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Fortsetzung: Geschichte der NATO 1949-1990

Andreas Wendlberger

2.3. Konsolidierung und Krisen 1956-1966

Schließen der Raketenlücke durch die UdSSR 1957

Kaum hatte die NATO die amerikanische Strategie der "massiven Vergeltung" offiziell von den USA übernommen, kamen innerhalb der Allianz bereits erste Zweifel an der Glaubwürdigkeit und Effektivität dieses Verteidigungskonzepts auf. Zurückführen ließen sich diese Bedenken insbesondere auf Erfolge der UdSSR auf dem Gebiet der Raketentechnologie. Das Prinzip der nuklearen Abschreckung beruhte auf der Prämisse, daß das strategischen Nuklearpotential der Vereinigten Staaten aufgrund ihrer kontinentalen "Insellage" vor Angriffen der UdSSR sicher sei. Das hieß konkret: Allein die USA konnte im Konfliktfall das Territorium der gegnerischen Supermacht mit Atomwaffen treffen, während die UdSSR dazu umgekehrt mit ihrer (noch) unterlegenen Raketentechnologie nicht in der Lage war. Der Sowjetunion gelang es jedoch schon bald, diese sog. "Raketenlücke" zu schließen und damit die Strategie der "Massive Retaliation" entscheidend zu konterkarieren. Bereits im August 1957 erklärte Kremlchef Nikita Chruschtschow, die UdSSR hätte ihre ersten nuklearen Interkontinentalwaffen (Intercontinental Ballistic Missiles, ICBMs) in Dienst gestellt. Es war aber vor allem der Start der "Sputnik", der aller Welt demonstrierte, welch immense technologische Fortschritte die UdSSR in diesem rüstungstechnologischen Schlüsselbereich gemacht hatte. Am 3. Oktober 1957 gelang es sowjetischen Wissenschaftlern, erstmals einen künstlichen Satelliten in den Weltraum zu befördern. Der Sowjetunion verlieh dieser Erfolg neues Selbstbewußtsein, während der Westen umgekehrt von einem regelrechten "Sputnikschock" erfaßt wurde. Es schien, als hätte die UdSSR die USA in der Raketentechnologie nicht nur ein-, sondern sogar überholt. Spätestens seit Beginn der 1960er Jahre verfügte die Sowjetunion jedenfalls über die Fähigkeit, Ziele in Nordamerika wirksam mit Kernwaffen zu treffen. Die USA hatten ihr Einsatzmonopol für Interkontinentalwaffen verloren und war von nun an im Falle eines Krieges nicht mehr vor sowjetischen Raketenangriffen gefeit. In der Folge stellte sich in diesen Jahren zwischen den zwei Supermächten ein nukleares Patt ein, das als eine strategische Grundkonstante den "Kalten Krieg" prägen sollte.

Zweifel an der Strategie der "Massive Retaliation"

Da die UdSSR das amerikanisches Territorium nun direkt mit ihren ICBMs bedrohte, verschob sich das Kräftegleichgewicht zwangsläufig auch auf dem europäischen Kontinent. Für die europäischen NATO-Partner stellten sich damit neue und heikle Fragen: Wie würden die USA nun im Falle eines sowjetischen Angriffs allein auf Westeuropa reagieren? Würde sie trotz ihrer eigenen Verletzbarkeit automatisch mit einem massiven atomaren Gegenschlag antworten? Wäre Amerika bereit, auch einen rein konventionellen Angriff der Roten Armee in Europa mit Atomwaffen abzuwehren? Solche Fragen zu stellen, hieß Zweifel an der Glaubwürdigkeit der "massiven Vergeltung" anzumelden. Diese Skepsis der Europäer schien nicht gänzlich unbegründet. Immerhin verlangte die NATO-Strategie von den Vereinigten Staaten nicht weniger, als im Ernstfall ihre eigene Existenz für die Sicherheit Europas aufs Spiel zu setzen.

Das "Gleichgewicht des Schreckens"

Die Strategie der "Massive Retaliation" wurde aber auch aus einem anderen Grund zunehmend hinterfragt. Militärs und Politiker auf beiden Seiten des Atlantiks sowie beider Machtblöcke mußten einsehen, daß der nun mögliche nukleare Schlagabtausch zwischen der NATO und dem WP letztlich in der eigenen Vernichtung enden würde. Es bestand aber ein offensichtlicher Widerspruch darin, für einen Krieg zu rüsten, der in concreto undenkbar, weil nicht wirklich zu führen war – jedenfalls nicht ohne den Preis der eigenen Auslöschung. Denn in einem Atomkrieg konnte aufgrund der zu erwartenden Verlusten an Menschenleben und materiellen Verwüstungen höchstens ein Phyrrus-Sieg errungen werden. Schätzungen gingen davon aus, daß ein Atomkrieg hunderten von Millionen Menschen das Leben kosten würde; Verluste in dieser Größenordnung wären selbst dann zu erwarteten gewesen, wenn man allein in Europa und "nur" mit taktische Atomwaffen gekämpft hätte. Der Handlungsspielraum der Regierungen war unter den Bedingungen dieses "Gleichgewichts des Schreckens" so eng geworden, daß im Konfliktfall nur die Wahl zwischen zwei gleichermaßen inakzeptablen Optionen blieb: Selbstvernichtung oder Kapitulation.

Internationale Krisen 1956-1962: Kuba und Ungarn

Die latenten Spannungen innerhalb der Allianz, die sich aus dieser neuartigen strategischen Lage ergaben, wurden zwischen 1956 und 1962 durch eine Reihe von externen Krisen noch weiter verstärkt. Nachdem die "Raketenlücke" geschlossen war, schien die Sowjetunion auf internationalem Terrain wieder aggressiver zu operieren. Im Oktober 1956 schlugen sowjetische Truppen einen Volksaufstand in Ungarn nieder. Am 27. November 1958 forderte Chruschtschow, Berlin innerhalb von sechs Monaten in eine "entmilitarisierte Freie Stadt" zu verwandeln. Sollte dies nicht geschehen, so die Drohung, würde die UdSSR mit der DDR einen Separatfrieden schließen und ihre alliierten Rechte an die DDR übertragen. Die Krise, die sich an das Berlin-Ultimatum anschloß, gipfelte am 13. August 1961 mit dem Beginn des Mauerbaus in Berlin. Der "Kalte Krieg" fand seinen Höhepunkt aber erst mit der Kuba-Krise vom Herbst 1962. Dieser Versuch der Sowjetunion, Nuklearraketen auf Kuba und damit in unmittelbarer Nähe des amerikanischen Festlandes zu stationieren, brachte die zwei Supermächte an den Abgrund eines dritten Weltkriegs. Ein militärischer Schlagabtausch konnte jedoch abgewendet werden. Die USA verhängten eine Seeblockade über Kuba und verhinderte so die dauerhafte Stationierung von sowjetischen Mittelstreckenraketen auf der Karibik-Insel.

Zeitgleich mit dem Volksaufstand in Ungarn entfaltete sich im Herbst 1956 die sog. "Suez-Krise". Sie offenbarte, daß auch zwischen NATO-Partnern ernsthafte Spannungen keineswegs ausgeschlossen waren. Ohne ihre Alliierten zu informieren, intervenierten Frankreich und Großbritannien (zusammen mit Israel) militärisch in Ägypten, nachdem Staatspräsident Gamal Abd el Nasser den Suezkanal verstaatlicht hatte und damit der freie Zugang zu diesem strategisch so bedeutsamen Schiffsweg gefährdet schien. Trotz der gemeinsamen Mitgliedschaft in der NATO unterstützten die Vereinigten Staaten, die über die Militäraktion nicht informiert worden war, die französische und britische Operation nicht. Im Gegenteil, sie übte zusammen mit der UNO so lange Druck auf die ehemaligen Kolonialmächte aus, bis sie ihre Truppen aus der Kanalzone wieder abzogen. Die Auseinandersetzungen innerhalb der NATO zeigten, daß die politischen Beratungsmechanismen zwischen den Mitgliedern dringend verbessert werden mußten. Aufbauen auf den Empfehlungen der "drei Weisen Männer" (die Außenminister Lester Pearson, Halvard Lange und Gaetano Martino) beschloß der Nordatlantikrat 1956 eine Resolution über die friedliche Beilegung von Konflikten zwischen NATO-Staaten und die nichtmilitärische Kooperation innerhalb der NATO.

Zu Beginn der 1960er sah sich die NATO also vor einer doppelten Herausforderung: Zunächst mußte sie eine glaubwürdigere und effektivere Strategie als die der "massiven Vergeltung" entwickeln und damit die Konsequenzen aus den sowjetischen Fortschritten in der Raketentechnologie ziehen; gleichzeitig mußte sie versuchen, zur Entspannung der internationale Lage beizutragen, ohne dabei eigene Positionen aufzugeben und ihre innere Geschlossenheit aufs Spiel zu setzen.

Kennedys "Grand Desgin"

Wie schon zu Beginn der 1950er Jahren nahm die USA auch in den frühen 1960er Jahren wieder eine Führungsrolle bei der strategischen Neuausrichtung der Allianz ein. Die Kennedy-Administration entwickelte für die NATO ein sog. "Grand Design" mit dem sie im wesentlichen zwei Ziele verfolgte. Zum einen sollte die NATO-Strategie gegenüber der Sowjetunion wieder an Glaubwürdigkeit gewinnen. Sie mußte der UdSSR unmißverständlich signalisieren, daß der Westen weiterhin fähig und willens sei, sich gegen einen möglichen Angriff zur Wehr zu setzen. Zum anderen sollte ein modifiziertes strategisches Konzept aber auch den Zusammenhalt innerhalb der Allianz stärken. Die bestehenden Zweifel der Europäer an der Glaubwürdigkeit des Schutzes durch den amerikanischen "Nuklearschirm" mußten ausgeräumt werden, wenn die Allianz auch weiterhin funktionieren sollte; man durfte nicht zulassen, sich europäische und amerikanische Sicherheit auseinander dividieren ließ. Das "Grand Design" bestand aus drei Kernelementen:

  1. der Weiterentwicklung der Strategie der "massive retaliation" zu einer Strategie der "flexible response";
  2. der Vorstellung, daß die NATO aus zwei gleichberechtigten Säulen bestehen sollte, einer europäischen und einer amerikanische (wobei die Betonung auf "gleichberechtigt" lag);
  3. dem Wunsch, sich im Rahmen der NATO neben militärischen und sicherheitspolitischen Themen verstärkt auch politischer und ökonomischer Fragen zu widmen.

Noch während der Amtszeit John F. Kennedys vollzog die USA den Wechsel hin zu einer Strategie der "flexible" response", der sich später erwartungsgemäß auch die NATO anschloß. Der Aufbau einer gleichberechtigten europäischen Säule der NATO gelang dagegen nicht, auch wenn die europäischen Mitgliedsstaaten von den USA ab 1963 stärker in die nuklearen Planungen des Bündnissen eingebunden wurden und es zu einer verstärkte transatlantische Kooperation in nuklearen Fragen kam. Die Suche nach einem Ausgleich zwischen den europäischen Mitgliedstaaten und der USA entwickelte sich vielmehr zu einer Dauerdiskussion, die sich später in den Debatten über ein möglichst faires NATO-internes "burden sharing" respektive "power sharing" niederschlugen. Ebensowenig sollte es gelingen politische und wirtschaftliche Fragen verstärkt ins Zentrum der Aktivitäten der NATO zu stellen. Die NATO blieb eine Sicherheitsinstitution, obwohl der NAV z.B. in Artikel 2 mit eine Klausel über wirtschaftliche Zusammenarbeit durchaus Ansatzpunkte für eine Erweiterung des Aufgabenspektrums geboten hätte.

Die strategische Neuausrichtung von "Massive Retaliation" zu "Flexible Response" in den 1960er Jahren

Der Aufbau von strategischen Nuklearstreitkräften in den USA und der UdSSR hatte dazu geführt, daß man für den Fall eines atomaren Schlagabtausches bald von einer mit Sicherheit eintretenden gegenseitigen Vernichtung ("Mutually Assured Destruction", MAD) ausging. In der "Logik" dieses Systems wurde die Schaffung nuklearer Zweitschlagkapazitäten ("Second Strike Capabilities") und damit nukleare Aufrüstung einerseits sowie der Verzicht auf umfassende Verteidigungssysteme andererseits paradoxerweise als stabilisierend für das internationale System angesehen. Denn angesichts der Gewißheit der eigenen Auslöschung schien im Falle eines Atomkriegs keinerlei Anreiz mehr für einen Erstschlag gegeben. Der US-Verteidigungsminister Robert S. McNamara gelangte daher zu der Auffassung, daß kein atomarer Erstschlag ausgeführt werden durfte ("No First Use") und nukleare Risiken zu minimieren seien. Ein konventionellen Angriff sollte zumindest nicht mehr automatisch nach dem "Stolperdraht"-Konzept mit einem nuklearen Gegenschlag beantwortet werden. Vielmehr zielte die amerikanische Verteidigungspolitik darauf, die "Nuklearschwelle" ("Nuclear Treshold") durch den Ausbau konventioneller Streitkräfte wieder zu erhöhen. Die Verteidigungsplaner wollten so die starre Abschreckungskonzeption der "massiven Vergeltung" durch eine flexiblere Verteidigungsplanung ersetzen. 1962 vollzogen die USA diesen Schritt mit dem Übergang zu einer Strategie der "flexiblen Antwort" ("Flexible Response"). Die Nordatlantischen Allianz übernahm dieses Konzept für sich im Jahre 1967 im NATO-Dokument MC 14/3. Doch was genau bedeutete "Flexible Response"? – Ein tatsächlicher oder angedrohter Angriff sollte von nun an mit einer an die Bedrohung angepaßten Mischung aus konventionelle und nuklearen Potentialen beantwortet werden. Diese neue strategische Grundausrichtung basierte auf der auf der sog. "Triade" von konventionellen, taktisch-nuklearen und strategisch-nuklearen Waffen, die je nach Eskalationsbereitschaft zum Einsatz kommen sollten. Durch diese Flexibilität in der militärischen Planung sollte sich der Gegner nicht auf ein Reaktionsmuster einstellen können uns sich dadurch einen Vorteil verschaffen können. Prinzipiell unterschied man zwischen drei möglichen Reaktionsarten: 1. (konventionelle) Direktverteidigung (Verteidigung auf der selben Eben wie die des Aggressors), 2. Vorbedachte Eskalation (kalkulierter Einsatz von Atomwaffen oder räumliche Ausdehnung des Konflikts) und 3. Reaktion unter Einsatz aller zur Verfügung stehenden Kräfte (einschließlich Nuklearwaffen). Es bliebt in den nachfolgenden Jahren jedoch äußerst umstritten, ob im Ernstfall ein kalkulierter und begrenzter Einsatz insbesondere von taktischen Nuklearwaffen und eine planvolle atomare Eskalation wirklich möglich wäre.

Verstärkte transatlantische Kooperation in nuklearen Fragen in den 1960er Jahren

Die nukleare Aufrüstung in der Sowjetunion machte den europäischen NATO-Staaten bewußt, wie sehr Ihre Sicherheit vom Schutz durch den amerikanischen "Nuklearschirm" abhing. Um größeren Handlungsspielraum zu gewinnen, strebten sie nach eigenständiger Kontrolle über den Einsatz von Atomwaffen. Zu diesem Zweck verfolgten sie zwei unterschiedliche Strategien. Die Mehrheit der europäischen Alliierten wollte an gemeinsamen nuklearen Potentialen der NATO teilhaben, um bei der Entscheidung über den Einsatz dieser Waffen konsultiert werden zu müssen. Frankreich und Großbritannien dagegen bemühten sich, von der NATO unabhängige nationale Atomstreitkräfte aufzubauen. Denn die Verstärkung der bereits vorhandenen konventionellen Streitkräften, wie in der Strategie der "Flexible Response" eigentlich vorgesehen, fand in Wirklichkeit nicht statt. Die "Nuklearschwelle" konnte auf diesem Wege also nicht wesentlich erhöht werden, weshalb Atomwaffen weiterhin eine zentrale Bedeutung bei der Verteidigung Westeuropas zukam. Die mit der Strategie der "Massive Retaliation" verbundenen Probleme und Dilemmata eines Nuklearkriegs blieben daher trotz der Übernahme von des Konzepts der "Flexible Response" im Kern bestehen und boten Anlaß für anhaltende Diskussionen innerhalb des Bündnisses. Im Gegensatz zu den USA sahen einige europäischen Verbündete ohnehin eine prinzipielle Gefahr in der Anhebung der "Nuklearschwelle". Sie könnte, so befürchtete man, vom WP als derart hoch wahrgenommen werden, daß eine effektive Verteidigung unglaubwürdig erscheinen mußte. Anstatt abgeschreckt zu werden, könnte sich die Sowjetunion so zu einem konventionellen Angriff auf Westeuropa vielleicht sogar verleitet sehen.

Dennoch wollten die Vereinigten Staaten europäischen Forderungen nicht nachgeben, die Kontrolle über den Einsatz von Atomwaffen aus der Hand zu geben. Umgekehrt konnten sie sich den Logik, die den Wünschen der Europäer zugrunde lagen, nicht völlig verschließen. Sie mußten gewisse Zugeständnisse machen, wenn sie den Zusammenhalt der NATO nicht gefährden wollten. Die USA entschieden sich daher, in nuklearen Fragen ihre europäischen Partner stärker als bisher zu konsultieren. Am 22. Mai 1963 schlugen sie vor, eine maritime nukleare multilaterale Streitkraft zu schaffen ("Multilateral Force", MLF). Diese Initiative sollte es den europäischen Partner ermöglichen, sich an integrierten nuklearen Streitkräften zu beteiligen. Zwar lehnten Frankreich und Großbritannien diese Pläne als nicht weitgehend genug ab. Allerdings konnte man sich in diesen Jahren zumindest auf einen verstärkten Informationsaustausch über nukleare Fragen innerhalb der Allianz und neue Verfahren in der Verteidigungsplanung einigen. Zu diesem Zweck wurde 1963 ein Verteidigungsplanungsausschuss gegründet. 1966 schufen die NATO-Mitglieder den Nuklearen Planungsausschuß eine nukleare Planungsgruppe (Nuclear Planning Group, NPG) , um die europäischen Mitglieder stärker in die nuklearen Planung der Allianz zu einzubinden.

Abrüstungsbemühungen zu Beginn der 1960er Jahre

Diese Konsolidierung innerhalb der Allianz ging mit Abrüstungsbemühungen einher, um nach der Kuba-Krise wieder zur Beruhigung der internationalen Lage beizutragen. Zwar waren solchen Bemühung zu diesem Zeitpunkt noch enge Grenzen gesetzt. Dennoch konnte man sich auf erste "vertrauensbildende Maßnahmen" verständigen, wie z.B. den Atomwaffenteststoppvertrag zwischen den USA, Großbritannien und der UdSSR vom 5. August 1963 und die Einrichtung einer direkte Fernschreibverbindung (des sog. "heißen Drahtes") zwischen dem Weißen Haus und dem Kreml am 20. Juni 1963. Der Eintritt der USA in den Vietnamkrieg 1962 zeigte jedoch, daß sich die Supermächte weiterhin in einen globalen ideologischen und machtpolitischen Wettstreit befanden oder zumindest wähnten.

Der Rückzug Frankreichs aus den militärischen Gremien der Allianz 1966

Die NATO blieb trotz aller Konsolidierung auch vor internen Krisen im Verlauf der 1960er und frühen 1970er Jahre nicht verschont. Die Vorherrschaft der USA innerhalb der Allianz, die sich in der Abhängigkeit Europas vom schützenden amerikanischen "Nuklearschirm" manifestierte, wurde von einigen Staaten zunehmend mit Mißfallen beobachtet. Besonders der französische Präsident Charles de Gaulle empfand, daß die NATO zu stark von anglo-amerikanischen Interessen beherrscht würde. Doch wie konnte diese Dominanz durchbrochen werden? Ein Vorschlag Frankreichs von 1958 einen gewissen Ausgleich zu schaffen und zur Führung der NATO ein Dreierdirektorium einzurichten (bestehend aus Frankreich, Großbritannien und den USA), stieß auf breite Ablehnung innerhalb des Bündnisses. Daraufhin zog sich Frankreich im Verlauf der folgenden Jahre aus den militärischen Gremien der NATO schrittweise zurück, um sich auf diesem Weg der amerikanischen Vorherrschaft, insbesondere in nuklearen Fragen, zu entziehen. Am 10. März 1966 erklärte die französische Regierung schließlich, sich vollständig aus der militärischen Integration der NATO zu verabschieden; außerdem forderte es seine NATO-Verbündeten ultimativ auf, ihre Einheiten aus Frankreich abzuziehen. Die Allianz stand damit vor einer großen Herausforderung. Sie mußte für ihre auf französischen Boden befindlichen Einrichtungen neue Quartiere zu finden und mitten im "Kalten Krieg" einen "Umzug" bewerkstelligen. Die NATO-Mitgliedsstaaten entschlossen sich daraufhin, die wichtigsten Institutionen der NATO von Frankreich nach Belgien zu verlegen. Bereits am 31. März konnte SHAPE in Casteau (in der Nähe von Mons) seine Arbeit aufnehmen; wenige Monate später, am 16. Oktober 1967, wurde das neue NATO Hauptquartier in Brüssel eröffnet. Der französische Rückzug aus den integrierten Stäben der Allianz bedeutete für die NATO in erster Linie einen gewaltigen logistischen Kraftakt. Zugleich war er jedoch Ausdruck einer gewissen Legitimationskrise der NATO, die sich aus den inneren Spannungen einerseits und der scheinbaren Entspannung der internationalen Lage andererseits ergeben hatte. Umgekehrt kann man die französische Entscheidung aber auch als eine gewisse Entlastung von französischen Einwänden und Bedenken interpretieren. So wird argumentiert, daß die Zustimmung der NATO zur Strategie der "Flexible Response" erst nach dem Austritt Frankreichs aus der militärischen Organisation der NATO möglich geworden war. Dieses strategische Konzept wäre von Frankreich ansonsten wohl als "Kriegsvermeidungsstrategie" verurteilt und abgelehnt worden. In der Retrospektive läßt sich konstatieren: Das Verhalten Frankreich führte am Ende nicht – wie zu befürchten stand – zu einer schleichenden Desintegration der NATO, sondern vielmehr zu einer Vereinfachung, Vereinheitlichung und Konzentration der Strukturen innerhalb des Bündnisses und damit eine Stärkung der NATO als Gesamtorganisation. Neben der Einrichtung der bereits erwähnten NPG wurde z.B. der Verteidigungsplanungsausschuß (Defense Planning Committee, DPC) neu organisiert und dem Vorsitz des NATO-Generalsekretärs unterstellt.

Zwischenfazit 1956-1966

Das Verhältnis zwischen Ost und West

In der Dekade zwischen 1956 und 1966 kam es zu einer weiteren Verfestigung des Gegensatzes zwischen Ost und West. Der Bau der Berliner Mauer zeigte, daß der Status Quo dort, wo sich die Blöcke unmittelbar gegenüberstanden, im wahrsten Sinne des Wortes zementiert wurde. Gleichzeitig lernten die zwei Supermächte in den internationalen Krisen dieser Jahre, die jeweilige Einflußsphäre der gegnerischen Macht zu respektieren. Damit folgten sie der Logik der Pattsituation, die nach den sowjetischen Fortschritten in der Nuklear- und Raketentechnologie war auf strategischer Ebene entstanden war. Keine Seite konnte unter den Bedingungen eines solchen "Gleichgewichts des Schreckens" hoffen, den "kalten Krieg" in absehbarer Zukunft für sich zu entscheiden. Da die entscheidende Auseinandersetzung in die Zukunft vertragt werden mußte, eröffnete dieses – wenn auch sehr prekäre - Gleichgewicht daher paradoxerweise den Weg zu ersten vertrauensbildenden Maßnahmen zwischen Ost und West.

Die Beziehungen innerhalb der Allianz

Die Beziehungen innerhalb der Allianz sind in dieser Phase v.a. von zahlreichen internenn Krisen geprägt – aber auch von deren erfolgreichen Bewältigung. Diese internen Spannungen, die besonders zwischen den USA und ihren westeuropäischen Verbündeten entstanden, hatten im wesentlichen drei Ursachen. Erstens hatte die veränderte strategische Ausgangslage nach dem Schließen der "Raketenlücke" durch die UdSSR besonders in Europa Befürchtungen geweckt, die Sicherheit Nordamerikas könnte von der Sicherheit Europas abgekoppelt werden. Ein weiteres gutes Beispiel dafür, wie eng die Beziehung zwischen den Blöcken weiterhin auch die Beziehungen innerhalb der Allianz prägten. Zweitens löste die Frage nach der Kontrolle über das nukleare Drohpotential, das weiterhin als Lebensversicherung der NATO angesehen wurde, eine fortdauernde Diskussion über dessen Kontrolle sowie allgemein über die Verteilung der Lasten und des politischen Schwergewichts innerhalb des Bündnisses aus. In diesem Punkt trat erneut die asymmetrische Machtverteilung innerhalb des Bündnisses – speziell zwischen den europäischen Mitgliedern und den Vereinigten Staaten – besonders deutlich zutage. Drittens zeigte sich spätestens in der Suezkrise, daß auch unter den Bündnispartnern ernsthafte Konflikte über außenpolitische Fragen nicht ausgeschlossen waren, besonders dann wenn es um Probleme außerhalb des Bündnisgebietes ging bzw. die Frage wie de facto die geographische Reichweite der Allianz definiert werden sollte. Angesichts dieser Auseinandersetzungen verwundert es nicht, wenn über die NATO in den 1960 Jahren Bücher mit dem Titel wie "End of the Alliance"[2] oder "The Decline of NATO"[3] erschienen.

Trotz dieser Krisen und trotz des Ausstiegs eines der Mitglieder aus der militärischen Integration der NATO blieb die Allianz bestehen, ja ging sogar gestärkt aus den internen Auseinandersetzungen während dieser Phase hervor. Dies läßt sich wohl v.a. dadurch erklären, daß die gemeinsame Bedrohung durch den WP als weitaus stärker wahrgenommen wurde, als sämtliche interne Streitigkeiten, die den Bestand des Bündnis ohne einen Druck von außen vielleicht hätte gefährden können.

Die strategische Ausrichtung der NATO

Die Aufrüstung der UdSSR mit Interkontinentalwaffen hatte eine neue strategische Lage geschaffen auf die das Bündnis einer ersten Anpassung seiner nuklearen Strategie reagierte. Das nukleare Patt zwischen den Blöcken bot zwar eine gewisse Sicherheit, die jedoch einen hohen Preis hatte, da sie auf der Möglichkeit der gegenseitigen Auslöschung mit Atomwaffen beruhte. Das Fundament der Status Quo war damit gleichzeitig deren größte Bedrohung. Denn konnte man angesichts der Gefahr der gegenseitigen Vernichtung einen Atomkrieg wirklich führen? Es war eine Sache das Undenkbare zu denken, eine andere das Undenkbare auch zu tun. Um wieder mehr strategischen Spielraum zu gewinnen, ersetzte die NATO daher unter der Führung der USA die Strategie der "Massive Retaliation" mit der Strategie der "Flexible Response".


[2] Ronald Steel, End of the Alliance: America and the Future of Europe, New York, Viking, 1964.
[3] Richard W. Barnet and Marcus Raskin, After Twenty Years: The Decline of NATO and the Search for a New Policy in Euope, New York, Random House, 1965.


Fortsetzung: Geschichte der NATO 1949-1990


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Jahrbuch Internationale Politik: Weltverträgliche Energiesicherheitspolitik
von Josef Braml, Karl Kaiser, Hanns W. Maull, Eberhard Sandschneider, Klaus Werner Schatz (Hrsg.)

Veröffentlicht am 2. Juni 2008

Das neu konzipierte Standardwerk der internationalen Politik bietet eine systematisch-vergleichende Analyse eines aktuellen Themas: Weltverträgliche Energiesicherheitspolitik. Autorinnen und Autoren sind renommierte deutsche Experten sowie maßgebliche Repräsentanten der operativen Politik, des Bundeskanzleramts, des Bundestags und von Bundesministerien. Neben der wechselseitigen Politikberatung leistet das Jahrbuch – in Zusammenarbeit mit den Medien und anderen Multiplikatoren – auch Öffentlichkeitsberatung.

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