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Lateinamerikas wirtschaftliche Entwicklung zwischen Integration und Fragmentierung

Tobias Hänni

Lateinamerika und die Karibik (im folgenden nur noch Lateinamerika) umfasst nach der regionalen UN-Kommission (ECLAC) 33 Staaten.[1] Der Begriff bezeichnet Südamerika (mit Ausnahme von Französisch-Guyana), die zentralamerikanischen Staaten, Mexiko sowie die souveränen Staaten der Karibik. Die Region umschließt ein Gebiet von 20 Millionen km2 mit mehr als 500 Millionen Einwohnern.[2]

An dieser Stelle sollen drei Aspekte dieses geografischen Raumes beleuchtet werden. Erstens die allgemeine wirtschaftliche Entwicklung der letzten Jahre, zweitens die verschiedenen Integrationsprozesse in der Region und drittens die gleichzeitig stattfindende Fragmentierung Lateinamerikas.

Wirtschaftliche Entwicklung Lateinamerikas

In Lateinamerika lässt sich seit ca. 2004 eine insgesamt positive Wirtschaftsentwicklung feststellen. Mit einem Wachstum des Bruttoinlandproduktes von durchschnittlich ca. 5 Prozent kann die Region zwar nicht mit den Zuwachsraten anderer Schwellenländer-Regionen, wie beispielsweise Asien, mithalten, doch verglichen mit den Jahren kurz vor und nach der Jahrtausendwende bedeutet dieser Zuwachs trotzdem eine merkliche Verbesserung. Auch für das Jahr 2007 wird ein durchschnittliches Wachstum von 4,5 Prozent erwartet. (Siehe Grafik). Diese makroökonomische Entwicklung hat sich  positiv auf die Arbeitslosigkeit, die Inflation und die Armutsquote ausgewirkt. So ging die Arbeitslosenquote im Jahr 2006  auf durchschnittlich 10 Prozent zurück. Die Inflation sank im Jahr 2006 auf 5,75 Prozent und ging verglichen mit 2004 um einen Prozentpunkt zurück.[3] Zwischen 2003 und 2005 fiel auch die Armutsquote[4], von 44 auf 40 Prozent.[5]

Der wirtschaftliche Aufschwung der Region ist vor allem auf die positive globale Wirtschaftsentwicklung, die durch die asiatischen Schwellenländer, allen voran China, aber auch durch den konjunkturellen Aufschwung im Euro-Raum verursacht wurde, zurückzuführen. Der globale Aufschwung hat zu einer verstärkten Nachfrage nach Rohstoffen geführt, weshalb deren Preise in den letzten Jahren markant angestiegen sind. Diese Entwicklung hat erheblich zum wirtschaftlichen Aufstieg der rohstoffreichen Länder Lateinamerikas beigetragen. Neben dem Export von Rohstoffen nach Asien, in die USA und nach Europa haben jedoch auch der intraregionale Handel und eine verstärkte inländische Nachfrage zu dem positiven Wirtschaftswachstum in der Region geführt.

Wirtschaftliche Integration

In Lateinamerika findet seit einigen Jahren verstärkt eine wirtschaftliche und in geringerem Masse auch eine politische Integration statt. Dabei haben sich die meisten der lateinamerikanischen Länder in einem der vier großen Handelsblöcke MERCOSUR (Mercado del Sul: Brasilien, Argentinien, Uruguay, Paraguay, Venezuela[6]), der Andengemeinschaft (CAN: Bolivien, Kolumbien, Ecuador, Peru), dem Gemeinsamen Zentralamerikanischen Markt (CACM: Guatemala, El Salvador, Honduras, Nicaragua, Costa Rica, Panama) und der Karibischen Gemeinschaft (CARICOM: insgesamt 15 karibische Staaten) zusammengeschlossen. Einzig Chile und Mexiko sind keinem lateinamerikanischen Integrationssystem angeschlossen. Mexiko ist jedoch seit 1994 Mitglied in der Nordamerikanischen Freihandelszone (NAFTA).

Neben diesen Handelssystemen bestehen noch weitere Institutionen zur regionalen wirtschaftlichen und politischen Integration. Das größte, intergouvernementale Integrationssystem, dem alle südamerikanischen Staaten (außer Surinam und Guayana), sowie Mexiko und Kuba angehören, ist die Latin American Integration Association (LAIA). Diese Organisation, die 1980 durch den Montevideo-Vertrag geschaffen wurde und die die 1960 konstituierte Latin American Free Trade Association (LAFTA) ersetzte, hat zum Ziel, einen gemeinsamen Markt zwischen den Mitgliedstaaten zu schaffen. Bislang wurden sieben Abkommen zwischen allen Mitgliedstaaten geschlossen, die vor allem die Öffnung der nationalen Märkte und die gegenseitige Gewährung von Handelspräferenzen beinhalten. Weitere Abkommen bestehen zudem zwischen einzelnen Ländern der Organisation.[7]

Mit der Entwicklung hin zu  Freihandelszonen, dem Abbau nicht-tarifärer Handelshemmnisse und der Implementierung gemeinsamer Organisationen haben die lateinamerikanischen Länder Fortschritte in der gegenseitigen wirtschaftlichen Annäherung gemacht. Trotz des allgemeinen Trends hin zur ökonomischen Integration bestehen jedoch noch große Hindernisse und Defizite, die einer Intensivierung der subregionalen Integrationsprozesse im Weg stehen. So bestehen teils tiefe Interessenkonflikte zwischen den einzelnen Ländern, die unter anderem auf den wirtschaftlichen Unterschieden und divergierenden handelspolitischen Ausrichtungen beruhen. Daneben sind die fehlende makroökonomische Koordination, der Mangel an institutionellen Mechanismen z.B. zur Beilegung von Konflikten und die zu langsam voranschreitende Implementierung gemeinsamer Entscheidungen in die nationalen Rechtssysteme die zur Zeit größten Defizite der subregionalen Integrationssysteme.[8]

Was gesamtregionale bzw. über die subregionalen Systeme hinausgehende Integrationsbemühungen betrifft,  so lassen sich solche vor allem in Südamerika beobachten. Als ehrgeizigste Initiative muss an dieser Stelle die Union der Südamerikanischen Staaten (UNASUR) genannt werden. Dieser Staatenbund wurde am 16. April 2007 auf dem 1. Südamerikanischen Energiegipfel gegründet und ersetzt die 2004 von Brasilien initiierte Gemeinschaft der Südamerikanischen Staaten (CNS). UNASUR umfasst die Länder des MERCOSUR, der Andengemeinschaft, Chile, Guyana und Surinam. Wichtigste wirtschaftliche Ziele der UNASUR sind die Schaffung einer südamerikanischen Freihandelszone, Zusammenarbeit in der Infrastruktur, freier Personenverkehr sowie die Einführung einer gemeinsamen Geld- und Währungspolitik, die schlussendlich zu einer Währungsunion führen sollen.

Venezuela ist eine der treibenden Kräfte hinter den momentanen, südamerikanischen Integrationsprozessen. So wurde der Energiegipfel von der von Präsident Chavéz ins Leben gerufenen Bolivarianischen Alternative der Amerikas (ALBA) veranstaltet. Bei ALBA handelt es sich um einen auf sozialen Ausgleich und Kooperation fokussierten Gegenentwurf zur Panamerikanischen Freihandelszone (FTAA). Auch die Idee einer „Banco del Sur“ wurde von Venezuela initiiert und deren Gründung im Februar 2007 von Chavéz und Argentiniens Präsident Kirchner beschlossen. Dem Finanzinstitut, das vornehmlich regionale Integrationsprojekte finanzieren und gleichzeitig dafür sorgen soll, dass sich Südamerika aus der Abhängigkeit von Weltbank und IMF lösen kann, fand auch von anderen Ländern, darunter Brasilien, Unterstützung und soll im Juni 2007 institutionalisiert werden.[9] Ein Zusammenschluss und eineVertiefung der Beziehungen und damit auch eine gewisse Emanzipation Lateinamerikas lässt sich angesichts dieser Initiativen nicht leugnen.

Fragmentierung

Dennoch dürfen die Integrationsprozesse im lateinamerikanischen Raum, die durch den allgemeinen politischen Linkstrend und der damit einhergehenden „relativen Homogenisierung der politischen Landkarte“[10] in den vergangenen Jahren nochmals einen gewissen Auftrieb erhalten haben, nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Region insgesamt stark fragmentiert ist. Intraregional äußert sich dies in einer Polarisierung der (wirtschafts-)politischen Ideologien und Ziele der einzelnen Länder.Brasiliens moderate Wirtschaftspolitik unterscheidet sich beispielsweise markant vom populistischen Sozialismus der venezolanischen Regierung unter Hugo Chavéz, aber auch von jener Chiles, in der marktwirtschaftliche Reformen und Privatisierung konsequent umgesetzt wurden. Während einige Länder mit der Nationalisierung von Unternehmen den Fokus auf den sozialen Ausgleich legen, versuchen andere durch den freien Markt ihre Volkswirtschaften leistungs- und wettbewerbsfähiger zu machen.

Damit verknüpft ist auch ein Abweichen der einzelnen außenpolitischen Positionen, vor allem was die Ausrichtung auf außerregionale Handelspartner betrifft. Zwar sind die meisten Länder an einer Diversifizierung und Vertiefung ihrer interkontinentalen Handelsbeziehungen interessiert, doch bewegen sie sich dabei in verschiedene Richtungen. Während Mexiko oder die Länder des zentralamerikanischen Raumes sich hauptsächlich auf die USA fokussieren, orientieren sich Länder wie Venezuela und Bolivien, die sich offen gegen den Neo-Liberalismus im Allgemeinen und die USA im Speziellen aussprechen, verstärkt auf die intraregionale Kooperation und außerregional Richtung Asien. Die Länder des MERCOSUR hingegen versuchen, ihre wirtschaftlichen Beziehungen vor allem durch eine Annäherung an die EU zu erweitern.

Diese grundlegenden Unterschiede könnten nicht nur einer weitergehenden, breiteren  Integration wie der UNASUR im Weg stehen, sondern auch die bestehenden Handelsblöcke gefährden. Dies zeigt sich am Beispiel der Andengemeinschaft, bei der nach Venezuela nun auch Bolivien über einen Austritt nachdenkt, nachdem Peru und Kolumbien jeweils ein Freihandelsabkommen mit den USA unterzeichnet haben.



[1] ECLAC, http://www.eclac.cl/cgi-bin/getprod.asp?xml=/noticias/ paginas/7/21497/P21497.xml&xsl=/tpl-i/p18f-st.xsl&base=/ tpl-i/top-bottom_acerca.xsl, (Abgerufen am 20. Mai 2007)
[2] Internation Center for Tropical Agriculture, Latin America and the Caribbean (LAC) Population Database, 2005, http://gisweb.ciat.cgiar.org/population/report.htm#A2, (Abgerufen am 20. Mai 2007)
[3] Hartmut Sangmeister, Lateinamerikas Wirtschaft erwartet 2007 ein weiteres gutes Jahr, GIGA-Institut für Lateinamerika-Studien, GIGA Focus Lateinamerika 1/2007, http://www.giga-hamburg.de/content/ publikationen/pdf/gf_lateinamerika_0701.pdf (Abgerufen am 6. Mai 2007);
[4] Gemessen an der finanziellen Möglichkeit, einen „Korb“ an grundlegenden Konsumgütern zu kaufen.
[5] International Monetary Fund, Regional Economic Outlook: Western Hemisphere, November 2006 http://www.imf.org/external/pubs/ ft/reo/2006/ENG/02/wreo.htm (Abgerufen am 17.Mai 2007)
[6] Venezuela ist 2006 offiziell Mitglied im MERCOSUR; allerdings noch nicht mit allen Rechten eines Vollmitgliedes ausgestattet. Vorher war Venezuela Mitglied der Andengemeinschaft, aus der es aufgrund der wirtschaftlichen Verhandlungen mit den USA ausgestiegen ist.
[7]LAIA, Agreements,  http://www.aladi.org/nsfaladi/organism.nsf/inicio2004i (Abgerufen am 6. Juni 2007)
[8] Economic Comission for Latin America and the Carribean (ECLAC), Latin American and the Carribean in the World Economy 2004, 2005 Trends, S. 90 ff., http://www.eclac.cl/publicaciones/Comercio/ 3/LCG2283PI/PANI_Cap_III_Engl.pdf (Abgerufen am 21. Mai 2007)
[9] argentinienaktuell.com, Banco del Sur: Brasilien tritt offiziell bei, 4.5.2007 http://www.argentinienaktuell.com/newsDetail.php?newsId=1976 (Abgerufen am 6.6.2007)
[10]  Christian E. Rieck, Eine Frage der Souveränität. Nicht nur im Energiebereich geht Südamerika eigene Wege, in: Internationale Politik 9/2006, S.110- 116; hier: S. 110.


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Jahrbuch Internationale Politik: Weltverträgliche Energiesicherheitspolitik
von Josef Braml, Karl Kaiser, Hanns W. Maull, Eberhard Sandschneider, Klaus Werner Schatz (Hrsg.)

Veröffentlicht am 2. Juni 2008

Das neu konzipierte Standardwerk der internationalen Politik bietet eine systematisch-vergleichende Analyse eines aktuellen Themas: Weltverträgliche Energiesicherheitspolitik. Autorinnen und Autoren sind renommierte deutsche Experten sowie maßgebliche Repräsentanten der operativen Politik, des Bundeskanzleramts, des Bundestags und von Bundesministerien. Neben der wechselseitigen Politikberatung leistet das Jahrbuch – in Zusammenarbeit mit den Medien und anderen Multiplikatoren – auch Öffentlichkeitsberatung.

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