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Ebenbürtige Partner - Der Mer...
Ebenbürtige Partner - Der Mercosur, die Europäische Union und die USA
Felipe A.M. de la Balze
in: Internationale Politik, 9/2001, S. 9-16.
In den letzten zehn Jahren hat im Cono Sur, hier verstanden als
Argentinien, Brasilien, Chile und Uruguay, ein bedeutender politischer
und wirtschaftlicher Paradigmenwechsel stattgefunden. Seit 1976 war in
der Region kein Militärputsch gegen einen gewählten zivilen Präsidenten
erfolgreich; durch die Unterzeichnung einer Reihe regionaler und
internationaler Sicherheitsabkommen über die Kontrolle nuklearer,
chemischer und biologischer Waffen ist die Region demilitarisiert und
in eine Friedenszone umgewandelt worden.
Die
Demokratie hat in den politischen Systemen Einzug gehalten, die Achtung
der Menschen- und Minderheitenrechte hat sich drastisch verbessert, und
umweltpolitische Bedenken haben in der Tagespolitik eine zunehmend
herausragende Stellung eingenommen. Im wirtschaftlichen Bereich hat die
Bedeutung von privaten Initiativen und Märkten dramatisch zugenommen,
die lokale Wirtschaft hat sich dem Außenhandel und ausländischen
Investitionen geöffnet, und die Rolle der Regierung bei der Produktion
von Waren und bei Dienstleistungen wurde bedeutend reduziert. Selbst in
denjenigen Ländern, in denen in den letzten Jahren
Mitte-Rechts-Regierungen an die Macht gekommen sind, wie Argentinien
und Chile, werden marktorientierte Maßnahmen, die auf dem Privatsektor
aufbauen, als der beste Weg hin zu wirtschaftlichem und sozialem
Fortschritt betrachtet.
Dennoch sind die Aussichten für die
Konsolidierung einer Kerngruppe der demokratischen Länder des Cono Sur
mit marktorientierten Volkswirtschaften, die erfolgreich in das globale
politische und wirtschaftliche System eingebunden sind, noch nicht
sicher. Damit die oben genannten Nationen des Cono Sur erfolgreich sein
können, müssen sie einen schnellen und nachhaltigen Prozess des
Wirtschaftswachstums und der sozialen Verbesserungen sicherstellen, der
auf einer exportorientierten Wachstumsstrategie beruht. Diese Länder
waren beim Aufbau einer soliden und diversifizierten Exportpräsenz auf
den Weltmärkten nicht wirklich erfolgreich, trotz jüngster Fortschritte
im Fall Chiles.
Auch wenn die Staaten der Region sich über die
Form einer regionalen Integration nicht einig sein mögen, sind sie alle
dem Ziel einer größeren regionalen Integration verpflichtet. Während
Argentinien, Chile und Uruguay offenbar prinzipiell eine beschleunigte
Aushandlung von Handelsabkommen mit den USA und Europa bevorzugen,
scheint Brasilien es vorzuziehen, die Verhandlungen zu verschieben, auf
eine lockerere südamerikanische Koalition abzuzielen und dem Aufbau
einer nationalen wirtschaftlichen und diplomatischen Position Priorität
einzuräumen.
Gleichermaßen gibt es eindeutige Zeichen, dass
Washington bereit ist, bei der Schaffung einer hemisphärischen
Freihandelszone voranzugehen. Auf dem Gipfel der Staats- und
Regierungschefs der westlichen Hemisphäre in Quebec vom April 2001
einigte man sich auf die Umsetzung eines solchen Unterfangens bis zum
Jahr 2005.1 Aber die USA haben bei unterschiedlichen Anlässen
angedeutet, einen schnelleren Zeitplan zu bevorzugen. Die Verhandlungen
über ein bilaterales Handelsabkommen zwischen den USA und Chile
schreiten voran; ein Abkommen könnte noch vor Ende 2001 unterzeichnet
werden. Der uruguayische Präsident, Jorge Battle, und der argentinische
Wirtschaftsminister, Domingo F. Cavallo, haben kürzlich
angedeutet, dass auch sie schnell in dieselbe Richtung vorstoßen
wollen. Schließlich hat die argentinische Delegation auf dem letzten
Mercosur-Gipfel der Staats- und Regierungschefs vom Juni 2001 einen
Vorschlag unterbreitet, um direkte bilaterale Verhandlungen zwischen
dem Mercosur und den USA zu initiieren. Dieser Vorschlag wurde von
allen Mitgliedsländern, einschließlich Brasiliens, angenommen.
Das derzeitige Durcheinander beim Mercosur und die neuen
amerikanischen regionalen Initiativen stellen eine doppelte
Herausforderung dar, die Europa ernsthaft analysieren muss. Sie
bedeuten auch eine einmalige Gelegenheit für Europa, seine historische
Position im Cono Sur zu festigen und so einen Fuß in die Tür zu
bekommen, um – zu einigermaßen gemäßigten strategischen und
wirtschaftlichen Kosten – ein „ebenbürtiger Partner“ der USA in der
Region zu werden.
Aussichten für den Mercosur
Der wirtschaftliche Integrationsprozess
setzte sich zwischen 1990 und 1998 in einem zügigen Tempo fort. Der
intraregionale Handel wuchs rasch, und bedeutende Zuflüsse
ausländischer Investitionen wurden in diese Region geleitet. Aber die
letzten zwei Jahre waren für den Mercosur schwierig, und zwar auf Grund
der Spannungen, die Brasiliens Abwertung des Real im Jahr 1999
hervorgerufen hat. Diese Spannungen wurden durch die Weigerung der
brasilianischen Regierung verstärkt, im Juni 1999 die Annahme einer
makroökonomischen „Flucht- oder Schutzklausel“ zu akzeptieren, wie dies
von den übrigen Mitgliedern vorgeschlagen worden war. Diese formale
Ablehnung führte zu einer übermäßigen Ausweitung von Ad-hoc-Schutz- und
Gegenmaßnahmen, die zu einem großen Hindernis für den intraregionalen
Handel wurden.
Unglücklicherweise bot das schwache
institutionelle Rahmenwerk des Mercosur keine Grundlage für ein
wirksames Funktionieren des Streitschlichtungsmechanismus. Darüber
hinaus hat das institutionelle Defizit des Mercosur die Neigung
einzelner Mitglieder gefördert, Handelspräferenzen mit Drittländern
separat auszuhandeln.
Jüngstes Symptom für die Anfälligkeit der Organisation war Chiles
Entscheidung im Dezember 2000, die vollständige Eingliederung in den
Mercosur abzulehnen und statt dessen in Verhandlungen über ein
bilaterales Freihandelsabkommen mit den USA einzutreten. Chiles
strategische Entscheidung beruhte auf dem Glauben, dass Brasiliens
Forderung nach Verlängerung des Schutzes für seinen großen
Industriesektor der chilenischen Wirtschaft hohe und unnötige Kosten
aufbürden würde. Des Weiteren war Chile der Ansicht, dass seine
Eingliederung in den Mercosur zu ernsthaften Interessengegensätzen zu
den größeren Mitgliedern führen würde.
Die historische Erfahrung zeigt jedoch eindeutig, dass Projekte
regionaler Integration fest verankert und erfolgreich sein können, wenn
bestimmte Bedingungen erfüllt sind. Falls dies nicht der Fall ist,
werden entweder die Ambitionen zurückgeschraubt oder schwere
Rückschläge in Kauf genommen werden müssen.
Brasilien, der größte Akteur in der Region, hat
eine komplexe nationalwirtschaftliche und soziale Agenda vor sich, die
eine nach innen gerichtete Sicht seiner internationalen Rolle
begünstigt. Darüber hinaus fehlen ihm in einigen Schlüsselbereichen die
Ressourcen, um eine effektive Führungsrolle zu übernehmen, wie z.B.
makroökonomische Disziplin und Stabilität sowie stabile, transparente
und durchsetzbare mikroökonomische Regeln. Im wirtschaftlichen Bereich
scheint die vorherrschende Sicht in Brasilien im Hinblick auf seine
Teilnahme an internationalen Handelsgesprächen im Wesentlichen
defensiver Natur zu sein. Dies liegt darin begründet, dass generell die
Kosten, die mit einer größeren Öffnung einhergehen, höher sind als die
möglicherweise zu erzielenden Vorteile. Des Weiteren besteht in dem
Land eine weit verbreitete Angst, dass die Globalisierung größtenteils
zum Vorteil anderer Länder arbeitet, die danach streben, in Brasilien
offene Märkte für ihre Produkte zu finden, ohne im Gegenzug das Gleiche
brasilianischen Exporten zu ermöglichen.
Betreffend den Mercosur ist die vorherrschende
Sicht, dass die Vorteile des regionalen Projekts zwar bedeutend sind,
sie aber nicht ausreichen, um in Bezug auf die nationale
Wirtschaftspolitik eine Selbstverpflichtung zu rechtfertigen. Diese
Position beruht auf der einen Seite auf der starken Stellung der
Sektoren, die mit den Importen in Wettbewerb stehen, gegenüber den
exportorientierten Sektoren, wenn es um die Festlegung
wirtschaftlicher, industrieller und handelspolitischer Maßnahmen geht.
Auf der anderen Seite war während des längsten Teils der Nachkriegszeit
eine starke interventionistische Haltung bei den Wirtschaftsmaßnahmen
in Brasilien charakteristisch (sowohl auf der Bundes- als auch auf der
Staatenebene).
In den letzten Jahren haben sektorspezifische Steuervorteile und Schutz
vor Importen, Exportsubventionen und die Finanzierung von Entwicklung
sowie die Eigenständigkeit für die nördlichen und nordöstlichen
Regionen regionale Anreize für Handel und Investitionen verzerrt und
den Spielraum für Konflikte innerhalb des Mercosur erheblich erweitert.
Mit Ausnahme Brasiliens und Argentiniens würden
wahrscheinlich die restlichen südamerikanischen Länder eine
Führungsrolle der USA derjenigen irgendeiner südamerikanischen
Regionalmacht oder einer „Entente“ zwischen den wichtigsten
Regionalmächten (Argentinien und Brasilien) vorziehen. Verschiedliche
Sprachen, eine Landkarte, die Südamerika in mindestens drei
unterschiedliche und voneinander getrennte geographische Räume teilt,
die seit langem vorhandenen Präferenzabkommen der sechs kleineren
Anden-Staaten und die regionale strategische Vorherrschaft der USA sind
die überragenden Hindernisse für die Verwirklichung einer solchen
Sicht.
Der Mercosur scheint gegenwärtig irgendwie
außer Kontrolle geraten zu sein, weil er unter einem Mangel an
Institutionen leidet und unter einer Überbeanspruchung. Die
Herausforderung liegt darin, die Institutionen zu stärken und
gleichzeitig die Verpflichtungen in Einklang mit den zur Verfügung
stehenden Ressourcen zu bringen. In Bezug auf die regionalen
Institutionen bestünde eine Mindestanforderung darin, eine ständige
gemeinsame Verhandlungskommission zu schaffen, die auf technischer
Ebene die laufenden Verhandlungen mit den USA, der EU, dem Anden-Pakt
usw. leitet und koordiniert. Auch muss versucht werden, die bestehenden
schwachen Streitschlichtungsverfahren zu verbessern, sowohl
hinsichtlich des Zugangs für beschwerdeführende Parteien als auch
bezüglich der Verfahren und der Durchsetzung der Entscheidungen.
Ein zweiter Mechanismus, der die
Verpflichtungen mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen abgleicht,
würde es ermöglichen, bei der Umsetzung des regionalen
Integrationsprojekts flexibler zu sein. Vereinbarte Ausnahmen,
beispielsweise bei den gemeinsamen Außenzöllen, oder eine Liste der
bestehenden sektoralen und regionalen Anreize könnten für eine
Übergangsperiode von zwei oder drei Jahren toleriert werden. Während
der vorgeschlagenen Übergangsperiode würden alle Länder der Region ihre
Bemühungen darauf konzentrieren, alle nichttarifären Grenzhindernisse
für den Güter- und Dienstleistungsverkehr zu beseitigen.
Ein dritter Mechanismus bestünde darin, einen
Mercosur der unterschiedlichen Geschwindigkeiten zu fördern, in dem
einige Länder beim Integrationsprozess schneller voranschreiten können,
ohne dass die anderen Länder gezwungen sind, ihnen zu folgen. Ein
Abkommen zum Beispiel, wodurch Personengrenzkontrollen (ähnlich wie
beim Schengener Abkommen von 1985) abgeschafft werden, könnte
einigermaßen schnell zwischen Argentinien, Chile und Uruguay auf den
Weg gebracht werden. Chile hat, obwohl es den Beitritt zum bestehenden
Zollunionsrahmenwerk des Mercosur ablehnt, ausdrücklich den Wunsch
geäußert, beim Prozess der Liberalisierung von Dienstleistungen,
Kapitalbewegungen und der Luftfahrt schneller voranzuschreiten.
Argentinien und Brasilien könnten bei Fragen, die den Aufbau einer
regionalen Infrastruktur betreffen, und bei der Umsetzung eines
bilateralen integrierten Energieplans vorangehen.
Die Integration des Cono Sur ist ein Mittel,
kein Zweck. Der Mercosur sollte ein Instrument sein, um den regionalen
Frieden, Abrüstung, einen größeren und integrierteren regionalen Markt
zu fördern, und er sollte als Sprungbrett für die erfolgreiche
Integration der Region in die Weltwirtschaft fungieren. Innerhalb der
durch die Wirklichkeit gesetzten Grenzen und trotz seiner gegenwärtigen
Schwierigkeiten ist der Mercosur ein bedeutender Erfolg gewesen. Es
besteht keine Gefahr der Rückkehr in die Vergangenheit, was die
Intensivierung extremer protektionistischer Maßnahmen oder das
Wiederaufflackern alter geopolitischer Konkurrenz angeht. Die Region
ist de facto wie de jure eine Friedenszone geworden. Die bereits
ausgehandelten strategischen Abkommen über Massenvernichtungswaffen,
das wachsende Netz wirtschaftlicher intraregionaler Interessen und der
tief greifende Wandel in der öffentlichen Meinung der Länder in der
gesamten Region sind Errungenschaften, die Bestand haben und von den
Entscheidungsträgern nicht übersehen werden können.
Der Handel hat sich von abgrundtiefen Niveaus
ausgehend erhöht, aber seine Zukunft wird mehr vom allgemeinen
Wirtschaftswachstum und von einer weiteren Integration in die
Weltwirtschaft abhängen als von einer Ausweitung der intraregionalen
Konzessionen bei Handelspräferenzen. Die Länder – und besonders das
politische Establishment – sind sich ihrer Interessen, jeweiligen Ziele
und Umstände bewusst geworden. Im Großen und Ganzen ist die Bilanz
positiv und stellt eine neue Stufe der regionalen Integration dar.
Der Mercosur – sogar einer, der auf das übrige Südamerika
ausgeweitet ist – kann künftig weder erwarten, eine zentrale Rolle in
den internationalen Beziehungen zu spielen, noch allein Lösungen für
seine eigenen Kernprobleme zu finden, es sei denn, er integriert sich
in die Weltwirtschaft und arbeitet eng mit den USA und Europa zusammen
– seinen „unverzichtbaren Partnern“. Europa sollte in dieser nächsten
Phase eine größere Führungsrolle übernehmen und zugleich ein
„ebenbürtiger Partner“ der USA in der Region werden.
Engagement der EU
Die EU hat in weltwirtschaftlichen Angelegenheiten bereits die Rolle
einer Supermacht erreicht. Sie ist zugleich eine einzigartige
Gemeinschaft gemeinsamer Werte, Prinzipien und Rechtsgrundsätze.
Vielleicht wird Europa nicht so effektiv wie die USA militärische Macht
oder Sicherheit zur Geltung bringen, aber die EU ist zum
erfolgreichsten Beispiel dafür geworden, wie eine Gruppe von Staaten
zusammenarbeiten kann, um eine wahre Kooperation aufzubauen. Europa hat
bereits erfolgreich den Weg zur Schaffung einer internationalen
Gemeinschaft von Demokratien und einer großen integrierten
wirtschaftlichen Region aufgezeigt – keine geringe Leistung.
Das europäische Modell auf dem
südamerikanischen Subkontinent nachzubilden, sollte in der Tat das
Hauptziel der Länder des Cono Sur sein: die Schaffung einer Region des
Friedens, einer Gemeinschaft von Demokratien, einer regional
integrierten Zone, die auf einer soliden politischen und
wirtschaftlichen Grundlage in die Weltwirtschaft integriert ist. Die
gegenwärtigen Herausforderungen, denen sich die Länder des Cono Sur
gegenübersehen, bieten Europa eine einzigartige strategische
Gelegenheit, schnell darauf zuzusteuern, zu einigermaßen geringen
strategischen und wirtschaftlichen Kosten ein „ebenbürtiger Partner“
der USA zu werden. Die EU müsste eine Strategie des aktiven Engagements
in der Region verfolgen, die parallel zu den Initiativen der USA
verläuft, ihnen jedoch nicht folgt.
Eine EU, die gewillt ist, ein „ebenbürtiger
Partner“ der USA in der Region zu werden, müsste sich in vier größeren
Initiativen engagieren:
1. Sie sollte die jüngsten, entschlossenen Initiativen der USA in der Region begrüßen und unterstützen.
2. Sie würde den Ländern des Cono Sur
ihre Absicht ankündigen, mit den USA zu einer Verständigung zu kommen
bei der gemeinsamen Ausrichtung der beiden transatlantischen
Initiativen in Bezug auf einen Zeitplan und den generellen Inhalt
(Handel, Demokratie, politischer Dialog).
3. Sie sollte bereit sein, den
Zeitplan der laufenden Handelsgespräche zu beschleunigen und darauf
abzielen, die bilateralen Abkommen mit dem Mercosur und Chile auf dem
nächsten Gipfel der Staats- und Regierungschefs, der Ende 2002
stattfinden wird, zu unterzeichnen.
4. Sie müsste zu erkennen geben, dass
ihr Vorschlag direkt damit verbunden ist, eine feste Beziehung zwischen
Handel und Demokratie herzustellen und zu ihrem Ziel, eine Gemeinschaft
transatlantischer Demokratien zu festigen.
Zwillingspartnerschaft EU-USA
Da die USA und die EU die fundamentalen Achsen
der Weltwirtschaft und des politischen Systems sind, würde die
Ankündigung der geplanten Zwillingspartnerschaft mit den Ländern des
Cono Sur einen großen Multiplikatoreffekt in Bezug auf Erwartungen und
Vertrauen haben (es stellt nicht nur eins, sondern gleich zwei
Zeugnisse guten Verhaltens aus), und würde zu wachsenden Investitionen
und höheren Wirtschaftswachstumsraten führen.
In diesem Szenario könnten die Länder des Cono
Sur, die mit der EU und den USA zusammenarbeiten, Schritt für Schritt
eine neue internationale Regionalarchitektur aufbauen, die auf zwei
soliden und parallel laufenden Partnerschaften in Handel und Politik
beruht. Der Vorschlag erfordert kein formales Abkommen zwischen der EU
und den USA. Er erfordert nur ein bescheidenes Maß an Koordination und
Ausrichtung der Maßnahmen auf einen gemeinsamen Zeitplan und
allgemeinen Inhalt, sowohl hinsichtlich der Handelsliberalisierung als
auch der Komponenten der demokratischen Vereinbarungen.
Die Zwillingspartnerschaft würde auf Seiten der
USA zweierlei einschließen: zum einen die beschleunigten Verhandlungen
eines bilateralen Handelsabkommens zwischen den USA und dem Mercosur
bis zum Jahr 2003 (oder alternativ eine schnelle Eingliederung der
Länder des Cono Sur in die bestehenden NAFTA-Abkommen) und zum andern
eine Demokratievereinbarung und ein Netzwerk von Sicherheitsabkommen,
um gemeinsam eine regionale Antwort auf die neuen Gefahren (besonders
die Verbindung von marxistischen Guerillabewegungen zu
DrogenÂproduktion und Drogenhandel) zu geben, die in der nördlichen
Anden-Subregion auftauchen. Auf europäischer Seite wären dies ein
gleiches
Abkommen zur Handelsliberalisierung bis zum Jahr 2003,
eine Demokratievereinbarung, ein Kooperationsabkommen und die
regelmäßige Fortführung des Politischen Dialogs auf hoher Ebene, der in
Rio de Janeiro 1999 ins Leben gerufen wurde.
Die allmähliche Integration der Länder des Cono
Sur in die Weltwirtschaft und ihre Eingliederung als gleichwertige
Partner in eine größere Gemeinschaft transatlantischer Demokratien
würde allen Beteiligten bedeutende Vorteile bringen. Die vorgeschlagene
Zwillingspartnerschaft würde den Ländern des Cono Sur einen
vorteilhaften Rahmen bieten, um ihre politischen und wirtschaftlichen
Hauptziele zu erreichen. Im wirtschaftlichen Bereich sollte eine
positive Spirale von zunehmender Marktgröße, verbesserter
Ressourcenverteilung und höheren Investitionsniveaus die Grundlage
schaffen für die Erreichung einer bedeutend höheren
Wirtschaftswachstumsrate, die das Ausmaß der Ungleichheit verringert,
die regionale Integration fördert und die Region erfolgreich in die
entstehende globale Wirtschaft eingliedert.
Im politischen Bereich würde die
Zwillingspartnerschaft die Konsolidierung von Institutionen fördern
(z.B. Justiz, Polizei und politische Parteien) und für eine tiefere
Verwurzelung der in dieser Region vergleichsweise jungen Demokratien
sorgen. Des Weiteren würde sie den Boden für eine effektivere
transatlantische Zusammenarbeit bei den hässlichen Seiten der
Globalisierung bereiten: Kriminalität einschließlich von
Computerkriminalität, Terrorismus, Drogenhandel usw.
Im Bereich der regionalen Integration würde das
transatlantische Zwillingsabkommen ein solides Rahmenwerk für
zukünftige Kooperationen darstellen. Die Spannungen, die unausweichlich
in einem institutionellen Rahmenwerk auftreten, in dem die
zwischenstaatliche Zusammenarbeit vorherrscht, würden durch die
Existenz des transatlantischen Zwillingsabkommens gering gehalten, das
den Ermessensspielraum der beteiligten Staaten einschränken würde. Die
Zwillingspartnerschaft zwischen den USA und Europa wird dazu beitragen,
die übermäßige Sprunghaftigkeit der Regeln und Normen zu verringern,
die für den Handel und die wirtschaftlichen Maßnahmen des Mercosur in
den vergangenen Jahren charakteristisch waren. Die vorgeschlagene
transatlantische Zwillingsverbindung wird zu einem Netzwerk von
Vereinbarungen führen, das bis zu einem gewissen Grad als Ersatz für
die fehlenden regionalen Institutionen dienen wird. Die regionale
IntegraÂtion wird sich weiterhin entwickeln, unterstützt durch das
schon vorherrschende Ausmaß an Interdependenz, den politischen Willen
der Staaten und das Rahmenwerk von Gesetzen und Regeln, die die
transatlantische Zwillingspartnerschaft vorgibt.
Bei diesem Vorschlag wird jegliche Ausweitung
des Einflusses Europas automatisch auch zu einer Ausweitung des
Einflusses der USA führen – und umgekehrt. Europa und die USA werden
zum Sprungbrett für den wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt und
für die allmähliche Verankerung der Demokratie in der Region. Die
vorgeschlagene transatlantische Zwillingsvereinbarung sollte nicht als
ein Instrument der reichsten Länder angesehen werden, die sich gegen
eine Gruppe armer Länder verschwört. In Wirklichkeit würde die
Schaffung eines Netzwerks einer echten Nord-Süd-Integration und
-Kooperation einen positiven Präzedenzfall darstellen für eine
konstruktive Mitwirkung des Südens in der Welthandelsorganisation (WTO)
und in anderen globalen Institutionen.
Gelänge dies, wäre das eine internationale
Bestätigung für das Konzept, dass die Globalisierung, richtig genutzt,
bedeutende Nettogewinne sowohl für die entwickelten Volkswirtschaften
der USA und Europas bringen kann als auch für die Volkswirtschaften der
Entwicklungsländer, die willens sind, sich zu öffnen, die ausländische
Direktinvestitionen anerkennen und die demokratisch regiert werden. Die
strategische und politische Wirkung würde substanziell sein und
höchstwahrscheinlich die Mobilisierung anderer Gesellschaften in die
richtige Richtung fördern. Sie würde auch beweisen, dass sowohl die USA
als auch die EU unter gewissen Umständen die Fähigkeit besitzen, ihre
Widerstände gegen die Handelsliberalisierung zu überwinden.
Die Staaten des Cono Sur haben wenig von einer Integration mit den
USA und Europa zu befürchten, da die globale Vorherrschaft der USA und
der EU eine solide Grundlage für ihre Zwecke und Hoffnungen bietet,
wenn sie richtig gehandhabt wird. Wenn die vorgeschlagene
Zwillingspartnerschaft voranschreitet, wird sie die Länder des Cono Sur
in eine positive Spirale von Wirtschaftswachstum, größerer sozialer
Gerechtigkeit und gefestigter Demokratie führen. Europa, die USA und
die Kerngruppe des Cono Sur werden vielleicht Gründungsväter einer
transatlantischen Koalition demokratischer Gesellschaften mit offenen
Volkswirtschaften des 21. Jahrhunderts werden.
Anmerkung
1 Der Text der Gipfelerklärung ist hier abgedruckt, S. 79 ff.
Felipe A. M. de la Balze, Direktor des
Consejo Argentino de
Relaciones Internacionales (CARI) und Professor für Weltwirtschaft an
der Foreign Service School und der Advanced School des
Verteidigungsministeriums in Buenos Aires.
Dieser Beitrag erscheint mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift Internationale Politik, Ausgabe 09/2001
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