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Fortsetzung: Das Phänomen Terrorismus

Daniel Maier, Frank Umbach, Andreas Wendlberger

III. Entwicklungslinien des modernen Terrorismus

Die Anschläge von New York und Washington vom 11. September 2001 werden tiefgreifende Folgen nach sich ziehen, die sich langfristig auf Sicherheitskonzepte und die Sicherheitspolitik insbesondere die der westlichen Staaten auswirken werden. Bevor es jedoch zu konzertierten Aktionen gegen den "internationalen Terrorismus" kommt, erscheint es wichtig, die Qualität des modernen Terrorismus zu erkennen und die Rationalität seiner Akteure zu "verstehen". Denn erst das Verständnis führt zu einem reflektierten Handeln und eröffnet in der Darlegung von Aktions-Reaktionsschemata die tiefere Natur des Terrorismus und vor allem sein psychologisches Moment. Die Anschläge der letzten Jahre (Tokyo, Oklahoma, Paris, New York) erschüttern in Art und Weise ihrer Durchführung, erscheinen irrational, lassen "unschuldige" Opfer zurück und erzeugen ein Gefühl der Unsicherheit und völligen Hilflosigkeit in der Bevölkerung. Auch wenn sich Ziele, Motive und Ausrichtung der Organisationen diversifiziert haben, unterscheiden sie sich kaum in ihrer Absicht, globale Wirkung durch terroristische Akte zu erzielen.

1. Triebkräfte und Wurzeln des modernen Terrorismus

Die Wurzeln des modernen Terrorismus, seine Genese und Erscheinung als Phänomen des ausgehenden 20. Jahrhunderts sind eng mit der unmittelbaren Nachkriegszeit, den Strukturen des Kalten Krieges, der Dekolonialisierung und der Entwicklung moderner Massenmedien verbunden. Es ist hierin besonders das Aufkommen der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) in den 70er Jahren zu nennen, die als erste moderne terroristische Organisation eine Vorbildfunktion bezüglich Strategie und Mittel auf andere Organisationen ausübt.

Verschiedene Faktoren haben die Qualität terroristischer Vereinigungen und ihrer Aktionen in den letzten Jahrzehnten verändert. Im Zusammenspiel von terroristischem Akt und einer wachsenden Zahl von Adressaten durch die Verbreitung von Massenmedien (v.a. Fernsehen) ist eine Internationalisierung des Terrorismus festzustellen. Die Herausbildung neuer Ideologien und Sinn stiftender Vereinigungen, die, wie es scheint, ein Vakuum füllen, dass das Ende der Bipolarität generierte, wird durch ein Gefühl der Ohnmacht gegenüber den diffusen Folgen einer nicht steuerbaren Globalisierung oftmals intensiviert. Durch den Ausbau bürokratischer Systeme ist zudem eine Verschiebung vom einstmals anti-monarchischen Motiv des terroristischen Aktes hin zum anti-systemischen Charakter vieler Anschläge zu beobachten.

2. Internationalisierung des Terrorismus

Die Entführung einer Maschine der staatlichen israelischen Fluggesellschaft El-Al 1968 durch Angehörige der "Volksfront für die Befreiung Palästinas" und die beabsichtigte Freipressung von Inhaftierten zählt zu den Anfängen des modernen Terrorismus. Seine Qualitäten, wie nur wenige Jahre später der Überfall auf das Olympische Dorf 1972 in München zeigen sollte, liegen in der Symbolträchtigkeit der Aktion, der Benutzung von Zivilisten zur Erreichung der eigenen Ziele sowie in der Herstellung von Bildern (images), die sich einer Weltöffentlichkeit nachhaltig einprägen sollen. Keine Organisation zuvor hat es wie die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) in den folgenden Jahren verstanden, Öffentlichkeit herzustellen und, mittels terroristischer Aktionen, ihr Anliegen vorzutragen. Die PLO wurde durch ihren "Erfolg" zum Vorbild für viele andere Bewegungen. Bruce Hoffman folgert daraus, "was all die Freiheitsbewegungen verband, war ein brennendes Gefühl der Ungerechtigkeit und der Entrechtung sowie die Überzeugung, dass sie schließlich durch internationalen Terrorismus weltweite Aufmerksamkeit für sich und ihre Anliegen erringen konnten." (Hoffman: 96)

Das "Internationale" am modernen Terrorismus ist wie im Falle der PLO in den 70er Jahren jedoch nicht nur aus ihrem globalen Bekanntheitsgrad abzuleiten, sondern auch durch die internationale Zusammenarbeit von separatistischen Gruppen. Bis Anfang der 80er Jahre sollen mindestens 40 verschiedene terroristische Gruppen (aus Asien, Afrika, Nordamerika, Europa, Naher Osten) von der PLO in ihren Lagern in Jordanien, dem Libanon und dem Jemen ausgebildet worden sein.

Prägnante Merkmale des modernen Terrorismus, der in antikolonialen Kampagnen gründet, sind neben der Ausrichtung auf ein internationales Publikum, die Erhöhung der Publizitätschancen, die Fähigkeit der Akteure, Sympathie und Unterstützung außerhalb der engen Grenzen ihrer jeweiligen "Kriegsschauplätze" zu gewinnen und Gesinnungsgenossen zu mobilisieren. In der Fähigkeit der Umformung von bislang lokalen Konflikten in internationale Angelegenheiten ist die Grundlage für die Transformation des Terrorismus in den späten 60er Jahren von einem, in erster Linie örtlichen Phänomen, in ein "Sicherheitsproblem von weltweiter Dimension" (Hoffman: 83) zu sehen.

Bin Laden und seine Anhänger gehen jedoch noch weiter, indem sie einen "heiligen Krieg" postulieren, der nicht so sehr auf eine politische Wirkung bei konkreten politischen Konflikten zielt, sondern auf die prinzipielle Vernichtung der "Ungläubigen" und derer Religionen und Gesellschaftssysteme. Ein politischer Dialog und Diskussion mit derartigen fundamentalistischen Gruppierungen erscheint unmöglich und wird von diesen Gruppen auch nicht gesucht (Unterschied zu PLO).

3. Massenmedien

Der Erfolg aus Sicht der Akteure bedingt sich nur zu einem Teil aus den ihnen zur Verfügung stehenden finanziellen Mitteln. Viel entscheidender ist zunächst der Glaube an die eigene Sache, wodurch Legitimation abgeleitet wird. Sind diese grundlegenden Voraussetzungen gegeben, sind Akteure bereit, ihr eigenes Leben für die Sache zu opfern. Ein weitaus wichtigeres Element des Erfolgs wurde seit den 70er Jahren die Erlangung von Publizität. "Terrorismus als Theater" (Jenkins) oder als Form der Kommunikation zielt auf die Aufmerksamkeit der elektronischen Medien und der internationalen Presse. In ihrer Breitenwirkung entfalten terroristische Akte neue Beziehungen zwischen Akteuren und Adressaten. Opfer, die in der Logik der Terroristen niemals "unschuldig" sein können, werden so zum Medium der Kommunikation, die sich zum einen der emotionalen Betroffenheit und der Kraft der Bilder bedient. Anschläge auf öffentliche Plätze, Untergrundbahnen, Fußballstadien oder jüngst das World Trade Center in New York schaffen ein Angstgefühl, welches durch die Symbolträchtigkeit des Ortes intensiviert werden kann. Massenmedien und Terrorismus knüpfen an diesen Polen ihre Verknüpfung. Um Nachrichten aufrecht zu erhalten, garantiert vor allem die Symbolträchtigkeit sowie die emotionale Ebene (Opfer, Freunde, Verwandte) Nachhaltigkeit in der Berichterstattung. Nach dem Akt sind es die persönlichen Leiden der Opfer, die den Medien weitere Themen liefern, wodurch sich wiederum die psychologische Wirkung eines Anschlags im Bewußtsein verfestigt. Das Verhältnis zwischen Publizität und Terror ist tatsächlich paradox und kompliziert. Verstärken Anschläge durch ihre Schaffung von Öffentlichkeit die Moral der Gruppe oder erzeugen sogar Sympathie, hilft jedoch genau diese (entsetzte) Öffentlichkeit, gewaltige Ressourcen zu mobilisieren, um den Tätern auf die Spur zu kommen. Die für terroristische Vereinigungen benötigte Geheimhaltung ist damit nicht mehr länger garantiert.

Der Erfolg zeigt sich auch im längeren Verlauf des Schaffens von terroristischen Vereinigungen. Auch hier zeigt das Beispiel der PLO, wie es eine Vereinigung geschafft hat, sich von einem "kriminellen" Image zu lösen und heute selbst Vertretungen in vielen Ländern zu haben. Der mediale Druck durch Öffentlichkeit auf Regierungen hat diese dazu veranlasst, sich Angelegenheiten zuzuwenden, die ohne die Gewalttätigkeit der Terroristen ignoriert worden wären.

4. Akteure

Terroristische Vereinigungen werden in ihren Zielen und Motiven verschiedenen Strömungen zugeordnet und klassifiziert, wobei es immer wieder zu Verschiebungen gekommen ist. Diese Verschiebungen gilt es zu kontextualisieren und zahlenmäßig (sofern bekannt) zu erfassen. Dieses Verfahren beweist letztlich, dass nur bekannte, also de facto agierende Gruppierungen festgehalten werden können. Nach der Chronologie des internationalen Terrorismus von RAND/ St. Andrews (Hoffman:96) wuchs die Zahl der Organisationen, die sich am "internationalen" Terrorismus beteiligten, von 11 im Jahre 1968 auf 55 im Jahre 1978. Waren es zunächst in der Mehrzahl radikale marxistisch-leninistische oder linksextreme Gruppierungen, so zeigt sich, dass bereits zehn Jahre später die Hälfte dieser Vereinigungen zu den ethno-nationalistischen/ separatistischen zu zählen ist. Mit dem Ende der Bipolarität und dem Zusammenbruch der Sowjetunion scheinen auch ideologische Vereinigungen abgenommen zu haben. Vielmehr haben sich während des letzten Jahrzehnts ethnisch-nationalistische Strömungen verstärkt, die ihren Auftrieb an Schauplätzen finden, deren Brisanz durch den Kalten Krieg überdeckt wurde.

Die lange gemeinsame Geschichte von Terrorismus und Religion, die während des letzten Jahrhunderts tendenziell durch den ethno-nationalistischen/ separatistischen und ideologisch motivierten Terrorismus abgelöst wurde, erfährt in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts eine Renaissance. Zunächst kam es nach der Revolution im Iran (1979) zur Bildung von modernen religiösen terroristischen Gruppen. Heute läßt sich beobachten, dass die Weiterverbreitung dieser Strömung zu Beginn der 90er Jahre alle wichtigen Weltreligionen, Sekten und Kulte umfasst. Im Jahre 1995 wurde nahezu die Hälfte der identifizierten Organisationen als religiös klassifiziert.

Trends

Was sind die Trends der letzten Jahre und welche Formen wird Terrorismus im 21. Jahrhundert annehmen ?

Eine gänzlich neue Erscheinung ist die des "single-issue"- Terrorismus, der Durchführung einzelner, aber in ihrer Wirkung massiver Anschläge auf Regierungsstrukturen oder auf Organisationen, die staatliche Aufgaben wahrnehmen. Dies gilt zum Beispiel auch für nicht-staatliche Organisationen sowie Unternehmungen. Eine Abnahme des so genannten Staatsterrorismus und seine Verlagerung auf kleinere Einheiten und Netzwerke macht die Identifizierung der Akteure jedoch immer schwieriger. Diese transnationale Netzwerkbildung wird durch moderne Kommunikationsmedien stark vereinfacht. In diesem Zusammenhang beschreiben Begriffe wie e-Crime und e-Terror die neue Dimension des modernen Terrorismus. Durch gezielte Attacken auf strategisch wichtige Netzwerke und Betriebssysteme könnten beispielsweise Teile der Infrastruktur eines Landes lahm gelegt werden. Weitere Gefahr sehen Experten in der Verbreitung von Massenvernichtungswaffen, sowie in der Anwendung von biologischen und chemischen Präparaten, die neben dem klassischen Sprengstoffattentat zum Einsatz kommen können. Selbstmordanschläge erlangen in dieser Form ebenfalls eine neue Qualität.

Wie die verheerenden Anschläge der letzten Jahre gezeigt haben, ist es vermehrt das Ziel von Terroristen, möglichst viele Menschen zu töten, ohne diese Taten mit tatsächlichen (politischen) Forderungen zu verbinden. Ebenso werden Motive immer schwieriger zu erkennen. "Purer Haß" gilt schließlich als letztmögliches Motiv für immer weniger nachvollziehbare Handlungen.

Die folgenden Seiten soll dem Interessierten einen Überblick geben zu Regierungsdokumenten, Konventionen und ausgewählten Organisationen, deren Aufbau und Ziele vielleicht nicht immer und vor allem ihrem Selbstverständnis nach bekannt sind. Diese Auflistung erhebt keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit und versucht durch Darstellung konträrer Standpunkte dem Leser die Rationalität verschiedener Akteure näher zu bringen.

Literatur zum Thema weltweiter Terrorismus:


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Lektüre

Jahrbuch Internationale Politik: Weltverträgliche Energiesicherheitspolitik
von Josef Braml, Karl Kaiser, Hanns W. Maull, Eberhard Sandschneider, Klaus Werner Schatz (Hrsg.)

Veröffentlicht am 2. Juni 2008

Das neu konzipierte Standardwerk der internationalen Politik bietet eine systematisch-vergleichende Analyse eines aktuellen Themas: Weltverträgliche Energiesicherheitspolitik. Autorinnen und Autoren sind renommierte deutsche Experten sowie maßgebliche Repräsentanten der operativen Politik, des Bundeskanzleramts, des Bundestags und von Bundesministerien. Neben der wechselseitigen Politikberatung leistet das Jahrbuch – in Zusammenarbeit mit den Medien und anderen Multiplikatoren – auch Öffentlichkeitsberatung.

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