Frank Umbach, Regine Dietz
Gemäß ihren Zielen trug die Organisationsstruktur der Aum-Sekte einen konkreten Staatscharakter. Durch 18 "Ministerien", die weitgehend ähnliche Funktionen wie ihre Gegenstücke in der japanischen Regierung hatten, regierten Asahara und sein "Ministaat" ihre Anhänger. Dieses System verlieh dem Sektenchef eine enorme Machtposition. Eine Schlüsselposition besaß das "Wissenschafts- und Technologieministerium", mit seinen über 300 Mitglieder, von denen 30 Wissenschaftler waren. Das Ministerium war verantwortlich für wissenschaftliche Experimente und entscheidend an der Produktion des tödlichen Nervengases Sarin beteiligt. Eine andere wichtige Unterabteilung der Sektenorganisation war das "Konstruktionsministerium", das die Hauptrolle bei der Beschaffung von Waffen und militärischem Gerät spielte.
Die meisten Anhänger lebten vor Eintritt in die Sekte ein durchschnittliches und konventionelles Leben. Viele waren desillusioniert durch das psychologisch-ideologische Vakuum der Nachkriegszeit, welches allein vom ökonomischen Wachstum bestimmt war, nicht aber von neuen Inhalten, die dieses ideologischen Vakuum zu füllen vermochten. Zu den Anhängern gehörten junge Erwachsene, Intellektuelle, Anwälte, Wissenschaftler sowie Ingenieure, die teilweise von den besten Universitäten Japans kamen. Einige hatten sich in ihrem Studium u.a. in Weltraumphysik und Luftfahrttechnologie spezialisiert und waren ehemalige Mitglieder der Raumfahrt- und Verteidigungsbehörde. Trotz ihres Intellekts folgten sie jedoch blind den Vorgaben der Sekte. Aber die Sekte bediente sich auch entsprechender Zwangsmittel, um die Anhänger vollends auf ihre Inhalte abzurichten. Gehirnwäsche durch den Einsatz chemischer Drogen war keine Seltenheit. Letztendlich war diese Form der Gedankenkontrolle das effektivste und sicherste Mittel, um die Ziele und Absichten der Sekte zu verwirklichen.
Die japanischen Ermittler fanden heraus, daß nicht nur Sarin, sondern auch Tabun, Soman und VX in den Labors von Aum produziert wurden. Weiterhin wurden intensive Forschungen und Entwicklungsprogramme für die Produktion von biologischen Waffen betrieben, in denen die Verwendung von Mitteln wie Botulism und Anthrax getestet wurden. Dabei sollen sie bereits den Einsatz dieser Waffen getestet haben. Die Sekte produzierte solche Chemikalien und biologischen Waffen in einem derartigen Umfang, der bisher bei nicht-staatlichen Terrorgruppen nicht vermutet wurde. Aum gelang es z.B., hochentwickelte Forschungs- und Produktionseinrichtungen aufzubauen, ohne die Aufmerksamkeit der japanischen oder anderer Regierungen und Geheimdienste auf sich zu ziehen. Die Planungen sahen sogar vor, 70 Tonnen Sarin innerhalb von 40 Tagen zu produzieren. Ein russischer Mi-17 Helikopter wurde für 78 Millionen Yen in Russland wurde und heimlich nach Japan geschmuggelt, ohne daß die japanischen Behörden davon Kenntnis bekamen. Dazu sollten russische Panzer, wie der Kampfpanzer T-72, in der Preisordnung von 200 000 bis zu einer Millionen US-$ angeschafft werden. Untersuchungsberichte der Aum-Sekte beinhalteten konkrete Vorschläge für mögliche Geheimlieferungen. Mit Erlaubnis von hochrangigen russischen Militäroffizieren wurden ebenfalls militärische Trainingslager in russischen Militäreinrichtungen organisiert, die nach russischen Quellen auch eine Ausbildung von Mitgliedern der Aum-Sekte durch die Spetzsnaz-Eliteeinheit vorsahen. Außerdem wurde Lehrmaterial des KGB zur Schulung der Sektenanhänger beschafft. Vor diesem Hintergrund war sogar geplant, Sarin per Helikopter über Tokio zu versprühen. Darüber hinaus wurde ein spezielles Fahrzeug konstruiert, um Sarin in Matsumoto zu versprühen.
Die meisten Informationen über die Herstellung chemischer Substanzen erhielt die Aum-Sekte dabei über kurze Recherchen im Internet. Wie amerikanische Experten nach dem Sarin-Attentat herausfanden, bot das Internet zahlreiche Möglichkeiten, derart hochsensible Informationen direkt zu erhalten. Tatsächlich war für Aum die USA die Hauptbezugsquelle nicht nur für Programme zur Entwicklung von Massenvernichtungswaffen, sondern auch für sein gewaltiges Geschäftsimperium. Damit sollte der ursprünglich geplante große Angriff auf das japanische Parlamentsgebäude finanziert werden.
Das amerikanische FBI fand später unter anderem heraus:
Offensichtlich versuchte die Sekte an wissenschaftliche Daten und hochentwickelte Forschungstechnologie zu gelangen, die in einigen der modernsten biologischen Labors der Welt verwendet werden. Japanische Untersuchungen ergaben außerdem, daß die computergesteuerte Chemiefabrik der Aum-Sekte modernsten internationalen Standards entsprach.
Äußerst beänstigend war zudem, daß die Sekte offensichtlich beabsichtigte, ein australisches Territorium mit Uranvorkommen zu erwerben. Die Sekte war außerdem bereits im Besitz einer 500 000 Morgen großen Schaffarm. Dort wurden zahlreiche Experimente durchgeführt, bei denen auch chemische Waffen wie Sarin an Schafen getestet wurden. Offensichtlich war auch der Bau einer Mine in der konkreten Planung, um Uran für die Herstellung von Nuklearwaffen zu fördern.

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