Helene Mutschler
Der Krieg hinterließ ein zerstörtes Land. Doch Russland unterließ die im Friedensvertrag vereinbarten Zahlungen der Wiederaufbauhilfe an die tschetschenische Regierung. Ein Mangel an effektiver, durchsetzungsfähiger Staatsgewalt führte zur Entwicklung Tschetscheniens zu einer rechtsfreien Zone, in der illegale Geschäfte, Geldwäsche, Waffen- und Drogenschmuggel, Korruption und Militarismus blühten und gediehen. Entführungen wurden zu einem lukrativen Broterwerb einiger bewaffneter Banden. Opfer wurden unter anderem auch Vertreter westlicher und russischer Nichtregierungsorganisationen und Journalisten. Die Tragik dieser Entführungswelle lag darin, dass unter den Opfern gerade solche Menschen waren, die während des Krieges beharrlich versucht hatten, innerhalb der russischen und westlichen Öffentlichkeit für Solidarität mit dem Leiden der tschetschenischen Zivilbevölkerung zu werben.[29] Angesichts der Sicherheitsrisiken kam es zum Rückzug internationaler Hilfsorganisationen aus der Kaukasusrepublik. Entgegen Behauptungen der russischen Presse muss allerdings auch festgehalten werden, dass das Kidnapping als „Industriezweig“ keine ausschließlich tschetschenische Eigenheit ist.[30]
Der wirtschaftliche und rechtliche Niedergang ging einher mit der Aufspaltung der „Widerstandsnation“ in rivalisierende und miteinander konkurrierende Clans. Der bei den Präsidentschaftswahlen 1997 mit 53 Prozent zum tschetschenischen Präsidenten gewählte Aslan Maschadow konnte der Fragmentierung der Bevölkerung nicht entgegenwirken. Er war machtlos angesichts der internen Rivalitäten zwischen den einzelnen Sippschaften und korrupten Militärkommandeuren. Das Land drohte in Anarchie zu versinken. Von zentraler Bedeutung war dabei die Tatsache, dass die internen Kämpfe in Tschetschenien sich nicht um die Frage drehten, wie die ideologische oder religiöse Ausgestaltung der politisch-rechtlichen Ordnung aussehen sollte.[31] Es ging vielmehr darum, staatliche Ordnung überhaupt zu verhindern. Denn der Zustand der Anarchie begünstigte die kriminellen Machenschaften der „warlords“.[32] „In der Zeit, in der die Republik faktisch unabhängig war, wurden aus prominenten tschetschenischen Feldkommandanten eindeutig korrupte Verbrecherbosse, mit engen Verbindungen zu den schlimmsten Elementen der russischen Elite.“[33]
International blieb die faktisch unabhängige Republik isoliert. Aus Angst vor einer Konfrontation mit der Russischen Föderation verzichtete die internationale Gemeinschaft auf eine Anerkennung der Republik Itschkerija. Einzig das mit Russland aufgrund der russischen Unterstützung der „Nordallianz“ verfeindete afghanische Taliban-Regime erkannte ihre Unabhängigkeit an. Die nicht erfolgte internationale Anerkennung, die Brutalität der russischen Kriegsführung und die katastrophale wirtschaftliche Lage im Nachkriegs-Tschetschenien hatten vermutlich eine abschreckende Wirkung auf andere separatistische Bewegungen in der Russischen Föderation. Dem Sieg über die militärisch überlegene russische Armee und der faktischen Unabhängigkeit zum Trotz wurde Tschetschenien also nicht zum erfolgreichen Vorbild für andere Sezessionsbewegungen. Der von Russland so oft beschworene und als ständige Rechtfertigung für den Einmarsch angeführte Domino-Effekt trat somit nicht ein.
Sowohl im innertschetschenischen Machtkampf als auch in den Auseinandersetzungen mit Russland wird der Islam und seine verschiedenen Strömungen propagandistisch instrumentalisiert. Dabei spielt die „wahhabitische“ Ausprägung des Islam eine besondere Rolle: Allerdings werden mit dem Begriff „Wahhabismus“ ganz unterschiedliche Bedeutungen assoziiert: In der russischen Presse wird der Begriff als ein Synonym für den islamischen Fundamentalismus und eine von außen gesteuerte „terroristische Internationale“ gebraucht, die die russische Staatlichkeit bedroht. Es herrscht eine regelrechte „Wahhabitenhysterie“[34] in der russischen Medienlandschaft. Die Bezeichnung „Wahhabismus“ erweckt den Eindruck einer subkutanen Unterwanderung und Leitung der Rebellen durch das Ausland, überwiegend durch Saudi-Arabien, wo eine Variante des Wahhabismus die Staatsreligion darstellt: „Aber schon die Verwendung des stereotypen Terminus „Wahhabiten“ für Kräfte, die im übrigen als Banditen und Terroristen bezeichnet werden, stellt eine Beleidigung Saudi-Arabiens dar, dessen Dynastie und Staat auf der Lehre des Muhammed ibn Abd al Wahhab basieren, wenngleich sie sich von deren Ursprungsform auch entfernt haben.“[35] Diese Bezeichnung unterstreicht daher um so nachdrücklicher die von Russland vertretene Auffassung, die tschetschenische Unabhängigkeitsbewegung sei ein Teil des internationalen Terrorismusrings. „Moscow has convinced itself that Muslim extremists are the essence, not a part, of the problem.“[36]
Auch bestehen gravierende Unterschiede zwischen der Verwendung des Begriffs in Tschetschenien und der tschetschenischen Nachbarrepublik Dagestan. In Tschetschenien wird Wahhabismus mit Kriminalität und Banditentum assoziiert.
Ursprünglich wird als „Wahhabismus“ eine aus Saudi-Arabien stammende Richtung des Islam bezeichnet, die den Koran sehr rigide interpretiert: Die „Reinheit“ des Islam soll gewahrt beziehungsweise wiederhergestellt werden. Dafür soll er von regionalen, folkloristischen und mystischen Elementen des beispielsweise im Nordkaukasus vertretenen Sufismus[37] und des Volksislams befreit werden.[38] Die Verbreitung dieser puristischen Auslegung des Islam im Nordkaukasus begann in den 1990er Jahren. Wahhabiten wurden zu einer vergleichsweise bedeutenden politischen Kraft in der tschetschenischen Nachbarrepublik Dagestan.[39] Begründet ist ihr Erfolg in dem Aufzeigen einer sozialen Alternative zu der offiziellen religiösen Führung, die das durch Korruption gekennzeichnete dagestanische Herrschaftsregime unterstützt. Wahhabismus war somit eine religiöse Abweichung und eine soziale und politische Protestbewegung gegen die korrumpierte einheimische Führung.[40] Angesichts der ethnischen Heterogenität der Republik – es leben um die 30 unterschiedliche Ethnien in Dagestan – ist die Verbreitung und Etablierung einer einheitlichen islamischen Ideologie in Dagestan jedoch sehr unwahrscheinlich.[41] Vielmehr stießen Vertreter der wahhabitischen Schule oft auf massive Ablehnung in der Bevölkerung, die sich durch den Dogmatismus und die Intoleranz gegenüber lokalen Besonderheiten des Islam angegriffen fühlte.[42]
Im Zusammenhang mit innenpolitischen Auseinandersetzungen innerhalb Dagestans und den Repressionen gegenüber den Vertretern des Wahhabismus bildete sich unter den dagestanischen Wahhabiten ein radikaler Flügel, der schließlich 1998 Zuflucht in Tschetschenien suchte. Dort fanden sie Unterstützung bei radikalen tschetschenischen Bandenformationen der Feldkommandeure Bassajew und Chattab. In Tschetschenien war Wahhabismus bis dahin eher unbekannt und spielte keine politische Rolle. Die Allianz zwischen den radikalen dagestanischen Wahhabiten, tschetschenischen Kriminellen und der Radikalopposition wurde allerdings zügig zu einer bedeutenden Kraft im innenpolitischen Machtkampf in Tschetschenien. Daher wurde Wahhabismus in Tschetschenien eher mit Kriminalität und räuberischen Milizen assoziiert. Unter anderem werden ihnen einige erfolglose Anschläge auf den tschetschenischen Präsidenten Maschadow zur Last gelegt. Im Spätsommer 1999 drangen diese dagestanischen Wahhabiten, unterstützt von den Freischärlern Bassajews wieder mit dem Ziel in Dagestan ein, die dortige Regierung zu stürzen und einen unabhängigen islamistischen Staat, der sowohl Tschetschenien als auch Dagestan umfassen sollte, zu gründen.[43] Dieser Staatsstreich scheiterte aufgrund der mangelnden Unterstützung der Rebellen durch die dagestanische Bevölkerung, die in ihnen nicht die Befreier von der russischen Fremdherrschaft sondern tschetschenische Eindringlinge sah.
In Tschetschenien fand allerdings eine schrittweise Islamisierung der Sezessionsbewegung statt, unter anderem gefördert durch Maschadows misslungenem Versuch, die Scharia einzuführen, um Disziplin und Ordnung in die in Anarchie versinkende Gesellschaft zu bringen.[44] Außerdem sollte die Islamisierung „die Grundverschiedenheit der tschetschenischen Republik von Russland und seiner säkularen Verfassung hervorheben, mithin die Unumkehrbarkeit der Sezession.“[45] Insgesamt blieb der tschetschenisch-russische Konflikt jedoch trotz der Islamisierung eine politische und nationale Auseinandersetzung. Ohnehin widerspricht der Fundamentalismus den traditionellen Formen des nordkaukasischen Volksislam.[46]
Diese jüngste muslimische Komponente des tschetschenischen Separatismus wurde für Russland zu einer willkommenen Stigmatisierung der ganzen Bewegung als einen Hort für fundamentalistische Terroristen. Es existieren auch tatsächlich Verbindungen zwischen dem internationalen Terrornetzwerk und einigen tschetschenischen „warlords“. Die Wurzeln dieser Verbindungen liegen im Kampf gegen die sowjetische Invasion in Afghanistan in den achtziger Jahren. An der Seite der Bevölkerung kämpften auch islamische „heilige Krieger“, die nicht nur von Saudi-Arabien und Pakistan, sondern auch von den USA rekrutiert und unterstützt wurden.[47] In Afghanistan entstand damals eine Art „islamistische Internationale“. Nach dem Zerfall der Sowjetunion unternahm sie den Versuch, Einfluss in Zentralasien und im Kaukasus zu gewinnen, in Konflikte einzugreifen und zur religiösen Wiedergeburt der Region beizutragen.
Der Werdegang des in Tschetschenien aktiven Vorzeige-Mudschaheddins Chattab liest sich wie ein Musterlebenslauf eines islamischen „Gotteskriegers“: Die „Karriere“ des aus einer prominenten saudi-arabischen Familie stammenden Emir Chattabs begann 1987 in Afghanistan beim Kampf gegen die sowjetischen Invasoren. Nach dem Zerfall der Sowjetunion kämpfte er in Tadschikistan, Nagornyj Karabach und auf dem Balkan[48], bis der „heilige Krieg“ ihn nach Tschetschenien führte.[49] Dort verbündete sich Chattab mit dem „warlord“ Bassajew und war maßgeblich an dem gescheiterten Überfall in Dagestan beteiligt. 2002 starb Chattab bei einem Sondereinsatz des russischen Geheimdienstes.
Unterstützt wurden die Mudschaheddin von der, mit Moskau verfeindeten, Taliban.[50] Kein Zweifel besteht an der Zusammenarbeit zwischen einigen tschetschenischen „warlords“ und der Al Qaida Osama bin Ladens wie auch an der finanziellen Unterstützung der arabischen Söldner und einiger tschetschenischer Rebellen durch religiöse Stiftungen und Wohltätigkeitsvereine aus Saudi-Arabien, Jordanien und anderen Staaten des Mittleren Ostens.[51]
Auch wenn – wie oben dargestellt – durchaus Verbindungen zwischen tschetschenischen Separatisten und dem internationalen Terrornetzwerk bestehen, werden die Ausmaße dieser Kooperation, so Uwe Halbach, von russischer Seite deutlich übertrieben. So wurde während der Operation „Enduring Freedom“ keine bedeutende Anzahl von Tschetschenen im Umfeld der islamistischen Verbände der Taliban durch Amerikaner oder die „Nordallianz“ in Afghanistan festgenommen.[52] Die meisten Tschetschenen kämpfen nicht für die Errichtung eines islamischen Gottesstaates, sondern für die politische Unabhängigkeit der Republik. Nur ein geringer Teil der Kämpfer sind fundamentalistische religiöse Eiferer[53], die von der Mehrheit der tschetschenischen Bevölkerung sogar abgelehnt werden.[54] Zudem kann gerade die Rücksichtslosigkeit und Brutalität der russischen Vorgehensweise in Tschetschenien und die wirtschaftliche Misere im Land für einen stärkeren Zulauf bei den radikalen und extremistischen religiösen Kräften verantwortlich gemacht werden. Genaue Angaben über den Grad der Kooperation lassen sich letztlich kaum machen, da die russische Seite die Zahlen deutlich über- und die tschetschenische Seite sie eher untertreibt, um nicht als Teil des weltweiten Terrornetzwerks wahrgenommen zu werden.[55]
[29] Vgl.: Lieven, What Is The Future of Chechnya?, S. 25.
[30] Siehe dazu: Eliko Ciklauri, Siegfried Lammich, Menschenraub und Menschenhandel im Kaukasus, in: Osteuropa 1/2001, S. A9-A11, S. A9.
[31] Vgl.: Uwe Halbach, Die Tschetschenische Republik Itschkerija 1998, in: Bundesinstitut für ostwissenschaftliche und internationale Studien, Aktuelle Analysen, Nr. 49/1998, S. 3.
[32] Vgl.: Thomas de Waal, Watching Chechnya From Within, in: Transitions, Oktober 1998, Online-Version unter: http://www.wfu.edu/~kourmb9/kaznews/ central_asian_review.htm, 22.05.2003.
[33] Boris Kagarlitsky, Krise auf Bestellung. Der Zweite Tschetschenienkrieg, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, 12/1999, S. 1484-1488, S. 1485.
[34] Uwe Halbach, Krieg am Rande Europas. Der Tschetschenienkonflikt im neuen Licht?, in: SWP Aktuell 45, November 2002, S. 2.
[35] Ebenda, S. 15.
[36] Menon, Fuller, Russia’s Ruinous Chechen War, S. 38.
[37] Sufismus ist ein Sammelbegriff für eine Richtung des Islam, die stark durch Riten, Tradition und Mystik gekennzeichnet ist. Siehe: http://www.relinfo.ch/sufismus/info.html ,26.05.2003.
[38] Vgl.: Halbach, Die Tschetschenische Republik Itschkerija 1998, S. 5.
[39] Vgl.: Miriam Lanskoy, Daghestan and Chechnya: The Wahhabi Challenge to the State, in: SAIS Review, 2/2002, S. 167-192, S. 170-171.
[40] Vgl.: Ebenda, S. 168.
[41] Vgl.: Fuller, Zwischen Moskau und Islam, S. 42.
[42] Vgl.: Lanskoy, Daghestan and Chechnya, S. 172.
[43] Vgl.: Halbach, Der Weg in den zweiten Tschetschenien-Krieg, S. 25.
[44] Vgl.: Ebenda, S. 22.
[45] Ebenda.
[46] Vgl.: Fuller, Zwischen Moskau und Islam, S. 41.
[47] Vgl.: Behrooz Abdolvand, Harald Etzbach, Der zweite Tschetschenienkrieg, in: WeltTrends Nr. 27, Sommer 2000, S. 121-140, S. 123.
[48] Vgl.: Sanobar Shermatova, Islamskij faktor w rukach politièeskich elit, in: Aleksej Malašenko, Marta Brill Olkott (Hrsg.), Islam na postsowjetskom prostranstwe: wsgljad isnutri, Carnegie Endowment for Internatational Peace, Moskau 2001, S. 205-231, S. 221-222, Online-Ausgabe unter: http://pubs.carnegie.ru/books/2001/ 07am2/0107am2-full.pdf , 2.06.2003.
[49] Vgl.: Lanskoy, Daghesan and Chechnya, S. 178.
[50] Vgl.: Halbach, Der Weg in den zweiten Tschetschenien-Krieg, S. 13-14.
[51] Vgl.: Halbach, Krieg am Rande Europas, S. 7.
[52] Vgl.: Ebenda, S. 2.
[53] Menon, Fuller, Russia’s Ruinous Chechen War, S. 37.
[54] Vgl.: Lieven, What is the Future of Chechnya?, S. 247 und 248.
[55] Vgl.: Aleksandr Proskurjakov, Tschetschenien: Krieg ohne Ende?. Strategien des asymmetrischen Kampfs, in: Osteuropa 4/2003, S. 252-264, S. 254.

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