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Wie geht es voran mit der europäischen Verteidigungsindustrie? Neuere Entwicklungen in der Luft- und Raumfahrt

Jean-Pierre Froehly

Mit der Fusion der deutschen Daimler-Chrysler Aerospace (DASA) und der französischen Aerospatiale-Matra ist am 14. Oktober 1999 die Grundlage einer europäischen Verteidigungsindustrie geschaffen worden, der am 2. Dezember 1999 auch die spanische CASA beigetreten ist. Nachdem die Fusion zwischen DASA und British Aerospace (BAe) im Jahr 1998 scheiterte1) (BAe hatte sich für eine Fusion mit GEC Marconi Electronic Systems entschieden), stellt die European Aeronautic Defence and Space Company (EADS) mit ihrem "deutsch-französischen" Kern einen starken Partner gegenüber Großbritannien dar, das für eine umfassende Europäische Sicherheits- und Verteidigungspolitik allerdings unerlässlich bleibt.

Die Fortschritte der Europäischen Verteidigungspolitik in den Jahren 1998/99 wurden durch einen "deutsch-französisch-britischen Motor"2) auf den Weg gebracht, wobei insbesondere die britische Seite nun ihrem Bekenntnis zu Europa in der Realität Taten folgen lassen muss: Dies betrifft zum einen die Bewaffnung des Eurofighters, bei der Großbritannien das erste Wort hat und europäische (Meteor) mit amerikanischen Lösungen (Amraam Plus von Raytheon) konkurrieren.3) Eine amerikanische Bewaffnung des Eurofighters würde jedoch dem US-Kongress ein Mitspracherecht beim Export des Flugzeuges geben.

Zum anderen betrifft dies die Entscheidung für oder gegen ein europäisches Transportflugzeug4) (den Airbus A 400M), die Großbritannien im Frühjahr 2000 als erstes Land treffen dürfte. Um den Preis von 80 Millionen Dollar pro Stück zu halten, schätzen Experten die notwendige Absatzmenge auf 200. Angesichts des deutschen (60) und französischen Bedarfs (50) dürfte die britische Entscheidung über Sein oder Nicht-Sein des Flugzeuges entscheiden.

Bereits im April war London aus dem britisch-französisch-italienischen Projekt einer gemeinsamen Fregatte ("Horizon") ausgestiegen, die von Paris und Rom nunmehr alleine gefertigt werden soll.5) Großbritannien nimmt jedoch weiterhin an der Entwicklung der Fregatten-Bewaffnung (PAAMS)6) teil, deren Markt bis zum Jahre 2010 auf 44,5 Milliarden Euro geschätzt wird.

Experten weisen zu Recht darauf hin, dass die mit der EADS gegebene Chance einer europäischen Verteidigung nunmehr auf allen Ebenen genutzt und insbesondere der militärisch-technologische Abstand ("technology gap") zu den USA verringert werden muss. Dies gilt für die Struktur der Verteidigungshaushalte, in denen insbesondere die Mittel für Beschaffung und Investition von entscheidender Bedeutung sind. FranÙois Heisbourg7) weist zwar darauf hin, dass es nicht darauf ankomme, mehr, sondern besser auszugeben, aber auf deutscher Seite tragen die drastischen Kürzungen im Verteidigungshaushalt (über 9,7 Milliarden Euro) auf einen Anteil von unter 1,5 Prozent des PIB gegenüber 2,7 Prozent des PIB in Frankreich und Großbritannien den Anforderungen der Zukunft in keinem Fall Rechnung. Frankreichs Militärhaushalt hat allerdings seinerseits mit den erheblich höheren Kosten der Ameereform zu kämpfen, der Finanzbedarf im Sechs-Jahres-Plan (1997–2002) könnte eine Größenordnung von zehn Milliarden Euro erreichen.

Die umfassenden Budgetkürzungen in Deutschland, Großbritannien und Frankreich könnten gemeinsame Projekte wie den taktischen Hubschrauber NH 908) oder das gepanzerte Fahrzeug GTK, insgesamt gefährden. Beim deutsch-französisch-britischen Projekt GTK hatte es ohnehin Divergenzen bezüglich der Ausstattung gegeben, da Frankreich das Fahrzeug mit einer Kanone ausstatten möchte. Die Entscheidung über den Bezug des NH 90 wurde von deutscher Seite weitere zwölf Monate hinausgeschoben, während die Mittel für den A 400 M vollständig fehlen dürften. Somit sind die Europäer mit einem Paradox konfrontiert: Während der Kosovo-Konflikt die Notwendigkeit neuer Beschaffungen aufzeigt, sind es gerade die Kostenerhöhungen auf Grund des Kosovo-Konfliktes, die Kürzungen in den Beschaffungstiteln verursachen.9)

Europa benötigt jedoch insbesondere Aufklärungs- und Transportkapazität: Der Anfang 1997 vollzogene deutsche Ausstieg aus dem Radar-Satelliten-Projekt "Horus" lastet noch heute als Hypothek auf der europäischen Aufklärungskapazität, während die optischen, also nur bei Tag und klarem Wetter einsetzbaren Satelliten Helios 1A und zuletzt 1B (am 4.11.1999) aus franko-italienisch-spanischer Kooperation die bisher einzige rein europäische Lösung bleiben. Gerade der Kosovo-Konflikt hat jedoch gezeigt, wie wichtig Satellitenaufklärung für die Mitsprache in NATO-Einsätzen ist. Frankreich sucht noch immer europäische Partner für den Infrarot-Satelliten Helios 2 (Gesamtkosten zwei Milliarden Euro).

Bereits vor der Fusion erwirtschafteten Dasa und Aerospatiale-Matra rund 70 Prozent ihres Umsatzes in Kooperation. Die drastischen Kürzungen in den Verteidigungshaushalten im Vergleich zu den achtziger Jahren sowie der Rückgang von Exportmärkten zwangen angesichts der hohen Entwicklungskosten im Verteidigungsbereich zur Zusammenarbeit. Dennoch hatte die Frage einer Beteiligung des französischen Staates das größte Hindernis für die deutsche Seite zur Gründung eines deutsch-französischen Unternehmens dargestellt. Die Fusion von Daimler-Benz und Chrysler dürfte so wichtiger Katalysator gewesen sein: "Der klare Fokus von Daimler-Chrysler auf das Kerngeschäft Automobilbau steht natürlich ebenfalls hinter der Fusion zur EADS und hinter dem allmählichen Abschied der Stuttgarter aus der Luft- und Raumfahrtindustrie."10)

Das Kapital der EADS wird zu 34,43 Prozent an den Börsen Frankfurt, Paris und Amsterdam gehandelt werden. Die restlichen 65,57 Prozent bleiben bei einer Holding, die zu gleichen Teilen (45,75 Prozent) von der deutschen (DaimlerChrysler) und der französischen Seite (Französische Pooling-Company), sowie zu 8,5 Prozent von der spanischen Holding SEPI gehalten wird. Dasa und Lagardère haben sich verpflichtet, ihre Anteile bis mindestens Juli 2003 zu halten.

Für die EADS wird es jetzt darauf ankommen, die Herausforderung der Integration verschiedener Unternehmenskulturen zu bestehen. Die Probleme der Fusion von Boeing und McDonnell Douglas sowie die negativen Konsequenzen der zu schnellen Expansionsstrategie von Lockheed legen die Schwierigkeiten solcher Integrationen offen.

Ferner müssen die verbleibenden französischen Unternehmen Dassault (Militärflugzeug "Rafale") sowie Thomson-CSF (Elektronik) möglichst eingebunden werden. Die für "private Institutionen" reservierten 13 Prozent des Französischen Pools könnten eine "offene Tür" für Dassault Industries darstellen, die immer noch die Mehrheit an Dassault Aviations hält. Thomson-CSF, an der Alcatel zu 25 Prozent beteiligt ist, steht vor der Notwendigkeit externen Wachstums, um die dringend notwendige kritische Größe für Investitionen und Forschung und Entwicklung (F&E) nicht zu verpassen. Nach der gescheiterten Übernahme von GEC-Marconi erklärt sich so die Übernahme der Australian Defence Industries, von African Defence Systems (Südafrika), von Teilen von B/E Aerospace (USA) sowie von 50 Prozent der Verteidigungsaktivitäten von Samsung Aerospace (Südkorea). Die externe Wachstumsstrategie ("stratégie multidomestique") von Thomson dürfte sich demnächst mit der Übernahme von Racal (Großbritannien, 1,2 Milliarden Euro Umsatz) fortsetzen.

Im Raumfahrtbereich hat die Fusion der DASA-Geschäftsbereiche Satelliten (DASA/Dornier) und Raumfahrt-Infrastruktur mit Matra Marconi Space zur Gründung der Firma Astrium geführt, an der die EADS 75 Prozent halten wird. Astrium fertigt im militärischen Bereich neben dem französischen Helios die britischen Skynet- und NATO-IV-Fernmeldesatelliten. Eine spätere Integration der italienischen Alenia Spazio wird erwartet.

Im Bereich Raketen/Lenkflugkörper kam es am 20. Oktober 1999 zu einer gesamteuropäischen Lösung zwischen Bae-Systems, AerospatialeMatra sowie der italienischen Finmeccanica. Bis zur endgültigen Integration der DASA-LFK, die bereits Anfang 1998 dreißig Prozent ihres Stammkapitals an Matra-Bae-Dynamics abgegeben hatte, wird die Gesellschaft zu gleichen Teilen von einer AerospatialeMatra(75 Prozent)-Bae(25 Prozent)-Holding und Alenia Marconi Systems (AMS) gehalten werden. Mit dem "Meteor" erhofft sich die neue Gesellschaft Anteile auf dem auf 3,82 Milliarden geschätzten europäischen Markt von Luft-Luft-Lenkflugkörpersystemen mittlerer Reichweite.

Angesichts der Konzentrierung auf der "Angebotsseite" gilt es nun, die "Nachfrageseite" in gleicher Weise zu bündeln, was eine Stärkung der Europäischen Rüstungsagentur OCCAR bedeutet. Europa leistet sich den Luxus von vier verschiedenen schweren Panzern (USA: 1), acht Air-Air-Raketensysteme (USA: vier) und elf Fregatten (USA: 1) sowie zweier kostenträchtiger Kampfflugzeuge (Eurofighter und Rafale).

*) Jean-Pierre Froehly leitet die Arbeitsstelle Frankreich im Forschungsinstitut der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), Berlin.

1) Jean-Pierre Froehly: NATO und Rüstungsindustrie – ESVI am Scheideweg, in: Dokumente, Nr. 5/1998.

2) Vor dem Europäischen Rat in Helsinki hatte es keinen deutsch-französischen Vorschlag gegeben. Der britische Vorschlag am 15.11.1999 auf dem ersten gemeinsamen Rat der EU-Außen- und Verteidigungsminister für militärische Kapazitäten der EU fußt demgegenüber auf einem franko-britischen Papier. Der Beschluss des Europäischen Rates in Helsinki (60000 Mann innerhalb von 60 Tagen entsenden) entstammt dem franko-britischen Vorschlag des Gipfels von Paris (25.11.1999).

3) Bei der Ausschreibung des britischen Verteidigungsministeriums für eine Beyond Visual Range Anti-Aircraft Missile (BVRAAM) für Tornado, Harrier und Eurofighter.

4) Vgl. Jean-Pierre Froehly, a.a.O.

5)    Wie auf dem franko-italienischen Gipfel am 23.-24.9.1999 beschlossen wurde.

6)    Principal Anti-Air Missile System. Die Programmverwaltung der Europaams wurde der OCCAR übertragen.

7) "Le Monde", 21.12.1999.

8) NH Industries: Augusta (Italien) 28,2 Prozent; Eurocopter France 41,6 Prozent; Eurocopter Deutschland 23,7 Prozent; Fokker Aviation      (Niederlande) 6,5 Prozent.

9)    So über 9,3 Milliarden FF für 1999 in Frankreich.

10)  "Neue Zürcher Zeitung", 15.10.1999.

  • Struktur der Holding der EADS
  • Quelle: DASA

    2. Struktur des Französischen Pools der EADS

    Quelle: DASA

     

    3. Umsatz der EADS nach Branchen in Milliarden Euro (Gesamt 19,8)

    Quelle: DASA

    nbsp;4. Umsatz der EADS nach Regionen

    Quelle: DASA

    5. Die wichtigsten Verteidigungsunternehmen

    Rang nach

    Umsatz Total

    Unternehmen

    Land

    Umsatz Total
    (Milliarden Euro)

    Umsatz Verteidigung (Milliarden Euro)

    Rang nach Umsatz Verteidigung

    1

    USA

    50,1

    10,1

    4

    2

    Lockheed Martin

    USA

    23,5

    15,9

    1

    3

    EADS

    F-D-E

    20,8

    5,5

    6

    4

    Bae-Systems

    GB

    17,4

    14,1

    2

    5

    Raytheon

    USA

    15,6

    13,1

    3

    6

    Northrop Gruman

    USA

    7,9

    5,6

    5

    7

    Thomson CSF

    F

    6,2

    4,3

    7

    Quelle: AS Frankreich der DGAP

    6. EADS-Beteiligungen

    Aktivität

    Anteile EADS

    Anteile Rest

    Produkte

    Eurocopter

    100

    -

    Tiger-UH(-HAC)

    NH Industries

    65,3

    Augusta 28,2

    Fokker 6,5

    NH 90

    Euromissile

    100

    -

    Roland, Milan, Hot

    Airbus Industries

    80

    Bae 20,0

    A 330; A3XX

    Arianespace

    25,9

    Div. (u.a. CNES)

    Ariane

    Dassault Aviations

    45,9

    Dassault Ind. 49,0

    Rafale, Mirage-2000

    Astrium

    75

    Bae 25,0

    u.a. Helios

    Raketensysteme

    75

    Bae 25,0

    Meteor

    Eurofighter

    43

    Bae 38 / Finm. 19,0

    Eurofighter-Typhoon

    Quelle: AS Frankreich der DGAP

     

    7. Meilensteine auf dem Weg zur EADS

    Name

    Jahr

    Beteiligungen

    Airbus

    1970

    Dasa 38%, Aerospatiale 38%, Casa 4,7%, Bae 20%

    Euromissile

    1972

    Dasa-LFK 50%, Aerospatiale 50%

    Arianespace

    1980

    Div.

    Eurocopter

    1992

    Dasa 30%, Aerospatiale 70%

    Matra Bae Dynamics (MBD)

    1996

    Lagardère 50%, Bae Systems 50%.

    Übernahme von 30% der LFK (Dasa) durch MBD

    1998

     

    Fusion Aerospatiale u. Matra

    1998

    Lagardère 34%, Franz.Regierung 46 %

    EADS

    1999

     

    Quelle: AS Frankreich der DGAP

     

    8. Verteidigungsausgaben in Prozent vom PIB (1998)

    Quelle: L’Année Stratégique 2000.

     

    9. Verteidigungshaushalte in Milliarden Dollar (1999)

    Verteidigungshaushalt der USA für 1999: 258 Milliarden Dollar
    Quelle: The Military Balance 1999/2000. IISS, London.

     

    10. Der Weg zur Europäischen Sicherheits-und Verteidigungspolitik 1998/99

    Datum

    Ort

    Rahmen

    Beschluß / Vorschlag / Thema

    24./25.10.98 Pörtschach (A) Außerordentlicher Europäischer Rat GB für Stärkung der EU-Verteidigung
    03.-04.11.98 Wien (A) Erste Sitzung der EU-Verteidigungsminister  
    04.12.98 Saint-Malo (F) 21. franko-britischer Gipfel Autonome Europäische Aktionskapazität
    18.03.99 Bonn (D) Trilaterales Treffen der Verteidigungsminister D-F-GB Europäische Verteidigung
    28.-29.05.99 Toulouse (F) 73. deutsch-französische Konsultationen Umwandlung des Eurocorps in Krisenreaktionscorps
    03.-04.06.99 Köln (D) Europäischer Rat Konfliktverhütung und Krisenbewältigung
    21.7.99 Paris/Helsinki Aktionsplan durch SP Chirac COPS/Militärkomitee
    08.10.99 Berlin/Paris Gemeinsamer Brief BK Schröder/

    SP Chirac

    Stärkung des Hohen Repräsentanten der GASP
    14.10.99 Straßburg (F) Ankündigung BK Schröder/

    PM Jospin

    Fusion Dasa-Aerospatiale/M.
    15.11.99 Brüssel (B) Erster gemeinsamer Rat der EU-Außen-und Verteidigungsminister Stufenplan zur ESVP
    22.11.99 Luxemburg WEU-Ministerrat Javier Solana WEU-
    Generalsekretär
    25.11.99 London 22. franko-britischer Gipfel 60.000 Mann für Petersberg-Aufgaben
    30.11.99 Paris (F) 74. deutsch-französische Konsultationen "Erklärung von Paris":
    Aufklärung strat.
    Mobilität-Führung-
    Kommunikation
    10.12.99 Helsinki (FL) Europäischer Rat 60.000 Mann für Petersberg-Aufgaben.

    Quelle: AS Frankreich der DGAP

    In: DOKUMENTE Zeitschrift für den deutsch-französischen Dialog, Nr. 1/2000, S. 55-61
    Europa Union Verlag GmbH, Bonn


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    Jahrbuch Internationale Politik: Weltverträgliche Energiesicherheitspolitik
    von Josef Braml, Karl Kaiser, Hanns W. Maull, Eberhard Sandschneider, Klaus Werner Schatz (Hrsg.)

    Veröffentlicht am 2. Juni 2008

    Das neu konzipierte Standardwerk der internationalen Politik bietet eine systematisch-vergleichende Analyse eines aktuellen Themas: Weltverträgliche Energiesicherheitspolitik. Autorinnen und Autoren sind renommierte deutsche Experten sowie maßgebliche Repräsentanten der operativen Politik, des Bundeskanzleramts, des Bundestags und von Bundesministerien. Neben der wechselseitigen Politikberatung leistet das Jahrbuch – in Zusammenarbeit mit den Medien und anderen Multiplikatoren – auch Öffentlichkeitsberatung.

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