Dr. Alexander Proskurjakov
Inhalt
Im Schatten des Irakkriegs, der als „großer Krieg" zwischen Staaten geführt wird, dauert der „kleine Krieg" in Tschetschenien an. Auf tschetschenischer Seite sind asymmetrische Strategien der Kriegsführung und religiöse Motive zu beobachten. Dazu gehören Kampfformen wie Selbstmordanschläge aber auch Guerillakampf mit modernster Ausrüstung und militärischem Know-how. Die Kämpfer bieten einer Übermacht Paroli, indem sie zusätzliche Ressourcen mobilisieren und so ein Gleichgewicht herstellen, das auf das Kosten-Nutzen-Kalkül des Gegners zurückschlägt und diesen zum politischen Einlenken zwingen könnte. Das Ziel der Rebellen besteht offensichtlich nicht im militärischen Sieg über die überlegenen rußländischen Truppen, sondern in der moralisch-ökonomischen Abnutzung und damit Schwächung des Gegners.
Der Krieg in Tschetschenien läßt sich nach dem Muster asymmetrischer Gewaltanwendung analysieren.[1] Die Guerilla bietet einem militärisch, ökonomisch, waffentechnisch und organisatorisch gravierend überlegenen Gegner Paroli. Das militärische Kräfteverhältnis spricht eine deutliche Sprache. Den größten Teil der Vereinigten Truppenverbände OGV (Ob‘‘edinennaja gruppirovka vojsk) machen die Einheiten des Verteidigungsministeriums aus. Ständig stationiert in Èeènja ist die 42. mechanisierte Division, deren Personalbestand sich auf 15 000 Militärangehörige beläuft. Nach dem Rotationsprinzip operieren taktische Gruppen in der Größe eines Bataillons oder Regimentes aus verschiedenen Militärbezirken Rußlands, deren Personalbestand auf ca. 22 000 Mann beziffert wird; außerdem kämpfen in Èeènja 3000 Militärangehörige der Luftlandetruppen. Zudem ist hier die 46. Brigade der Truppen des Innenministeriums mit 10 000 Militärangehörigen stationiert; zum Zuständigkeitsbereich des Innenministeriums gehören auch 4000 Polizisten der Sondereinheiten OMON (Otrjad Milicii Osobogo Naznaèenija) und der Schnellen Eingreiftruppe SOBR (Special‘nyj Otrjad Bystrogo Reagirovanija), die drei bis sechs Monate nach dem Rotationsprinzip eingesetzt werden. Die Mannschaftsstärke der örtlich eingesetzten rußländischen Polizisten sowie Soldaten und Offiziere der Truppen des Innenministeriums (Vnutrennie vojska) wird auf 10 000 geschätzt; weitere 10 000 Personen gehören zur rußlandtreuen tschetschenischen Polizei. Des weiteren sind ca. 6000 Militärangehörige der Föderalen Grenztruppen zu berücksichtigen.[2]
Keine präzisen Angaben sind über die Personalstärke der Eisenbahneinheiten, der Einheiten des Zivilschutzes, der Baubataillons, der Versorgungs- und Nachschubtruppen sowie Einheiten des Justizministeriums in Èeènja verfügbar. Unter strenger Geheimhaltung operieren in der Republik zudem verschiedene Specnaz-Truppen aus dem Zuständigkeitsbereich des zivilen Geheimdienstes FSB (Federal'naja služba bezopasnosti) und des militärischen GRU (Glavnoe Razvedyvatel'noe Upravlenie), des Generalstabs sowie des Innenministeriums wie Al 'fa, Vympel, Skif, Vitjaz, Èernyj tjul‘pan. Die Truppenstärke dieser Einheiten wird nach verschiedenen Quellen auf mindestens 20 000 geschätzt.[3] Insgesamt sind somit über 100 000 Militärangehörige und Polizisten in Èeènja eingesetzt, in einem Gebiet, das etwa die Größe von Thüringen hat. Die Operationen gegen die Rebellen finden auch Luftunterstützung der 4. Luftarmee mit dem Stab in Rostov durch taktische Bomber Su-24 sowie Su-25 und Kampfhubschrauber Mi-24 bzw. durch Raketeneinheiten der 58. Armee.[4]
Einen präzisen Überblick über die militärische Stärke der tschetschenischen Rebellen zu gewinnen ist unmöglich. Sie kann nur indirekt erschlossen werden; dies ist darauf zurückzuführen, daß neben aktiven Rebellen, die in der Illegalität leben und deren Anzahl bereits kaum zu erfassen ist, auch „Teilzeit-Guerillas" und ihre Helfershelfer zu berücksichtigen sind. Gemeint sind damit Personen, die sich nur an einzelnen militärischen Operationen beteiligen, sich jedoch legal in Èeènja aufhalten. Dieses Problem sowie die hohe Mobilität der aktiven Rebellengruppen brachte der Duma-Abgeordnete Aleksej Arbatov zum Ausdruck:
„Wie kann man die Rebellen in Èeènja bekämpfen, wenn sie sich in der Republik und über die administrativen Grenzen frei bewegen können? Dies erklärt, wieso bereits im zweiten Feldzug stets von Hunderten und Tausenden Getöteten berichtet wird, die Anzahl der Banditen jedoch immer noch zwei bis drei Tausend beträgt. Sie haben keinen Mangel an Mannschaften, personelle Auffüllung erfolgt laufend. Die Rebellen greifen an und ziehen sich zurück, oft auch auf ein Nachbarterritorium, und die Vergeltungsschläge der Föderalen Kräfte treffen auf Schritt und Tritt die Zivilbevölkerung.“[5]
Nicht nur rußländische Politiker und Militärs, sondern auch tschetschenische Rebellen haben stets dazu geneigt, die Zahlen zu übertreiben,[6] um einmal mehr die Stärke ihres Gegners und damit die Bedeutung ihrer Siege zu unterstreichen.[7] Noch unübersichtlicher machen diese Angaben die zugleich existierenden Tendenzen bei den Rebellen, den Anteil der unmittelbaren Kampfbeteiligung von ausländischen - vor allem arabischen - Söldnern in Èeènja zu untertreiben,[8] um nicht in Verbindung mit dem internationalen Terrornetzwerk gebracht zu werden, sowie die neueste Tendenz auf rußländischer Seite, die Zahl der Rebellen viel niedriger anzusetzen, um offenbar eine Stabilisierung der Situation in der abtrünnigen Republik belegen zu können.
Das oben geschilderte Kräfteverhältnis spricht von einer ausgeprägten Asymmetrie des Konfliktes. Bereits hier tritt auch eine Asymmetrisierung der Kampfformen zutage wie z.B. eine erhöhte Mobilität der Guerillagruppen, Unübersichtlichkeit der Zugehörigkeit der „Teilzeit-Guerillas" zu den aktiven illegalen Rebellengruppierungen, permanent laufende „personelle Auffüllung" der Rebellengruppen usw. Weitere Aspekte dieses Problems können bei einer Übersicht über Menschenverluste bzw. deren Darstellung bei den Konfliktparteien zum Ausdruck gebracht werden.
Aleksandr Proskurjakov (1969), Doktorand, Sozialwissenschaftler, Universität Konstanz
Der Artikel erscheint mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift "Osteuropa", Ausgabe April 2003.
[1]Zum Begriff: Herfried Münkler: Asymmetrische Gewalt. Terrorismus als politisch-militärische Strategie, in: ders.: Über den Krieg. Stationen der Kriegsgeschichte im Spiegel ihrer theoretischen Reflexionen. Göttingen 2002, S. 252-264.
[2] Skol'ko stoit den‘ vojny v Èeène? In: Novaja gazeta (online-Version), 18.11.2002, S. 3.
[3] Ebd., S. 3-4. Ebd. S.5.
[4] Ebd. S. 5.
[5]Aleksej Arbatov im Interview mit Aleksandr Krasulin: Kak zaleèit‘ èeèenskuju ranu, in: Parlamentskaja gazeta, 20.12.2002, S. 5.
[6] So berichtete z. B. die tschetschenische Web-Site <www.kavkaz.org> am 6.11.2001 von angeblich 18 000 getöteten rußländischen Militärangehörigen und Polizisten. - Alexander Proskurjakov: Rußlands Verluste im Krieg mit den Tschetschenen, in: Deutschland-Magazin, 12/2001, S. 23.
[7] Außerdem versuchen rußländische Politiker, dadurch Rußlands Bedeutung im internationalen System nach dem 11. September zu erhöhen. Aleksej Malašenko: Islam im postsowjetischen Raum, in: OSTEUROPA, 5/2002, S. 549-563, S. 561.
[8]Der Administrator des Chat-Forums der Web-Seite <www.kavkaz.org> gab am 13.9.2002 unter Berufung auf den Stab Samil' Basaevs die Beteiligung von Dagestanern, Karatschaiern, Kabardinem, Kalmykiern, Türken, Tataren, Arabern, Russen und Ukrainem an den Rebellengruppen an, ohne zu definieren, ob es sich um Söldner oder Freiwillige handelt. - Eine andere Konstellation nannten rußländische Quellen: Im November 2001 veröffentlichte die Nachrichtenagentur <www.lenta.ru> mit Bezug auf das rußländische Verteidigungsministerium Informationen, wonach Söldner aus Jemen, Ägypten, Libanon, der Türkei, Jordanien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Kuwait, Saudi-Arabien, Tunesien, Palästina, Tadžikistan, Afghanistan, Algerien, der Ukraine und Syrien am Tschetschenienkrieg beteiligt seien: <http://lenta.ru/vojna/2002/11/19/list/>. Die Schätzungen über die Zahl der Söldner liegt anderen Quellen zufolge bei 200 bis 2000 Personen: Malasenko, Islam [Fn. 7], S. 555.

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