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Staatsversagen in Lateinamerika - Der "verweigerte Leviathan"
Jörg Faust
in: Internationale Politik, 8/2002, S. 17-24.
Zu Beginn des letzten Jahrzehnts des 20. Jahrhunderts gab die
politische und wirtschaftliche Entwicklung in Lateinamerika Anlass zu
vorsichtigem Optimismus. Marktwirtschaftliche Reformen schritten voran,
die auf eine Einbindung der lateinamerikanischen Staaten in die
Weltwirtschaft zielten und somit eine effizientere Verwendung
produktiver Ressourcen versprachen. Die Demokratie schien sich als
einzig legitime Herrschaftsform zu etablieren. Eine Reihe regionaler
und hemisphärischer Initiativen deutete an, dass sich die Parallelität
von demokratischen und marktwirtschaftlichen Reformen positiv auf die
regionale bzw. hemisphärische Kooperationsbereitschaft auswirkte.
Von
diesem vorsichtigen Optimismus ist zu Beginn des 21. Jahrhunderts wenig
geblieben; das mittelfristige Entwicklungspotenzial des Subkontinents
wird vielfach mit Skepsis betrachtet. Argentinien befindet sich in
einer politischen wie wirtschaftlichen Krise, die ihresgleichen in der
Geschichte des Landes sucht. Die politische und wirtschaftliche
Glaubwürdigkeit Brasiliens ist erschüttert durch strukturelle
Verschuldungsprobleme und einen Wahlkampf, der von seiner
programmatischen Auseinandersetzung eigentlich keinen Anlass hierfür
gibt. Der gemeinsame Markt des Südens, der Mercosur, einst stolzes
Vorzeigeprojekt südamerikanischer Kooperation, geriet durch diese
Entwicklungen in eine manifeste Existenzkrise. Weiter nördlich ist
keine mittelfristige Lösung in Sicht, das im Bürgerkrieg befindliche
Kolumbien rasch zu befrieden. Die politischen Systeme Ecuadors und
Perus sind hochgradig fragmentiert, die Regierungen zu dauerhaften
Reformen unfähig. Die ehemals stabile Demokratie Venezuela verfällt
unter der populistischen Ägide eines Präsidenten, dessen Fähigkeiten
längst von allen politischen Kräften angezweifelt werden. Der
mexikanischen Regierung schließlich sind bislang kaum Reforminitiativen
gelungen, obwohl sie das Ende der jahrzehntelangen Herrschaft der
Partido Revolucionario Institutional (PRI) verkörpert.
Lediglich Chile, Costa Rica und Uruguay sind
positive Ausnahmen, Länder, in denen sich rechtsstaatlich eingehegte
Demokratien stabilisiert haben und ordoliberale Marktwirtschaften
existieren. Gleichwohl drohen diese Hoffnungsträger auf Grund ihrer
geringen Größe in den Sog der Krisen ihrer Nachbarn zu geraten.
Die sich gegenwärtig somit zuspitzende
Krisenanfälligkeit des Subkontinents kommt jedoch nicht allzu
überraschend. Vielmehr sind seit Mitte der neunziger Jahre Vorboten der
jetzigen Situation zu beobachten gewesen. Die mexikanische Peso-Krise
verdeutlichte als erste, wie sich die mangelnde Qualität
politisch-institutioneller Rahmenbedingungen trotz Marktreformen und
Demokratisierung negativ auf die gesamtwirtschaftliche Situation
auswirken kann. Die brasilianische Währungskrise von 1998/99 und die
gegenwärtig kollabierende argentinische Wirtschaft belegten dies ein
weiteres Mal.1 Die problematische Qualität demokratischer Herrschaft
kam insbesondere in der mangelhaften Rechtsstaatlichkeit der meisten
jungen Demokratien zum Ausdruck und führte in Peru unter Präsident
Alberto Fujimori gar zum Verfall demokratischer Ordnung. Nimmt man noch
die politische Instabilität in Ecuador und Venezuela sowie die
anarchischen Zustände in Kolumbien hinzu, so lassen sich die
gegenwärtig drastisch zunehmenden politisch-institutionellen Defekte
der lateinamerikanischen Länder offensichtlich auf das Problem des
Staatsversagens zurückführen.2
Warum aber sind lateinamerikanische
Gesellschaften mit derartigen Schwierigkeiten konfrontiert, was die
Erstellung staatlicher Kollektivgüter wie makroökonomische Stabilität,
Rechtsstaatlichkeit und ordoliberale Regulierung angeht? Ein effektiver
Staat als formaler Urheber und Garant von Recht ist aus
vertragstheoretischer Perspektive zunächst auf die Zustimmung der
Bürger angewiesen, ohne die er an empirischer Legitimation verliert.
Doch sind eben nicht alle Bürger gleich gut organisiert. Ihre
Willensbekundungen und damit ihr Einfluss auf die „Programmierung“ des
Staates werden vielmehr gebrochen durch die unterschiedliche
Aggregations- und Organisationskraft der kollektiven Akteure einer
Gesellschaft. Parteien, Gewerkschaften, Unternehmerverbände, Militär
und nicht zuletzt die Bürokratie sind es mithin, die auf die
institutionelle Beschaffenheit eines Staates und die Bereitstellung
gemeinschaftlicher Kollektivgüter durch den Staat einen entscheidenden
Einfluss ausüben. Solch gesellschaftliche Kollektivgüter wie etwa
makroökonomische Stabilität oder Sicherheit sind im Unterschied zu
privaten Gütern durch das Prinzip der Nichtausschließbarkeit
gekennzeichnet. Sie sind in ihrer Erstellung kostspielig, und doch kann
niemand von ihrer Nutzung ausgeschlossen werden. Genau dieses Merkmal
kollektiver Güter erschwert jedoch ihre Erstellung und erfordert in
großen Gemeinschaften eine Organisation – den Staat –, der die
Beteiligten auf die Zahlung ihrer jeweiligen Beiträge verpflichtet.3
Ausgehend von diesen Grundannahmen lässt sich eine zentrale These
über das Staatsversagen in Lateinamerika ableiten: In Lateinamerika
haben die eingeleiteten Reformprozesse der vergangenen Jahre enorme
Umverteilungsmechanismen in Gang gesetzt; rechtsstaatliche
Demokratisierung bedeutet in diesem Zusammenhang eine Umverteilung
politischer Rechte. Außenwirtschaftliche Liberalisierung und eine
ordoliberal eingehegte Marktwirtschaft bedrohen die Privilegien der
ehemaligen Profiteure von Autokratie und Rentismo. Die Zustimmung eines
die rechtsstaatliche Demokratie und ordoliberale Marktwirtschaft
sichernden Staates würde mithin eine Umschichtung der Beiträge zur
Erstellung kollektiver Güter nach sich ziehen, der die
ehemaligen
Nutznießer von Autokratie und staatsinterventionistischer
Günstlingswirtschaft nur schwerlich zustimmen dürften. Vielmehr ist
anzunehmen, dass sie die Etablierung eines solchen Staates zu
verhindern trachten. Die vielfach anzutreffende Parallelität von
marktwirtschaftlichen Reformen, Demokratisierung und Dezentralisierung
vervielfältigt die zu lösenden Verteilungskonflikte und überfordert
daher die Organisationsfähigkeit sowie die Kooperationsbereitschaft
kollektiver Akteure. Der Zerfall etablierter Parteistrukturen und die
Orientierung an kurzfristigen Interessen der an diesem
mehrdimensionalen Verteilungskonflikt beteiligten Akteure befördern die
Fragmentierung politischer Systeme und hemmen die Integrationsfähigkeit
politischer Gemeinschaften. Somit fehlt eine notwendige Voraussetzung
für die Schaffung gemeinschaftlicher Kollektivgüter durch einen
demokratischen Staat.
Akteure zwischen Staat und Gesellschaft
In weiten Teilen Lateinamerikas finden
mittlerweile freie und weitgehend faire Wahlen statt. Während somit die
Grundausstattung demokratischer Herrschaft auf der Partizipationsseite
als relativ gesichert erscheint, ist der Rechtsstaat nur mangelhaft
institutionalisiert. Vor allem Korruption und ausufernde Kriminalität
verhindern die Durchsetzung von in den Verfassungen verankerten
Bürgerrechten und beschränken die Entfaltung sekundärer
Partizipationsrechte. Hinzu kommt in einigen Ländern die (meist
temporäre) Vereinnahmung der Gerichtsbarkeit durch die Exekutive, wie
etwa in Argentinien oder Peru. Wenn jedoch Regierungen die
gewaltenhemmende Verschränkung von Exekutive, Legislative und
Judikative zu ihren Gunsten auflösen, so ist auch die Konsolidierung
des demokratischen Rechts-staats in Gefahr.4
Die Nutznießer dieser ungleichen
Rechtsausstattung waren bislang meist die Bevorzugten der
ökonomischen Strukturen, da zudem die wirtschaftlichen Reformen
vielfach von inadäquater Regulierung begleitet wurden. Zwar wurde in
umfangreichem Maße privatisiert, dereguliert und liberalisiert. Doch
die aktuelle Debatte um die notwendigen Reformen der zweiten Generation
verweist auf die mangelhafte Aufgabenerfüllung staatlicher Akteure.5
Um Marktversagen in einer Marktwirtschaft zu verhindern, kommt dem Staat eine Reihe komplexer
regulativer
Aufgaben zu: Wettbewerbspolitik, Finanzmarktregulierung, Umweltpolitik,
Sicherung von Sozialstandards usw. In den neunziger Jahren begünstigten
mangelhafte Ausschreibungsverfahren bei der Privatisierung und eine
oftmals unausgereifte Wettbewerbspolitik jedoch die Entstehung privater
Monopole. Unterregulierte Finanzmärkte in Zusammenhang mit einer
missratenen Fiskalpolitik provozierten Finanzkrisen. Fehlende oder
ineffektive Anreizsysteme im Umweltschutz führten zur Verschwendung
natürlicher Ressourcen und die vielfach ungenügenden Sozialstandards
zur anhaltenden Unterversorgung großer Teile lohnabhängiger Schichten.
Demokratie ohne Rechtsstaat und Marktwirtschaft ohne
wettbewerbsfreundliche Regulierung ermöglichten in Lateinamerika somit
vielfach die Fortschreibung der ungleichen Verteilung politischer
Rechte und die ökonomische Privilegierung von Sonderinteressen.
Gleichzeitig wurde hierdurch die politische Legitimation der Demokratie
erschwert und die gesamtwirtschaftliche Anfälligkeit erhöht.
Der statistische Vergleich von 20
lateinamerikanischen Ländern (Schaubilder 1 und 2) unterstützt die
Vermutung, dass in den neunziger Jahren in der Region zwischen guter
Regierungsführung einerseits und demokratischen Partizipationsrechten
sowie dem Grad wirtschaftlichen Wachstums andererseits ein enger
Zusammenhang besteht. Diejenigen Länder mit den besten Werten für
Regierungsführung – Chile, Costa Rica und Uruguay – sind es, die auch
die besten Werte demokratischer Partizipation und vergleichsweise hohe
Wachstumsraten in den neunziger Jahren aufweisen.6 Aus Schaubild 1
geht hervor, dass mit steigendem Niveau demokratischer
Partizipationsrechte die Werte für gute Regierungsführung
überproportional anwachsen, während Schaubild 2 für die
lateinamerikanischen Länder einen linearen Zusammenhang zwischen guter
Regierungsführung und Wachstum nahe legt.
Insgesamt zeichnen die gängigen
Makroindikatoren von Transparency International und Weltbank sowie
qualitative Fallstudien jedoch allenfalls ein mittelmäßig bis
schlechtes Bild der Regierungsführung in lateinamerikanischen Staaten.
Dies lässt sich darauf zurückführen, dass die Durchsetzung von Reformen
der zweiten Generation – Justiz-, Rechts- und Verwaltungsreformen, die
Anpassung von Steuerpolitik und des Sozialsystems, die Einführung
markt- und wettbewerbsfreundlicher Regulierung und nachhaltiger
Umweltschutz – seit Jahrzehnten etablierte Privilegien bedroht.
Nicht allein der Rückzug des Staates zu Gunsten
von freien Wahlen und Marktreformen verschärft daher die
gesellschaftlichen Verteilungskonflikte, sondern insbesondere die
Stärkung des Staates im Sinne von rechtsstaatlicher Demokratie und
ordoliberaler Marktwirtschaft. Verlaufen die politischen und
wirtschaftlichen Aspekte jenes Reformpakets zudem parallel zueinander,
so überfordern sie die Fähigkeiten kollektiver Akteure, die
entstandenen Verteilungskonflikte auf kooperative Art zu lösen.
Angesichts der Umverteilungswirkungen orientieren sich die Akteure
vielmehr an kurzfristigen Partikularinteressen, was die Erstellung
gemeinschaftlicher Kollektivgüter durch den Staat erschwert.
Demokratisch gewählte Regierungen, die auf die Zusammenarbeit mit
diesen Akteuren bei der Reformumsetzung angewiesen sind, begegnen
vielmehr einer zunehmend fragmentierten Interessenlandschaft, in der
Korruption und Klientelismus als kurzfristige, besitzstandsorientierte
Strategien zunehmen. Zwar gelang es Regierungen ab und an, wie etwa
unter Argentiniens Präsident Carlos Saúl Menem oder Perus Staatschef
Fujimori, die entstandenen Politikblockaden mit rechtsstaatlich nicht
konformen Mitteln zu durchbrechen.7 Die hieraus resultierenden
ökonomischen Reformen waren jedoch auf die Makroebene beschränkt.
Die anstehenden Staatsreformen der zweiten
Generation hingegen sind meist mikropolitischer Natur und so komplex,
dass sie ohne die Zusammenarbeit mit gesellschaftlichen Akteuren kaum
befriedigend durchgeführt werden können. Dies spricht auch gegen eine
stabilisierende Wirkung von Militärregimen. Zudem ist die Außenöffnung
zu weit vorangeschritten und die internationale Situation zur Toleranz
von Militärregimen kaum geeignet, so dass die Rückkehr zur Autokratie
für die lateinamerikanischen Staaten kein mittelfristig
stabilisierendes Potenzial besitzt. Während die erste Reformgeneration
makroökonomischer Anpassung noch zumeist durch exklusive
technokratische Expertenzirkel der Exekutive konzipiert und umgesetzt
werden konnte, bedarf es in Lateinamerika heute der Einbettung des
Staates in komplexe gesellschaftliche Handlungszusammenhänge.8
Der intermediäre Bereich politischer Vermittlungsstrukturen ist in
den meisten Staaten Lateinamerikas jedoch deutlichen Erosionsprozessen
ausgesetzt: In Peru und Venezuela sind die traditionellen
Parteiensysteme in Auflösung begriffen. In Mexiko befindet sich die
ehemals hochgradig organisierte PRI in einem andauernden internen
Machtkampf; die die Regierung stellende Partido Acción Nacional (PAN)
ist nur gering in die Regierungsarbeit eingebunden. Die Unternehmer in
Argentinien, Brasilien, Ecuador und Kolumbien, regional und sektoral
ausdifferenziert und entsprechend von Regulierungsreformen
unterschiedlich betroffen, sind zur gemeinsamen Interessenorganisation
unfähig. Einfluss und Organisationskapital der Gewerkschaften sind in
Lateinamerika vielerorts im Zuge der Durchsetzung makroökonomischer
Anpassungsprozesse deutlich reduziert worden. Die Landbevölkerung,
insbesondere Kleinbauern, ist entsprechend von Regulierungsformen
unterschiedlich be- troffen und zur gemeinsamen Interessenorganisation
unfähig. Angesichts des lediglich blockierenden Potenzials kollektiver
Akteure verwundert es daher nicht, dass Regierungen ihre Politik
zunehmend auf einer populistischen Plattform betrieben und die
intermediäre Ebene zwischen Staat und Gesellschaft hierdurch weiter
beschädigt haben.
Dezentralisierung und Föderalismus
Die durch die Parallelität von
Demokratisierung und ökonomischer Strukturanpassung hervorgerufenen
Verteilungskonflikte, die die Reformen der zweiten Generation
erschweren, werden in vielen Staaten noch durch Dezentralisierung
verschärft. Sie und die Förderung föderaler Strukturen tragen per se
zwar dem Subsidiaritätsprinzip guter Politik Rechnung und bringen den
politischen Entscheidungsprozess näher an den betroffenen Bürger. In
Verbindung mit Demokratisierung und ökonomischer Strukturanpassung
verschärfen sie jedoch meist das Problem gesamtgesellschaftlicher
Kollektivguterstellung durch den Staat.
Zwar gewinnen lokale, regionale und meist auch sektorale Interessen
an Einfluss auf die Politik der Zentralregierung. Vor dem Hintergrund
starker Verteilungskonflikte verschärfen sie jedoch einerseits das
Problem der Partikularisierung von Politik; andererseits verlagern sie
die Verteilungskonflikte von der nationalen auf die regionale und
lokale Ebene. Besonders die im Zuge von ökonomischen
Strukturanpassungen und Verschuldung härter gewordenen
Verteilungskämpfe um staatliche Ressourcen werden so auf eine Ebene
transportiert, auf der zumindest in weiten Teilen Lateinamerikas
illiberale Strukturen wie Korruption, Klientelismus und
Neopatrimonialismus endemisch sind. Die hieraus folgende stärkere
Orientierung von Parlamentariern und Verbandsmitgliedern an regionalen
Sonderinteressen geht dann zu Lasten des Nationalstaats.
Länderbeispiele
In Brasilien hat die Stärkung von föderalen und
dezentralen Strukturen dazu geführt, dass der Bundeshaushalt regelmäßig
zu Gunsten regionaler Interessen ausgebeutet wurde. Illiberale
Politikpyramiden auf regionaler und lokaler Ebene blieben so meist
bestehen, das Kollektivgut makroökonomische Stabilität wurde
beschädigt. Auch die klientelistischen und neopatrimonialen Strukturen
in vielen argentinischen Provinzen wurden kaum angetastet, da es über
die föderalen Partizipationsrechte und die Macht der Ländergouverneure
regional orientierten Interessengruppen immer wieder gelang, die
Schulden auf die Zentralregierung abzuwälzen. Die in jüngster Zeit
zunehmende Fragmentierung des argentinischen Parteiensystems und der
Verbändelandschaft ist daher auch darauf zurückzuführen, dass seit der
Redemokratisierung keine nachhaltige und haushaltspolitisch tragfähige
Lösung zwischen Bund und Ländern zu Stande gekommen ist.
Auch in Venezuela trug die Stärkung dezentraler
Elemente zur Fragmentierung der Parteienlandschaft bei und verschärfte
Verteilungskonflikte angesichts einer sich verringernden Erdölrendite
und der sich daraus ergebenden Notwendigkeit von Strukturanpassungen.
Der seit der Erosion der PRI-Herrschaft wieder
erstarkende Föderalismus in Mexiko verschärft die Probleme der
Bundesregierung, im Abgeordnetenhaus und Senat Mehrheiten für die
anstehenden Reformen zu gewinnen.9
In Kolumbien schließlich ist die Überforderung
des Staates durch die parallelen Reformen am offensichtlichsten: In den
achtziger Jahren endete der Pakt zwischen den beiden traditionellen
Parteien, abwechselnd die Regierung zu stellen. Die Einführung
wettbewerbsdemokratischer Elemente wurde ergänzt durch ökonomische
Strukturanpassungen und Dezentralisierung zu Beginn der neunziger
Jahre. Im Hinblick auf die Anstrengungen des Staates, die dieser
aufwenden müsste, um die Profiteure von politischer Gewalt und
organisierter Kriminalität erneut unter sein Gewaltmonopol zu stellen,
präsentiert sich Kolumbien als ein von Verteilungskonflikten
zerrissener Staat.
Letztlich bestätigen die erfolgreichen Ausnahmen in Lateinamerika
erneut die These von der Schädlichkeit paralleler Reformprozesse für
die Erstellung gemeinschaftlicher Kollektivgüter. Chile, Costa Rica und
Uruguay sind Staaten, in denen nicht nur demokratische Konsolidierung
und marktwirtschaftliche Strukturanpassung in weitgehend getrennten
Phasen verliefen; auch Dezentralisierungsreformen wurden erst nach der
Verfestigung demokratischer Herrschaft und marktwirtschaftlicher
Strukturen eingeleitet.
Der „verweigerte Leviathan“
Es gibt gute normative Gründe und empirische Belege für die Vorteile
liberaldemokratischer Ordnung, ordoliberaler Marktwirtschaft und
dezentraler politischer Strukturen, für Demokratisierung,
wirtschaftliche Reformen und Dezentralisierung in Lateinamerika. Doch
die parallele Einführung all jener Elemente scheint die
Kooperationsbereitschaft der Akteure zu überfordern, die Fragmentierung
der politischen Systeme zu fördern und damit die Erstellung der
erwünschten staatlichen Kollektivgüter zu verhindern.
Somit lässt sich aus vertragstheoretischer Perspektive die Metapher
des „verweigerten Leviathan“ verwenden, da die politischen Akteure auf
Grund der durch die Reformparallelität induzierten Verteilungskonflikte
der rechtsstaatlichen Demokratie und der ordoliberal eingehegten
Marktwirtschaft die Gefolgschaft verweigern. Es verwundert deshalb
nicht, dass die regionale Kooperationsbereitschaft in Lateinamerika
stagniert, da es hierfür sorgsam ausgehandelter Kompromisse auf
intergouvernementaler Ebene in enger Abstimmung mit gesellschaftlichen
Akteuren bedarf. Angesichts der innenpolitisch instabilen Situation
sind die meisten Regierungen des Subkontinents gegenwärtig allerdings
kaum in der Lage, die internationale Koordinierung und Harmonisierung
in komplexen Politikfeldern voranzutreiben.
Anmerkungen
1 Zu den politischen Ursachen derartiger
gesamtwirtschaftlicher Krisen vgl. allgemein Faust, Informelle Politik
und ökonomische Krisen in jungen Demokratien, in: Aus Politik und
Zeitgeschichte, B21 /2000, S. 3–9.
2 Vgl. zum Staat in Lateinamerika u.a. Manfred Mols,
Begriff und Wirklichkeit des Staates in Lateinamerika, in: Manfred
Hättich (Hrsg.), Zum Staatsverständnis der Gegenwart, München 1987, S.
185–220; vgl. ebenso Hans-Joachim Lauth, Zur Transformation von Staat
und Demokratie in Asien und Lateinamerika: Fragmentierter Leviathan und
defizitäre Demokratie, in: Peter Birle/Jörg Faust/Günther
Maihold/Jürgen Rüland (Hrsg.), Globalisierung und Regionalismus.
Bewährungsproben für Staat und Demokratie in Asien und Lateinamerika,
Opladen 2002, S. 113–138.
3 Zur Kollektivgüterproblematik vgl. Mancur Olson,
The Logic of Collective Action, Cambridge 1965; vgl. auch Russell
Hardin, Collective Action, Princeton 1982.
4 Vgl. u.a. Guillermo O’Donnell, Delegative
Democracy, in: Journal of Democracy, 5/1994, S. 55–69; vgl. ebenso
Wolfgang Muno und Peter Thiery, Defekte Demokratien in Südamerika, in:
Petra Bendel/Aurel Croissant/Friedbert Rüb (Hrsg.), Zwischen Demokratie
und Diktatur. Zur Konzeption und Empirie demokratischer Grauzonen,
Opladen 2002, S. 283–309.
5 Zu dieser Diskussion vgl. im Überblick Manuel
Pastor/Carol Wise, The Politics of Second Generation Reforms in Latin
America, in: Journal of Democracy, 10/1999, S. 34–48.
6 Die Daten für politische Freiheitsrechte sind dem
Freedomhouse Index <www.freedomhouse.org/> entnommen und messen
eher den Grad demokratischer Partizipationsrechte, wobei 1 den
schlechtesten Wert darstellt und 7 den besten. Die Daten für
wirtschaftliches Wachstum entstammen der CEPAL <www.cepal.org/>.
Der Index zur Regierungsführung entstammt der Weltbank
<Kaufmann/Kraay/Zoido-Lobatón 2002 – www.worldbank.org/>.
7 Zu Argentinien vgl. u.a. Hector Schamis,
Distributional Coalitions and the Politics of Economic Reform in Latin
America, in: World Politics, 1/1999, S. 236–268; zu Peru vgl. u.a.
Bruce Kay, „Fujipopulism“ and the Liberal State in Peru, in: Journal of
Interamerican Studies and World Affairs, 4/1997,
S. 55–98.
8 Vgl. dazu Peter Evans, Embedded Autonomy: States and Industrial Transformation, Princeton 1995.
9 Zu den Finanzbeziehungen in Lateinamerikas föderalen Systemen vgl.
u.a. Christopher Garmann/Stephan Haggard/Eliza Willis, Fiscal
Decentralization: A Political Theory with Latin American Cases, in:
World Politics, 1/2001, S. 205–236.
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