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Bilaterale Beziehungen im Netzwerk Regionaler und Globaler Interdependenz

Wilfried von Bredow

von Wilfried von Bredow,  in:
Karl Kaiser und Joachim Krause (Hrsg.)
Deutschlands neue Außenpolitik

Band.3: Interessen und Strategien
Wilfried von Bredow
Bilaterale Beziehungen im Netzwerk regionaler und globaler Interdependenz, S. 109- 115
1996. XX, 284 Seiten
ISBN 3-486-56114-6
Oldenbourg Verlag

Die gegenwärtige Weltpolitik ist gekennzeichnet von der Globalisierung[1] einer wachsenden Zahl von Lebenssphären und Milieus, von Regionalisierungen auf kontinentaler und subnationaler Ebene[2]sowie von einer steten Zunahme der Zahl und der Art inter und transnational handelnder Akteure.[3]Dieser Wandel des internationalen Systems der Gegenwart läßt auch den Stellenwert von bilateralen Beziehungen nicht unberührt. Die häufig daraus gezogene Schlußfolgerung, daß die Bedeutung bilateraler Beziehungen kontinuierlich abnimmt, wird im folgenden nicht geteilt. Vielmehr wird hier die These vertreten, daß bilateralen Beziehungen im Netzwerk regionaler und globaler Interdependenz sogar eine erhöhte Bedeutung zukommt, und dies aus zwei Gründen: Die Diplomatie multilateraler Beziehungen in internationalen Organisationen und internationalen Regimen kann auf Bilateralität, auf einen ihrer wichtigsten Bausteine nicht verzichten; und - vielleicht noch wichtiger - das aktuelle Handeln staatlicher Akteure wird in starkem Maße von Wahrnehmungsmustern und Erfahrungen der Vergangenheit bestimmt. Ihre »außenpolitische Erinnerung» speist sich vornehmlich aus - eher positiv oder eher negativ bewerteten - bilateralen Erfahrungen.

Eine in politikwissenschaftlichen Betrachtungen gern gemiedene Personalisierung außenpolitischer Vorgänge[4]soll zunächst den Ausgangspunkt bilden für weitere Überlegungen zur Rolle von bilateralen Beziehungen in der gegenwärtigen Weltpolitik, insbesondere zur Bedeutung historischer »bilateraler« Erfahrungen als Interpretationsrahmen für die Gegenwart und zur Funktion von Bilateralismen im europäischen Integrationsprozeß.

Inhalt:

Personalisierte Außenpolitik

Im Alltagsverständnis besitzen bilaterale Beziehungen zwischen Staaten einen besonderen Wert. Sind sie besonders eng und fruchtbar für beide Staaten, sprechen ihre Repräsentanten gern von der Freundschaft ihrer Völker. Zwar können Völker, genaugenommen, nicht miteinander befreundet sein, weil Freundschaft ein Gefühl

und eine Bindung zwischen Individuen ist. Gleichwohl ist unabweisbar, daß Außenpolitik von Personen repräsentiert und gemacht wird, die nicht nur als Geschäftsträger allgemeinerer, etwa nationaler Interessen handeln, sondern immer auch als Individuen mit einem bestimmten intellektuellen, psychologischen und politischen Profil.

Unser Arsenal politischer Mythen enthält in der »Abteilung für bilaterale Beziehungen« ungezählte Momentaufnahmen persönlicher Begegnungen, in denen die »Chemie« zwischen den handelnden Personen gestimmt oder eben nicht gestimmt hat, wo demzufolge das Verhältnis der von ihnen geführten oder vertretenen politischen Einheiten ins Bessere oder ins Schlimmere ausschlug: Sclbst in der Periode zwischen den beiden Weltkriegen waren die deutschfranzösischen Beziehungen zeitweise auf dem Wege der Besserung, dank der vereinten Bemühungen von Aristide Briand und Gustav Stresemann. Aus der Reihe der Beispiele in der jüngeren Vergangenheit Deutschlands seien die Paare Konrad Adenauer/John Foster Dulles, Helmut Schmidt/Valéry Giscard d?Estaing und Helmut KohlfFrancois Mitterrand für eine positive, Adenauer/John F. Kennedy oder Schmidt/Jimmy Garter für eine negative »Chemie« aufgeführt.

Die ambivalente Magie der »Gespräche unter vier Augen« geht in multilateralen Verhandlungen weitgehend verloren. Deshalb haben sie, wie spektakulär in den Medien auch über sie berichtet wird, doch meist (nur) das Image eines reinen Interessenausgleichs, wohingegen die Inszenierungen bilateraler Beziehungen, etwa von Staatsbesuchen, sehr häufig eine die sachlichen Interessen übersteigende Dimension zwischenstaatlicher Politik anpeilen.


[1]Vgl. Malcolm Waters, Globalization, London/New York 1995.
[2]Vgl. von Bredow/Thomas Jäger (Hrsg.) Regionale Großmächte. Internationale Beziehungen zwischen Globalisierung und Zersplitterung, Opladen 1994.
[3]Vgl. als Überblick von Bredow, Turbulente Weltordnung. Internationale Politik am Ende des 20. Jahrhunderts, Stuttgart 1994.
[4]Vgl. hierzu die luziden Anmerkungen von Günther Nonnenmacher, Nutzen und Nachteil des politikwissenschaftlichen Studiums für den politischen Journalisten, in: Claus Leggewie (Hrsg.), Wozu Politikwissenschaft? Über das Neue in der Politik, Darmstadt 1994, S.258269; hier S.261263.

Fortsetzung: Bilaterale Beziehungen im Netzwerk Regionaler und Globaler Interdependenz


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Jahrbuch Internationale Politik: Weltverträgliche Energiesicherheitspolitik
von Josef Braml, Karl Kaiser, Hanns W. Maull, Eberhard Sandschneider, Klaus Werner Schatz (Hrsg.)

Veröffentlicht am 2. Juni 2008

Das neu konzipierte Standardwerk der internationalen Politik bietet eine systematisch-vergleichende Analyse eines aktuellen Themas: Weltverträgliche Energiesicherheitspolitik. Autorinnen und Autoren sind renommierte deutsche Experten sowie maßgebliche Repräsentanten der operativen Politik, des Bundeskanzleramts, des Bundestags und von Bundesministerien. Neben der wechselseitigen Politikberatung leistet das Jahrbuch – in Zusammenarbeit mit den Medien und anderen Multiplikatoren – auch Öffentlichkeitsberatung.

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