Home > Sachgebiete > Internationale Sicherheitspolitik > Problembereiche und Lösungsansätze > Abrüstung > Grundlagen > Geschichte der Abrüstung und ...

Geschichte der Abrüstung und Rüstungskontrolle: ein Überblick

Ulla Jasper

Die Anfänge moderner internationaler Abrüstungsbemühungen lassen sich zurückdatieren auf das Ende des 19. Jahrhunderts, also auf die Konferenzen in Den Haag (1899 und 1907), wo Rußland Maßnahmen zur Reduktion der Waffenbestände vorschlug. Diese Vorschläge erwiesen sich jedoch wegen steigender Spannungen zwischen den europäischen Mächten als nicht umsetzbar, so daß die Konferenzen ohne zählbare Ergebnisse im Bereich der Abrüstung zu Ende gingen. Erreicht wurde jedoch durch die Verabschiedung der Haager Konventionen eine Verrechtlichung der Kriegsführung, das sogenannte ius in bello, das insbesondere die Auswirkungen der Kriegsgreuel auf Zivilisten und verletze Soldaten mindern sollte:[1]

The 1907 Hague Conventions "stated that the right of belligerents to adopt means of injuring the enemy is not unlimited, and it prohibited the employment of arms, projectiles or material calculated to cause unnecessary suffering or the destruction of the enemy's property, unless such destruction is 'imperatively demanded' by the necessities of war."[2]

Erste erfolgreichere Ansätze zur Begrenzung militärischer Kapazitäten findet man im dann im Anschluß an den Ersten Weltkrieg. Wiederum kann man allerdings nicht von echten Abrüstungsabkommen sprechen, da sie nicht auf bi- (oder multi-)lateralen Übereinkünften basierten: die Friedensverträge nach dem Ersten Weltkrieg oktroyierten eine Reduzierung der Armeen und Waffenarsenale durch die Alliierten. So schrieb der Versailler Vertrag vor, daß die deutsche Armee auf 100.000 Soldaten begrenzt sei und keine Panzer oder schweren Artilleriegeschütze besitzen dürfe. Der weit verbreitete Einsatz von chemischen Waffen, der im ersten Weltkrieg eine hohe Zahl von Toten gefordert hatte, führte außerdem zu der Erkenntnis, das bisher getroffene Restriktionen dieser Waffengattung wirkungslos geblieben waren. Dies führte 1925 zum Genfer Protokol, daß den Einsatz von chemischen oder bakteriologischen Waffen ausdrücklich ausschloß. Das Ende des Zweiten Weltkrieges konfrontierte die Staatengemeinschaft dann wiederum mit der Aufgabe, Deutschland und dessen Verbündete zu entmilitarisieren und ihre zukünftige Wiederbewaffnung zu beschränken.

Der Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki durch die Amerikaner im August 1945 führte jedoch viel mehr vor Augen, daß die Weiterentwicklung der Technologie und deren Verwendung zu Kriegszwecken die Welt vor bisher ungeahnte Gefahren stellen würde. Diese Einsicht wurde durch den Rüstungswettlauf des Kalten Krieges weiter verstärkt. Eindringlich ist in diesem Zusammenhang das Manifest, das Albert Einstein und Bertrand Russel 1955 geschrieben haben, um auf die verheerenden Gefahren und mögliche apokalyptische Auswirkungen eines nuklearen Krieges hinzuweisen:

"In the tragic situation which confronts humanity, we feel that scientists should assemble in conference to appraise the perils that have arisen as a result of the development of weapons of mass destruction, and to discuss a resolution in the spirit of the appended draft. We are speaking on this occasion, not as members of this or that nation, continent, or creed, but as human beings, members of the species Man, whose continued existence is in doubt. The world is full of conflicts; and, overshadowing all minor conflicts, the titanic struggle between Communism and anti-Communism."[3]

Aus der allgemeinen Erkenntnis über potentiell verheerende Auswirkungen einer militärischen Konfrontation zwischen den beiden Großmächten entwickelten sich seit dem Ende der 50er Jahre erste Gespräche über Möglichkeiten der Abrüstung, zumal die USA seit 1954 das Konzept der massiven Vergeltung verfolgten und die Sowjetunion seit dem Ende der 50er Jahre ebenfalls Atomwaffen besaß. Die folgende Tabelle verdeutlicht, welch apokalyptische Ausmaße das nukleare Wettrüsten zwischen den beiden Großmächten während des Kalten Krieges annahm:

Tabelle 1: Der Rüstungswettlauf: Amerikanische und Sowjetische Atombomben und Atomsprengköpfe 1945-1990[4]

 

1945

1950

1955

1960

1965

1970

1975

1980

1985

1990

USA

2

450

4750

6068

5550

4000

8500

10100

11200

9680

USSR

0

0

20

300

600

1800

2800

6000

9900

10999

Eine weitere Zahl belegt die schiere Zerstörungskraft dieser nuklearen Sprengköpfe. Während die Bombe, die 1945 über Hiroshima abgeworfen wurde eine Sprengkraft von 12500 Tonnen TNT besaß, hatten die Bomben der nächsten Generation, die sogenannten thermonuklearen Bomben, eine Sprengkraft von 10400000 TNT, wovon eine einzige Bombe ausgereicht hätte, um eine Metropole der Größe New Yorks zu zerstören. Die Zahlen lassen erkennen, wieso Abrüstungsverhandlungen zwischen den beiden Großmächten und, bedingt durch die Proliferation der Atomwaffentechnik und anderer Massenvernichtungswaffen auch auf globalem Level, existentiell notwendig wurden.


[1] Eine Übersicht über das sogenannte humanitarian law bietet das Internationale Rote Kreuz unter http://www.icrc.org/eng/ihl
[2] Jozef Goldblat: Arms Control. A guide to negotiations and agreements. Oslo 1994, S. 16 ff
[3] The Russel-Einstein-Manifesto. London 1955. URL: http://www.pugwash.org/about.htm
[4] Quelle: Len Scott: International History 1945-1990. In: John Baylis and Steve Smith (eds.): The Globalization of World Politics. Oxford 1999, S. 82


bookmarken bei...

Mister Wong del.icio.us Facebook Furl YiGG Yahoo MyWeb Diigo Folkd StumbleUpon Google Technorati

Sachgebiete

Lektüre

Jahrbuch Internationale Politik: Weltverträgliche Energiesicherheitspolitik
von Josef Braml, Karl Kaiser, Hanns W. Maull, Eberhard Sandschneider, Klaus Werner Schatz (Hrsg.)

Veröffentlicht am 2. Juni 2008

Das neu konzipierte Standardwerk der internationalen Politik bietet eine systematisch-vergleichende Analyse eines aktuellen Themas: Weltverträgliche Energiesicherheitspolitik. Autorinnen und Autoren sind renommierte deutsche Experten sowie maßgebliche Repräsentanten der operativen Politik, des Bundeskanzleramts, des Bundestags und von Bundesministerien. Neben der wechselseitigen Politikberatung leistet das Jahrbuch – in Zusammenarbeit mit den Medien und anderen Multiplikatoren – auch Öffentlichkeitsberatung.

Weitere Informationen auf der Webseite der DGAP

Home | Newsletter | Suche | Impressum | Datenschutz | DGAP | RSS

Regionen

Service

Locations of visitors to this page

anzeige