Home > Sachgebiete > Globale Zukunftsfragen > Umwelt > Klimaschutz > Analysen > Chinas Energiepolitik - Global...

Chinas Energiepolitik - Globale Dimensionen und Auswirkungen

Frank Umbach

Die Bewältigung der energiepolitischen Herausforderungen bildet eine zentrale Bedingung für den Aufstieg Chinas zu einer regionalen und globalen Großmacht. Die Lösung der Energiefrage ist grundlegende Voraussetzung für ein weiterhin hohes Wirtschaftswachstum, das wiederum die Grundlage für sozioökonomische und politische Stabilität bildet. Zudem muss die Lösung der Energiefrage auch im Zusammenhang mit anderen Ressourcenfragen (Wasser, Nahrungsmittel) gesehen werden. Aufgrund der größer werdenden Schere zwischen rapide ansteigendem Energiebedarf und fehlenden Rohöl- und Erdgasvorräten im eigenen Land ist die zukünftige Energiesicherheit für die chinesische Führung inzwischen zu einer „Frage von Leben und Tod“ geworden.

Beitrag erschienen in: Internationale Politik 1/2001

China ist auf einen zunehmenden Import von Rohöl und Erdgas, vornehmlich aus dem Nahen und Mittleren Osten, angewiesen. Dies eröffnet einerseits Chancen zu verstärkter regionaler und globaler Kooperation sowie der beschleunigten Integration Chinas in die Weltwirtschaft. Andererseits kann jedoch nicht ausgeschlossen werden, dass China eher seiner traditionell-historischen „strategischen Sicherheitskultur“ folgt, die von weitgehender Autarkie, Selbstversorgung und Verringerung von Abhängigkeiten gegenüber ausländischen Mächten und Märkten gekennzeichnet ist. Unilateral-nationale Lösungen aber könnten die strategische Rivalität und Machtkonkurrenz mit anderen asiatischen Großmächten (insbesondere Japan und Indien), die ebenfalls von hohen Energieimporten abhängig sind, verstärken und zu Rüstungswettläufen sowie gewalttätigen Konflikten führen. Daher sollte die internationale Gemeinschaft ein strategisches Interesse an der Lösung der Energieprobleme Chinas im 21. Jahrhundert haben.

Zur gegenwärtigen Lage

Seit 1990 ist China zum Nettoimporteur von Energie und seit November 1993 auch zum Nettoimporteur von Rohöl geworden; nach Japan inzwischen zweitgrößter Energiekonsument bei Rohöl in der asiatisch-pazifischen Region. Chinas gegenwärtige und zukünftige Energiesituation ist durch folgende Fakten gekennzeichnet:

China verbraucht gegenwärtig etwa 4 Millionen Barrel Rohöl pro Tag (b/d). Dies macht ca. 20 Prozent des gesamten Rohölverbrauchs Asiens und 5,5 Prozent des weltweiten Verbrauchs aus. 1997 importierte Beijing bereits 432 Millionen b/d vor allem aus der Golf-Region. Im Zeitraum 1990 bis 1994 betrug der jährliche Anstieg des Energieverbrauchs acht Prozent, während die Energieproduktion lediglich um ein Prozent zunahm. Dennoch war China 1996 sechstgrößter Erdölproduzent der Welt.

Aufteilung der Energieträger in China und Asien-Pazifik (in %)
Kohle
Öl
Gas
Kernkraft
Wasserkraft
Globaler Anteil
20
40
29
8
3
 
Anteil Asien-Pazifiks
45
39
9
5
2
 
Anteil Chinas
75
20
2
1
2
 
             

Obwohl mehr als 90 Prozent der gegenwärtigen chinesischen Erdölproduktion auf dem Festland erfolgt, sind die größeren Steigerungsraten im Ost- und Südchinesischen Meer zu verzeichnen. Obwohl bis Ende 2000 die Offshore-Produktion in China auf jährlich etwa 73 Millionen Fass ansteigen sollte, war bereits frühzeitig abzusehen, dass dies die noch dynamischere Erhöhung des Energiebedarfs nicht ausgleichen könnte.

China verfügt über lediglich 2,43 Prozent der weltweiten Rohöl- und 1,2 Prozent der globalen Erdgasreserven. Obwohl das Land (nach USA und Russland) über die drittgrößten Kohlereserven der Welt verfügt, wird es in den nächsten Jahren auch ausländische Kohle in größeren Mengen importieren müssen. Im Jahr 2010 muss China vermutlich etwa 40 Prozent seines Erdölbedarfs importieren. Der Import würde dann von 35 Millionent (1997) auf bis zu 142 Millionen t (2010) ansteigen. Dieser gewaltige Energiebedarf ist jedoch nicht allein auf den Bevölkerungszuwachs zurückzuführen, sondern auch auf die beschleunigte landwirtschaftliche Elektrifizierung, Urbanisierung und den rasant ansteigenden Konsum (Kühlschränke, Waschmaschinen, Fernseher, Klimaanlagen etc.). Dieses Ungleichgewicht zwischen dem aus dem Wirtschaftswachstum und der Bevölkerungszunahme resultierenden Bedarf sowie der einheimischen Energieproduktion nimmt tendenziell weiter zu, so dass China bereits im Jahr 2000 nur noch 70 Prozent seines Energiebedarfs aus eigenen Vorkommen decken kann. Bis zum Jahr 2015 wird sogar eine Verdreifachung des Energiebedarfs erwartet. Setzen sich die gegenwärtigen Energietrends fort, wird China in weniger als 30 Jahren auch die USA überholt haben.

Nachfrage in Asien-Pazifik

Gleichzeitig ist aber nicht nur der Energiebedarf Chinas angestiegen, sondern auch die regionale Nachfrage in der asiatisch-pazifischen Region. So ist im Zeitraum 1990 bis 1996 der Rohölbedarf in der Region um durchschnittlich 5,3 Prozent gestiegen. 1992 betrug der japanische Rohölimport noch 77 Prozent des gesamten asiatischen Erdölimports; im Jahr 2010 wird er voraussichtlich auf 37 Prozent gefallen sein. Zwischen 1986 und 1996 hat die regionale Energienachfrage um 60 Prozent zugenommen. Diese ist von etwa 18 Prozent des globalen Energiebedarfs 1984 auf ca. 25 Prozent 1998 gestiegen.

Die gegenwärtige Asien-Krise wird mittel- und langfristig jedoch kaum signifikante Auswirkungen auf den regionalen und globalen Ölverbrauch haben und somit die langfristigen Energietrends nicht umkehren können. Selbst bei einem Rückgang des Wirtschaftswachstums auf ein Prozent in den nächsten drei Jahren dürfte der Tagesbedarf 2010 um 9 Millionen b/d höher liegen als 1996. Damit wäre der Bedarf höher als die gesamte gegenwärtige Rohölproduktion Saudi Arabiens! Wie auch immer eine Lösung der Fragen der Energiesicherheit in Ost- und Südasien aussehen mag, sie kann nicht ohne China erfolgen. Dessen Energieverbrauch macht gegenwärtig bereits etwa 64 Prozent des gesamten Energieverbrauchs im asiatisch-pazifischen Raum aus.

Die Schere zwischen rapide zunehmender Energienachfrage und eigenen Energiereserven wird auch deshalb weiter auseinandergehen, weil Rohölreserven nur begrenzt vorhanden sind und auch neu entdeckte Rohölvorkommen mit dem rasch wachsenden Energiebedarf nicht Schritt halten. 1989 vermutete China im Südchinesischen Meer 130 Milliarden Fass Rohöl, während internationale Schätzungen zwischen 6 und 105 Milliarden Fass Rohölreserven schwankten. Die derzeit nachweisbaren Rohölreserven liegen jedoch bei lediglich etwa 7,5 Milliarden Fass. Auch für das Tarim-Becken (Sinkiang) haben sich die Hoffnungen nicht erfüllt. Gegenüber den ursprünglich erhofften Ölreserven von 13 bis 29 Milliarden t sind bisher lediglich 230 Millionen t nachweisbar. Allerdings konnten erhebliche Erdgasressourcen nachgewiesen werden. Die Kosten für den Bau von Pipelines und Verflüssigungsanlagen sind aufgrund der langen Transportwege gewaltig.

Kohle und Umwelt

Ein weiterer Anstieg der Kohleproduktion ist nur begrenzt möglich, da die Umwelt in China schon heute übermäßig belastet ist, das Wirtschaftswachstum gefährdet und die Ernährungssituation beeinträchtigt. Gleichzeitig ist China nach den USA der größte Produzent von Treibhausgasen, die für die globale Klimaerwärmung verantwortlich sind. Zusammen mit den USA produziert China mehr als 36 Prozent der weltweiten Schadstoffemissionen. In Südkorea sollen bereits 33% aller CO2-Ablagerungen und in Japan 50% der Schwefelemissionen, die für den sauren Regen verantwortlich gemacht werden, chinesischen Ursprungs sein. Für 2020 wird erwartet, dass China und Indien zusammen für 75% aller globalen CO2-Emissionen verantwortlich sein werden. Chinas Kohlereserven können daher nur dann weiter an Bedeutung gewinnen, wenn saubere und kostengünstige Verbrennungstechnologien breiteste Anwendung finden. Hierfür fehlen aber die finanziellen Mittel.

Aufteilung der Energieträger in China 1996 und 2020 (in %)
1996 2020
Kohle 72 65
Öl 20 19
Gas 2 11
Andere 6 5

Aufteilung der Energieträger in China 1996 und 2020 (in %)
1996
2020
Kohle
72
65
 
Öl
20
19
 
Gas
2
11
 
Andere
6
5
 

Die chinesische Führung setzt daher zwar verstärkt auf andere Energieträger. Doch auch dem Ausbau der Wasserkraft sind durch Umweltschutzanliegen zunehmend Grenzen gesetzt, wie an den Widerständen gegen gigantische Großbauvorhaben (Drei-Schluchten-Projekt) deutlich geworden ist. Zwar soll die Nachfrage vor allem nach Erdgas um jährlich 8% steigen, doch wird auch dessen Anteil am gesamten Energieverbrauch Chinas bis 2020 höchstens 11% betragen. Auch der Anteil der zivilen Kernkraftnutzung am gesamten Energieverbrauch Chinas wird – trotz des Ausbaus von gegenwärtig drei auf 16 bis 18 Kernkraftreaktoren im Jahr 2025 – lediglich von 1,5% Mitte der neunziger Jahre auf höchstens 4 bis 6 Prozent bis zum Jahr 2020 ansteigen. Gleichzeitig wird zwar der Anteil der Kohleproduktion am gesamten Energieverbrauch prozentual sinken, der Umfang der Kohleproduktion jedoch weiter ansteigen. So ist im Zeitraum 1996 bis 2020 eine Zunahme beim globalen Kohleverbrauch von etwa 2 Milliarden Tonnen zu erwarten, wovon allein 85% auf China und Indien entfallen.

Außen- und Sicherheitspolitik

Vor dem Hintergrund des rapide ansteigenden Energiebedarfs und der Verschlechterung der Aussichten auf neue größere Energiefunde im eigenen Land haben die politische Führung und die Managerelite des chinesischen Energiesektors seit 1996/97 verstärkt nach neuen Energieressourcen im Ausland Ausschau gehalten. Seit Anfang 1997 ist ein regelrechter Aktionismus bei der Sicherung neuer Energieressourcen zu konstatieren. So hat die Chinese National Petroleum Corporation (CNPC) allein 1997 nicht weniger als 18 internationale Petroleum- und petrochemische Projekte mit einem Vertragswert von ca. 750 Millionen Dollar abgeschlossen. Dies schließt den Kauf ausländischer Erdölfirmen (oder den Erwerb bedeutender Anteile der Firmen) ebenso mit ein wie mehrere Pipelineprojekte (in Turkmenistan und Thailand) oder den Aufbau von Raffinerie- und Lagerstätten im Ausland. Darüber hinaus ist die CNPC an der Erschließung von Ölfeldern in Russland, Pakistan, Kasachstan, Indonesien, Ägypten, Ecuador, Venezuela, Argentinien, Iran und Sudan beteiligt. Insgesamt wurden von China seit Mai 1997 etwa 8,2 Milliarden Dollar für Erdölkonzessionen in Sudan, Venezuela, Irak und Kasachstan gezahlt. Gleichzeitig wurde über weitere Ölkonzessionen in Iran, Indonesien, Russland und Turkmenistan verhandelt, während Joint-Ventures mit Italien und Indien unterzeichnet wurden.

Die prognostizierte Zunahme der globalen Erdölproduktion, eine wachsende marktwirtschaftliche Ausrichtung (einschließlich Privatisierung) nationaler Energiepolitik sowie Energiesparmaßnahmen werden dem gewaltigen Anstieg des Erdölverbrauchs Chinas und Ostasiens sicherlich entgegenkommen, wenngleich nach 2010 erhebliche Preiserhöhungen befürchtet werden müssen. Dennoch kann eine verschärfte ökonomische und politische Machtkonkurrenz um die knapper werdenden globalen Erdölreserven nicht grundsätzlich ausgeschlossen werden. Chinesische Energieexperten vermuten sogar eine signifikante Verknappung der globalen Rohölreserven in den nächsten 20 Jahren und kommen daher häufig zu alarmierenden Analysen.

Die außen- und sicherheitspolitischen Auswirkungen der zunehmenden Energieabhängigkeit Chinas sind schon heute in seiner Politik gegenüber Iran oder Irak (Rüstungsexporte, Abstimmungsverhalten Chinas im UN-Sicherheitsrat) erkennbar. Der hieraus resultierende Interessenkonflikt mit den USA könnte die zukünftigen bilateralen Beziehungen zwischen beiden Seiten noch stärker belasten. Andererseits dürfte aber auch das langfristige Interesse der chinesischen Regierung an politischer Stabilität im Mittleren Osten zunehmen, was wiederum größere Kooperationsmöglichkeiten eröffnen könnte.

Zudem hat für China die Bedeutung der internationalen Schiffahrtswege durch den Indischen Ozean und die Straße von Malakka zugenommen. So werden der chinesischen Politik gegenüber Südostasien und insbesondere Myanmar (Birma) nicht nur wirtschaftliche, sondern auch langfristige sicherheitspolitische Absichten zur militärischen Absicherung der Energieimportrouten aus dem Persischen Golf unterstellt. Der Bau von Militärbasen an der Küste Myanmars und die Aufrüstung der Streitkräfte des Landes durch China hat wesentlich zur Verschärfung der indisch-chinesischen Rivalität beigetragen. Die potenzielle Verwundbarkeit dieser Routen war in China 1999 infolge des Kosovo-Konflikts wiederholt Gegenstand sicherheitspolitischer Debatten und hat die Diversifizierungsbemühungen um Energieimporte aus Russland und Zentralasien zusätzlich gestärkt. Bereits seit Ende der achtziger Jahre haben die chinesischen Streitkräfte die sich abzeichnende Energieabhängigkeit vom Persischen Golf als Legitimation einer beschleunigten Modernisierung der eigenen Seestreitkräfte instrumentalisiert, deren Operationen sich zukünftig keineswegs nur auf das Südchinesische Meer und die Straße von Taiwan beschränken sollen.

Obwohl China in den neunziger Jahren graduelle Fortschritte auf dem Weg einer Liberalisierung seiner Energiepolitik und der Einbindung in die Weltwirtschaft gemacht hat, so ist die weitere marktwirtschaftliche Orientierung seit 1998 ins Stocken geraten. Noch immer werden größere energiepolitische Entscheidungen nicht allein in den Energie(staats)konzernen gefällt, sondern im Politbüro, wo häufig nicht allein wirtschaftliche, sondern auch außen- und sicherheitspolitische Kriterien für energiepolitische Entscheidungen eine wichtige Rolle spielen. Dennoch sind unilateral-nationale Strategien und/oder ein Rüstungsaufwuchs zur Sicherung der eigenen Energieimportrouten keine Alternativen. Eine langfristige Lösung kann nur in einer weitgehend internationalen Arbeitsteilung liegen, die den zunehmenden Globalisierungstendenzen und primär wirtschaftlichen Kriterien Rechnung trägt.

Dabei kommt der internationalen Gemeinschaft eine wichtige Rolle zu. Die Lösung der Probleme der chinesischen Energiesicherheit und auch anderer Ressourcenfragen liegt im globalen Interesse, wenn weltweite negative Auswirkungen in umwelt- und sicherheitspolitischer Hinsicht vermieden werden sollen. Je sicherer sich China bei der Lösung seiner Energieprobleme fühlt, um so sicherer werden sich auch seine Nachbarstaaten und der Rest der Welt fühlen.

Die Zahlenangaben beruhen auf folgenden Quellen: IEA (Hrsg.), China’s Worldwide Quest for Energy Security, Paris 2000; Erica Strecker Downs, China’s Quest for Energy Security, Santa Monica (RAND-Corporation) 2000; Umbach, Geostrategische und geoökonomische Aspekte der chinesischen Sicherheits- und Rüstungspolitik im 21. Jahrhundert. Die Verknüpfung traditioneller Sicherheitspolitik mit Ressourcenfragen im geostrategischen Denken Chinas, in: Gunter Schubert (Hrsg.), China – Perspektiven für das 21. Jahrhundert (im Erscheinen).


bookmarken bei...

Mister Wong del.icio.us Facebook Furl YiGG Yahoo MyWeb Diigo Folkd StumbleUpon Google Technorati

Sachgebiete

Lektüre

Jahrbuch Internationale Politik: Weltverträgliche Energiesicherheitspolitik
von Josef Braml, Karl Kaiser, Hanns W. Maull, Eberhard Sandschneider, Klaus Werner Schatz (Hrsg.)

Veröffentlicht am 2. Juni 2008

Das neu konzipierte Standardwerk der internationalen Politik bietet eine systematisch-vergleichende Analyse eines aktuellen Themas: Weltverträgliche Energiesicherheitspolitik. Autorinnen und Autoren sind renommierte deutsche Experten sowie maßgebliche Repräsentanten der operativen Politik, des Bundeskanzleramts, des Bundestags und von Bundesministerien. Neben der wechselseitigen Politikberatung leistet das Jahrbuch – in Zusammenarbeit mit den Medien und anderen Multiplikatoren – auch Öffentlichkeitsberatung.

Weitere Informationen auf der Webseite der DGAP

Home | Newsletter | Suche | Impressum | Datenschutz | DGAP | RSS

Regionen

Service

Locations of visitors to this page

anzeige