Paul Rogers, Simon Whitby, Malcolm Danooy
Auch biologische Waffen, die den Menschen nicht direkt bedrohen, bergen ein vernichtendes Potential. Die Zerstörung der Ernte kann für ein Land verheerende Folgen haben, nicht nur wirtschaftlicher Art, Doch anders als nukleares Material sind pflanzenpathogene Erreger relativ leicht zu beschaffen und einzusetzen.
Der 25. November 1969 war ein denkwürdiges Datum in der Geschichte der Biowaffen-Kontrolle. Damals verkündete US-Präsident Richard Nixon, daß die Großmacht USA unilateral "auf den Einsatz tödlicher biologischer Waffen und Kampfstoffe sowie aller anderen Formen der biologischen Kriegsführung" verzichten würde. Offiziell begründet wurde dies mit der begrenzten militärischen Bedeutung solcher Waffen. Erst 1989 nannte der Harvard-Wissenschaftler Matthew S. Meselson, Molekularbiologe und Experte für biologische Kriegsführung, vor dem US-Senat die wahren Gründe für den damaligen Verzicht"Erstens konnten diese Waffen eine ähnlich hohe Bedrohung wie Kernwaffen darstellen; zweitens waren sie leichter und preiswerter zu entwickeln und herzustellen als Kernwaffen: und ganz entscheidend - das US-Bio-Angriffswaffenprogramm hätte sieh leicht kopieren lassen... Diese nüchterne Analyse führte zu der Erkenntnis, daß unser Bio-Waffen-Programm eine beträchtliche Bedrohung unserer eigenen Sicherheit darstellte".
Die US-Regierung definierte biologische Kriegsführung als ,,die gezielte Zucht oder Herstellung pathogener (krankheitserregender) Bakterien, Pilze. Viren. ... und derer Toxine sowie bestimmter chemischer Wirkstoffe zu dem Zwecke, Krankheit oder Tod herbeizuführen, Doch sind biologische Waffen keine Erfindung der Neuzeit. Ihre Geschichte reicht mindestens bis in die Antike zurück. Römische Soldaten verseuchten mit Tierkadavern die Wasserressourcen des Gegners. Im Mittelalter wurden Pestleichen in die feindlichen Befestigungen katapultiert. Und vor dem amerikanischen Unabhängigkeitskrieg versuchten britische Siedler die indianische Urbevölkerung auszurotten, indem sie mit Pocken verseuchte Decken verteilten.
Nach allgemeiner Vorstellung liegt das grauenvolle Potential von B-Waffen noch immer in der gezielten Infektion ganzer Bevölkerungsteile mit tödlichen Seuchen wie Milzbrand (Anthrax) und Pest. Die Besorgnis wird auch deshalb geschürt, weil bereits einzelne Terroristen versucht haben, sich Ausgangsmaterial zu beschaffen. Aufgrund der Publicity dieser Vorfälle ist sich die breite Öffentlichkeit der Gefährdung durch absichtlich verbreitete Mikroben bewußt, die den Menschen befallen. Kaum beachtet wird dagegen ein weiterer, weniger naheliegender Typ B-Waffen, trotz seines großen zerstörerischen Potentials. Er fällt unter jene "anderen Formen der biologischen Kriegsführung" die Nixon erwähnte und umfaßt Kampfstoffe, die sich nicht gegen Menschen direkt, sondern gegen deren Nutzpflanzen richten.
Daß solche Erntevernichtungsmittel nicht unter ,,ferner liefen‘ rangieren. beschrieb eindrücklich Anfang der sechziger Jahre der Pflanzenpathologe J. E. van der Plank vom Forschungsinstitut für Pflanzenschutz im südafrikanischen Pretoria. Im Zusammenhang mit rapide sich ausbreitenden Pflanzenpathogenen ,,sprechen wir oftmals von einer explosiven Epidemie. In Friedenszeiten mag dies eine treffende Umschreibung sein, im Kriegsfall kann sie jedoch - im militärischen Sinne - zur grausamen Wirklichkeit werden Ein Gegner verfügt über nur wenige Sprengstoffe, die es mit einem Pathogen aufnehmen können, das sich täglich um 40 Prozent vermehrt und dies über mehrere Monate.... Viele Sporenarten verbreiten sich so leicht wie Rauch sie brauchen nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort ausgesetzt zu werden, und die Natur übernimmt den Rest: die Detonation".
Die unilaterale Absichtserklärung der Großmacht USA von 1969 war wegbereitend für das 1972 ins Leben gerufene Biowaffen-Übereinkommen (BWU. englisch: Biological and Toxin Weapons Convention BTWC oder BWC) Die Unterzeichnerstaaten verpflichten sich hierin Entwicklung und Produktion von B-Waffen einzustellen und sämtliche Bestände zu vernichten. Aber obwohl dem Abkommen inzwischen 141 Staaten beigetreten sind, ist in den letzten zehn Jahren die Besorgnis über die Risiken biologischer Kriegsführung beträchtlich gewachsen. Das Schreckgespenst des Terrorismus ist nur einer der Gründe dafür - ein anderer die Enthüllung, daß der Irak vor Ausbruch des Golfkrieges ein aktives biologisches Waffen-Programm unterhalten hat, auch für Mittel zur Erntevernichtung.
Die Arbeit an B-Waffen allgemein begann dort in den siebziger Jahren und erreichte zwischen 1985 und 1991 ihren Höhepunkt Neben den für Menschen gefährlichen Seuchenerregern mit Milzbrandbazillen umfaßte sie bakterielle Toxine wie das Botulin, das Lebensmitvergiftungen verursacht und bestimmte Schimmelpilzgifte, die sogenannten Aflatoxine Die Bemühungen bei Erntevernichtungsmitteln konzentrierten sich hauptsächlich auf Brandpilze der Gattung Tilletia, die bei Weizen zu Steinbrand führen. Steinbrand ist in vielen Teilen der Weit endemisch verbreitet, tritt dort also immer wieder lokal begrenz auf. Der Erreger befällt den Blütenstand der Weizenpflanze; sie bildet dann massenweise schwarze Pilzsporen, die sich mit dem Wind weiterverbreiten. Bei starkem Befall entstehen massive Ernteverluste. Vermutlich wollte der Irak diese Waffen gegen den Iran richten, wo Weizen die wichtigste Getreidesorte darstellt. Nebenbei besitzt Steinbrand einen ungewöhnlichen, militärisch interessanten Nebeneffekt Der Erreger bildet leicht entzündliches Trimethylamin-Gas, das Erntemaschinen die infiziertes Korn einsammeln, explodieren lassen kann.
Die Arbeit an solchen Waffen im Irak zeigt wie ernst diese Form biologischer Kriegsführung zu nehmen ist. Wie Meselson bemerkte. kann selbst ein Land, das technisch nicht in der. Lage ist,Atomwaffen zu produzieren, Kampfstoffe entwickeln, die unter Umständen verheerende Hungersnöte und gewaltige wirtschaftliche Schäden hervorrufen. Derartige B-Waffen lassen sich sogar zu einem gewissen Grade nach Maß schneidern. Von allen bedeutenden Nutzpflanzen existieren nämlich zahlreiche lokale Sorten, die gewöhnlich an das jeweilige Klima und die Bodenverhältnisse angepaßt sind. Dabei unterscheiden sich die Sorten auch in ihrer Anfälligkeit für bestimmte Krankheiten. Die Erreger haben sich ihrerseits in Stämme aufgespalten, die auf bestimmte Sorten spezialisiert sind. Indem ein Aggressor diese Eigenschaften geschickt nutzt. könnte er "intelligente Bomben" entwickeln, die ausschließlich die Hauptnahrungspflanzen des Gegners zerstören.
Spätestens die Spanische Grippewelle von 1918, die rund 20 Millionen Tote forderte, hat gezeigt, welche Bedrohung von Erregern ausgeht, die sich durch die Luft beziehungsweise durch sogenannte Tröpfcheninfektion verbreiten. Ganz ähnlich ist dies mit Pilzsporen: sie werden vom Wind verteilt oder mit dem Regen von Blatt zu Blatt gespült. Viele besonders verhängnisvolle Pflanzenkrankheiten sind gerade durch Schadpilze verursacht.

bookmarken bei...



