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Einen Schritt vor, zwei Schritte zurück

Bjoern Sackniess

von Allen C. Lynch

Nach einer wohl unerwartet starken wirtschaftlichen Rezession in den neunziger Jahren vermeldete die russische Wirtschaft am Ende des Jahrzehnts ebenso unerwartet gute Nachrichten. Die inländische Produktion hat sich nach dem Verfall des Rubels um 70 Prozent im August 1998 wieder belebt. Die seither steigenden Weltmarktpreise für Öl (zwischen Januar 1999 und Sommer 2000 kletterte der Ölpreis von 9 auf 35 Dollar pro Barrel, über weite Zeiträume des Jahres 2001 wird er um 25 Dollar liegen)1 haben die russische Staatskasse in ungeahntem Maße gefüllt und den Staat in die Lage versetzt, den Krieg in Tschetschenien zu finanzieren und gleichzeitig den Zinsverpflichtungen für die russischen Auslandsschulden nachzukommen sowie ausstehende Löhne und Pensionen zu zahlen.2

Beitrag erschienen in: Internationale Politik 10/2001
Das russische Bruttoinlandsprodukt (BIP) kletterte im Jahr 2000 auf nahezu acht Prozent (1999: 3,2%, 1998: - 4,6%) und wird für 2001 auf vier bis fünf Prozent geschätzt.3

In den ersten zehn Monaten des Jahres 2000 erhöhten sich die Investitionen um geschätzte 19,6%, der Umsatz bei Frachtgütern stieg um 5% (einschließlich einer Steigerung von 14,6 % bei der Bahn) und der Umsatz im Einzelhandel um 8,4%. Die Exporte erhöhten sich in diesem Zeitraum um 46,7%, die Importe um 9%. Zulegen konnten auch das Realeinkommen (9%) und sogar die landwirtschaftliche Produktion (5%).4

Inzwischen kann die russische Regierung auf einen Haushaltsüberschuss von 90 Milliarden Rubel verweisen (etwa 3,2 Milliarden Dollar) sowie auf unvorhergesehene Mehreinnahmen, die diesen Überschuss auf insgesamt 306 Milliarden Rubel anwachsen lassen (etwa 10,2 Milliarden Dollar). So gesehen ist die Lage zumindest kurzfristig rosiger, als viele nach der russischen Finanzkrise vermutet hatten.

Und doch sind die strukturellen Grundlagen der russischen Wirtschaft keineswegs so stark, wie die jüngsten konjunkturellen Daten dies zu belegen scheinen. Der unabhängige russische Ökonom Otto Latsis und Präsident Wladimir Putins Chefberater Andrej Illarionow stimmen beide darin überein, dass die russische Wirtschaft in den letzten Monaten des Jahres 2000 trotz der außergewöhnlich günstigen äußeren Bedingungen (z.B. hohe Ölpreise und schwacher Rubel) ins Stolpern geraten ist. Diese Indikatoren legen nahe, dass das starke Auftreten der russischen Wirtschaft im vergangenen Jahr - in der Tat war es das Stärkste der letzten 30 Jahre - eher das Ergebnis temporärer konjunktureller Faktoren als gesunder Grundlagen der Wirtschaft selbst ist.

So beschränken sich die russischen Exporte weiterhin vor allem auf den Verkauf von Erdöl und Erdgas, während sie in anderen, mehrwertsteuer-relevanten Bereichen praktisch nicht vorhanden sind. Als Ergebnis des finanziellen Zusammenbruchs vom August 1998 ist das russische Bruttoinlandsprodukt (in Dollar gerechnet) von geschätzten 436 Milliarden im Jahr 1997 auf 278 Milliarden zum Jahresende 1998 zurückgegangen.5

Entsprechend erhöhte sich das Verhältnis zwischen russischen Auslandsschulden und Bruttoinlandsprodukt (ebenfalls in Dollar gerechnet) von 28% im Januar 1998 auf nahezu 90% im Jahr 2000.6 Der jährliche Schuldendienst stieg im Jahr 1997 von einem Anteil von 6,2% am BIP (gemessen in Dollar) auf 11,8% (1998) und wird für das Jahr 2000 auf 13,9% geschätzt.7 Angesichts dieser Zahlen ist es kein Wunder, dass die russische Regierung versucht hat, sich der Zahlung ihrer aus der Sowjetzeit geerbten Schulden zu entziehen.

Die Krise, die die russische Wirtschaft 1998 erfasste, hatte dramatische Folgen. Ende der neunziger Jahre näherte sich die Volksrepublik China, die ihr Nationaleinkommen in diesem Jahrzehnt wie schon in den achtziger Jahren mehr als verdoppelt hatte, bei einigen Indikatoren der wirtschaftlichen Entwicklung nicht nur Russland an, sondern überholte es sogar teilweise. Selbst wenn sich dieser Trend nicht fortsetzen würde, wären die neunziger Jahre doch Zeuge einer der erstaunlichsten Veränderungen im wirtschaftlichen Machtgleichgewicht zwischen zwei wichtigen Staaten in einer solch kurzen Zeit gewesen.

Präsident Putin sieht sich sowohl in Russland als auch international vor die gleichen Probleme und einen ähnlich geringen Handlungspielraum gestellt wie schon sein Vorgänger Boris Jelzin. Die russische Wirtschaft leidet - trotz einer scheinbaren konjunkturellen Erholung durch die Rubelabwertung und die gestiegenen Ölpreise - noch immer unter den Folgen einer wirtschaftlichen Depression nach der Auflösung der Sowjetunion. Mit dem Zerfall der UdSSR ging eine Kapitalflucht in Höhe von 350 Milliarden Dollar einher, die fortgesetzte Umleitung der Finanzreserven des Landes in Kapitalinvestitionen (derzeit liegen diese bei nur 17% des Umfangs von 19908) ist versiegt, und staatliche Auslandsschulden in Höhe von 148 Milliarden Dollar bewirken, dass Russland kaum noch in der Lage ist, seinen Verpflichtungen gegenüber staatlichen und privaten Gläubigern in den G-7-Staaten nachzukommen.

Das Problem liegt darin, dass weder russische Unternehmen noch die Regierung die kurze Erholungsphase genutzt zu haben scheinen, um grundlegende Ungleichgewichte in der russischen Mikro- und Makroökonomie zu korrigieren - was die Wirtschaft wiederum nur noch anfälliger macht für einen Rückgang der Ölpreise und/oder eine Aufwertung des Rubels.9

Ein Schlüsselindikator für die Zukunftsaussichten der russischen Wirtschaft liegt in der Möglichkeit, enorme Kapitalmengen zu investieren, um die Infrastruktur in den Bereichen Industrie, Transport und Kommunikation wieder aufzubauen, aufrecht zu erhalten und zu entwickeln.10

Investitionsschwund

Trotz der günstigen Bedingungen Russlands bezüglich vieler natürlicher Rohstoffe, Humankapital und Lohnstrukturen betrug der Umfang der Investitionen in Russland in den späten neunziger Jahren noch weniger als ein Fünftel des Umfangs von 1990.11 In der Folge erschöpfte sich der Kapitalbestand des Landes rapide.

Die durchschnittliche Nutzungszeit der industriellen Ausstattung lag 1995 bei 14,1 Jahren, verglichen mit 10,8 im Jahr 1990, 9,5 im Jahr 1980 und 8,5 im Jahr 1970. Nur 9,7% der industriellen Ausstattung war 1996 jünger als fünf Jahre (im Vergleich 1995: 10,9%, 1992: 26,6%, 1990: 29,4%, 1980: 35,5% und 1970: 40,8%). Gut 23% des Kapitalbestandes der Industrie war 1995 älter als 20 Jahre (1990: 10,8%; 1980: 9,5%; 1970: 8,4%).12

Die Bereiche Forschung und Entwicklung hatten 1991 noch einen Anteil von 1,03% am russischen BIP, sanken jedoch bis 1997 auf 0,32% (was im Übrigen gegen die G-7-Norm von 2 bis 2,5% verstößt).13

Westliche Beobachter beurteilen den Zustand des russischen Schienennetzes, über das 73% aller Güter in Russland transportiert werden (gerechnet in Tonnen/Kilometer) als "sehr schlecht". Auf den Fernstraßen müssen Lastwagen wegen der "schlechten Fahrbahnqualität" langsamer fahren, was höhere Transportkosten verursacht, die oft 50% der Herstellungskosten betragen. 40% der russischen Dörfer sind nicht über geteerte Straßen erreichbar, im gesamten Land gibt es keine Autobahnen nach westlichem Standard.

Die russischen Häfen befinden sich im allgemeinen in einem "schlechten Zustand", die russische Flotte ist die älteste der Welt. Mehr als die Hälfte der russischen Einrichtungen zur Stromerzeugung und -verteilung arbeiten ebenso wie die Produktionsanlagen der Industrie über ihre veranschlagte Produktionsdauer hinaus - mit der Folge, dass Russland "Mitte des Jahrzehnts vor schwerwiegenden Versorgungsengpässen"stehen könnte und die Stromerzeugung zu einem "erheblichen Wachstumshindernis zu werden droht".14

Selbst der so wichtige Bereich Erdöl und Erdgas, auf den in der Regel die Hälfte der russischen Exportanweisungen in harter Währung und immerhin zwei Fünftel der Einnahmen der russischen Regierung entfallen,15 wies in den Jahren 1994 bis 1998 durchschnittliche Erschließungsbohrungen von 1,4 Millionen Metern pro Jahr auf (1990: 5,3 Millionen Meter). 1999 waren es 1,16 Millionen Meter, ein Fünftel der Angaben für 1990 - Zahlen übrigens, die mit dem Wertverlust des russischen Kapitalbestands in anderen Sektoren korrespondieren.

Die finanziellen Ressourcen, mit denen umfangreiche Investitionen in Russland getätigt werden könnten, scheinen vorhanden zu sein - zumindest angesichts des gegenwärtigen Weltmarktpreises für Erdöl (etwa 25 bis 30 Dollar je Barrel, verglichen
mit Förderkosten von 14 Dollar pro Barrel westsibirischen Rohöls), eines momentanen Zahlungsbilanz-Überschusses von fast 30 Milliarden Dollar bzw. 15% des BIP (gerechnet in Dollar), einem großen Außenhandelsüberschuss (60 Milliarden Dollar im Jahr 2000), Einnahmen aus dem Waffenhandel in Höhe von drei bis vier Milliarden Dollar pro Jahr16 sowie angesichts mehrerer hundert Milliarden Dollar, die auf ausländischen Konten angelegt wurden.

Trotz einer Erhöhung der Kapitalinvestitionen in den Jahren 1999 und 2000 (wenn auch von einem sehr niedrigen Niveau aus) bleiben die Direktinvestitionen in Russland auf einem niedrigen Niveau - sowohl im Vergleich zum Finanzbedarf des Landes als auch zu anderen postkommunistischen Staaten. Die westlichen Direktinvestionen in Russland stellen mit zehn Milliarden Dollar nur einen Bruchteil der Investitionen in Ländern wie Ungarn (16 Milliarden) und Polen (20 Milliarden) dar.17

In Ländern Mittel- und Osteuropas entsprechen die ausländischen Direktinvestitionen 4,6% des Bruttoinlandsprodukts, in Russland nur 1,6%; der Pro-Kopf-Anteil ausländischer Direktinvestitionen lag 1999 in Ungarn bei 1908 Dollar, in der Tschechischen Republik bei 1587 Dollar, in Polen bei 797 Dollar und in Russland bei 136 Dollar.18 Wo liegen die Gründe hierfür?

Politik versus Geografie?

Unter den westlichen und sogar den meisten russischen Beobachtern gilt es als Binsenweisheit, dass die Wurzeln des wirtschaftlichen Niedergangs in den neunziger Jahren und die Haupthindernisse für wirtschaftliche Entwicklung im politischen und administrativen Bereich liegen - u.a. am hohen Maß politischer Unsicherheit und daraus folgend an einem hohen politischen Risiko für Investoren, einem Dickicht belastender und sich widersprechender Bestimmungen auf allen Ebenen der Verwaltung, einem unsicheren und unbeständigen rechtlichen Umfeld, unsicheren Eigentumsrechten, exzessiver Besteuerung, schlechter Unternehmensführung, Korruption und ähnlichem.19

In der Tat haben die Schwierigkeiten, die der russische Staat in den neunziger Jahren hatte, auch nur die wesentlichen Regierungsaufgaben zu erfüllen, dazu beigetragen, die Fähigkeit der Regierung zu untergraben, den beispiellosen, komplexen und miteinander verwobenen "Faktoren"zu begegnen, die mit dem Übergang vom Kommunismus zum Kapitalismus verbunden sind.

Und doch ist es zumindest strittig, ob die Stabilisierung des politischen Systems und die Entwicklung des Rechtswesens ausreichende Bedingungen dafür sind, all jene Investitionen auszulösen, die erforderlich sind, um Russland als Ganzes, und nicht nur privilegierte Rohstoff-Enklaven innerhalb des Landes, voranzubringen. Dies ist strittig, weil die Produktionskosten in Russland in der Regel relativ hoch sind, gar nicht zu reden von der sowjetischen "Erblast"der Ineffizienz. Kurz gesagt: Die zusammen genommenen und sich verstärkenden Auswirkungen 1. des strengen russischen Klimas, 2. der Weite des Landes und innerhalb dieses Landes die Entfernung zwischen Bevölkerung und Ressourcen, und 3. die auf dem gesamten Kontinent vorherrschenden teuren Landtransporte statt günstigerer Seetransporte bedeuten, dass die eigenen und nicht reduzierbaren Kosten der Infrastruktur und der Produktion in den meisten Bereichen der russischen Wirtschaft zwei bis drei Mal so hoch sind wie nahezu sonst überall in der Welt.

Fraglich ist, ob sich Russland überhaupt als eine sozioökonomische Einheit unter den Vorzeichen einer liberalen Marktwirtschaft entwickeln kann. Ein interventionistischer Staat mit einer straffen Verwaltung und auf marktwirtschaftlichen Grundsätzen basierend, ein Staat, der die russische Industrie schützt und Ressourcen aus profitablen (vornehmlich auf natürlichen Rohstoffen basierenden) Sektoren in unprofitable, aber vitale Bereiche und Regionen (z.B. arktische und sibirsche Siedlungen) lenkt, ist eine unabdingbare Voraussetzung für Wohlstand in Russland, da private Investoren kaum bereit sein werden, die russischen Produktionskosten zu tragen, wenn sie weltweit freien Zugang zu attraktiveren Investitionsmöglichkeiten haben. Mit anderen Worten: In welchem Ausmaß lässt die wirtschaftliche Geografie die wirtschaftliche Entwicklung Russlands unvereinbar werden mit freien Kapitalströmen?20

Hier soll nicht einem strikten geografischen Determinismus das Wort geredet werden. Die russische Wirtschaft verzeichnete in den Jahrzehnten vor 1914 die höchste Wachstumsrate der Welt und wurde ausreichend, wenn nicht brutal, modernisiert, um den Angriff der Nazis zu überstehen, und sie setzte den Vereinigten Staaten fast ein halbes Jahrhundert lang zu. Russland erfuhr eine Modernisierung, als es sich dem Westen öffnete, aber auch, als es für diesen geschlossen war, als Regeln der Marktwirtschaft galten, aber auch, als sie keine Anwendung fanden. Und doch spielte in jedem dieser Fälle der russische Staat - in einem Fall als merkantilistischer Staat,21 im andern Fall als monopolistischer Staat - eine entscheidende Rolle bei der Gestaltung des Modernisierungsprozesses. Um es auf den Punkt zu bringen: Russland hat sich nie unter den Bedingungen freier Kapitalströme entwickelt und kann dies wahrscheinlich auch nicht tun.

Warum nicht? Die drei oben genannten, interdependenten Faktoren der ökonomischen Geografie - strenges Klima, Entfernungen (einschließlich der wachsenden Distanz zwischen Bevölkerung und Rohstoffen) und das Vorherrschen teurer Land- vor günstigen Seetransporten - weisen dem Staat auch weiterhin eine wichtige Rolle bei der wirtschaftlichen Entwicklung Russlands zu.22

In dieser Hinsicht kann Russland nicht mit Kanada verglichen werden, obwohl diese Analogie oft von jenen bemüht wird, die über ein veraltetes Wissen verfügen, und selbst von vielen russischen Intellektuellen.23

Das russische Klima ist mit Ausnahme der Mongolei das härteste der Welt. Diese Härte misst sich nicht an der Kälte der Winter, sondern an dem Gegensatz zwischen Länge und Kälte der Winter sowie Kürze und Hitze der Sommer im russischen Kontinentalklima.

Im Gegensatz dazu weist Kanada, obwohl es ein weites Land in vornehmlich nördlicher Lage ist, eine kleine Bevölkerung auf (etwa ein Fünftel der russischen), ausgezeichnete Binnenschifffahrts- und andere Transportmöglichkeiten, die einen leichten Zugang zu den Weltmeeren ermöglichen, sowie ein moderates Klima dort, wo die Masse der Bevölkerung lebt. Rund 80% der kanadischen Bevölkerung leben nicht mehr als zwei Autostunden entfernt von der Grenze zu den USA, was Kanada ökonomisch gesprochen zur nördlichsten Peripherie des reichsten Landes der Welt macht. Die industriell entwickelten Regionen Kanadas entsprechen dem Klima um Rostow und Krasnodar im tiefen Süden Russlands, obwohl das kanadische Klima feuchter ist.

Was die ökonomische Geografie angeht, hat Kanada enorme Vorteile gegenüber Russland. Und doch ist es interessant zu beobachten, dass die Produktivität kanadischer Farmen in etwa mit russischen Farmen der späten Sowjetzeit verglichen werden kann (Erträge von ca. 20 Zentnern pro Hektar im Vergleich zu 70 bis 80 Zentnern in Nordwesteuropa), dass in Kanada Landwirtschaft in industriellem Stil ähnlich den sowjetischen Sowchosen betrieben wird, und dass in Regionen wie Edmonton und Winnipeg, wo das Klima kälter ist als in Moskau, sich die Wirtschaft (ähnlich wie in Russland) vornehmlich auf die Nutzung natürlicher Rohstoffe stützt (z.B. Holz und Petrochemikalien).24

Hinsichtlich des Klimas sollte Russland also eher mit der Mongolei oder dem nördlichen Zentralkanada verglichen werden und nicht mit jenen Teilen Kanadas, die geografisch und ökonomisch in die Vereinigten Staaten integriert sind.

Russland kämpft jedoch nicht nur mit seinem Klima, sondern auch mit seiner Größe. Problematisch ist vor allem nicht nur die weite Ausdehnung des russischenTerritoriums über elf Zeitzonen, sondern die Distanz zwischen den wichtigsten Bevölkerungszentren, die noch immer im europäischen Russland liegen, und den Vorkommen der enormen Bodenschätze, die vor allem im asiatischen und sibirischen Teil Russlands liegen. Mehr noch: die Größe des Landes kombiniert mit der niedrigen Bevölkerungsdichte bedeutet, dass die Pro-Kopf-Kosten der öffentlichen Infrastruktur in der Regel höher liegen als anderswo.

Zudem wird das Hindernis der Entfernung verstärkt durch einen dritten geografischen Faktor: Wegen der von Süd nach Nord ausgerichteten Flussrichtung der meisten russischen Flüsse und nur schwieriger Zugänge zu den Weltmeeren überwiegen Landtransporte vor Seetransporten, und es ist bekannt, dass letztere sehr viel billiger sind. In Russland liegen die Kosten für Transporte auf dem Landweg fünf Mal höher als Transporte per Schiff.25 1998 wurden 834 Millionen bzw. 584 Millionen Tonnen Handelsgüter über Schienen bzw. Straßen transportiert, auf Hochsee- und Binnenschiffen waren es 36 bzw. 93 Millionen Tonnen (dies entspricht einem Verhältnis von 11:1).26 Während die Hälfte Westeuropas nicht weiter als 200 Kilometer von Küsten entfernt liegt, trifft dies nur auf 2% der Landmasse des europäischen Russlands zu.27

Zusammen genommen bedeuten diese drei Faktoren (extrem strenges Klima, weite Entfernungen zwischen Ressourcen und Verbrauchern sowie teure Transportwege über diese Entfernungen), dass die Produktionskosten in Russland (vor allem für Infrastrukturprojekte in großem Stil) in der Regel um ein Mehrfaches höher liegen als in jedem anderen Land der Welt.28

Die Nordverschiebung

Noch verschärft wird das Problem dadurch, dass sich das Gravitationszentrum des russischen Staates mit der Auflösung der Sowjetunion nach Norden verschoben hat - sowohl was die Landmasse angeht als auch die Bevölkerung (wenn man die UdSSR mit der Russischen Föderation vergleicht). Das geografische Zentrum der UdSSR lag bei 57°25`Grad nördlicher Breite, das der Russischen Föderation bei 60°25`, während sich das Bevölkerungszentrum von 52° nördicher Breite auf 55°30‘ verlagerte.29

Aus diesem Grund waren die durchschnittlichen russischen Produktionskosten Mitte der neunziger Jahre 2,8 Mal höher als in Japan, 2,7 Mal höher als in den USA, 2,3 Mal so hoch wie in Frankreich, Deutschland und Italien, und zwei Mal so hoch wie in Großbritannien - und dies obwohl die Arbeiter in Russland nur einen Bruchteil der Durchschnittslöhne in diesen Ländern erhielten (in Dollar gerechnet).30

Der Ausbau der Erdölförderung und sonstigen Infrastruktur in Sibirien und im russischen Norden, wo der Großteil der neuen Energie- und anderen mineralischen Reserven vorkommt, ist gemessen an den vorherrschenden weltweiten Praktiken unvorstellbar kostenintensiv. Die Förderung eines Barrels westsibirischen Rohöls kostet 14 Dollar; im Vergleich dazu kostet die Förderung kuwaitischen Öls oder vor der Küste der Vereinigten Staaten im Golf von Mexiko geförderten Öls lediglich vier Dollar, eines Barrels Rohöls aus der Nordsee etwa zehn Dollar, und die Förderung des in der Wildnis von Alaska geförderten Rohöls kostet schätzungsweise 16 Dollar.

·ies legt nahe, dass das russische Erdöl schon allein aufgrund der extremen arktischen und subarktischen Bedingungen teurer ist als bei ande-
ren Fördergesellschaften und Exporteuren.31 Ähnliches gilt zwar auch für das in Alaska geförderte Erdöl, dort allerdings entstehen die hohen Kosten nicht zuletzt durch die Beachtung umweltpolitischer Beschränkungen.

Überleben in einer liberalen Welt

Welche Schlussfolgerungen lassen sich aus der vorangegangenen Analyse ziehen? Zunächst einmal sollte ein Großteil der russischen Wirtschaft - gemessen allein an rein marktwirtschaftlichen Prinzipien - für bankrott erklärt werden. Wie Richard Ericson, Ökonom an der Columbia-Universität, beobachtet hat, sind „ein Großteil der (russischen) Unternehmen in allen Branchen sowie alle Firmen in einigen grundlegenden Sektoren der produzierenden Industrie im Grunde genommen nicht überlebenfähig: sie werden niemals Güter herstellen können, die sich zu einem höheren Preis als den Herstellungskosten verkaufen lassen“.32 1998 schrieben fast 49% der russischen Unternehmen rote Zahlen (vor dem Hintergrund zugegebener undurchschaubarer russischer Buchhaltungspraktiken).33

Eine seriöse Berücksichtigung der Geografie unterstreicht zweitens, dass es einen großen Unterschied gibt zwischen geologisch vorhandenen und wirtschaftlich verfügbaren Ressourcen.34 Es sind die immensen Initialkosten von Entwicklung, die mit den sibirischen Investitionen im Zusammenhang mit den politischen und rechtlichen Unsicherheiten assoziiert werden, die ausländische und russische Investoren davon abhalten, für neue Produktionssysteme zu zahlen, anstatt die Investitionsbestände der Sowjetzeit auszuschöpfen (und ihr Geld anderswo zu investieren).35

Drittens ist es angesichts dieser Umstände offenkundig, dass liberale wirtschaftliche Prämissen sehr viel weniger auf die russischen Bedingungen angewandt werden können als es der berühmte "Konsens von Washington"der neunziger Jahre vorgab. Russland als Ganzes kann sich wirtschaftlich ohne den Staat nicht entwickeln. Das heißt nicht, dass es in der russischen Wirtschaft keinen Raum für den Markt gibt. Warum jedoch sollte Kapital in einer liberalen Weltwirtschaftsordnung - selbst bei billigen Löhnen und vergleichsweise gut ausgebildeten Arbeitskräften - automatisch nach Russland fließen, wo die Entwicklungskosten in der Regel zwei bis drei Mal höher lieger als fast überall sonst in der Welt?

Es lässt sich trefflich über die Arten staatlicher Politik und ihre Beziehung zur Marktwirtschaft streiten: über den Umfang von Schutzzöllen beispielsweise, die günstigste Bewertung der Währung,36 Industriepolitik und die unvermeidlichen Subventionen ebenso wie Investitionsgarantien, die diese implizieren,37 eine Umverteilung über Klassen, Sektoren und Regionen hinweg, den Umfang eines freien Güterverkehrs im Vergleich zum Ausmaß freier Kapitalströme (offener und geschlossener Konten), über die relative Bedeutung von Eigentum (staatlich oder privat) im Vergleich zum Wettbewerb unter den Unternehmen38 sowie Sonderwirtschaftszonen.39

Das Mindeste, was für die Förderung umfangreicher Direktinvestitionen in Russland notwendig wäre und eine nachhaltige Erholung begünstigen würde, wäre eine Kombination aus schwachem Rubel, zielgerichtetem Protektionismus, produktionsgebundenen Regelungen für ausländische Investoren, rechtliche Grundlagen für den Handel mit Grund und Boden, um inländische Hypotheken-, Lohn- und Versicherungsmärkte anzukurbeln. Des weiteren sind in diesem Zusammenhang unabdingbar klare, stabile und durchsetzbare Eigentumsrechte und eine transparente Unternehmensführung.

Zwei Fragen bleiben dennoch: Ist es dem russischen Staat in einer zunehmend liberalen Weltwirtschaftsordnung, die nicht nur durch den freien Fluss von Gütern, sondern auch durch den freien Fluss von Kapitalströmen charakterisiert wird, möglich, 1. jene umfangreichen (und im Grunde neokolonialen) Konzessionen zu machen, die notwendig sind, um umfangreiche finanzielle Investitionen in Russlands zerfallende wirtschaftliche Infrastruktur zu lenken und, 2. im Grunde merkantilistische Kontrollen von Kapitalbewegungen durchzusetzen, so wie die chinesische Regierung dies tut?

Lautet die Antwort auf eine dieser beiden Fragen Nein, stellen sich zwei letzte Fragen: Wie sehr wird Russland von einer liberalen Welt überhaupt gebraucht? Und in welchem Ausmaß kann das historische Russland in einer vornehmlich liberalen Weltordnung existieren?


Dr. Allen C. Lynch
ist Direktor des Center for Russian and East European Studies, University of Virginia.

Der Beitrag ist in Internationale Politik Oktober 2001 erschienen. Wir danken der freundlichen Genehmigung des Verlags, den Artikel zur Verfügung zu stellen.


Copyright: W. Bertelsmann Verlag, Bielefeld 2001-2002

Anmerkungen

1 Le Monde, 7./8.1.2001, S. 2.

2 Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.1.2001.

3 Associated Press (Moskau), 3.5.2001.

4 Otto Latsis, Good but not Good Enough, in: The Russian Journal, 13.-29.3.2001.

5 Financial Times Annual Survey. Russia, 30.4.1999, S.1.

6 The Journal of Commerce, 26.7.1999; Economist Intelligence Unit, Country Profile. Russia 2000, S. 22 sowie dass., Country Forecast. Russia (Juli 2000), Anhang.

7 Ebd.

8 Valerie Sperling (Hrsg.), Building the Russian State, Boulder 2000, S. 17.

9 Nachrichtenagentur Interfax (englische Ausgabe), 1502 GMT, Moskau, 20.4.2000; BBC Monitoring Service, 21.4.2000.

10 Hans-Hermann Höhmann/Christian Meier, Conceptual, Internal and International Aspects of Russia’s Economic Security, in: Alexei Arbatov/Karl Kaiser/Robert Legvold (Hrsg.), Russia and the West. The 21st Century Security Enviroment, New York 1999, S. 83.

11 Vgl. V. S. Bard, Investitsionnye Problemy Rossiyskoi Ekonomiki (Investment Issues
in the Russian Economy), Moskau 2000,
S. 154-234. Bard liefert einen ausgezeichneten Überblick über die verschiedenen Dimensionen der russischen Investitionskrise.

12 M. Ts. Mkrtchyan (et al.), Sostoyaniye i protivorechiya ekonomicheskoi reformy (The Condition and Contradictions of Economic Reform), Moskau 1998, S. 175; Jean Radvanyi, La Nouvelle Russie, Paris 2000, S. 145; Bard, a.a.O. (Anm. 11), S. 187-198.

13 Efim S. Khesin, The Intersection of Economics and Politics in Russia, in: Arbatov/Kaiser/Legvold, a.a.O. (Anm. 10), S. 100, sowie Thane Gustafson, Capitalism Russian-Style, Cambridge 1999, S. 221-224.

14 Economist Intelligence Unit, Country Forecast. Russia, 7/2000, S. 29f. (<www.eiu.com>)

15 Khesin, a.a.O. (Anm. 13), S. 111 und Radvanyi, a.a.O. (Anm. 12), S. 149.

16 Die Zahlen für 2000 werden mit 3,7 bis 3,8 Milliarden Dollar beziffert, nachzulesen in: The Wall Street Journal, 24.1.2001.

17 Zit. nach Radvanyi, a.a.O. (Anm. 12), S. 227.

18 Economist Intelligence Unit, Country Forecast. Russia, Juli 2000, S. 40.

19 Vgl. dazu das Interview mit Dmitry Vasilyev, dem Executive Director des Institute of
Corporate Law and Corporate Governance in Moskau, in: The Russian Journal, 3.-9.2.2001.

20 Diese Frage wurde öffentlich erstmals von Joseph Stiglitz, dem Chefökonom der Weltbank, in einem im April 1999 herausgegebenen Bericht gestellt. Stiglitz verglich die Auswirkungen offener Finanzkonten in Russland mit geschlossenen Finanzkonten in China im Hinblick auf die Fähigkeit des jeweiligen Staates, sein wirtschaftliches Umfeld in der Umwandlung der zentralen Planwirtschaft zu gestalten. Vgl. auch Shinichiro Tabata, The Great Russian Depression of the 1990s: Observations on Causes and Implications, in: Post-Soviet Geography and Economics, Jg. 41, Nr. 6/2000, S. 389-398.

21 James H. Bater, The Soviet Scene. A Geographical Perspective, London 1989, S. 26.

22 Für einen Überblick über die Auswirkungen der Geografie auf die historische Entwicklung Russlands vgl. Richard Pipes, Russia Under the Old Regime, London 1995, S. 124 sowie die Arbeit des französischen Geografen Jean Radvanyi, a.a.O. (Anm. 12), S. 31-54.

23 Yu N. Gladkin/ V. A. Dobroskok/ S. P. Semenov, Sotsial’no-Ekonomicheskaya Geografiya Rossii (A socio-economic Geography of Russia), Moskau 2000, S. 90.

24 Vgl. dazu W. Scott Thompson, The Persian Gulf and the Correlation of Forces, in: International Security, Jg. 7, Nr. 1 (Sommer 1982), S. 157-180. Scott baut auf früheren Arbeiten auf, die 1967 von Albert Wohlstetter in der Zeitschrift Foreign Affairs veröffentlicht wurden.

25 Bard, a.a.O. (Anm. 11), S. 282.

26 Radvanyi, a.a.O. (Anm. 12), S. 200.

27 Gladkin et. al., a.a.O. (Anm. 23), S. 96.

28 Bard, a.a.O. (Anm. 11), S. 282-283.

29 Ebd., S. 90-91.

30 Die Produktionskosten wurden errechnet aus Erdöl, Strom, Rohstoffen, Bezahlung und Wertverlust des Rubels.

31 Siehe <www.worldwildlife.org(arctic-refuge(goerold_paper.pdf.> Die durchschnittlichen Kosten für nordamerikanisches Öl, einschließlich des in Alaska geförderten, liegen bei ungefähr vier Dollar pro Barrel.

32 Richard E. Ericson, Economics and the Russian Transition, in: Slavic Review, Jg. 57, Nr. 3 (Herbst 1998), S. 622.

33 Radvanyi, a.a.O (Anm. 12), S. 146 sowie Bard, a.a.O. (Anm. 11), S. 212. Bard hält fest, dass weitere 30% der Unternehmen kurz davor stehen, in die roten Zahlen zu rutschen, wohingegen nur 20% der Firmen erkennbaren Gewinn machen, selbst angesichts weit verbreiteter Steuerhinterziehungen.

34 Gladkin et al., a.a.O. (Anm. 23), S. 118ff.

35 Ebd., S. 114: „Heute ist offenkundig, dass viele der gigantischen Konstruktions-, Produktions- und Bergbauprojekte, die aus der Sowjetzeit stammen und im wahrsten Sinne „am Ende der Welt“ unternommen wurden, im Licht der erforderlichen enormen Kapitalinvestitionen und ihrer Unprofitabilität niemals hätten durchgeführt werden können“. Vgl. auch Bard, a.a.O. (Anm. 11),
S. 281.

36 Ein Punkt, der von Tabata hervorgehoben wird; ders., a.a.O. (Anm. 20), S. 397.

37 Zur Analyse der Aussichten solcher Vereinbarungen vgl. den Artikel Oil change, in: The Economist, 21.9.2000, sowie zu Präsident Putins Billigung dieses Konzepts die Nachrichtenagentur Interfax (engl. Ausgabe), 0756 GMT, Moskau, 3.9.2000.

38 Gustafson, a.a.O. (Anm. 13), S. 50f.

39 Bard, a.a.O. (Anm. 11), S. 142-153 sowie
S. 327-337. Bard bietet eine im Grunde genommen an John Maynard Keynes angelehnte Analyse der russischen wirtschaftlichen Herausforderungen.


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Jahrbuch Internationale Politik: Weltverträgliche Energiesicherheitspolitik
von Josef Braml, Karl Kaiser, Hanns W. Maull, Eberhard Sandschneider, Klaus Werner Schatz (Hrsg.)

Veröffentlicht am 2. Juni 2008

Das neu konzipierte Standardwerk der internationalen Politik bietet eine systematisch-vergleichende Analyse eines aktuellen Themas: Weltverträgliche Energiesicherheitspolitik. Autorinnen und Autoren sind renommierte deutsche Experten sowie maßgebliche Repräsentanten der operativen Politik, des Bundeskanzleramts, des Bundestags und von Bundesministerien. Neben der wechselseitigen Politikberatung leistet das Jahrbuch – in Zusammenarbeit mit den Medien und anderen Multiplikatoren – auch Öffentlichkeitsberatung.

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