Christian Hacke
in: Kaiser/Krause, Deutschlands neue Außenpolitik, Band 3, S. 3-13.
Die Wiederherstellung der nationalen Einheit und Souveränität Deutschlands, das Ende des Ost-West-Konflikts, der Zusammenbruch des Sowjetimperiums sowie die Neuentstehung von Nationalstaaten in Mittel- und Osteuropa haben die Rahmenbedingungen für deutsche Außenpolitik nachhaltig verändert. Westbindung, die Schlüsselmaxime der Außenpolitik der alten Bundesrepublik, sowie die neue geopolitische Mittellage des Vereinten Deutschland könnten dabei neue Spannungen verursachen. Auf diesem Hintergrund wird die Frage nach den deutschen Interessen dringlicher gestellt. Das ist legitim, aber der Ruf nach den nationalen Interessen gilt in Deutschland immer noch als fragwürdig, weil er für manche Rückfall auf nationale Überheblichkeit und auf egoistische Machtpolitik beinhaltet. Das ist historisch verständlich. Während noch Otto von Bismarck das nationale Interesse Deutschlands mit einer Staatsräson der klugen Einhegung der Macht umhüllte, geriet die Interessenpolitik seiner Nachfolger auf eine abschüssige Bahn und mündete 1933 in eine rassistische und menschenvernichtende Politik ein. Auf diesem Hintergrund erschien nach 1945 in Deutschland der Begriff des »nationalen Interesses« unzeitgemäß. Umgekehrt führte die erfolgreiche Westbindung der Bundesrepublik im Zuge der vergangenen vier Jahrzehnte zu einer Multilateralisierung der deutschen Außenpolitik, die eine völlig neue und wertvolle Tradition für die Außenpolitik der Bundesrepublik begründet hat.[1] Die Nation wurde dämonisiert, die europäische Integration idealisiert. Gleichzeitig wurde der Begriff der »Macht« aufgehoben und durch »Verantwortung« und »Friedenspolitik. ersetzt.

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