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Kinder des Tschetschenien-Krieges

Dr. Alexander Proskurjakov

Kinder im Krieg sind immer Opfer - Opfer von Bombardierungen, Landminen, „präzisen“ Raketen- und Artillerieangriffen, „Säuberungsaktionen“, Opfer der marodierenden und plündernden Soldateska. Sie sind auch Opfer, wenn sie von Erwachsenen oder Umständen zu Tätern gemacht werden - zu Kindersoldaten. Nach Einschätzungen der UNO standen 2001 weltweit in Kriegsgebieten über 300 000 Kinder unter Waffen. Heute dürfte diese Zahl noch gestiegen sein. Kinder und Jugendliche wurden und werden in Afrika, Lateinamerika, Südasien und im Kaukasus von Rebellengruppen und regulären Armeen als Kindersoldaten eingesetzt, oft dazu gezwungen und misshandelt.

Minderjährige Rekruten sind aus unterschiedlichen Gründen begehrt: Sie verfügen über eine bessere Feinmotorik beim Umgang z.B. mit Sprengeinrichtungen, über schärfere Sinne (Gehör, Seekraft) sowie keine oder wenig Resistenz gegen propagandistische Indoktrination wie fundamentalistische Strömungen des Islam. Die Kindersoldaten kommen mit weniger Verpflegung aus; ihre kleine Körpergrösse und ihr Alter verbessern ihre Einsatzmöglichkeit als Spione oder Späher. Der technische Fortschritt hat zum Phänomen „Kinder-soldaten“ auch sein Scherflein beigetragen: moderne Waffen sind heutzutage auch von Minderjährigen sehr leicht handzuhaben.

Der Tschetschenien-Konflikt bildet hier keine Ausnahme. Am 16. März 2001 berichtete die russische Informationsagentur ITAR-TASS über eine starke Explosion an einer oft von russischen Militärfahrzeugen befahrenen Strasse nahe des tschetschenischen Dorfes Schali. Die für ihn selbst tödliche Explosion löste versehentlich ein 15jähriger tschetschenischer Teeneger aus, der an der Strasse eine Sprengmine legen wollte. Eine Woche zuvor wurde ein 26jähriger Dorfbewohner festgenommen, der Jugendlichen 500 Rubel für eine gelegte Mine oder einen Schuss aus dem Granatwerfer auf ein russisches Militär- oder Polizeiauto anbot. Die Politei suchte intensiv nach den möglichen Komplizen dieses Auftraggebers. Am 5. November 2001 wurde im Dorf Urus-Martan der 13jährige Chamza Alchanov festgenommen, als er auf der Dorfstrasse eine Sprengeinrichtung von enormer Sprengkraft anbrachte. Von einem Unbekannten bekam der Dreizehnjährige 200 Rubel und einen modernen Rundfunkempfänger zum Lohn. Die Soldaten von der Kampfmittelbeseitigung waren sicher, dass die Zündung des Sprengsatzes für Chamza eine Kamikaze-Tat geworden wäre.

Der tschetschenische Informationsserver <www.kavkaz.org> berichtete mit Bezug auf den Bevollmächtigten des Generalsekretärs der UNO Olava Ottunu von ca. 5000 Kindern, welche seit 1999 in Tschetschenien Opfer von Landminen geworden sind. Bereits bei dieser traurigen Statistik vermischt sich die Rolle der Kinder und Jugendlichen im bewaffneten Konflikt als Opfer und Täter - wieviel Minenexplosionen die jugendlichen Minenleger selbst verursacht hatten, bleibt dahingestellt.

Die Kindersoldaten in dieser abtrünnigen Republik beschäftigen sich nicht nur mit Minen: Die online-Agentur <www.lenta.ru> berichtete am 22. Mai 2002 über drei junge Tschetschenier aus Grosny: Artur Magomadov, Usman Rasaev, Dshambek Dshamaldinov, die wegen Mordes und versuchten Mordes an Polizeibeamten vor Gericht kamen. Vor etwa zwei Jahren erschossen sie zwei junge tschetschenische Frauen und einen Mann und feuerten auf ein Polizeiauto, wobei vier Polizisten verwundet wurden. Zum Zeitpunkt der Überfälle war Artur 16, Usman und Dshambek 15 Jahre alt. Das Gericht verurteilte Magomadov zu 8, Rasaev zu 7 und Dshamaldinov zu 5 Jahren Freiheitsentzug. Ungeklärt blieben die Motive der Verbrechen.

Kinder in Tschetschenien sorgen manchmal auch für sensationelle Schlagzeilen. Vor einem Jahr, im Juli 2001, berichtete der russische Geheimdienst FSB in einer Erfolgsmeldung von der Vernichtung von Magomed Zagaraev, einem berüchtigten Feldkommandeur und Kidnapper, in einer Sonderoperation. Diese Meldung stellte sich jedoch sehr bald als Ente heraus. Sensationelle Einzelheiten entdeckte die Zeitung „Kommersant“: Tatsache war, dass Zagaraevs Gruppierung in der Nacht vom 22. auf 23. Juli das Haus des tschetschenischen Polizisten Said Taschuchadshiev erstürmt hatte. Er und seine Gäste - ebenfalls Polizisten - wurden auf der Stelle erschossen. Als die Angreifer das Haus verlassen wollten, tauchte Mahmed, der 15jährige Sohn des Said, auf, griff zu einer Kalaschnikow und feuerte auf die Mörder seines Vaters. Zagaraev war auf der Stelle tot, einige seiner Leute verwundet. Die Leibwächter streckten den mutigen Jungen mit mehreren Schüssen nieder und verschwan-den. Der schwer verwundete Mahmed wurde in ein Militärlazarett eingeliefert, wo er zunächst in Lebensgefahr schwebte, schliesslich jedoch überlebte. Gleich nach seiner Genesung versteckten ihn seine Verwandten aus Angst vor Zagaraevs Nachfolger.

Wie auch erwachsene Tschetschener werden Minderjährige Opfer von sogenannten „Säuberungsaktionen“, was im russischen Militärjargon die Überprüfung einer Siedlung zum Zweck der Feststellung, Entwaffnung und Inhaftierung von Terroristen, die Kontrolle der polizeilichen Meldepflicht sowie Beschlagnahme versteckter Waffen, Sprengsätze und Munition bedeutet und oft mit groben Menschenrechtsverletzungen an der Zivilbevölkerung einher geht. Laut Angaben der Informationsagentur «RIA Novosti» vom 3. Oktober 2001 wurde im Dorf Tschetschen-Aul ein 17jähriger Tschetschene wegen Verdachts der Zugehörigkeit zu einer Rebellengruppe festgenommen. In einem Versteck in seinem Haus wurden mehrere Schuss Munition, ein Nachtsichtgerät und zwei Funkgeräte „Kenwood“ gefunden. Meldungen der Zeitung „Novaja gazeta“ Nr. 15 vom 4./6. März 2002 zufolge wurde während einer „Säuberung“ vom 28. Februar bis zum 5. März der 16jährige Schüler Magomed Idigov im Dorf Staryje Atagi mit den Erwachsenen zusammen festgenommen, zusammengeschlagen und mit Strom gefoltert. Auf die Apelle der Erwachsenen „Lasst wenigstens den Bengel in Ruhe“ antworteten die Offiziere „Gerade aus Schulkindern werden gute Minenleger.“ Der Junge, der erst auf Druck der Dorfadministration freigelassen wurde, trug schwere Verletzungen davon und musste im Spital behandelt werden.

Ein Klima der permanenten Bedrohung und Aggression durch die militärische Präsenz und Kontrolle beeinträchtigt das emotionale Befinden, soziale Verhalten sowie die Wahrnehmung der Umwelt bzw. die Kognition der Kinder im Kriegsgebiet. Wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge zeigen die Kinder, die im Krieg oder unter kriegsähnlichen Umständen aufwachsen, starke emotionale Beeinträchtigungen, sie leiden unter stärkerer Unruhe und Nervosität, emotionaler Labilität und „Kontaktangst“. Im sozialen Bereich weisen solche Kinder ein ausgeprägtes unangepaßtes Sozialverhalten, stärkere Aggressivität und ein verzerrtes Moralverständnis auf. Sie zeigen zugleich eine ausgeprägte Selbständigkeit, die sich aus dem alltäglichen Überlebenskampf entwickelt. Wenn zudem in einer Friedenssituation jeder Erwachsene als Mensch gesehen wird, der a priori Schutz und Beistand bietet, wird in einem Kriegsgebiet die Beziehung „Erwachsener - Kind“ zerstört.

Der Kultusminister der Tschetschenischen Republik Loma Dadaev teilte der russischen Zeitung „Izvestia“ mit, dass bereits 447 Schulen den Unterricht aufgenommen haben, die 180 000 SchülerInnen aufnehmen können. Das ist jedoch weniger als die Hälfte der insgesamt 392 000 Kinder und Jugendlichen der Republik. Sehr vielen Kindern fehlt die elterliche Sorge, es gibt viele Strassen- und Waisenkinder. Oleg Gaba, 38, seit 2002 Beauftragter für die Rechte der Kinder in der Republik Tschetschenien: „Die Kinder hier haben Angst vor allem. Angst, von zu Hause in die Schule und zurück zu gehen. Sie haben Angst vor dem Leben. Im Jahr 2001 kamen bei den „Säuberungsoperationen“ in Tschetschenien 90 Kinder ums Leben, 58 davon - Vorschulkinder!

Wenn ein Kind älter als 10-12 Jahre ist, wird er alles daran setzen, um nicht in eine „Säuberung“ zu geraten. Sie haben Angst, die Aufmerksamkeit der Militärs auf sich zu ziehen. Kürzlich wurde eine soziologische Befragung unter tschetschenischen Kindern im Schulalter durchgeführt und unter anderem festgestellt: eine Verbitterung gegen alle Russen haben sie dennoch nicht. Die Kinder Tschetscheniens sind weise und beurteilen einen Menschen so wie er ist, nicht nach seiner Nationalität. Es gibt trotzdem Verbitterung, ja Hass, aber nicht gegen eine Nation, nicht gegen „die Russen“, sondern gegen „die Föderalen“ - nur so bezeichnen die Kinder russische Militärs. Neulich kam aus Ekaterinburg ein „Friedenskonvoi“ mit einer grosser Ladung der humanitären Hilfe nach Tschetschenien. Und wir alle haben gesehen, dass für die Kinder nicht ein Fahrrad, eine Jacke oder ein Buch besonders kostbar war, sondern ein Brief, also die Möglichkeit, einen Brieffreund in Russland zu haben.“

Dr. Alexander Proskurjakov
CH / Felben-Wellhausen


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von Josef Braml, Karl Kaiser, Hanns W. Maull, Eberhard Sandschneider, Klaus Werner Schatz (Hrsg.)

Veröffentlicht am 2. Juni 2008

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