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Multilateralismus als Chance - Lateinamerika braucht Zusammenarbeit mehr denn je
Diego Arria
in: Internationale Politik, 1/2003, S. 55-60.
Nur wenige Lateinamerikaner würden sagen, dass sich die Welt nach
dem 11. September 2001 wirklich verändert hätte. In der Vergangenheit
nämlich haben Finanzkrisen, anhaltende Armut und korrupte
Regierungssysteme dafür gesorgt, dass die Länder in der Region, von
einigen bemerkenswerten und ermutigenden Ausnahmen abgesehen, ihren
Blick nach innen gerichtet haben und vornehmlich mit dem eigenen
Überleben beschäftigt waren. Dies erklärt auch die allgemein
verbreitete Ansicht in der Region, dass lediglich die Vereinigten
Staaten Ziel der Terroranschläge waren und nicht die
lateinamerikanischen Länder selbst.
Würde
man sie fragen, warum diese abscheulichen Angriffe gegen Zivilisten
geschahen, würden die meisten Menschen in der Region in der Tat wohl
auf zwei gleichermaßen irreführende Gründe verweisen: Dass die
Anschläge eine Folge der amerikanischen Unterstützung für Israel im
Nahost-Konflikt seien oder dass die Wurzeln des Terrorismus in Armut
und Ungleichheit zu suchen seien, welche wiederum zum großen Teil auf
die Politik der Vereinigten Staaten zurückzuführen seien. Kurz gesagt,
die Menschen würden argumentieren, dass die USA eine Mitschuld an den
Terroranschlägen trügen. Deshalb überrascht es nicht, dass auch viele
lateinamerikanische Spitzenpolitiker auf die Krise mit einer Ambivalenz
reagierten, die bei der amerikanischen Regierung Enttäuschung
hervorrief. Dieses Versagen beruhte auf der Unfähigkeit, die Bedeutung
des 11. September für die internationalen Beziehungen ganz allgemein
und die Beziehungen in der amerikanischen Hemisphäre im Besonderen zu
erkennen. Darüber hinaus ist es wohl auch ein Beleg für die ausgeprägte
Neigung, zunächst auf die innenpolitische Agenda und erst danach auf
die internationale Ebene zu schauen. Diese Neigung lässt sich leicht
nachvollziehen im Zusammenhang mit den Wunden, die Lateinamerika von
Seiten des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der internationalen
Kapitalmärkte zugefügt worden sind. Und doch beruht sie auf einer
fatalen Fehleinschätzung, denn Lateinamerika kann der Welt ebenso wenig
den Rücken kehren wie die internationale Gemeinschaft Lateinamerika
sich selbst überlassen kann. Der IWF hat dies erst kürzlich mit den
bislang umfangreichsten Nothilfen an Brasilien demonstriert. Und die
Instabilität in Kolumbien hat Auswirkungen in alle Richtungen – von den
USA bis hin zur Europäischen Union. Aus lateinamerikanischer Sicht mag
sich die Welt nicht sonderlich verändert haben, doch können die
Lateinamerikaner die Auswirkungen der Terroranschläge von New York auf
die Prioritäten und die Außenpolitik ihres wichtigsten Handelspartners
und Nachbarn USA – der einzig verbliebenen „Supermacht“ – nicht
ignorieren. Die Probleme, vor denen Lateinamerika steht – Armut,
Korruption und finanzielle Instabilität – mögen die gleichen wie früher
sein, doch bewegen wir uns in einem neuen Umfeld. Unsere Fähigkeit,
diese Probleme zu lösen, hängt bis zu einem gewissen Grad davon ab,
dieses neue Umfeld zu verstehen. Wenn wir die politischen und
wirtschaftlichen Institutionen der Länder in der Region neu beleben
wollen, müssen wir uns mit den neuen Prioritäten der USA arrangieren,
die Schwächen in den bestehenden multilateralen Vereinbarungen erkennen
und die Chance zu einer verbesserten regionalen Zusammenarbeit
ergreifen, um gemeinsame Probleme zu lösen.
Wege der Zusammenarbeit
Die Mängel des gegenwärtigen multilateralen Systems zu erkennen
sollte nicht dazu verleiten, dessen Rolle gering zu schätzen.
Schwindendes Vertrauen in multilaterale Institutionen war in den
vergangenen fünf bis zehn Jahren ein Wesenszug lateinamerikanischer
Politik; doch sollte der Grundsatz der Zusammenarbeit und des
Engagements nicht durch die jüngsten Erfahrungen mit schlechten
Ratschlägen des IWF beeinträchtigt werden. Es ist angesichts der zuvor
genannten Herausforderungen für die internationale Politik wichtiger
als je zuvor, dass die lateinamerikanischen Staaten gangbare Wege
finden, um gemeinsame Probleme auch gemeinsam zu lösen.
Es liegt im ureigensten Interesse der lateinamerikanischen Staaten,
die Bedeutung der Vereinten Nationen zu erhalten, da ihr eigenes
Überleben und ihre Lebensfähigkeit als unabhängige Nationen angesichts
der von politischer und finanzieller Instabilität, von Terroristen und
Drogenmafiosi ausgehenden Gefahren auf dem Spiel steht. Von den 51
Gründungsmitgliedern der Vereinten Nationen kamen immerhin 17 aus
Lateinamerika, die zudem überaus aktiv an der Ausarbeitung der Charta
der Weltorganisation beteiligt waren. In der jüngeren Geschichte haben
die Menschen Lateinamerikas immer wieder vom Multilateralismus
profitiert: Die Einigkeit in den Vereinten Nationen ermöglichte es in
den neunziger Jahren, Friedens- und Aussöhnungsabkommen auszuhandeln,
die die Bürgerkriege in El Salvador und Guatemala beendeten, die den
Übergang zur Demokratie in Nicaragua erleichterten und Haiti wenigstens
ein klein bisschen Demokratie gebracht haben. Ein genauerer Blick auf
die Wurzeln der politischen und wirtschaftlichen Instabilität in
Lateinamerika zeigt, dass regionale und internationale Mechanismen der
Zusammenarbeit – und nicht etwa ein Rückzug aus diesen – einen ersten
Rahmen zur Stabilisierung der Lage bieten könnten.
Terrorismus als Bedrohung für alle
Lateinamerika muss seinen Blick nicht in die Ferne richten, um
seine ureigenste, nicht unbedeutende Spielart des Terrorismus zu
erkennen. Doch obwohl die Stabilität der gesamten Region auf dem Spiel
steht, scheinen nur die USA Kolumbien ein Mindestmaß an Aufmerksamkeit
zu schenken. Am 13. September 2002 zog Kolumbiens Präsident, Alvaro
Uribe Vélez, vor der UN-Generalversammlung einen dramatischen
Vergleich: „In Kolumbien“, sagte er, „fordert die Gewalt jeden Monat
die gleiche Zahl an Opfern wie der 11. September. Jahr für Jahr
begraben wir 34 000 Opfer. Wir haben zehn Prozent unserer Jugend
verloren.“ Er klagte zudem, dass zwar ein Jahr nach der Verabschiedung
der Sicherheitsratsresolution 1373 (die alle Staaten dazu aufforderte,
die Unterstützung von an Terroranschlägen beteiligten Personen
einzustellen) vergangen, bezüglich der beträchtlichen finanziellen
Mittel der kolumbianischen Terroristen jedoch nichts geschehen sei.
Inzwischen hat der Unterausschuss des UN-Sicherheitsrats zur
Bekämpfung des Terrorismus „mit Befriedigung“ festgehalten, „dass 173
Mitgliedstaaten einen Bericht über Maßnahmen vorgelegt haben, mit denen
die Regierungen sicherstellen wollen, dass Terrorismus weder aktiv noch
passiv unterstützt wird“. Zu den Regierungen, die einen solchen Bericht
vorgelegt haben, gehören die von Irak, Iran, Libyen, Nordkorea und
Syrien – also auch Bestandteile der von Präsident George W.
Bush so genannten „Achse des Bösen“. Vor dem 11. September war
Großbritannien der einzige UN-Mitgliedstaat, der alle zwölf
Resolutionen der Vereinten Nationen zum Terrorismus ratifiziert hat.
Auch Kuba hat seither alle Resolutionen angenommen, Kolumbien
paradoxerweise aber noch nicht einmal sieben. Heißt das, Kuba leistet
mehr zur Bekämpfung des Terrorismus als Kolumbien und der Rest der
internationalen Gemeinschaft? Nein, aber es bedeutet, dass Staaten mehr
leisten müssen als eine Unterschrift unter Verträge, wenn sie
multilaterale Maßnahmen mit Leben erfüllen wollen. Kolumbien und die
USA können die Drogenterroristen nicht allein besiegen – dies erfordert
eine regionale Zusammenarbeit. Im Fall Kolumbiens haben die
lateinamerikanischen Regierungen nicht nur jegliche Solidarität mit
der Not des Landes (übrigens der ältesten gewählten Demokratie der
Region) vermissen lassen; sie waren auf unverantwortliche Weise blind
für die Konsequenzen für ihre eigenen Länder. Tatsächlich sind die
kolumbianischen Terroristen – inzwischen derart eng mit den
Drogenhändlern verwoben, dass eine Unterscheidung zwischen
Drogenkartellen und Terrororganisationen praktisch unmöglich ist – in
immer größerer Zahl über die Grenzen nach Brasilien, Panama, Ecuador,
Peru und Venezuela eingesickert. Die Folgen werden in diesen Ländern
bereits spürbar – die venezolanische Regierung unter Hugo Chávez Frías
wurde beschuldigt, die kolumbianischen FARC-Rebellen zu unterstützen
und ihnen Zuflucht zu bieten. In diesem Zusammenhang ist tiefe
Besorgnis durchaus gerechtfertigt, wenn man bedenkt, dass die Ölfelder
Venezuelas und erst recht der Panama-Kanal nur drei Wegstunden von
jenen Gebieten entfernt liegen, in denen die kolumbianischen
Drogenterroristen operieren. Und welche Auswirkungen hat dies auf die
vitalen Interessen der USA und Lateinamerikas? Als sich die Vereinigten
Staaten endgültig entschlossen hatten, Kolumbien – nachdem dessen
eigener Feldzug gegen Drogen zusammengebrochen war – aktive Hilfe zu
leisten, überließen die lateinamerikanischen Nationen aufgrund
innenpolitischer Überlegungen den USA das Feld. Und damit auch die
Kosten für diese Hilfe, ebenso den Tadel für die Verletzung des
souveränen kolumbianischen Rechtes, dies allein zu erleiden. Erst dann
hielten es die restlichen lateinamerikanischen Staaten für angebracht,
sich daran zu erinnern, dass Kolumbien kein Teil der USA ist, sondern
dass es zur Organisation Amerikanischer Staaten gehört. Ob die
Nachbarstaaten sich nun zur Zusammenarbeit entschließen oder nicht –
der Konflikt in Kolumbien stellt sowohl regional als auch international
eine ernste Bedrohung für Frieden und Sicherheit dar. Je länger dieser
Konflikt dauert, desto gefährlicher wird er und desto bitterer der
Tribut, den Kolumbien und seine Nachbarn dafür entrichten müssen. In
Kolumbien stehen der politische Wille und die Verpflichtung der
Vereinigten Staaten und der internationalen Gemeinschaft zur Bekämpfung
des Terrorismus, wo auch immer in der Welt er auftritt, auf dem
Prüfstand. Dabei dürfen sich auch die lateinamerikanischen Staaten
ihrer internationalen und regionalen Verpflichtungen nicht entziehen.
Chance und Verantwortung
Die Welt nach dem 11. September ist ein Furcht einflößender Ort.
Das Entstehen eines globalen Terrorismus mit einem metapolitischen
Charakter, wie er von Osama Bin Laden und der
Al-Khaïda-Organisation verkörpert wird, erfordert die rückhaltlose
Zusammenarbeit aller Staaten bei der Bekämpfung dieser Bedrohung. Wenn
auch die große Mehrheit der Lateinamerikaner in einer relativ ruhigen
Ecke der Welt nach dem 11. September lebt, haben die jüngsten
Ereignisse doch gezeigt, wie Länder ohne eigenes Zutun als Zufluchtsort
oder logistische Basis genutzt werden können, wo schmutziges Geld
versteckt, gewaschen oder für terroristische Zwecke eingesetzt wird.
Die Herausforderung wird für die meisten lateinamerikanischen
Staaten noch durch die ökonomischen Schwierigkeiten vergrößert, von
denen ihre Wirtschaften gebeutelt werden und die dazu beigetragen
haben, das Vertrauen der Bevölkerung in die Regierung zu untergraben.
Für einige Lateinamerikaner ist Terrorismus beängstigende alltägliche
Wirklichkeit. Die kolumbianischen Rebellenorganisationen werden
finanziell großzügig unterstützt und sind in ein internationales
Netzwerk eingebunden. Sie stellen nicht nur für Kolumbien, sondern auch
für die Nachbargemeinschaften und -staaten eine direkte Bedrohung dar.
Dennoch haben es sich nur die USA zur Priorität gemacht, Kolumbien in
diesem Konflikt zu unterstützen. Andere lateinamerikanische Staaten
dürfen ihnen darin nicht nachstehen; auch sie müssen sich dieser
Herausforderung stellen. Multilateralismus ist sowohl eine Chance als
auch eine Verantwortung. Nicht immer arbeiten die bestehenden
Institutionen reibungslos, und nicht immer erfüllen Staaten ihre
Verantwortung als Mitglieder der internationalen Gemeinschaft; dies
aber heißt nicht, dass unsere Bedürfnisse, wenn sie von einem Forum
nicht erfüllt werden, in überhaupt keinem Forum erfüllt werden. Einige
Probleme erfordern gemeinsame Lösungen, und wir müssen Wege finden, um
mit ihnen umzugehen. Wir in Lateinamerika müssen erkennen, dass die
Zusammenarbeit zwischen Nationen einer Intervention der USA oder der UN
häufig nicht nur vorzuziehen, sondern zum Nutzen aller Lateinamerikaner
in einigen Fällen sogar unabdingbar ist. Kolumbien ist hierfür das
beste Beispiel: Ohne eine aktive Zusammenarbeit der kolumbianischen
Nachbarn werden die Terrornetzwerke und der Drogenhandel ungeachtet der
von den USA zur Verfügung gestellten Mittel überleben.
Wirtschaftliche Stabilität
Wirtschaftliche Stabilität ist ein anderer Punkt. Den freien
Handel innerhalb der Region und der Hemisphäre im Rahmen der
Amerikanischen Freihandelszone (Free Trade Area of the Americas/FTAA)
zu stärken, ist eine historische Chance und sollte dringend gefördert
werden. Man muss nur auf die Europäische Union schauen, um den
wirtschaftlichen Gewinn auszumachen, der darin liegen könnte. Man
sollte nicht vergessen, dass die ursprüngliche Architektur der EU auf
die wirtschaftliche Integration ausgerichtet war – ein Weg, über den
die politische Anpassung sichergestellt werden sollte.
Die
Vereinigten Staaten für ihren Teil tragen eine wichtige und
anspruchsvolle Verantwortung vor allem dabei, multilaterale und
regionale Mechanismen anders auszustatten und ihnen neuen Auftrieb zu
verleihen. Sie müssen sich die Lehren, die sie zur Schaffung des
Völkerbunds und der Vereinten Nationen bewogen haben, erneut vor Augen
führen – namentlich, dass der Unilateralismus der europäischen Mächte,
der die schlimmsten Konflikte der Welt verursacht hatte, erst ein Ende
fand, als die Vereinigten Staaten militärisch in Europa intervenierten,
um die Europäer vor den Folgen ihrer eigenen Politik zu retten. Das
neue strategische Umfeld setzt den Terrorismus an die Spitze der
politischen Agenda. Lateinamerika kann sich dieser Tatsache nicht
verschließen und muss in Fragen der Sicherheit und des Terrors, die bei
den USA seit dem 11. September hohe Priorität genießen, die Initiative
ergreifen. Die zweite Lehre ist, dass kein Staat allein steht und dass
kein Staat diese Herausforderung allein meistern kann. Regionale und
internationale Zusammenarbeit ist dringend erforderlich um
sicherzustellen, dass internationale Institutionen die vielfältigen
Interessen der Region repräsentieren und dazu beitragen, Maßnahmen
gegen jene Probleme zu koordinieren, die auf der Agenda der Vereinigten
Staaten einen vorderen Platz einnehmen, wie etwa Terrorismus, und auch
jene an der Spitze der lateinamerikanischen Agenda, wie beispielsweise
finanzielle und politische Instabilität.
Mit großer Macht geht auch große Verantwortung einher, ebenso die
Notwendigkeit eines wahrhaft langfristigen Denkens. Nach wie vor gilt
die Feststellung: Wer den Wohlstand verteidigen will, muss die Armut
bekämpfen. Für die Vereinigten Staaten steht dabei mehr auf dem Spiel
als für alle anderen. Jenes weitsichtige Denken, das im Marshall-Plan
zutage trat, wird auch heute wieder benötigt. Es wird zu oft vergessen,
dass dieser Plan einen freien und bedingungslosen Transfer von ein bis
zwei Prozent des amerikanischen Bruttoinlandsprodukts nach Europa
umfasste, eine wahrhaft außergewöhnliche Maßnahme – noch
außergewöhnlicher indes war die damit erzielte Rendite.
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