Andreas Wendlberger
1. EINFÜHRUNG: "THE PAST AS PROLOGUE"
"... – und denkt, daß gleicher Vorteil das festeste Band ist zwischen Staaten wie von Mensch zu Mensch – ..."
Thukydides, Geschichte des Peloponnesischen Krieges, I, 124
Die Entwicklung der NATO während des "Kalten Krieges" war eine "Erfolgsstory", die in der langen und wechselvollen Geschichte von Allianzen und Bündnissen ihres gleichen sucht – in dieser Einschätzung scheinen sich die Experten einig zu sein, auch wenn sie über einzelne Episoden der Geschichte der NATO und deren künftige Rolle durchaus kontrovers diskutieren. Eine Publikation des amerikanischen Außenministeriums rühmt die NATO im fünfzigsten Jahr ihres Bestehens schlicht als "the most successful alliance of all time" (http://www.state.gov/www/regions/eur/nato/9904_nato_brochure.html). Für William Park ist das Bündnis "the word's longest-lasting alliance since the Athenians organized the League of Delos in 477 BC to repel the Persian invasion" (Park 1986, S. 3). Und auch Henry Kissinger unterstreicht in seiner Geschichte der Diplomatie des 20. Jahrhunderts die einzigartige historische Stellung der NATO; er nennt sie dort "a structure of a scope and duration unique in the history of coalitions" (Kissinger 1995, S. 819).
"Most successful", "longest-lasting", "unique" – im historischen Gesamturteil kommt man der NATO offenbar nur mit Superlativen bei. Allein aufgrund ihrer herausragenden Bedeutung für die Weltpolitik des 20. Jahrhunderts würde es sich daher lohnen, ihre Entstehung und Entwicklung an dieser Stelle ausführlich nachzuzeichnen. Viele Fragen drängen sich auf: Wie kam es überhaupt zur Gründung dieser Allianz? Wie verlief deren Entwicklung im Verlauf des "Kalten Krieges"? Wie konnte sie eine solch große Bedeutung erlangen? Worin bestand ihr "Erfolgsrezept"?
Auf all diese Fragen möchte dieser Beitrag eine Antwort geben. Im Zentrum steht dabei jedoch nicht die möglichst detaillierte Schilderung der Geschichte des Bündnisses quasi um ihrer selbst willen; vielmehr sollen – gemäß dem Programm von "Weltpolitik.net" – grundlegende Entwicklungslinien aufgezeigt werden, die für die NATO bis heute prägend sind und deren Kenntnis daher zum tieferen Verständnis der aktuellen internationalen Politik beitragen. Diesem historischen Ansatz liegt die Annahme zugrunde, das die gegenwärtige Lage und mögliche Zukunft der NATO nur dann angemessen zu beurteilen ist, wenn man sich der Geschichte des Bündnisses vergegenwärtigt. Ihre Kenntnis soll eine von den Wechselfällen der Tagespolitik unabhängige und damit möglichst objektive Perspektive auf diese Sicherheitsinstitution eröffnen.
Nicht trotz, sondern gerade wegen des an der Gegenwart und Zukunft orientierten Erkenntnisinteresses liegt der Schwerpunkt der Darstellung also ganz bewußt auf der Entwicklung der NATO in den ersten 40 Jahren ihres Bestehens, d.h. von ihrer Gründung 1949 bis zum Ende des "Kalten Krieges" 1990/1991.
Aus drei Gründen wurde ihrer Vorgeschichte dabei besondere Beachtung geschenkt: Erstens lernt man über den grundsätzlichen Charakter und Aufbau einer Institution erfahrungsgemäß am meisten, wenn man sich intensiv mit deren Ursprüngen beschäftigt. Zweitens sind trotz der offensichtlichen Unterschiede gewisse Parallelen zwischen der weltpolitischen Lage in den Jahren nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und den Jahren nach dem Ende des "Kalten Krieges" zu beobachten. Damals wie heute steht die NATO vor immensen Herausforderung inmitten einer Welt im Umbruch. Und drittens waren die Ereignisse der Jahre 1945-1949 nicht nur bedeutsam für die Entstehung der westlichen Allianz, sondern weit darüber hinaus für die Entwicklung der gesamten Weltpolitik in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Dieser historische Überblick ist chronologisch aufgebaut und gliedert sich in insgesamt sechs Zeitabschnitte:
Zum besseren Verständnis wird jedes dieser Teilkapitel von einem Zwischenfazit abgerundet, welches die Bedeutung dieser Periode für die Gesamtentwicklung der NATO zusammenfassend zu würdigen sucht. Für den entsprechenden Zeitraum soll auf jeweils drei Themenbereiche eingegangen:
Im Anhang finden sich Hinweise auf weiterführende Literatur sowie auf Dokumente, die als Ausgangspunkt für ein vertieftes Studium der Geschichte dieser Sicherheitsinstitution dienen können.

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