Frank Umbach, Regine Dietz
Am 20. März 1995 verloren bei einem terroristischen Anschlag der Aum-Shinrikyo Sekte in Tokio 12 Menschen ihr Leben und über 5500 weitere Personen wurden verletzt, als im U-Bahnsystem der japanischen Hauptstadt ein Sprengsatz gezündet wurde. Das Attentat erregte weltweite Aufmerksamkeit, da die Attentäter sich einer neuen Form des Terrors bedienten: Ursache der Todesfälle war nicht ein konventioneller Sprengstoff, sondern das Nervengas Sarin. Es war der erste terroristische Anschlag einer religiösen Sekte, bei dem auch chemische Waffen zum Einsatz kamen. Zahlreiche Experten im Westen hatten bis zu diesem Zeitpunkt zwar wiederholt über die hypothetische Gefahr eines terroristischen Attentats mittels Massenvernichtungswaffen diskutiert und gewarnt, die Bedrohung wurde aber nie als real wahrgenommen.
Auch die USA hatten durch die Ereignisse in Oklahoma und New York die zerstörerischen Kräfte fanatischer Einzeltäter und Gruppen erfahren müssen. Aber Japan, daß eine der niedrigsten Kriminalitätsraten der Welt hat und nie zuvor Opfer größerer terroristischer Anschläge im eigenen Land war, erlitt einen tiefsitzenden psychologischen Schock. Das Selbstbild der sicheren Nation auf einer Insel vom asiatischen Festland getrennt wurde nchhaltig erschüttert. Auch Japan war somit gezwungen, sich als ein Inselstaat den neuen Sicherheitsherausforderungen zu stellen. Darüber hinaus war der Nervengasangriff jedoch nicht nur für Japan, sondern für die ganze Welt eine "Wasserscheide des Terrorismus".
In der japanischen Bevölkerung verbreitete sich in den ersten Tagen nach dem schrecklichen Giftgasanschlag ein Gefühl weitverbreiteter Unsicherheit, daß auch nach der Festnahme des Hauptverantwortlichen des Anschlages, Shoko Asahara, nicht abebbte. Ökonomische Stagnation, ansteigende sozio-ökonomische Verunsicherung, das Erdbeben von Kobe und zahlreiche politische Skandale ließen die ganze japanische Nation in weitgehender Orientierungslosigkeit zurück und an der Zukunft des Landes zweifeln. Die Folge ist eine im Grunde bis heute anhaltende nicht nur wirtschaftliche, sondern vor allem auch politische Krise Japans.
Für einen Großteil der seitdem aufgedeckten Skandale hinsichtlich der Ermittlung des Anschlages und der jahrelang nicht verfolgten Aktivitäten der religiösen Sekte muß in erheblichem Ausmaß die Unfähigkeit von Politik und Bürokratie in Japan verantwortlich gemacht werden, da sie nicht in der Lage waren, zahlreiche Sicherheitsprobleme zu lösen, bevor sie zu einer derartigen politischen Krise führten. Politische Beobachter und Journalisten identifizieren vor allem die undurchsichtige Verflechtung von Politik, Bürokratie und Wirtschaft als das grundsätzliche Problem, das sich offensichtlich nicht nur in zunehmenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten manifestierte.
Bei all den skandalösen Ereignissen war diese Unfähigkeit, auch konkrete politische Verantwortung zu übernehmen, der eigentliche Skandal für die japanische Öffentlichkeit. Demnach wurde sie niemals darüber aufgeklärt, was die Auslöser waren und wer diese Krise konkret zu verantworten hatte. So konnten weder die politische Administration noch die einflußreiche bürokratische Elite, einen Weg aus der innenpolitischen Krise weisen. Das politische und soziale System Japans bot somit für weite Teile der Gesellschaft keine erfolgversprechenden Strategien, um den neuen politischen, ökonomischen und sicherheitspolitischen Herausforderungen angemessen zu begegnen, wie nicht nur der schreckliche Gasangriff in der Tokioer U-Bahn zeigte.
Nach der Verhaftung Asaharas und einiger seiner wichtigsten Gefolgsleute kursierten zugleich Gerüchte über neue geplante Attentate der Aum-Sekte. Am 19. April 1995 schienen sich diese Gerüchte zu bestätigen als in der U-Bahn Tokios sowie zwei Tage später in einem Einkaufszentrum in der Nähe des Bahnhofs JR Yokohama mehr als 500 Personen durch mysteriöse Gase erkrankten. Obwohl niemand ernsthafte Verletzungen erlitt, wie nach dem Sarinattentat, stieg die Nervösität in der japanischen Bevölkerung stark an. Dabei zeigte sich die Polizei erneut unfähig, festzustellen, ob Anhänger der Aum-Sekte oder Trittbrettfahrer die Attentäter waren. Am 23. April 1995 wurde dann sogar der "Wissenschafts- und Technologieminister" der Aum-Sekte, Hido Maurai, vor den Augen der Polizei am Eingang des Hauptquartiers der Sekte von einem ihrer Anhänger ermordet. Am 5. Mai 1995, mitten in den Ferien der Golden Week, sollte ein weiteres Gasattentat unschuldige Menschen töten. Doch die giftigen Chemikalien konnten dieses Mal rechtzeitig entdeckt werden, so daß der Tod von schätzungsweise 10 000 -20 000 Menschen verhindert wurde. Schließlich verlor am 16. Mai 1995, dem Tag der Verhaftung Asaharas, der Sekretär des Gouveneur der Metroplitan Tokio durch die Explosion einer Briefbombe zwei Finger seiner linken Hand. Vor diesem Hintergrund unterstrich die an seine Helfer von Premierminister Tommiichi Murayama gerichtete Frage: "What´s going on?" das weitverbreitete Gefühl der Hilflosigkeit und Unsicherheit in der japanischen Regierung und Bevölkerung.
Gewöhnlich sind Terroristen politisch motiviert und werden oft von sogenannten "Schurkenstaaten" finanziert. Demnach liegen ihren Aktionen politische Forderungen und Zielsetzungen zugrunde. Der Aum-Terrorismus hingegen schien keiner bestimmten Rationalität zu folgen, da die Attentate waren mit keiner konkreten politischen Forderung verbunden wurden. Insofern sah sich Japan nicht nur mit einem bis dahin unbekannten Form des Terrorismus konfrontiert, sondern mit einer neuen, religiös motivierten Form, die verheerende Auswirkungen hatte. Asahara und seine Anhänger sahen sich selbst umgeben von Ungläubigen, die für sie schlichtweg Feinde waren. Die Aktionen sollten keine politische Veränderung in einem konkreten politischen Konflikt bewirken, sondern Ziel war die prinzipielle Vernichtung der bestehenden japanischen Gesellschaftsstruktur. So war jedes rationale Verhalten oder Gespräch zwischen den Attentätern und dem angegriffenen Staat von Anfang an begrenzt, und damit war auch die Möglichkeit begrenzt, künftige Anschläge zu verhindern.
In den zwei Monaten nach dem Attentat gelang es der Polizei, den Gründer und Führer der Aum-Sekte, Shoko Asahara (40 Jahre alt), und 400 seiner Gefolgsleute zu verhaften. In den darauffolgenden sechs Monaten führte die Polizei weitere 500 Razzien an über 300 verschiedenen Orten durch und konfiszierte über 66 000 Beweisstücke. Wie Polizei und Staatsanwaltschaft schließlich herausfanden, gehörten seit Jahren Morde und Entführungen zu den bevorzugten Mitteln, um Feinde oder Aussteiger zum Schweigen zu bringen. Folglich war die Sekte schon in zahlreiche andere Verbrechen verwickelt gewesen, die fast alle erst nach dem Attentat im März 1995 aufgeklärt werden konnten. Dies waren u.a.:
Auf sogenannten "Todeslisten" der Sekte waren nicht nur die Namen bekannter japanischer Politiker, sondern auch die des US-Präsident Bill Clinton zu finden. Der Chefarzt der Sekte, Ikuo Hayashi, gab zu, daß die Sekte ursprünglich auch plante, Sarin-Pakete an ungenannte Orte in die USA zu senden. Bei den Vorbereitungen der Anschläge mißbrauchte Asahara seine Anhänger als lebende Versuchsobjekte, um Bakterien und andere Keime auf ihre "Waffentauglichkeit" zu testen. Insgesamt starben im Laufe von sechs Jahren 33 Sektenmitglieder bei Hinrichtungen innerhalb der Sekteneinrichtungen, 21 andere wurden als vermißt gemeldet.
Auffallend war des weiteren, daß es der Sekte im Lauf der Jahre gelungen war, sich in verschiedene wichtige Bereiche der japanischen Regierung und Industrie einzuschleußen, einschließlich in Strafverfolgungsbehörden, dem Militär und der Rüstungsindustrie. Darüber hinaus war die Sekte im Besitz konventioneller Rüstungsgüter und bemühte sich um unkonventionelle Waffen und Technologien aus den USA sowie der früheren Sowjetunion. Ausdrücklich sollte nicht nur Japan das Ziel der Angriffe der Aum-Sekte sein, sondern auch die amerikanische Regierung. Bis zum 20. März 1995 waren aber weder der japanischen noch der amerikanischen Staatsanwaltschaft und den Geheimdiensten auf beiden Seiten die Pläne, Ziele und technologischen Fähigkeiten der Aum-Sekte bekannt.
Asahara und seine wichtigsten Helfer wurden schließlich vor Gericht gestellt und wegen Mordes und Verletzung der japanischen Waffen- und Drogengesetze angeklagt. Die Anklage Asaharas schloß auch den nachweisbaren Mord an 26 Menschen mit ein.
In diesem Zusammenhang sind zwei Aspekte von herausragender Bedeutung: 1. die Programme und technologischen Fähigkeiten der Sekte zur Herstellung von Massenvernichtungswaffen und 2. ihre russischen Verbindungen sowieihre Auswirkungen.
Aum Shinrikyo war eine von 230.000 religiösen Gruppierungen Japans. 184.000 sind unter dem Religious Corporation Law registriert, daß aber keine wirkliche Kontrolle über die verschiedenen Aktivitäten der einzelnen religiösen Sekten ausübt. Die meisten Japaner gehören mehr als nur einer Religion an.
Durch ihre weltweiten Aktivitäten verfügte die Aum-Sekte über bemerkenswerte Finanzmittel. Unter der Führung Asaharas veranstaltete die Sekte Trainingsprogramme und Rituale, die zwischen 10.000 und einer Millionen Yen kosteten. 1995 hatte die Sekte über 10.000 Mitglieder in Japan, in Rußland sogar über 30 000. Weltweit soll die Sekte zwischen 40.000 und 60.000 Anhänger haben. Das Vermögen belief sich insgesamt auf etwa 1 Milliarde US-Dollar.
"Aum" ist ein Acronym für Sanskrit, was soviel wie "Essenz des Universums" bedeutet, während "Shinrikyo" für "Lehre der höchsten Wahrheit" steht. Die Sekte wurde 1984 von ihrem Führer Shoko Asahara gegründet. Noch im selben Jahr verlieh die Tokyo Metropolitan ihr den Status einer religiösen Vereinigung, womit zahlreiche Privilegien verbunden sind, inklusive zahlreiche Steuervergünstigungen. Vor dem Hintergrund der Geschehnisse ist dies bis heute nur schwer verständlich. Beobachter berichteten jedoch von massiver Beeinflussung einzelner Politiker, um Druck auf die Tokyo Metropolitan auszuüben. Für Aum war es auf jeden Fall der entscheidende Punkt ihrer Ausweitung.
Durch die Teilnahme an den Parlamentswahlen im Februar 1990 hatte Asahara versucht, seinen politischen Einfluß und seine Macht auszuweiten. Allerdings war keiner der 24 aufgestellten Kandidaten der Sekte erfolgreich, der Führer selbst erlitt eine vernichtende Niederlage. In gewisser Hinsicht ist insofern verständlich, daß solch eine Niederlage Asaharas Antipathie gegen die japanische Gesellschaft und den Staat stärken mußte. In der Tat wurde die Aum-Sekte fortan immer aggressiver und gefährlicher: schließlich ein Bürgerkrieg sollte die Zerstörung des japanischen Systems bewirken, um die Errichtung des Aum-Staates zu ermöglichen. Demnach predigte Asahara das Ende der Welt, eine Art Armageddon und kündigte den dritten Weltkrieg an, bei dem allein die eigenen Anhänger überleben würden. Aus seiner Sicht plante eine amerikanische Allianz einen nuklearen Angriff auf Japan, bei dem nur ein Zehntel der japanischen Bevölkerung überleben würde. Asaharas Ideologie war somit auch gefüllt mit virulenter anti-amerikanischer Rhetorik und fiel ebenso durch seine anti-semitische Propaganda auf.
Zur selben Zeit bemühte sich die Sekte um Waffen und Technologien zu deren Produktion. Im Oktober 1989 klagte eine Gruppe von Eltern der Aum-Anhänger über den Verlust ihrer Kinder. Der Anwalt der Eltern, Tsutsumi Sakamoto, und dessen Familie verschwanden kurze Zeit später auf mysteriöse Art. Zum ersten Mal rückte die Sekte ins Rampenlicht der Medien, ohne daß dies jedoch irgendwelche Folgen für das Agieren der Sekte hatte.

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