Christian Hacke
Die Vereinigung Deutschlands 1989/90 während der Zeitenwende, im Zeichen nationalstaatlicher Renaissance und im Zeichen des Niedergangs globaler Ideologien hat die Interessen- und die Ideenkonstellation verändert. Deutsche Außenpolitik muß sich neuen Herausforderungen stellen; gleichzeitig ist der Erwartungsdruck auf Deutschland gestiegen.[2]Daraus resultiert, daß die Frage nach den Interessen Deutschlands in der internationalen Politik neu gestellt werden muß. Dabei ist zu berücksichtigen, daß das außenpolitische Interesse Deutschlands sich auf unterschiedliche Partner und unterschiedliche außenpolitische Aggregatzustände einstellen muß.
Deutsche Interessenpolitik leugnen zu wollen wäre falsch. Niemand hat das klarer zum Ausdruck gebracht als Bundespräsident Roman Herzog in seiner Rede zum vierzigjährigen Bestehen der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, als er sagte:
»Deutsche Interessen, das sind zunächst unsere unmittelbaren nationalen Interessen wie Sicherheit und Bewahrung von Wohlstand. Es hat keinen Sinn, das verschweigen zu wollen. Unsere Partner würden uns ohnehin nicht glauben, daß wir nur internationalen Altruismus im Schilde führen. Ganz besonders verlangt es die Wahrhaftigkeit, zuzugeben, daß wir auch deshalb für weltweite Freiheit des Handels eintreten, weil das in unserem eigenen Interesse liegt..[3]
Verantwortungsrhetorik, die den Begriff des Interesses vermeidet, ist auf dem Hintergrund der Aversion der Deutschen gegen nationale und interessenorientierte Rhetorik verständlich, aber problematisch, denn sie vernachlässigt die Neubestimmung der nationalen Interessen Deutschlands, die durch die weltpolitischen Veränderungen der vergangenen Jahre notwendig geworden ist.
Deutschland ist umgeben von Freunden und Partnern. Die jahrhundertealten Erbfeindschaften sind begraben. Deutschland ist in die Gemeinschaft westlicher Demokratien integriert, und nach Osten eröffnen sich seit dem Zusammenbruch des Kommunismus und des ideologischen Gegensatzes neue Handlungsspielräume. Was folgt daraus für die Definition deutscher Interessen in der Außenpolitik? Diese Frage ist nicht einfach zu beantworten, denn es gibt unterschiedliche Hierarchien von Interessen, und je stärker man in Details geht, desto stärker werden bestimmte Rahmenbedingungen und Faktoren wirksam, die die Interessenbestimmung beeinflussen.
Oberstes Interesse ist die Sicherung von Deutschlands Wohlfahrt, seiner Bevölkerung und seines Territoriums, seiner politischen, wirtschaftlichen und sozialen Lebensgrundlagen. Staat und Gesellschaft, das bewährte Regierungssystem, die Institutionen und Werte bilden die innenpolitische Grundlage und den Kern außenpolitischer Interessen. So gesehen ist Außenpolitik die Fortsetzung der Innenpolitik mit anderen Mitteln und unter anderen Bedingungen.[4]Andererseits hängt außenpolitische Interessendefinition von der Haltung der Bürger zu Grundfragen der Außenpolitik ab, wobei die zentralen Interessen auf einem möglichst breiten Konsens beruhen sollten.
Somit wird die außenpolitische Interessenstruktur Deutschlands durch folgende
Faktoren geprägt:
Doch weder die Bundesregierung noch das Auswärtige Amt haben bisher ein umfassendes Interessenkonzept vorgelegt. Lediglich das Weißbuch des Bundesministeriums der Verteidigung aus dem Jahr 1994 gibt Aufschluß über die Interessenstruktur. Dort heißt es:
»Die Außen- und Sicherheitspolitik Deutschlands wird von fünf zentralen Interessen geleitet:
die Bewahrung von Freiheit, Sicherheit und Wohlfahrt der Bürger Deutschlands und der Unversehrtheit seines Staatsgebietes die Integration mit den europäischen Demokratien in der Europäischen Union...; das dauerhafte, auf eine Wertegemeinschaft und gleichgerichtete Interessen gegründete transatlantische Bündnis mit den Vereinigten Staaten als Weltmacht...; eine auf Ausgleich und Partnerschaft bedachte Heranführung unserer östlichen Nachbarstaaten an westliche Strukturen und die Gestaltung einer neuen, alle Staaten Europas umfassenden kooperativen Sicherheitsordnung; die weltweite Achtung des Völkerrechts und der Menschenrechte und eine auf marktwirtschaftlichen Regeln basierende gerechte Weltwirtschaftsordnung....[5] Dialog, Kooperation, Verteidigungsbereitschaft und Multilateralismus sind dabei die tragenden Instrumente dieser Politik, die eine Balance zwischen Werten und Interessen verfolgen muß. Transformiert man diese Interessen in Handlungsmaximen deutscher Außenpolitik, dann könnte folgendes Bild entstehen:
Die Verfolgung nationaler Interessen muß mit dem Ziel der Mitverantwortung für die Weltgemeinschaft in Gleichklang gebracht werden. Roman Herzog hat in seiner oben bereits zitierten Rede dazu ausgeführt:
»Diese Interessen anzuerkennen heißt natürlich auch, die Folgen daraus ehrlich zuzugeben, also zum Beispiel, daß dafür materielle Lasten übernommen werden müssen; daß aber das Scheckbuch nicht immer ausreicht, sondern daß möglicherweise auch einmal der Einsatz von Leib und Leben gefordert ist. Dazu gehört aber auch, daß es in Fragen von nationaler Bedeutung kein parteipolitisches Klein-Klein geben darf und daß darüber nicht nach Kassenlage, nach dem politischen Meinungabarometer, auf Parteitagen oder durch Gerichte entschieden werden kann..[7]
Er fügte jedoch hinzu, die Forderung nach stärkerer Berücksichtigung nationaler Interessen bedeute nicht, »daß jetzt wieder einmal am deutschen Wesen die Welt genesen soll«.[8]
Die Globalisierung deutscher Außenpolitik verlangt dann aber auch zwingend eine differenzierte Analyse und Wertung deutscher Interessen nach globalen, regionalen und sachpolitischen Gesichtspunkten. Ziele und Mittel der Politik müssen für sich, aber auch in Relation zueinander deutlich ausformuliert werden. Nur dann wächst das Verständnis der eigenen Bevölkerung für die außenpolitischen Interessen, so daß schließlich eine außenpolitische Kultur in Deutschland entstehen könnte, die den veränderten Interessen entspricht und eine dem angemessene innenpolitische Diskussion mit sich bringt. Leider regt die Bundesregierung die Diskussion über die Außenpolitik zu wenig an, kommt die innenpolitische Diskussion über außenpolitische Interessen zu kurz. Man wird zuweilen das Gefühl nicht los, als sei die Bundesrepublik für viele Bürger eine Trauminsel. Mangelndes Interesse an der Außenpolitik und eine steigende Konzentration auf innenpolitische Themen haben eine Verständnislücke entstehen lassen, die der politischen Kultur der Bundesrepublik und der komplexen Wechselwirkung zwischen Staat und Gesellschaft, zwischen Außen- und Innenpolitik abträglich ist.[9]Außenpolitik muß öffentlich und demokratisch mehrheitsfähig bleiben. Sie wird von der Exekutive ausgeführt, aber sie muß stärker als bisher im Parlament diskutiert werden. Es fehlt der Wille der Bundesregierung, die eigene Bevölkerung nüchtern über die Risiken und Gefahren wachsender Globalisierung der eigenen Interessenpolitik aufzuklären. Der gesamte außenpolitische Handlungsrahmen Deutschlands wird wie mit einem Weichzeichner dargestellt. Nicht wie das Leben ist, mit all seinen Härten und Gefahren, sondern wie man es sich harmonisierend wünscht, ist die außenpolitische Darstellungsmaxime. Vor allem fehlt eine befriedigende Antwort auf die Frage, wo die nationalen Interessen enden und wo der Gemeinschaftscharakter der deutschen Außenpolitik beginnt. Eine Antwort ist unabdingbar, weil der Bürger die Außenpolitik der Bundesrepublik nur dann verstehen kann, wenn die Interessen unverfälscht im Kontext der internationalen Verflechtungen dargestellt werden. Der Grundcharakter der verflochtenen Interessen zeigt, daß unsere Außenpolitik auch das Schicksal anderer Länder berührt, wie auch deren Außenpolitik auf unsere Innenpolitik Rückwirkungen hat.

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