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Nachhaltige Entwicklung: Eine Einführung in den Begriff

Stormy Mildner

von Stormy Mildern
Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik

Das Schlagwort nachhaltige Entwicklung oder „Sustainable Development“ hat einen Siegeszug erlebt wie sonst selten ein Begriff. Nachhaltige Entwicklung ist die heute geläufigste und dominierende Übersetzung des Begriffs „sustainable development“. Andere Bezeichnungen sind „dauerhafte Entwicklung“, „tragfähige Entwicklung“ und „zukunftsfähige Entwicklung“. Nachhaltige Entwicklung wird von der nationalen und internationalen Politik, der Wirtschaft und von zivilgesellschaftlichen Akteuren gleichermaßen benutzt und eigene Ziele mit ihm beschrieben. Auch in der Wissenschaft wird er - vor allem von der Umwelt- und Entwicklungsforschung - breit rezipiert.

Nachhaltigkeit als Ziel tauchte das erste Mal im Jahr 1713 in einer Schrift von Hans Carl von Carlowitz[1] auf. Von Carlowitz zufolge sollte die Forstwirtschaft durch Neuanpflanzungen und einen pfleglichen Umgang mit dem Wald sicherstellen, dass auch in Zukunft Holz zur Verfügung steht. Im Vordergrund stand hier die langfristige Versorgung mit Holz, also die Bewahrung des Waldes als Rohstoffquelle. In den 1920er Jahren wurde ein hierzu alternatives Konzept landwirtschaftlicher Produktion entwickelt, dass den Wald nicht nur als Rohstoffquelle, sondern als schützenswerten Lebens- und Erholungsraum ansah. Folglich sollte es zu einer schonenden Bewirtschaftung kommen, wobei der Wald auch als Lebensraum für Tiere und Pflanzen erhalten bleiben sollte.

Bei der „UN-Conference on Human Environment“ 1972 in Stockholm wurden Umwelt und Entwicklung erstmals in Beziehung gesetzt. So wurden Begriffe wie „Environmentally sound development“ and „ecodevelopment“ benutzt. Das Konzept der „nachhaltigen Entwicklung“ fand durch den sogenannten Brundtland-Bericht[2] der UNO im Jahr 1987 Eingang in das Bewusstsein der Gesellschaft. Der Begriff bezeichnet ein ganzheitliches Leitbild, dem zufolge die wirtschaftlichen, ökologischen und sozialen Grundbedürfnisse der Menschen befriedigt und gleichzeitig die Entwicklungschancen nachfolgender Generationen nicht beeinträchtigt werden sollen. Spätestens seit der UNO Rio-Konferenz von 1992 zieht er sich als roter Faden durch die nationalen und internationalen Überlegungen und Ansätze zu Umwelt- und Entwicklungsfragen.

Dem Brundtland Bericht der UNO ging die im Jahr 1972 vom „Club of Rome“ herausgegebene Studie „Die Grenzen des Wachstums“ voran. In ihr kommen die Autoren zu folgendem Ergebnis: „If the present growth trends in world population, industrialization, pollution, food production, and resource depletion continue unchanged, the limits to growth on this planet will be reached sometime within the next one hundred years. The most probable result will be a rather sudden and uncontrollable decline in both population and industrial capacity“.[3]

Der logisch und historisch hieran anschließende so genannte Brundtland Bericht der „World Commission on Environment and Development“ („Weltkommission für Umwelt und Entwicklung“) mit dem Titel „Our Common Future“ aus dem Jahr 1987 hat eine Definition von nachhaltiger Entwicklung vorgenommen, die auch heute noch als gültig angesehen werden kann[4]: „Unter dauerhafter Entwicklung verstehen wir eine Entwicklung, die den Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und ihren Lebensstil zu wählen. Die Forderung, diese Entwicklung ‚dauerhaft‘ zu gestalten, gilt für alle Länder und Menschen. Die Möglichkeiten kommender Generationen, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen, ist durch Umweltzerstörung ebenso gefährdet wie durch Umweltvernichtung durch Unterentwicklung in der Dritten Welt" (Our Common Future, S. XV).

Das Konzept der nachhaltigen Entwicklung richtet sich gegen eine wirtschaftliche Entwicklung, die nur auf den Aufholprozess ausgerichtet ist und keine ökologischen und sozialen Gesichtspunkte berücksichtigt. Bei der „aufholenden Entwicklung“ handelt es sich um ein Konzept, dem zufolge die nicht industrialisierten Länder so schnell wie möglich die notwendigen Strukturveränderungen - Modernisierung der Wirtschaft und Gesellschaft - vollziehen sollten, die die Industrieländer bereits vollzogen haben. Während ein Aufholprozess und hohe Wachstumsraten der Entwicklungsländer grundsätzlich als wünschenswert angesehen werden, wird kritisiert, dass sich in den drei Bereichen der ökologischen Problematik - Ressourcenerschöpfung, Umweltzerstörung und Bevölkerungswachstum - neue Dimensionen ergeben: So müsse man berücksichtigen, dass Ressourcen wie Erdöl endlich seien und ein steigender Bedarf der Entwicklungsländer diese Problematik verstärken würde. Des Weiteren habe sich zwar das Bevölkerungswachstum auch in den Entwicklungsländern abgeschwächt, doch wachse die Weltbevölkerung weiterhin rapide an. Letztlich seien die heute bekannten Umweltprobleme zumeist auf die in den Industrieländern entwickelten Produktionsprozesse und das vorherrschende Konsumentenverhalten zurückzuführen. Dennoch müsse auch die armutsbedingte Umweltzerstörung in den Entwicklungsländern berücksichtigt werden.

Die Befürworter der nachhaltigen Entwicklung beziehen somit die Erfahrungen des Wachstumsprozesses der Industrieländer als auch die bestehenden sozialen und ökologischen Probleme in den Entwicklungsländern in ihr Entwicklungskonzept mit ein.

Die Diskussion, was genau unter dem Konzept nachhaltige Entwicklung zu verstehen ist, welche Zielvorstellungen und Aktionsspielräume sich dahinter verbergen, ist fortlaufend und noch längst nicht abgeschlossen. Ulrich Jüdes zufolge liegen dem Verständnis von Nachhaltigkeit vier Basisannahmen zugrunde:

Grundsätzlich versteht man vier Dimensionen des Nachhaltigkeitsbegriffs:

Aus diesen Bereichen ergeben sich vier Oberziele einer nachhaltigen Entwicklung:

Scholles zufolge lassen sich in der ökonomischen Theorie drei Ausrichtungen der Nachhaltigkeit unterscheiden:

Wolfgang Fischer zufolge gibt es drei Strategien, die zur nachhaltigen Entwicklung führen:

Die vier konsensfähigsten Managementregeln innerhalb der nachhaltigen Entwicklung sind Hans-Jürgen Harborth zufolge:

Dementsprechend ist nachhaltige Entwicklung eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, wobei ihre Grundlage das Kriterium des konstanten Naturkapitalvorrates ist.

Mit dem Begriff Nachhaltigkeit sind jedoch auch einige Probleme verbunden. Einerseits besteht weiterhin kein Konsens, was der Begriff genau beinhaltet und mit welchen Maßnahmen Nachhaltigkeit erreicht werden kann. Des Weiteren ist es gerade in jüngster Zeit zu einem inflationären Gebrauch des Begriffes, oftmals in unzutreffender Weise, gekommen. Bei der Entwicklung konsistenter Modelle bestehen Ulrich Jüdes zufolge unter anderem folgende grundlegende Probleme und Fragen:

Weiterführende Literatur:


[1] Sylvicultura oeconomica oder hauswirthliche Nachricht und naturmässige Anweisung zur wilden Baumzucht nebst gründlicher Darstellung / Wie zu förderst durch Göttliche Benehmen dem allenthalben und insgemein eintreffenden Grossen Holz-Mangel", 1713.
[2] Der Bericht ist benannt nach der Vorsitzenden der World Commission on Environment and Development, der norwegischen Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland.
[3] Club of Rome / Dennis L. Meadows et al.: The Limits of Growth, Universe Books, New York, 1972, http://www.clubofrome.org/docs/limits.rtf .
[4] Weitere Definitionen siehe Definitionen von Nachhaltigkeit, in: E + Z Entwicklung und Zusammenarbeit, 1-2001, S.16, http://www.dse.de/zeitschr/ez101-6.htm .


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von Josef Braml, Karl Kaiser, Hanns W. Maull, Eberhard Sandschneider, Klaus Werner Schatz (Hrsg.)

Veröffentlicht am 2. Juni 2008

Das neu konzipierte Standardwerk der internationalen Politik bietet eine systematisch-vergleichende Analyse eines aktuellen Themas: Weltverträgliche Energiesicherheitspolitik. Autorinnen und Autoren sind renommierte deutsche Experten sowie maßgebliche Repräsentanten der operativen Politik, des Bundeskanzleramts, des Bundestags und von Bundesministerien. Neben der wechselseitigen Politikberatung leistet das Jahrbuch – in Zusammenarbeit mit den Medien und anderen Multiplikatoren – auch Öffentlichkeitsberatung.

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