Ulla Jasper
„Über den Frieden wird nachgedacht, seit es Menschen gibt, die miteinander in Streit geraten.“[1]
Obwohl die Ursprünge ideengeschichtlicher Friedensvorstellungen bis in die Antike zurück reichen, wie Koppe in seinem hervorragenden Standardwerk „Der vergessene Frieden“ (Opladen 2001) deutlich macht, kann von einer wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Konzept des Friedens im Sinne einer Friedensforschung erst seit Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts die Rede sein. Die Haager Friedenskonferenzen von 1899 und 1907, auf der eine Reihe von Beschlüssen zur Einhegung des Krieges und zur Errichtung des Internationalen Strafgerichtshofs gefaßt wurden, sowie die Stiftung des Friedensnobelpreises durch Alfred Nobel, der 1905 an Bertha von Suttner für ihr Manifest „Die Waffen nieder!“ verliehen wurde, sind Schlaglichter dieser Entwicklung. Gleichzeitig fallen in diese Zeit die ersten Gründungen von Instituten und Stiftungen der Friedensbewegung, namentlich Carnegie Endowment for International Peace, Hoover Institution on War, Revolution and Peace oder auch das American Friends Service Committee der Quäker. Doch erst die zivilisatorische Katastrophe des 2. Weltkriegs sowie der Eintritt in das Atomzeitalter und der Superpower-Konfrontation gab der Friedenswissenschaft die entscheidenden Anstöße und führte zu einer Etablierung des Fachs auch an den Universitäten. Karl Kaiser schreibt dazu:
„In den fünfziger Jahren setze in wachsendem Maße Kritik an den Ergebnissen der Wissenschaft von den Internationalen Beziehungen ein. Wissenschaftler ... kritisierten in zunehmendem Maße die Grundannahmen, Modelle, Methoden und Ergebnisse dieser Forschungsrichtung, in deren Mittelpunkt das Konzept des Nationalinteresses, das Gleichgewichtsdenken und Wettbewerbsmodelle standen, und zwar mit dem Argument, daß damit kein Ansatz zur Überwindung des Drohsystems der Nachkriegszeit geschaffen würde.“[2]
Damit wurde zu Beginn der 1950er Jahre der Grundstein für die akademische Friedensforschung auch in Deutschland gelegt.
Gegenstand der Friedensforschung ist die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Konzept des Friedens. Während sich dahinter anfänglich (siehe die Arbeiten der Michigan-Gruppe um Kenneth Boulding, unten) vor allem das Problem der Kriegsprävention verbarg, weitete sich der Begriff in den 1970er Jahren dank der einflußreichen Arbeit des Norwegers Johan Galtung aus. Aufschlußreich für die Fortentwicklung des Friedensbegriffs und die Ausweitung der friedenswissenschaftlichen Agenda ist die von Galtung herbeigeführte Unterscheidung zwischen positivem und negativem Frieden, wobei negativer Friede allein die Abwesenheit tatsächlicher Gewalt meint, während positiver Friede auch das Fehlen struktureller oder kultureller Gewalt bedeutet und somit einen Zustand beschreibt, in dem sich Menschen unter gerechten, gleichen Bedingungen entwickeln können. Mit diesem friedenswissenschaftlichen Grundkonzept steht das Fach in einem deutlichen Gegensatz zu den traditionellen Ansätzen der Forschung in den Internationalen Beziehungen. Die Friedens- und noch mehr die Konfliktforschung sind zwar originär interdisziplinäre Forschungsprogramme mit einer umfassenden Forschungsbreite, doch ihr Fokus liegt auf der Frage nach Krieg und Frieden und der Untersuchung und Analyse von Wegen und Prozessen, die auf das Ziel des Friedens ausgerichtet sind. Damit gibt es zwar an vielen Stellen durchaus Überschneidungen mit dem Fach der Internationalen Beziehungen, doch das Zitat Kaisers hebt ebenso deutlich die Unterschiede hervor, die nicht zuletzt in der normativen Ausrichtung der Friedens- und Konfliktforschung begründet sind.
Neuere Analysen über die Verfasstheit des internationalen Staatensystems weisen eindrucksvoll darauf hin, dass die traditionelle, seit dem Westfälischen Frieden (1648) geprägte Annahme von den Staaten als den Hauptakteuren der internationalen Ordnung unzureichend ist. Zwar sind auch heute noch Staaten die wesentlichen Akteure, doch ist die Analyse internationaler Politik mehr und mehr geprägt von nicht-staatlichen Phänomenen, Prozessen und Protagonisten. Die Ereignisse vom 11. September 2001 sind beispielhaft für diese Entwicklung, ebenso aber auch die Vorgänge auf dem Balkan oder gegenwärtig in Sierra Leone. Während die klassische Vorstellung vom Krieg im Aufeinandertreffen zweier staatlicher Armeen zur Durchsetzung konkreter staatlicher, geopolitischer Interessen und Ziele oder Ideologien beruhte und damit in Anlehnung an Clausewitz als eine „Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“ gesehen werden konnte, sehen wir gegenwärtig eine Dynamik, die diesen Annahmen entgegenläuft. Nicht mehr sind es die – deutlich von der Zivilbevölkerung zu unterscheidenden – Armeen zweier Staaten, die sich (idealtypisch) in einem durch das internationale Kriegsvölkerrecht, das Jus in Bellum, eingehegten Konflikt gegenüberstehen. Viel mehr sind es – nicht erst seit 1990, sondern schon seit 1945, wie Holsti, Mary Kaldor, Edward Rice oder die Uppsala-Forschungsgruppe um Gleditsch[3] aufzeigen – Warlords, Terroristen oder Guerillagruppen, die – oftmals auf der Basis ethnischer Identifikation und Exklusion – untereinander oder gegen einen Staat in „Kriege der dritten Art“ (Edward Rice) verstrickt sind, in denen das primäre Ziel nicht die Durchsetzung außenpolitischer Interessen ist, sondern die geprägt sind von einer gewaltsamen innerstaatlichen Auseinandersetzung um Identitäten, Werte und Teilhabe am politischen System. Während man also auf zwischenstaatlicher Ebene von einer langfristigen Tendenz der Verrechtlichung und Einhegung der Konflikte zu sprechen können scheint, hat die Zahl innerstaatlicher Kriege seit 1945 deutlich zugenommen (wobei der Begriff „innerstaatlich“ nicht darüber hinwegtäuschen darf, dass unzählige äußere Einflüsse wie beispielsweise die finanzielle oder personelle Unterstützung einzelner Kriegsparteien aus dem Ausland, existieren). Die Gründe für diese Tendenz sind vielfältig und können hier nur am Rande angesprochen werden. Doch sowohl Holsti als auch Kaldor argumentieren abstrakt, dass ein zentrales Problem nicht nur der Zusammenbruch des staatlichen Gewaltmonopols, sondern insbesondere der staatlichen Legitimität sei. Fehlt also so etwas wie ein „Gesellschaftsvertrag“ oder ein Konsens über grundlegende Normen des Zusammenlebens innerhalb des Staates und fehlen gleichzeitig Institutionen innerhalb des Gemeinwesens, die zu einer Transformation des Konfliktpotentials und einer friedlichen Austragung des Konflikts beitragen können, dann verliert ein Staat seine Legitimität und kann die Wünsche seiner Bürger kaum integrieren. Gewaltsame innerstaatliche Konflikte sind das Resultat.
Diese neuen Entwicklungen, die das internationale politische System seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts prägen, stellen nicht nur die Aussagekraft der traditionellen, staaten-zentrischen Theorien der internationalen Beziehungen (IB) – insbesondere den Realismus – in Frage, sondern haben gleichzeitig das Interesse an der wissenschaftlichen Beschäftigung mit den Ursachen und potentiellen Lösungen von Konflikten verstärkt und in diesem Sinne zu einer Aufwertung des Subjekts Konfliktforschung – auch an Universitäten und Forschungsinstituten, sowie als Konzept in der Außen- und Entwicklungspolitik – geführt.
Schon Ende der 1950er Jahre gründete der Wirtschaftswissenschaftler Kenneth Boulding, einer der Initiatoren der modernen Konfliktforschung, das „Center for Research on Conflict Resolution“ in Michigan. Motiviert wurde er durch das von ihm kritisierte Versagen der bestehenden Theorien der IB, die Entwicklung des Kalten Krieges zu zügeln und einem drohenden 3. Weltkrieg entgegenzuwirken. Zentrales Anliegen der Gruppe um Boulding war es in dieser frühen Phase, die Erforschung von Konflikten zu einem interdisziplinären Anliegen zu machen und durch den Aufbau von umfangreichen Datensammlungen Transparenz und Wissen über die Entstehung und – konsekutiv – die Vermeidung der Eskalation von Konflikten zu schaffen. Doch erst durch das Werk Johan Galtungs seit den 60er Jahren erreichte die Konfliktforschung eine erheblich größere Agenda – zu groß, wie viele Kritiker sagen. Denn Galtung plädiert vehement für eine Ausweitung der Agenda auf Begriffe wie soziale, politische und Geschlechtergerechtigkeit, strukturelle und kulturelle Gewalt, einer Unterscheidung zwischen negativem und positivem Frieden, Akzeptanz und Toleranz gegenüber anderen Kulturen sowie eine nachhaltige, umweltbewusste Lebensweise. Trotz der Differenzen zwischen diesen beiden ursprünglichen Schulen der Konfliktforschung, die in gewisser Weise noch heute existieren, wird jedoch die normative Ausrichtung der Konfliktforschung deutlich. Zentraler Aspekt der modernen Konfliktforschung ist das Bestreben, Konfliktursachen und Lösungsmöglichkeiten auf allen Ebenen des menschlichen Zusammenlebens –interpersonal, intrastaatlich, interstaatlich – wissenschaftlich zu analysieren und gewaltlos zu transformieren. Festzuhalten bleibt, dass das Ziel keineswegs die Abschaffung von Konflikten seien kann, da ein friedlich ausgetragener Konflikt immer auch die Möglichkeit bietet, neue Dynamiken und Veränderungsprozesse in Gang zu setzen und somit als Antrieb des menschlichen Fortschritts fungiert. Die moderne Konfliktforschung verdammt also nicht den Konflikt, sondern propagiert den Aufbau von Kapazitäten und Strukturen, die eine friedliche Konfliktaustragung ermöglichen.[4]
Im folgenden soll die theoretische Herangehensweise der Konfliktforschung in einem kurzen Überblick skizziert werden. Das dargestellte Model basiert zu einem großen Teil auf der Arbeit Edward Azar[5]s, der das Modell der „Protracted Social Conflicts“ (PSC) entwickelt hat und damit verdeutlichen wollte, inwiefern sich diese gegenwärtigen Kriege von den klassischen Konflikten, die Clausewitz beschrieben hat, unterscheiden und wo Konfliktbearbeitung ansetzen muß, um zu einer friedlichen Lösung des Konflikts beizutragen.
Tabelle 1: Konfliktursachen-Modell nach Miall et al[6]
|
Ebene |
Beispiel der Konfliktursache |
|
Global |
Globale Systemveränderungen (bspw. Ende des Kalten Krieges), Globalisierung, Nord-Süd-Gefälle |
|
Regional |
„Spill-Over“-Effekte (Flüchtlinge, Kriegsparteien, Waffen, politische Unterstützung) |
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Staatlich Sozial
Ökonomisch Politisch |
Schwache Gesellschaft: Fehlende gesellschaftl. Homogenität (gemeinsame Werte, Identität etc) Schwache Wirtschaft: Armut, soziale Ungleichheit Schwaches Staatswesen: fehlende Legitimation, schwache Institutionen etc. |
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Konfliktparteien |
Gruppendynamiken, Mobilisierung, Exklusion |
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Eliten/Individuen |
Agitation und Massenmobilisierung durch Eliten und politische Führer |
Dieses Konfliktursachen-Modell macht deutlich, dass jedes Bestreben, einen Konflikt vor einer möglichen gewaltsamen Eskalation einzudämmen, multidimensional strukturiert sein muß (sogenannte „multitrack conflict resolution“). So müssen die globalen und regionalen Faktoren ebenso adressiert werden wie gesellschaftliche und lokale Aspekte. Hinzu kommt, dass je nach Fortschreiten der Konfliktentwicklung und je nach Konfliktstruktur (was steht im Mittelpunkt des Konflikts – Interessen, Perzeptionen, Verhalten?) unterschiedliche Methoden angewandt werden müssen: Frühwarnkapazitäten, Conflict-Mapping, Mediation, Peacekeeping, diplomatische oder militärische Intervention („coercive or non-coercive third party intervention“), Peacebuilding.
Obwohl die Konfliktforschung seit dem Ende des Kalten Krieges zunehmend Beachtung gewonnen hat, wird sie von verschiedenen Seiten kritisiert. Die realistische Schule der IB argumentiert beispielsweise, dass antagonistische Konflikte im internationalen System immanent und nicht verhandelbar seien und dass die Konfliktforschung daher in ihren Vorstellungen „naiv“ sei. Viel mehr argumentieren Realisten, dass Konflikte und Kriege vor allem durch gut organisierte militärische Kapazitäten verhindert werden können. Gleichzeitig sollte aber nicht vergessen werden, dass der Realismus mit seinem staatenzentrischen Ansatz nur bedingt geeignet erscheint, um die Entwicklung des internationalen Systems seit 1990 zu erklären.
Doch auch Marxistisch geprägte Theoretiker der IB kritisieren, dass die Konfliktforschung nicht nur entscheidend westlich geprägt sei, sondern auch dazu beitrage, dass Konflikte eingedämmt werden, ohne dass die fundamentalen Konfliktursachen – wie die Ungerechtigkeit des internationalen Systems – tatsächlich verändert würden. John Paul Lederach[7] hat die Kritik an der kulturellen Einseitigkeit der Konfliktforschung aufgenommen und argumentiert, dass Konfliktbearbeitung nur dann erfolgreich sein kann, wenn sie die kulturellen und traditionell überlieferten Strukturen der jeweiligen Gemeinschaft aufnimmt und integriert. Miall et al weisen jedoch außerdem darauf hin, dass – obwohl die akademische Konfliktforschung stark westlich geprägt ist – die Ursprünge traditioneller Konfliktbearbeitung sehr viel älter sind und in jeder kulturellen Tradition – ob christlich oder nicht – vorhanden seien.
Die Gender-Perspektive kritisiert, dass die Rolle von Frauen in Konfliktsituationen von der Konfliktforschung nur unzureichend beachtet wird. Duffy, Taylor und Miller sowie Berhane-Selassie[8] argumentieren, dass Frauen stärker in die Bearbeitung von Konflikten mit einbezogen werden müssten, nicht nur um ein besseres Verständnis für die Ursachen der Konflikte zu erlangen, sondern auch, um exklusive und nicht-repräsentative Strukturen und Institutionen, die im Verlauf des Konflikts entstanden sind, zu delegitimieren und durch neue, repräsentative zu ersetzen.
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