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Bad / Good Governance

Ulla Jasper

Einleitung

Das Begriffspaar Good / Bad Governance hat in den letzten Jahren eine erhebliche Konjunktur erfahren. Kaum ein Aufsatz zum Thema Entwicklungspolitik, Nord-Süd-Gefälle oder den Menschenrechten läßt sie aus. Die Konsequenz ist, daß das Begriffspaar zu einem Modewort mutiert ist, dessen Inhalt zunehmend vager und unklarer wird. Wir wollen im folgenden eine kurze Einführung in den Inhalt und die Entwicklung des Begriffs geben und anschließend Links zu externen Analysen geben, die Aufschluß darüber vermitteln sollen, in welchen Zusammenhängen das Konzept, das sich dahinter verbirgt, aktuell gebraucht wird.

Der frühere Präsident Costa Ricas, Oscar Arias, definiert Good Governance in einem Aufsatz für die Zeitschrift Entwicklung und Zusammenarbeit sehr emphatsich und eindringlich, wie das folgende Zitat zeigt:

"Good Governance bedeutet den verantwortungsbewußten Umgang mit den natürlichen Ressourcen und die Achtung der grundlegenden Menschenrechte. Good Governance ist, wenn die Polizei die Sicherheit der Menschenrechte wirksam garantiert, und wenn Staatsbedienstete ihr Amt dazu nutzen, um den Bürgern zu dienen, statt sich selbst zu bereichern. Good Governance bedeutet eine Wirtschafts- und Sozialpolitik, die den Nutzen der ganzen Gesellschaft anstrebt und nicht nur einer bestimmten Gruppe."[1]

Zwar ist diese Definition Arias‘ eindringlich und überzeugend, doch hält sie einer wissenschaftlichen Betrachtungsweise nicht unbedingt stand. Und ein Vergleich mit anderen Definitionen zeigt, daß je nach Hauptaugenmerk des Betrachters andere Aspekte des "Good Governance" im Vordergrund stehen. So betont beispielsweise die Weltbank das Management sozialer und ökonomischer Ressourcen als ein wesentliches Kriterium, während die Europäische Union die Bedeutung der Menschenrechte, sowie demokratischer und rechtsstaatlicher Strukturen.[2] All diesen Konzepten gemein ist die Wertung, die dem Begriff "good/bad" entspringt. Diese wertende Dichotomie führt zum einen dazu, daß die guten Konzepte als die der westlichen Industrieländer aufgefaßt werden und die schlechten per se in den Ländern der "Dritten Welt" zu finden sind. Zum anderen läßt ein solches Konzept wenig Raum für alternative Strukturen und Normen, die zwar nicht unserem Verständnis von (good) governance entsprechen, aber trotzdem angemessen sein können. Wenn wir im folgenden also das Konzept inhaltlich erklären soll dies auch dazu beitragen, gewisse Zielvorstellungen aufzuzeigen, ohne jedoch automatisch ein bestimmtes westliches Konzept zu propagieren.

Um das Konzept als Ganzes und die höchst unterschiedliche Konnotationen, die es hervorruft, zu begreifen ist es sinnvoll, den Begriff in seine verschiedene Bestandteile aufzuspalten, um einer abstrakten, aber aussagekräftigen Definition näher zu kommen.

Was ist governance?

Unter dem Begriff (vielleicht in diesem Zusammenhang am besten zu übersetzen mit "Regierungsführung") versteht man eine Vielzahl von Regeln und Strukturen, die innerhalb eines Staates die Interaktion zwischen Regierten und Regierenden formen und die Grundlage für die politische Willensbildung und Policy–Implementation. Verschiedene Governance-Bereiche sind dabei zu unterscheiden:

Daneben wird ein Regierungssystem immer auch getragen von kulturellen oder religiösen sowie sozialen Strukturen und beeinflußt von der geschichtlichen Tradition eines Landes.

Diese Vorstellungen erinnern an das aus der Friedenforschung bekannte zivilisatorische Hexagon, das von Senghaas entworfen wurde und die acht Eckpfeiler einer zivilen staatlichen Ordnung darstellt:[4]


Dennoch ist schwierig zu messen, welche Strukturen zu einem guten Regierungssystem beitragen und aus der allgemeinen Definition des governance ein System des good governance machen. Mick Moore macht dieses Dilemma in einem Artikel über politische Entwicklung deutlich, indem er argumentiert, daß es schwierig sei, "gutes Staatsverhalten" zu messen:

"Overlaying that dissensus about the intrinsic significance of different kinds of governing

institutions, there is in political science and political philosophy, a deep-rooted and continuing fundamental divide between two attitudes to authoritative political institutions, especially to the state.6 Liberals view state power primarily as a (potential) threat to the well-being of citizens, and define good governance primarily in terms of legal, constitutional and other arrangements that protect against this threat. They warm to terms like responsiveness, accountability, democracy and participation.

By contrast, statists see the state primarily as a means of aggregating power and resources that may be used for the collective good. They view the weakness of government - manifested as disorder, vulnerability to external threat, or failure to provide public services - as the prime potential problem. Statists therefore tend to interpret good governance in terms of arrangements that promote the coherence and effectiveness of the state. They warm to terms like authority, order, capability and autonomy."[5]

Ähnliches gilt für die Frage, ob Demokratie die ideale Staatsform ist, an der es sich zu orientieren gilt. Zwar bezieht beispielsweise das BMZ in dieser Frage klar Stellung und argumentiert, daß good governance nicht ohne demokratische Normen und Strukturen und aktiven Menschenrechtsschutz möglich sei. Doch Politikwissenschaftler wie beispielsweise Ali M. Mazrui weisen darauf hin, daß ein unbedingtes, primäres Eintreten für Demokratie als einem zentralen Kriterium für good governance auch ungewollte, gegenteilige Folgen haben könne oder möglicherweise der politisch-kulturellen Tradition eines Landes widerspreche und damit nur schwer installiert werden könne. In ähnlicher Weise argumentiert auch Skinner:

”There is general agreement in most African countries that coups must end, corruption must be rooted out, and economies must be restored. There is less agreement among Africans about the meaning of "democracy." Many Africans believe that the larger issue of governance is related to the general conditions in African countries.... Increasingly, African scholars insist that whereas western ideas about democracy are specifically rooted in the notion of political and social rights for individuals, the reality of Africa is still one in which "collectivities", or "ethnic" groups, rather than individuals are demanding social justice. In this context, what matters is respect for African cultures and languages, and ethnic concerns in the distribution of their countries' or world resources."[6]

Andererseits kann dies auch dazu führen, daß "bad goverment" legitimiert wird mit dem Verweis auf vermeintliche kulturelle Werte und Traditionen eines Landes. In anderen Worten: das Dilemma des Konzeptes ist, daß gutes Regierungshandeln und gute Regierungsführung weltweit durchaus unterschiedlich verstanden werden kann. Gleichzeitig scheinen aber Grundwerte und –Überzeugungen existieren, die in allen Kulturkreisen wiederzufinden sind. Einen Ausweg aus dem Dilemma bietet Tetzlaff an, indem er versucht, global verstandene und akzeptierte Grundmuster aufzuzeigen und damit Differenzen zu überbrücken:

"Die moderne postkoloniale Weltgesellschaft ist in jeder Hinsicht durchaus zukunftsfähig. Denn bisher hat noch jede politisch organisierte Gemeinschaft in der Weltgeschichte Mechanismen entwickelt, um einerseits Herrschaft von Menschen über Menschen zu begrenzen und um andererseits die Würde des Menschen (wie diese auch im einzelnen definiert sein mag, zu schützen. Ansätze von Kritik an politischer Herrschaft und ihrer Begrenzung durch Riten, Kulte und Funktionsteilung lassen sich in zahlreichen Gemeinschaften und Gesellschaften schon früh nachweisen; sie könnten autochthone Anknüpfungspunkte für die Weiterentwicklung demokratischer Praktiken (...) sein."[7]


[1] Oscar Arias: Eine Politik für den Frieden. Good Governance als Herausforderung für das neue Jahrhundert. Entwicklung und Zusammenarbeit, Nr. 2, Februar 2000, S. 32
[2] Isabelle Johnson: Redefining the Concept of Governance. Canadian International Development Agency. July 1997, Annex I.
URL: http://www.acdi-cida.gc.ca/INET/IMAGES.NSF/vLUImages/ HRDG/$file/GovConcept-e.pdf
[3] Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit: Good Governance, Kapitel 2.
URL: http://www.bmz.de/include/cgibin/druck.pl?default
[4] in: Dieter Senghaas: Frieden – Ein mehrfaches Komplexprogramm. In: Dieter Senghaas(Hrsg.): Frieden machen. Frankfurt am Main 1997, S. 573
[5] Mick Moore: Political Underdevelopment: What causes ‘bad governance’?, März 2001.
URL: http://www.sussex.ac.uk/Units/CGPE/conference/ papers/moore.pdf
[6] Elliott P. Skinner: African Political Cultures and the Problems of Government. African Studies Quarterly, Vol. 2, Issue 3. URL: http://web.africa.ufl.edu/asq/v2/ v2i3a3.htm
[7] Rainer Tetzlaff: Den Opfern eine Stimme geben. In: Senghaas: Frieden machen, S. 292


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Jahrbuch Internationale Politik: Weltverträgliche Energiesicherheitspolitik
von Josef Braml, Karl Kaiser, Hanns W. Maull, Eberhard Sandschneider, Klaus Werner Schatz (Hrsg.)

Veröffentlicht am 2. Juni 2008

Das neu konzipierte Standardwerk der internationalen Politik bietet eine systematisch-vergleichende Analyse eines aktuellen Themas: Weltverträgliche Energiesicherheitspolitik. Autorinnen und Autoren sind renommierte deutsche Experten sowie maßgebliche Repräsentanten der operativen Politik, des Bundeskanzleramts, des Bundestags und von Bundesministerien. Neben der wechselseitigen Politikberatung leistet das Jahrbuch – in Zusammenarbeit mit den Medien und anderen Multiplikatoren – auch Öffentlichkeitsberatung.

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