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Ohnmacht einer Großmacht? Russland und der Tschetschenienkonflikt

Helene Mutschler

Inhalt

Einleitung

Der Tschetschenienkonflikt ist nicht neu: Seit Jahrhunderten lieferte sich das nordkaukasische Volk bewaffnete Auseinandersetzungen mit dem expandierenden zarischen Imperium und der Sowjetmacht. Die heutigen Separatisten sehen sich selbst in der – zum Teil romantisch verklärten – Tradition des historisch gewachsenen Unabhängigkeitsdrangs Tschetscheniens. Den blutigsten Höhepunkt in der Leidensgeschichte der Tschetschenen bildet zweifelsohne die von Stalin angeordnete Massendeportation des tschetschenischen Volkes nach Kasachstan im Zweiten Weltkrieg, die mit angeblicher tschetschenischer Kollaboration mit den Nationalsozialisten begründet wurde. „Es ist daher nicht erstaunlich, dass auf dem Boden dieser von einem ganzen Volk durchlittenen und geteilten Erfahrung der Unabhängigkeitskampf des tschetschenischen Volkes zum nationalen Leitmotiv – zum kollektiven, identitätsstiftenden Mythos – erhoben wurde.“[1]

Als Teil der Sowjetunion bildete Tschetschenien zusammen mit dem benachbarten Inguschetien die Tschetscheno-Inguschetische Autonome Republik der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik (RSFSR) mit willkürlich gezogenen Grenzen und einem nationalen Gemengelage. Im Zuge der Desintegration der Sowjetunion wurden ehemalige Unionsrepubliken in die Unabhängigkeit entlassen: Die Grenzen des neuen russischen Staates sollten mit den Außengrenzen der RSFSR identisch sein und unantastbar bleiben.[2] Tschetschenien, das nur über einen Autonomiestatus innerhalb der RSFSR verfügte, konnte daher nicht den anderen kaukasischen Republiken wie Georgien oder Armenien in die Unabhängigkeit folgen. Das Recht auf Sezession wurde Tschetschenien als Teil der Russischen Föderation nicht zugestanden.

Dennoch strebte das tschetschenische Volk nach Unabhängigkeit von Russland. Am 2. November 1991 proklamierte der ehemalige sowjetische General und Vorsitzender des tschetschenischen „Allnationalen Kongress“ Dschochar Dudajew die Unabhängigkeit Tschetscheniens. Die tschetschenische Führung unter Dudajew setzte die lokalen kommunistischen Machthaber ab und eine nationale Regierung wurde etabliert. Im März 1992 verabschiedete das tschetschenische Parlament die Verfassung der „Tschetschenischen Republik Itschkerija“[3]. Mit der Zeit entwickelte sich Dudajew zu einer Art „Nationalhelden“[4], einer Symbolfigur für den Kampf gegen den Moskauer Kolonialismus. Nach der Auflösung des Parlaments richtete er eine von ihm angeführte Präsidialdiktatur in Tschetschenien ein. Jedoch gelang es Dudajew während seiner autokratischen Präsidentschaft weder die unterschiedlichen, miteinander konkurrierenden mächtigen Clans[5] unter seine Kontrolle zu bringen, noch der Korruption und der wachsenden Kriminalität Einhalt zu gebieten.[6] Letztere resultierte hauptsächlich aus dem wirtschaftlichen Niedergang des postkommunistischen Tschetscheniens und der russischen Isolierungspolitik gegenüber der abtrünnigen Republik. Eine entscheidende Rolle bei der Militarisierung des Kaukasus spielte die Tatsache, dass nach der Desintegration der Sowjetarmee zahlreiche Waffendepots und Arsenale in die Hände der lokalen „warlords“ fielen.[7]

Auf russischer Seite herrschte Anfang der 1990er Jahre Konzeptionslosigkeit im Umgang mit der abtrünnigen Republik: Der Beginn des schmerzhaften Transformationsprozesses und die Suche nach einer neuen Rolle der Russischen Föderation auf der internationalen Arena absorbierten die Aufmerksamkeit Moskaus. Zunächst wurde den Ereignissen an der kaukasischen „Peripherie“ daher wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Die russische Führung beschränkte sich auf die Anwendung einer in den Jahrhunderten kolonialer Expansion bewährten Strategie: Die Rivalitäten zwischen den unterschiedlichen Clans wurden geschürt und jede Seite aufgerüstet, in der Hoffnung, dass am Ende doch Russland als Vermittler und Ordnungsstifter zur Hilfe gerufen würde.[8] Konkret bedeutete dies die Versorgung zunächst Dudajews und später seiner Gegner mit Waffen aus Beständen der Sowjetarmee sowie eine Unterstützung der Opposition mit „freiwilligen“ russischen Soldaten.[9]


[1] Christoph Zürcher, Krieg und Frieden in Tschetschenien. Ursachen, Symbole, Interessen, in: Osteuropa-Institut der Freien Universität Berlin, Arbeitspapiere des Osteuropa-Instituts der Freien Universität Berlin: Politik und Gesellschaft 2/1997, Online Ausgabe unter: http://userpage.fu-berlin.de/~segbers/wp/AP02.pdf, S.11.
[2] Vgl.: Karl Grobe-Hagel, Tschetschenien. Russlands langer Krieg, Köln 2001, S. 8.
[3] Vgl.: Uwe Halbach, Brennpunkt Tschetschenien: Das Verfassungsreferendum in Tschetschenien, im Internet: http://www.swp-berlin.org/produkte/ bparchiv/tschetschenien2.htm, 20.05.2002.
[4] Paul Roth, Tschetschenien in den drei kaukasischen Kriegen, in: Die politische Meinung, Nr. 368/Juli 2000, S. 55-63, S. 57.
[5] In Tschetschenien werden diese Familienclans als „teip“ bezeichnet. Es existieren schätzungsweise 170 solcher Sippschaften. Siehe: Roth, Tschetschenien in den drei kaukasischen Kriegen, S. 57.
[6] Vgl.: Anatol Lieven, What Is the Future of Chechnya?, in: Andrew C. Kuchins (Hrsg.), Russia After the Fall, Washington D.C. 2002, S. 205-220, S. 245.
[7] Vgl.: Pavel K. Baev, Russia’s Stance Against Secessions: From Chechnya to Kosovo, in: International Peacekeeping, 3/1999, S. 73-94, S. 75.
[8] Vgl.: Alexander Rahr, Russlands Krieg in Tschetschenien. Hintergründe, Machenschaften, Perspektiven, in: Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik (Hrsg.), Aktuelle Kurzanalyse Nr. 11, Februar 1995, S. 3.
[9] Vgl.: Ebenda.

Fortsetzung: Ohnmacht einer Großmacht? Russland und der Tschetschenienkonflikt


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Veröffentlicht am 2. Juni 2008

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