Steffen Angenendt
von Steffen Angenendt
Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik
Die Zahl der Menschen, die außerhalb ihres Geburtslandes leben, wird derzeit weltweit auf rund 85 Millionen Migranten, 13 Millionen Flüchtlinge und Asylsuchende und mindestens 20 Millionen irreguläre Zuwanderer geschätzt. Die Zahl der innerhalb ihres Heimatlandes Vertriebenen, der displaced persons, gibt der Hohe Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen (UNHCR) zudem mit mindestens 30 Millionen Menschen an. Unbekannt ist, wie viele Menschen innerhalb ihres Heimatlandes auf der Suche nach Arbeit sind: allein in China sollen es über 100 Millionen Menschen sein.
Von den grenzüberschreitenden Wanderungsbewegungen sind vor allem die ärmsten Länder der Welt betroffen. Nur ein sehr kleiner Teil der transnationalen Wanderer gelangt in die Industrieländer, der größte Teil verläßt die jeweilige Region nicht. Dies gilt vor allem für Flüchtlinge, weniger für Arbeitsmigranten, von denen ein zunehmender Teil Beschäftigung auch in geographisch weit entfernten Gebieten sucht. Die Stastiken zeigen in diesem Sinn eine Gleichzeitigkeit von Regionalisierung und Globalisierung.
In der Europäischen Union leben zur Zeit etwa 18 Millionen Ausländer, die einen Bevölkerungsanteil von 4,8 Prozent ausmachen. Drei allgemeine Trends haben spätestens seit Beginn der achtziger Jahre das Wanderungsgeschehen bestimmt:
Für diese Entwicklungen sind wiederum mehrere Ursachen verantwortlich:
Das Wanderungsgeschehen in Osteuropa war jahrzehntelang durch den Ost-West-Gegensatz bestimmt. Lediglich einige Reformstaaten, wie das ehemalige Jugoslawien und zeitweise auch Ungarn und Polen, gestatteten in einigen Phasen Tourismus und eine begrenzte Arbeitsmigration nach Westeuropa. Zwischen den ökonomisch unterschiedlich erfolgreichen Ostblockstaaten gab es hingegen in erheblichem Umfang Arbeitsmigration und Tourismus. Diese unterlagen allerdings strikter staatlicher Steuerung. Dieses Wanderungssystem erstreckte sich auf den gesamten sozialistischen Wirtschaftsbereich, auch auf geographisch weit entfernte Gebiete wie Kuba, Mosambik und Vietnam.
Mit der Öffnung der Grenzen seit 1989 löste sich dieses Migrationssystem auf, begleitet unter anderem von so spektakulären Migrationsereignissen wie der Massenauswanderung von DDR-Bürgern in die Bundesrepublik. Hinzu kamen die sprunghafte Zunahme des Handels- und Arbeitstourismus vor allem von Polen nach Westeuropa, und Fluchtbewegungen, wie aus dem ehemaligen Jugoslawien. Die ökonomisch besser gestellten osteuropäischen Länder sind auch nach der Auflösung des Migrationssystems Ziel von Wanderungen aus den anderen Ländern geblieben. Sie sind aber auch zu Transitregionen für Migranten in die westeuropäischen Länder geworden. In Rußland hat es sowohl Auswanderungen von Juden und Deutschen, als auch Einwanderungen gegeben, vor allem starke Zuwanderungen ethnischer Russen aus dem Baltikum, dem Transkaukasus und aus den zentralasiatischen Staaten, insbesondere aus Kasachstan. Die Zahl der außerhalb Rußlands auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion lebenden Russen wird auf 25 Millionen Menschen geschätzt.
Die klassischen Einwanderungsländer Australien, Kanada und USA steuern die Einwanderung durch Quoten, die Obergrenzen für Zuwanderungen aus ökonomischen, sozialen und humanitären Gründen festlegen.
In Australien war diese Steuerung bis vor einigen Jahren durchaus wirkungsvoll, was vor allem durch die geographische Lage des Kontinents und durch strikte Kontrollen bedingt war. Im Rahmen des Einwanderungsprogramms für 1996/97 wurden 86 000 Menschen aufgenommen, davon 43 Prozent als Familienangehörige, 23 Prozent als Arbeitskräfte und 12 Prozent als Flüchtlinge. Die geographische Herkunft der Einwanderer hat sich in den letzten Jahrzehnten deutlich verändert: Stammten in den sechziger Jahren aufgrund der damals von der Regierung verfolgten White-Australia-Politik noch mehr als die Hälfte der Einwanderer aus Großbritannien und Irland, sank deren Anteil ab den siebziger Jahren kontinuierlich und liegt derzeit bei etwa 12 Prozent. Im Gegenzug hat vor allem die Zahl der asiatischen Einwanderer deutlich zugenommen: Diese machen zur Zeit etwa 37 Prozent der neuen Einwanderer aus. Die Zahl der in Australien lebenden illegalen Einwanderer wird auf 100 000 Menschen geschätzt.
Kanada ließ im Einwanderungsjahr 1996/97 insgesamt 224 000 Einwanderer zu, darunter 43 Prozent Arbeitsmigranten, 30 Prozent Familienangehörige, 13 Prozent Flüchtlinge und 10 Prozent Unternehmer und Investoren. Auch hier setzt sich der seit Mitte der sechziger Jahre zu beobachtende Trend der Zunahme des asiatischen Bevölkerungsanteils fort: Mehr als die Hälfte der Einwanderer stammt derzeit aus asiatischen Staaten. Im Gegensatz zur politischen Brisanz dieses Trends zeigen die Statistiken aber eine weitgehend unveränderte ethnische Zusammensetzung der kanadischen Bevölkerung: Bei einem Einwandereranteil von etwa 16 Prozent rechneten sich in der Volkszählung 1996 85 Prozent einer europäischen Abstammung zu, hingegen nur etwa 6 Prozent einer asiatischen Herkunft.
In den USA hat in den letzten Jahren die Bedeutung des Familiennachzuges als der wichtigsten Zuwanderungsquelle noch zugenommen. 1997 wurden 798 000 Menschen als Einwanderer akzeptiert, von denen 381 000 neu eingereist waren und die anderen sich schon vorher illegal im Land aufgehalten hatten und nun eine Legalisierung ihres Aufenthaltsstatus erreichen konnten. Insgesamt wurden 536 000 Familienangehörige und 112 000 Flüchtlinge aufgenommen, und lediglich 90 000 Einwanderer wurden nach beruflichen Kriterien ausgewählt. Die Einwanderungsstatistiken der letzten Jahre zeigen, wie stark die Verschiebung zwischen den Einwanderungskategorien war: 1994 machte der Familiennachzug noch 57 Prozent der gesamten legalen Zuwanderungen aus, 1997 aber bereits 67 Prozent, während gleichzeitig der Anteil der Arbeitsmigranten von 15 auf 11 Prozent gesunken ist. In weitaus größerem Umfang als in Australien und Kanada hat zudem eine illegale Zuwanderung stattgefunden, die für 1997 auf 275 000 Menschen geschätzt wurde.
Seit 1970, beschleunigt durch eine entsprechende Einwanderungsgesetzgebung, hat sich auch in den USA die ethnische Struktur der Einwanderung grundlegend verändert. Der Anteil der europäischen Zuwanderung ist von 59 auf 15 Prozent zurückgegangen, der Anteil der karibischen Einwanderer hat von 5 auf 13 Prozent zugenommen, der von Mexikanern von 8 auf 18 Prozent und von asiatischen Zuwanderern von 8 auf 33 Prozent. Die gegenwärtige politische Diskussion dreht sich um die Bekämpfung der irregulären Einwanderung, die insgesamt auf etwa 5 Millionen Menschen geschätzt wird, um die langfristigen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Folgen der veränderten ethnischen Zusammensetzung der Immigranten und um die Frage, ob und wie die Zuwanderung nach ökonomischen Kriterien stärker gefördert werden sollte.
Das Wanderungsgeschehen in den asiatischen Staaten ist höchst unterschiedlich: einerseits verzeichnen viele Staaten erhebliche Auswanderung in andere Kontinente, andererseits importieren einige dieser Länder wieder Arbeitskräfte aus anderen asiatischen Ländern. Insbesondere die Schwellenländer sind gleichzeitig Importeure und Exporteure von Migranten. So hat Malaysia Arbeitsmigranten vor allem aus Indonesien, Thailand und den Philippinen aufgenommen, gleichzeitig aber unter anderem den Arbeitsmarkt in Singapur versorgt. Dabei verfolgen die ökonomisch besser entwickelten Staaten eine zunehmend restriktive Zuwanderungspolitik, allerdings nach wie vor auf einem quantitativ hohen Niveau. Verbunden ist dies mit einer auf technische Innovation statt auf Arbeitskräfteimport setzenden Wirtschafts- und Industriepolitik, die arbeitsintensive Produktionsgänge in Billiglohnländer verlagert. Die strikte Zuwanderungskontrolle bei gleichzeitig großem Bedarf an billiger Arbeitskraft stärkt die Anreize für illegale Einwanderung, die in allen Ländern hoch ist.
Während die karibischen Staaten reine Auswanderungsländer sind, entwickeln sich die Wanderungsströme in Mittelamerika vielfältiger. In den letzten beiden Jahrzehnten gab es zwischen diesen Staaten umfangreiche Arbeitskräftewanderungen, vor allem von Salvadorianern nach Guatemala, Honduras und Mexiko, gleichzeitig auch erhebliche Fluchtbewegungen in Folge der Bürgerkriege in Guatemala, El Salvador und Nicaragua. Bestimmend ist aber die Massenauswanderung in die USA, die sich aus der gesamten Region speist. In vielen südamerikanischen Staaten hat sich das Wanderungsgeschehen in diesem Zeitraum erheblich gewandelt, vor allem in Argentinien und Venezuela. Argentinien erlebte bis Mitte der siebziger Jahre starke Zuwanderung aus den Nachbarstaaten, Venezuela aufgrund des Ölbooms bis Mitte der achtziger Jahre. In jüngster Zeit haben beide Länder, nach tieferen Rezessionen, wieder eine Nettozuwanderung, wobei aber insbesondere die Zuwanderung qualifizierter Arbeitskräfte nicht ausreicht. In beiden Ländern wird daher über eine Anwerbung von Arbeitskräften nachgedacht.
Zum Wanderungsgeschehen in den meisten afrikanischen Staaten liegen kaum Statistiken vor. Aufgrund der häufig grenzübergreifenden ethnischen Siedlungsgebiete und der mobilen Lebens- und Wirtschaftsformen sind in Afrika viele Grenzen durchlässiger als in anderen Weltregionen. Deutlich ist aber, daß die Staaten in sehr unterschiedlicher Weise von Wanderungsbewegungen betroffen sind.
Während die ostafrikanischen Staaten Äthiopien, Sudan, Somalia, Burundi und Ruanda infolge der Bürgerkriege sowohl zu Herkunfts- als auch zu Aufnahmeländern von Flüchtlingen geworden sind, haben zentralafrikanische Länder wie die Zentralafrikanische Republik, Kamerun und Kongo Arbeitskräfte vor allem für die Plantagenwirtschaft und die Ölproduktion aufgenommen. Die ökonomisch besser entwickelten Staaten Westafrikas, insbesondere Nigeria und Côte d'Ivoire, haben Arbeitsmigranten aus Burkina Faso, Mali und Togo importiert. Nigeria und Ghana haben zugleich auch höher qualifizierte Arbeitskräfte in die Industrieländer geschickt.
Die Republik Südafrika wirbt zwar in geringerem Umfang als in früheren Jahren in den Nachbarländern Arbeitskräfte für die schlecht bezahlte und gefährliche Beschäftigung im Bergbau an, die Arbeitsmigration dorthin ist aber noch nicht zum Erliegen gekommen. Zudem gibt es eine umfangreiche Zuwanderung besser qualifizierter Migranten, einen sogenannten brain drain, aus den ärmeren Gebieten des südlichen Afrikas.
In den Golfstaaten hat seit Mitte der siebziger Jahre der schon damals beispiellos hohe Anteil ausländischer Arbeitskräfte noch weiter zugenommen. Zur Zeit leben 12 Millionen Arbeitsmigranten in diesen Staaten und machen damit etwa die Hälfte der Gesamtbevölkerung aus.
In den letzten 20 Jahren hat sich die geographische Herkunft der Arbeitsmigranten grundlegend verändert: Viele Arbeitskräfte aus der arabischen Region, vor allem aus Palästina und Ägypten, wurden schon in den siebziger Jahren durch billigere indische und pakistanische Arbeitskräfte ersetzt. In den achtziger Jahren wurde verstärkt auf Migranten aus Ostasien zurückgegriffen, hauptsächlich auf Chinesen, Philippiner und Koreaner. Bis zum Golfkrieg, nach dem etwa 3 Millionen Palästinenser, Ägypter und Jemeniten die Golfstaaten verlassen mußten, war die Migrationskontrolle nur schwach ausgebildet, viele Arbeitskräfte aus arabischen Staaten hatten bis dahin keine Visa benötigt.
Seitdem ist die Migrationskontrolle in allen Golfstaaten verschärft worden. Derzeit versuchen die Staaten, auf das durch die stark gesunkenen Ölpreise verlangsamte Wirtschaftswachstum zu reagieren, indem eine größere Zahl der Arbeitsmigranten in die Herkunftsländer zurückgeschickt wird.
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