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Ursachen von Wanderungsbewegungen

Steffen Angenendt

von Steffen Angenendt
Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik

Die Forschung unterscheidet bei gesellschaftlich bedingten Wanderungsfaktoren zwischen Druckfaktoren, die im Abwanderungsland wirksam sind, und Sogfaktoren, die vom Aufnahmeland ausgehen, und spricht von Wanderungssystemen, weil sich Druck- und Sogfaktoren in der Praxis ergänzen und auch analytisch nicht immer auseinander gehalten werden können.

1. Politische Wanderungsfaktoren

Unter den wanderungsbestimmenden Faktoren haben die politischen Wanderungsfaktoren einen besonderen Stellenwert. Politische Druckfaktoren können sehr unterschiedliche Formen annehmen, von der systematischen Verfolgung mißliebiger Eliten bis zur allgemeinen Unterdrückung der Bevölkerung und flächendeckenden Menschenrechtsverletzungen, von lokalen militärischen Auseinandersetzungen zwischen Machthabern und Opposition bis zur totalen gesellschaftlichen Anomie. Wann solche politischen Faktoren zu Fluchtbewegungen führen, läßt sich nicht in allgemeiner Form prognostizieren. Zu den Druckfaktoren müssen in jedem Fall Sogfaktoren kommen, damit Fluchtabsichten realisiert werden, vor allem die begründete Hoffnung und die praktische Möglichkeit, entweder in friedlicheren Landesteilen oder in einem anderen Land Schutz und Sicherheit vor Verfolgung finden zu können.

2. Gesellschaftliche Wanderungsfaktoren

Eng mit diesen politischen Faktoren verbunden sind gesellschaftliche Einflußfaktoren. Diese sind zum einen ethnische Gegensätze, oft zwischen Mehrheiten und Minderheiten, zum anderen Konflikte zwischen laizistischen und fundamentalistischen Gruppen. Auf der anderen Seite wirkt als Sogkraft die Attraktivität von modernen liberalen Gesellschaften, in denen Religionsfreiheit herrscht und die bürgerlichen Freiheiten eingehalten werden, was noch verstärkt wird, wenn zwischen den Zuwanderern und der Aufnahmegesellschaft nur eine geringe kulturelle Distanz besteht.

Die empirische Migrationsforschung zeigt, daß Wanderungen in der Regel nicht chaotisch verlaufen, sondern Mustern folgen. Dies läßt sich nicht nur für Arbeitskräftewanderungen feststellen, sondern auch für Fluchtbewegungen. Wanderungen fallen grundsätzlich leichter, wenn Informationen über den Wanderungsweg und über die Situation im Aufnahmeland vorliegen, und wenn personelle oder infrastrukturelle Anknüpfungspunkte, also beispielsweise ethnische Netzwerke, vorhanden sind.

3. Ökonomische Wanderungsfaktoren

Ökonomische Gründe sind ebenfalls eine wichtige Wanderungsursache; andere Wanderungsmotive werden häufig erst im Zusammenspiel mit wirtschaftlichen Gründen wirksam. In makroökonomischer Hinsicht werden Wanderungsbewegungen – zumindest im Kontext der westeuropäischen Aufnahmegesellschaften – durch kurzfristige konjunkturelle Bedingungen, mittelfristige Änderungen der Produktionsorganisation und grundlegende strukturelle Gegebenheiten der Volkswirtschaften beeinflußt, wozu in erster Linie die sozialen Ungleichheiten zwischen den verschiedenen Weltregionen gehören.

Diese makroökonomischen Wanderungsfaktoren werden aber nur unter zwei Bedingungen wirksam. Zum einen müssen sie auf eine entsprechende individuelle Disposition des Migranten treffen. Zum anderen müssen die Herkunftsstaaten die Auswanderung zulassen und die Zielländer die Möglichkeit der Einreise und des Aufenthalts bieten. Entscheidend ist daher, welchen Bedarf die Aufnahmegesellschaft signalisiert: Der wichtigste Sogfaktor ist, daß der Migrant begründete Hoffnung hat, eine Beschäftigung zu finden.

4. Demographische Wanderungsfaktoren

Die Bevölkerungsentwicklung ist kein eigenständiger wanderungsauslösender Faktor, sie beeinflußt als langfristige Rahmenbedingung aber interne und grenzüberschreitende Wanderungsbewegungen. Entscheidende Größen sind die Geschwindigkeit und die regionale Verteilung des Bevölkerungswachstums. Die vom UN-Bevölkerungsfonds prognostizierte Zunahme der Weltbevölkerung von derzeit 6 auf über 8 Milliarden bis 2025 und auf 9,4 Milliarden Menschen bis 2050 (mittlere Variante der Prognose) wird zu 95 Prozent in den Entwicklungsländern stattfinden, und zwar vor allem in Asien. Dieser schnelle Bevölkerungszuwachs wird in den armen Ländern interne Wanderungsbewegungen forcieren, in erster Linie die Landflucht.

Demographische Entwicklungen in den Aufnahmeländern können dann als Sogfaktoren wirksam werden, wenn ein langfristiger Bevölkerungsrückgang vorliegt, der zu einem Mangel an Arbeitskräften führt. Diese Entwicklung ist in den meisten Industriestaaten zu beobachten, auch in fast allen EU-Staaten. Diesen Staaten stellt sich, falls dieser Trend nicht durch Rationalisierungs- und Modernisierungsmaßnahmen aufgefangen werden kann und der Erhalt der sozialen Sicherungssysteme gefährdet wird, die Frage, ob zur Füllung dieser Lücken in größerem Ausmaß Zuwanderung gestattet werden soll, und ob eine solche Politik temporär ausgerichtet sein soll, wie etwa bei der "Gastarbeiterpolitik" der Bundesrepublik in der fünfziger und sechziger Jahren, oder ob sie auf eine dauerhafte Einwanderung angelegt sein soll, wie in den klassischen Einwanderungsländern.

5. Ökologische Wanderungsfaktoren

Ökologische Katastrophen können durchaus ein eigenständiger auslösender Faktor für Wanderungsbewegungen sein. Die Beispiele sind zahlreich. Der Umfang der durch Umwelteinflüsse ausgelösten Wanderungen läßt sich jedoch nicht genau angeben, die vorliegenden Schätzungen reichen von 50 Millionen Umweltflüchtlingen im engen Sinn bis zu einer Milliarde Menschen, die im weitesten Sinn durch Umwelteinflüsse vertrieben worden sind. Sicher ist aber, daß einige Weltgebiete künftig in noch weitaus stärkerer Weise von natürlichen und anthropogenen, also menschlich mitverursachten, Umweltkatastrophen betroffen sein werden. Beispiele hierfür sind Bangladesch, wo immer stärkere Überschwemmungen drohen, das südliche Afrika, wo derzeit nach Angaben des UN-Weltentwicklungsprogrammes über 100 Millionen Menschen akut durch Desertifikation und Dürrekatastrophen bedroht sind, und die ehemalige Sowjetunion, in der nicht nur die unzureichend gesicherte zivile und militärische Nutzung von Nuklearanlagen schwerste ökologische Schäden angerichtet hat.


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Jahrbuch Internationale Politik: Weltverträgliche Energiesicherheitspolitik
von Josef Braml, Karl Kaiser, Hanns W. Maull, Eberhard Sandschneider, Klaus Werner Schatz (Hrsg.)

Veröffentlicht am 2. Juni 2008

Das neu konzipierte Standardwerk der internationalen Politik bietet eine systematisch-vergleichende Analyse eines aktuellen Themas: Weltverträgliche Energiesicherheitspolitik. Autorinnen und Autoren sind renommierte deutsche Experten sowie maßgebliche Repräsentanten der operativen Politik, des Bundeskanzleramts, des Bundestags und von Bundesministerien. Neben der wechselseitigen Politikberatung leistet das Jahrbuch – in Zusammenarbeit mit den Medien und anderen Multiplikatoren – auch Öffentlichkeitsberatung.

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