
fördernde Orientierungsmuster fast aller Regierungen geworden.
Die erwähnten wirtschaftlich geprägten
Netzwerke schaffen keinen Ausgleich, da sie auf Funktionslogik
ausgerichtet sind, in internationalen Ansätzen keine effektive
Steuerungsinstanz kennen und in der Anlage mit nichtstabilen
Mitgliedschaften informell bleiben. Erschwerend kommt hinzu, dass die
parteipolitische Schiene gesamtlateinamerikanischer Vernetzungen kaum
noch ins Gewicht fällt. Die internationalen bzw. regionalen
Parteienfamilien der Christdemokraten, Sozialdemokraten, Liberalen usw.
üben bei weitem nicht mehr die politische Anziehungskraft früherer
Jahre aus.
Es fällt außerdem auf, dass in den Universitäten und
Forschungsinstituten die intellektuelle Trägerschicht für Überlegungen
zur lateinamerikanischen Einheit dünner geworden ist. Bedeutet das
Schwinden von Auslegern und „Fahnenträgern“ der Identität einen bloßen
Ausdruck eines Generationenwechsels? Oder steckt dahinter eine
historische Großkonstellation, die mit attraktiv erscheinenden, aber
für die einzelnen Länder nicht identischen Optionen und dem Druck und
den Chancen der Globalisierung zusammenhängen?
Optionen
Dank der geschilderten Relativierung der
„hegemonic presumption“ verfügt Lateinamerika heutzutage über
strategische Optionen, die ihm früher nicht geläufig, verschlossen oder
de facto erheblich erschwert waren.10
Option I besteht in weltweit angelegten
Handelsbeziehungen, wie sie insbesondere von Chile mit etlichem Erfolg
versucht worden sind, die aber in der Tendenz auch für weitere
südamerikanische Länder gelten. Chile wickelt inzwischen rund ein
Drittel seines Außenhandels mit Ost- und Südostasien und ein weiteres
Drittel mit den EU-Ländern ab. Von einer Dominanz der USA kann
allenfalls noch bei den Investitionen die Rede sein.
Option II ist ein engerer Anschluss an den
Norden; Prototyp dieser Orientierungen ist Mexiko. Es war dies
keineswegs eine Traumoption für Mexiko, das unter seinem Präsidenten
Carlos Salinas de Gortari noch den plurilateralen Versuch Chiles
überlegt hatte, in Europa aber damit scheiterte und mit Blick auf Asien
nicht im Ansatz jenes Maß an konsequenter Politikkoordinierung und
-Steuerung schaffte, das in Chile durchsetzbar war.11 Die
NAFTA-Zugehörigkeit hat sich trotz mancher Reibungen mit den USA als
ein Erfolg für Mexiko herausgestellt. Andere lateinamerikanische
Staaten (vor allem Argentinien, Chile, Costa Rica und zeitweilig
Kolumbien) konnten sich daher gut eine Western Hemisphere Free Trade
Area (WHFTA) vorstellen.
Überlegungen dieser Art erhielten durch den
ersten „Summit of the Americas“ in Miami (Dezember 1994) einen
erheblichen Auftrieb, wo man eine – zunächst mit Chile zu beginnende –
Free Trade Area of the Americas (FTAA) beschloss. Obwohl die Staats-
bzw. Regierungschefs der 34 beteiligten Länder die Überlegungen ihrer
Handelsminister auf dem dritten Gipfel der Amerikas vom 20. Und 21.
April 2001 in Quebec bekräftigen, die FTAA-Verhandlungen im Januar 2005
abzuschließen, blieb es dennoch offensichtlich, dass längst nicht alle
lateinamerikanischen Länder hinter der Option II („Joining with the
North“) stehen. Zwar blieb Präsident Hugo Chavez von Venezuela der
einzige, der offen opponierte, doch kamen Bedenken von vielen Seiten
und mit unterschiedlichen Argumentationen. Es ist u.a. offensichtlich,
dass Brasilien weiterhin die seit 1994 beharrlich lancierte Idee einer
großen Südamerikanischen Freihandelszone (die auf eine Fusion von
Mercosur und Anden-Gemeinschaft unter Brasilias Führung hinauslaufen
würde) bevorzugt.
Option III wird mit „Affirming Self-Reliance“
beschrieben. Darunter wird angesichts der divergierenden Interessen in
Lateinamerika sowohl eine gezielte Rückbesinnung auf die strategischen
Möglichkeiten einzelner Staaten als auch eine Stärkung subregionaler
Integration verstanden, beides mit dem Ziel, sich effektiver in die
Weltwirtschaft einzubringen und sich auf diese Weise aktiver der
Globalisierung zu stellen. Die Strategie mag einiges an Plausibilität
für sich beanspruchen, verrät aber bei näherem Hinsehen ihre Grenzen.
Konsequent verfolgt, bedeutet sie den endgültigen Verzicht auf
regionale Einheit durch kalkulierbare Kooperation. Versteht man
Globalisierung zunächst als eine intensivierte ökonomische und
finanzielle Verflechtung auf weltweiter Basis, bleiben die
lateinamerikanischen Volkswirtschaften und ihre Gruppierungen zu
unbedeutend, um Impulse gebende Einflüsse aus eigener Kraft entstehen
zu lassen. Schließt man den Faktor Entwicklung und Forschung mit ein,
ist – mit der relativen Ausnahme Brasiliens – Fehlanzeige zu melden.
Weitet man Globalisierung auf Wirtschaft, Gesellschaftsstrukturen und
Politik formende grundsätzliche Vorstellungen aus, d.h. auf den
zivilisatorischen Prozess der Weltgegenwart in seinen wesentlichen
Ordnungskomponenten, wird man sich dem Urteil Keohanes anschließen
müssen, dass die lateinamerikanischen Länder „nicht wirklich die
Globalisierung …, wohl aber … deren Brechungen in ihren Gesellschaften
beeinflussen können.“12
Im Verhaltensalltag (nicht nur der
Lateinamerikaner) wird Globalisierung häufig mit Amerikanisierung
gleichgesetzt. Bringt man dies zusammen mit der Tatsache, dass das in
Mode befindliche neoliberale Wirtschaftsmodell seinen Ursprung in den
USA hatte und seine Auswirkungen in Lateinamerika heute umstritten
sind, dann wird völlig klar, dass der Kontinent weder zu den
„rulemakers“ gehörte noch gehören wird, weil die Schattenseiten des
Modells immer offener diskutiert werden. Weder hat die neue Politik die
überkommenen Distributionsverzerrungen aufgehoben, noch das in allen
Ländern zu beobachtende und eher noch wachsende Modernisierungsgefälle
(die berüchtigte „Dualisierung“ in Ländern wie Mexiko, Brasilien,
Chile, Argentinien usw.) angehen können.
Option IV bezeichnet das Werben um
extrahemisphärische Partnerschaften. Lateinamerikas historische Legate
einschließlich seiner grundlegenden historischen und philosophischen
Konzepte sind seit Jahrhunderten durch Europa geprägt, und – wie immer
gelungen und manchmal auch problematisch die europäische Politik
gegenüber Lateinamerika sich gestalten mag – Europa hat selten
prinzipielle Schwierigkeiten gehabt, Lateinamerika als Teil der eigenen
Welt anzusehen – als „den äußersten Westen“ (Alain Rouquié). Von Europa
sind immer wieder Impulse zur Unterstützung einer lateinamerikanischen
Identität ausgegangen. Weder wäre der ab 1960 auf breiter Front
angelaufene lateinamerikanische Integrationsprozess ohne eine massive
und im Einzelnen konkrete europäische Unterstützung vorangekommen, noch
hätten sich ins Gewicht fallende lateinamerikanische Institutionen
seiner internationalen Repräsentation (Rio-Gruppe, Lateinamerikanisches
Parlament) ohne bewusst von Europa aufgebaute Partnerschaften
durchgesetzt. Unvergessen bleibt auch die friedenserhaltende Politik
der Europäer im Zentralamerika-Konflikt der achtziger Jahre, die die
von Lateinamerika selbst ausgehenden Lösungsansätze (Contadora- und
Contadora-Unterstützungsgruppe, Esquipulas-Prozess) dadurch erheblich
aufwertete, dass sie sie ernst nahm.
Die Europäer sehen sich indessen heute mit der
Tatsache der innerlateinamerikanischen Subregionalisierung bzw. mit den
unterschiedlich ergriffenen Optionen einzelner Länder und Ländergruppen
konfrontiert, so dass eine mit Substanz angefüllte, auf ganz
Lateinamerika ausgerichtete europäische Politik trotz der
iberisch-lateinamerikanischen Gipfeltreffen und trotz des Rio-Gipfels
vom Sommer 1999 wenig Chancen hat. Symptomatischer sind die getrennt
geführten Assoziierungsverhandlungen mit Mexiko (inzwischen
abgeschlossen), dem Mercosur und Chile geworden. In dieses Bild einer
relativen Resignation vor dem Phänomen eines Auseinanderdriftens
Lateinamerikas passt die Tatsache, dass auch das Auswärtige Amt in
Berlin das Bild einer umfassenden Lateinamerika-Strategie zugunsten von
Teilstrategien aufgegeben hat.
Zum Werben um außerhemisphärische Partnerschaften gehört ferner das
sich entwickelnde Kooperationsverhältnis mit Asien-Pazifik.
Charakteristisch ist auch hier ein Erscheinungsbild selektiver
Annäherungen, was unter anderem darin zum Ausdruck kommt, dass bisher
lediglich Mexiko, Chile und Peru Mitglieder der Organisation für
Asiatisch-Pazifische Wirtschaftskooperation (APEC) werden konnten und
offensichtlich im Verhältnis untereinander wenig Abstimmung zeigen.
Inwieweit das durch eine Initiative Singapurs mit Chile neu gegründete
„Forum Ostasien – Lateinamerika“ (Foro América Latina-Asia del
Este/FALAE) dazu beitragen kann, die Region als Ganze an Asien-Pazifik
heranzuführen, muss sich erst noch erweisen.
Sicherheitsgemeinschaft
Eine tiefgründige Überlegung zum aktuellen
Stand einer lateinamerikanischen Identität stammt aus der Feder des
bolivianischen Sozialwissenschaftlers Felipe Mansilla:14 Die
früher so bedeutsamen ethnokulturellen Faktoren verlieren im Zeitalter
der massiven Globalisierung erheblich an Gewicht. Anschluss an die
Globalisierung bedeutet Anschluss an westliche, vor allem
nordamerikanisch geprägte Ordnungsvorstellungen, primär also die
breite Übernahme westlicher liberaldemokratischer Standards. Wer dem
nicht entspricht, droht in eine Randlage zu geraten. Dies aber
impliziert Wettbewerb der einzelnen Staaten und Gesellschaften bzw. der
lateinamerikanischen Subregionen untereinander zu Lasten bisher
akzeptierter historisch geprägter Identitätsvorstellungen.
Die alte „Schicksalsgemeinschaft“, die sich als eine Mischung aus
Mythos und Zukunftsprojektion darstellte, verliert an Kraft für den
Zusammenhalt. Wird sich dies fortsetzen, vertiefen, zu einer nicht mehr
reversiblen Gebrochenheit früherer Identität führen? Das letzte Wort
darüber ist schwer zu formulieren. Wer sich als Politikwissenschaftler
eine ausreichende Sensibilität für den Rang historisch-kultureller
Vermächtnisse bewahrt hat, wird ein Stück Misstrauen gegenüber
zeitlichen oder zeitgeschichtlichen Momentaufnahmen behalten, auch wenn
sie sich als Trend unter globalen Vorzeichen präsentieren. Wir erleben
ja immer wieder, dass es historisch angelegte Schichten gibt, die
„Ruhezeiten“ kannten, ohne indessen verschwunden zu sein. Von der jetzt
brüchig gewordenen Identität zu schreiben, darf daher nicht die oft
manifeste, manchmal aber eher latente Aktualität von korrigierend
eingreifender Geschichte vergessen lassen.
Anmerkungen
1 Vgl. Joseph S. Tulchin/Ralph H. Espach, Latin
America in the New International System: A Call for Strategic Thinking,
in: dies. (Hrsg.), Latin America in the New International System,
Boulder/Colorado 2001, S. 1–34, hier S. 2.
2 Vgl. Robert O. Keohane, Between Vision and
Reality: Variables in Latin American Foreign Policy, in:
Tulchin/Espach, a.a.O., S. 207 ff., hier S. 208.
3 Vgl. Enrique M. Barba u.a., Iberoamérica, una comunidad, Madrid 1989.
4 Vgl. Peter H. Smith, Talons of the Eagle. Dynamics of U.S.-Latin American Relations, New York und Oxford 1996.
5 Vgl. Albert Fishlow/James Jones (Hrsg.), The United States and the Americas, New York und London 1999.
6 Vgl. Nancy Birdsall/Nora Lustig/Lesley O’Connell,
The United States and the Social Challenge in Latin America: The New
Agenda Needs New Instruments, in: Fishlow/ Jones, a.a.O., S.
79–108.
7 Vgl. Heraldo Muñoz, Good-bye U.S.A.?, in: Tulchin/ Espach, a.a.O. (Anm. 1), S. 73–90.
8 Vgl. Felix Peña, Der Mercosur: Rückblick auf ein
Jahrzehnt – Ausblick auf die Zukunft, in: KAS/Auslandsinformationen,
Nr. 6/2001, S. 46–74, hier S. 46 f.
9 Ebenda, S. 67.
10 Zum Phänomen der aktuellen strategischen
Optionen vgl. Peter H. Smith, Strategic Options for Latin America, in:
Tulchin/ Espach a.a.O. (Anm. 1), S. 35–72.
11 Vgl. in diesem Zusammenhang Jörg Faust,
Diversifizierung als außenpolitische Strategie. Chile, Mexiko und das
pazifische Asien, Opladen 2001.
12 Vgl. Keohane, a.a.O. (Anm. 2), S. 212.
13
Vgl. Felipe Mansilla, Lateinamerikanische Identität im Zeitalter der
Globalisierung, in: Zeitschrift für Politikwissenschaft, Nr. 1/2000, S.
101–121.
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