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Terrorismus und Massenvernichtungswaffen

Ulla Jasper

„The attacks that changed the world“? 

Einleitung

Der 11. September 2001 hat viele Beobachter und Kommentatoren zu der Einschätzung veranlasst, dass sich die (politische) Welt vom einen auf den anderen Augenblick fundamental verändert hätte und sich Amerika und mit ihr die gesamte zivilisierte Welt plötzlich einer nie da gewesenen, unüberschaubaren und unkontrollierbaren Bedrohung gegenübersähen, die das Gesicht der Welt verändere.[1]  Bedingt wurde diese Angst durch die schiere Gewalt und das destruktive, insbesondere gegen Zivilisten gerichtete Ausmaß, das die Anschläge auf das vermeintliche Herz des Westens – New Yorks Finanzwelt und das Pentagon sowie das Weiße Haus – angerichtet hatten sowie durch das unklare und für viele Menschen unverständliche „Feindbild“. Amerika befand sich vom einen auf den anderen Tag im Krieg – aber mit wem? Und was waren die Kriegsziele? Der internationale islamistische Terrorismus wurde zum Sinnbild eines neuen Feindes der westlichen, zivilisierten Welt und es schien, als sähe sich der Westen ein Jahrzehnt nach dem Untergang der Sowjetunion einem neuen, noch bedrohlicheren, weil unberechenbareren Feind gegenüber. Medien berichteten über den 11. September als den Tag, „an dem die westliche Zivilisation eine Ahnung davon bekommen hat, was die Vision vom Endkampf zwischen Gut und Böse vor dem Tag des Jüngsten Gerichts, was der Name ‚Armageddon' bedeuten könnte“.[2] Schnell wurde eine Verbindung hergestellt zwischen dieser neuen Form des Terrorismus und potentiellen Anschlägen mit Massenvernichtungswaffen (Weapons of Mass Destruction, WMD) und zu einem neuen Bedrohungsszenario, nämlich der aktiven Kooperation zwischen Terrorgruppen und WMD besitzenden, revisionistischen Rogue States, zusammengefügt. Letztlich war es auch dieses von der US-Regierung immer wieder artikulierte Szenario, das zur Rechtfertigung des Irakkriegs herangezogen wurde.

Erst Wochen und Monate nach den Anschlägen konnten sich Stimmen Gehör verschaffen, die zu einer vorsichtigeren Sichtweise auf die neue weltpolitische Situation aufriefen, die die Ereignisse in einen politischen, historischen und sozio-kulturellen Kontext einordneten und die auch zur Vorsicht mahnten, wenn trotz fehlender Beweise von einer Verbindung zwischen Al-Qaida und dem Irak gesprochen wurde.

Wir wollen an dieser Stelle die Debatte zum Thema „WMD Terrorismus“[3] aufnehmen und untersuchen, ob und inwiefern wir uns gegenwärtig tatsächlich einer Bedrohung durch mit Massenvernichtungswaffen ausgestattete Terroristen gegenübersehen.

Ausgangspunkt bildet eine kurze Darstellung über das Wesen des Terrorismus gestern und heute, die deutlich machen soll, das in der Tat ein gravierender Unterschied zu bestehen scheint in der Haltung gegenüber dem Schicksal unbeteiligter Zivilisten. Dies sagt jedoch noch nichts darüber aus, ob Anschläge mit Massenvernichtungswaffen deshalb eine akute Bedrohung sind. In einem weiteren Schritt wird deshalb zu untersuchen sein, welche Faktoren für beziehungsweise gegen WMD Terror sprechen. Dazu ist es nützlich, einen Blick auf historische Erfahrungen mit Terror dieser Art zu werfen.

Terrorismus gestern und heute

Seit Jahrzehnten schien es ein ungeschriebenes Gesetz des Terrorismus zu geben, dass Brian Jenkins 1975 in dem Statement zusammenfasste: „Terroristen wollen, dass möglichst viele Menschen zusehen und zuhören, nicht dass möglichst viele Menschen sterben.“[4] Dahinter verbarg sich die aus der Erfahrung vor allem mit dem europäischen Terrorismus beispielsweise der ETA, IRA oder RAF gewachsene Annahme, dass Terroristen kein Interesse daran hätten, durch den Tod von unbeteiligten Zivilisten ihre eigene Machtbasis zu gefährden und den Rückhalt in der Bevölkerung und die Unterstützung für ihre Ziele zu verlieren. Opfer dieser Terroristen wurden deshalb überwiegend Funktionäre des staatlichen Systems, Amtsträger sowie Sicherheitskräfte; die Zahl der Opfer war zudem bei den meisten Anschlägen relativ gering, wie aus einer Studie der RAND Corporation hervorgeht: In den 1970er und 1980er Jahren wurde nur bei durchschnittlich 18 Prozent der terroristischen Vorfälle jemand getötet.[5]

Vergleichen wir dies mit den Anschlägen vom 11. September, dem Bombenattentat auf eine Diskothek auf Bali im Oktober 2002, dem Attentat auf 85 ausländische Touristen 1997 in Luxor, dem Giftgasanschlag auf die Tokioter U-Bahn 1995 oder dem Sprengstoffanschlag auf ein Verwaltungsgebäude der US-Bundesbehörden in Oklahoma im April 1995, die praktisch alle ausschließlich gegen Zivilisten gerichtet waren, so lässt sich scheinbar tatsächlich eine Art „Paradigmenwechsel des Terrorismus“ feststellen.[6] Der Tod von Zivilisten wird durch diesen „Megaterrorismus“ nicht nur in Kauf genommen, sondern er wird zum eigentlichen Ziel der Anschläge. Ein Anstieg der durchschnittlichen Zahl der Opfer pro Anschlag ist die Folge. Gleichzeitig zeigen die Statistiken, dass trotz der allgemeinen tendenziellen Abnahme terroristischer Vorfälle seit den 80er Jahren eine Zunahme der fundamentalistisch-religiös motivierten Vorfälle zu verzeichnen ist.

 Religiös motivierter Terrorismus

Tatsächlich sprechen Untersuchungen dafür, dass die Zunahme religiös motivierter Terrorakte erklärt, warum es zu einer immer größeren Zahl von Opfern kommt. Müller weist ausdrücklich darauf hin, dass der Fundamentalismus kein allein islamisches Problem, sondern in allen Weltreligionen und auf allen Kontinenten zu Hause sei.[7] Es ist also nicht eine bestimmte Religion allein, die zu besonderer Gewalt gegen Nicht- und Andersgläubige aufruft, sondern es ist die Verquickung bestimmter politischer, sozialer und kultureller Umstände mit religiösen Heilslehren, die sich in Eruptionen terroristischer Gewalt entladen können. Die fundamentale transzendente Lehre der Religion scheint Gewissheit und Bewusstsein über die eigene Herkunft zu geben, in einer Zeit, in der sich Menschen durch die Veränderungen der Moderne, durch Globalisierung und gesellschaftlichen Wandel bedroht sehen. In seiner Funktion ähnelt der religiöse Fundamentalismus also anderen Formen der „Selbst-Findung“ wie dem Nationalismus oder Ethnizismus.[8] 

Warum jedoch erklärt dies das perverse Streben nach immer höheren Opferzahlen? Neben dem Kampf um mediale Aufmerksamkeit, der scheinbar eine immer weitere Eskalation terroristischer Gewalt geradezu verlangt, um der „Botschaft“ in der ganzen Welt Gehör zu verschaffen[9], ist es vor allem das manichäische Weltbild, also die Dichotomie zwischen gut und böse, die die bedingungslose Gewalt der „Gläubigen“ gegen die „Ungläubigen“ scheinbar legitimiert, ja sogar fordert. Die Auslöschung des Bösen wird zu einer religiösen Pflicht stilisiert, die Tat mit religiösen Heilsversprechen belohnt:

„Für den religiösen Terrorismus stellt Gewalt zuerst und vor allem einen sakramentalen Akt oder eine von Gott gebotene Pflicht dar, die in direkter Reaktion auf irgendeine theologische Anforderung oder ein Gebot erfüllt wird. Der Terrorismus erhält auf diese Weise eine transzendentale Dimension, und seine Vollstrecker lassen sich infolgedessen keine Schranken durch die politische, moralischen oder praktischen Zwänge auferlegen, die andere Terroristen beeinflussen mögen.“[10]

Anschläge mit Massenvernichtungswaffen

Angesichts dieses „Paradigmenwechsels“, der dazu geführt hat, dass der Mord an einer möglichst großen Zahl von Opfern wenn nicht angestrebt, so doch mindestens in Kauf genommen wird, drängt sich die Frage auf, ob wir uns einer Gefahr durch terroristische Anschläge mit Massenvernichtungswaffen gegenübersehen. Tatsächlich scheint es – wie der 11. September 2001 oder aber auch die Anschläge der Aum-Sekte in Tokio gezeigt haben – so zu sein, als bestehe bei einigen terroristischen Gruppen durchaus eine Neigung oder gar Motivation, „mass destruction“ herbeizuführen.

Im folgenden soll deshalb untersucht werden, wie groß die tatsächliche Bedrohung durch solche Anschläge ist.

Historischer Überblick

Untersuchungen über die Geschichte des Terrorismus zeigen, dass die Täter den Einsatz von atomaren, biologischen oder chemischen Stoffen nur in wenigen Fällen überhaupt in Betracht gezogen haben.[11] Zwar gab es auch vor Aum Fälle von terroristischen Anschlägen, in denen biologische oder chemische Substanzen eine Rolle gespielt haben, doch sollte dies nicht gleichgesetzt werden mit der Anwendung von Massenvernichtungswaffen. So wird in der Literatur vielfach der Fall des Baghwan Shree Rajneesh Kults geschildert, der 1984 in Oregon, USA, versucht hat, durch Salmonellenbakterien, die in Salatbars verteilt wurden, die Bevölkerung einer Kleinstadt von der Beteiligung an der anstehenden Kommunalwahl abzuhalten und auf diese Weise den Ausgang der Wahl zu beeinflussen. 750 Menschen  erkrankten, doch sollte unterschieden werden, dass es sich nicht um einen Anschlag mit Massenvernichtungswaffen handelte, sondern um einen Anschlag, bei dem toxische beziehungsweise pathogene Substanzen benutzt werden, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. ABC-Massenvernichtungswaffen sind demgegenüber Kriegsutensilien, die vom Militär entwickelt und ausgewählt worden sind, um innerhalb einer klar definierten Militärdoktrin eine spezifische Rolle zu übernehmen.[12] Während es Anschläge oder Sabotageakte mit toxischen oder pathogenen Substanzen, sowie Versuche, waffenfähige Utensilien zu beschaffen, in der Geschichte immer wieder gab[13], so ist der Aum-Fall doch der erste, bei dem es Terroristen gelang, Massenvernichtungswaffen tatsächlich einzusetzen. Es ist deshalb notwendig, den Fall genauer zu untersuchen, weil er Rückschlüsse zulässt über aktuelle Proliferationsgefahren, über potentielle Auswirkungen einer solchen Attacke sowie über mögliche Abwehrstrategien.

Am 20. März 1995 setzte die Aum-Sekte während der morgendlichen Rush-Hour an fünf Stellen in der U-Bahn Tokios das Nervengas Sarin frei. Es war in mit Wasser gefüllten Plastikbeuteln enthalten, die von Sektenmitgliedern in den U-Bahn-Waggons verteilt und durch einen Regenschirm von ihnen aufgestochen worden waren, so dass der Inhalt auslaufen und verdunsten konnte. 12 Menschen starben an den Folgen dieses Anschlags, 5000 wurden verletzt. Vor allem das unreine Sarin sowie die „unprofessionelle“ Ausbringung der Substanz haben eine weitaus höhere Zahl an Opfern verhindert.

Schon im Jahr zuvor hatte die Sekte versucht, in der japanischen Stadt Matsumoto einen Giftgasanschlag durchzuführen, um auf diese Weise drei Richter zu töten, die in einem Gerichtsverfahren vermutlich gegen die Sekte urteilen wollten. Dabei wurden vier Menschen getötet, 150 verletzt.

Daneben hat Aum unter Einsatz erheblicher finanzieller Mittel (das Vermögen des Sektenführers Shoko Asahara wurde auf bis zu einer Milliarde US$ geschätzt) und unterstützt durch im Ausland – vor allem der ehemaligen Sowjetunion – angeworbene Wissenschaftler jahrelang an weiteren Waffenprojekten gearbeitet, darunter biologische und atomare Waffen sowie eher fiktional anmutende Laser und Erdeben auslösende „Waffen“. Ziel war es, die japanische Regierung zu destabilisieren und langfristig selber die Macht zu übernehmen. Einerseits sollten dies bizarren Vorstellungen sowie teils skurril wirkende Programme nicht darüber hinwegtäuschen, dass es der Sekte tatsächlich gelang, terroristische Anschläge mit Massenvernichtungswaffen durchzuführen. Andererseits darf dies aber auch nicht dazu führen, dass die Bedrohung vorschnell überschätzt wird. Denn faktisch – darauf weisen Kelle und Schaper in ihrer Analyse ausdrücklich hin – ist die überwiegende Zahl der Versuche Aums, an Massenvernichtungswaffen zu gelangen beziehungsweise sie selbst herzustellen, klar gescheitet, was jedoch in den Medien oftmals unerwähnt bleibt. So unternahm Aum 1990 und 1993 verschiedene Versuche, das Toxin Botulinum ebenso wie Anthrax in Tokio entweder von Sprühfahrzeugen oder vom Dach eines Hochhauses zu versprühen. Doch die Versuche schlugen fehl und lösten keinerlei Effekte aus. Das Biowaffenprogramm Aums ist also trotz der großen finanziellen Möglichkeiten ebenso gescheitert wie angebliche Versuche, Nuklearwaffen zu produzieren oder selbst herzustellen.[14] Die Gründe für das Scheitern sind vielfältig und Jean Pascal Zanders argumentiert, dass die Sekte sicherlich erfolgreicher gewesen wäre, wenn sie sich auf die Beschaffung oder Produktion eines Instruments beschränkt und spezialisiert hätte, anstatt eine Vielzahl verschiedener Waffentypen anzustreben.[15] Er erklärt diese Annahme anhand des folgenden Schaubilds (sogenanntes „assimilation model“), das die materiellen, finanziellen und strategischen Hindernisse, Einschränkungen und Abwägungen darstellt, die einer Entscheidung für bestimmte Waffenprogramme vorangehen.[16]


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Selbst wenn also die finanziellen, physischen und strategischen Aspekte für ein funktionierendes WMD-Programm sprechen, bedeutet dies noch keineswegs unbedingt den Erfolg der Anstrengungen. Eine Studie des Swedish Defence Research Laboratory (FOA), die im SIPRI Yearbook 2000 ausführlich beschrieben wird, greift die Versuche Aums auf, in Tokio Anthrax-Sporen zu versprühen, um zu untersuchen, welche potentielle Gefahr entstanden wäre, wenn die Bedingungen – also vor allem die Kapazitäten und Ressourcen Aums – optimiert gewesen wären. Die Studie zeigt, dass zwar unter bestimmten Bedingungen – wirksame Ausbringung bestimmter, hochansteckender Erreger in geschlossenen Räumen – tatsächliche eine große Gefahr für mehrere tausend Menschen entstehen kann, dass dies aber deutlich schwieriger ist, als oftmals in den Medien dargestellt.[17] Im Falle eines Anschlags mit Anthrax ist es insbesondere die Größe und Ausbringung der Sporen, die ein Hindernis darstellt: So müssen als Aerosol ausgebrachte Anthrax-Sporen, um von der Lunge aufgenommen zu werden, eine Größe von maximal 5μm haben, was jedoch selbst durch fortgeschrittenes technisches Equipment nur schwer zu erreichen ist.

Deshalb kommen auch Kelle und Schaper zu dem Schluß:

„Zusammenfassend ist aber festzuhalten, dass keine der (...) moralischen, psychologischen oder potenziellen operativen Hürden bei der Herstellung und Ausbringung von BW Aum davon abgehalten hat, den Versuch zu unternehmen, Krankheitserreger zu isolieren, zu produzieren, in eine waffenfähige Form zu bringen und schließlich auszubringen. (...) Gleichzeitig gibt aber Aums völliges Scheitern im operativen Bereich, sprich bei der Ausbringung derselben, einen wichtigen Hinweis darauf, dass die technischen Hürden für all diese Schritte auf dem Weg zu einer funktionsfähigen Biowaffe wohl doch höher liegen als in sensationalistischen Medienberichten suggeriert wird.“[18]

Chemische Waffen bieten Terroristen den Vorteil, dass sie leichter herzustellen, weil sie – anders als Biowaffen – nicht so leicht degradieren und dadurch auch leichter auszubringen sind. Viele Substanzen, die für chemische Waffen gebraucht werden, sind „dual-use“-Materialien, das heißt, sie sind (in kleinen Mengen) relativ leicht erhältlich, weil sie auch für zivile Zwecke verwendet werden. Größte Schwierigkeit bleibt jedoch nach wie vor die wirksame Ausbringung einer großen Menge der chemischen Substanz.

Nur wenn der verwendete biologische oder chemische Agens in möglichst reiner Form verwendet wird und wenn die Ausbringungsmethoden tatsächlich wirksam sind, ist eine reale große Bedrohung für die Zivilbevölkerung gegeben. Angesichts der Komplexität bei der Beschaffung, Herstellung und Ausbringung solcher Substanzen, ist es jedoch für viele Terrorgruppen weiterhin leichter, ähnliche Effekte durch den Einsatz „konventioneller“ Mittel – Sprengsätze, Flugzeugentführungen etc – zu erreichen.

Terroristische Anschläge mit nuklearen Waffen

Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Erscheinen vieler Berichte und Meldungen über den katastrophalen Zustand des russischen Militärs und der Atomanlagen häufen sich auch Meldungen über die vermeintliche oder tatsächliche klandestine Proliferation atomwaffenfähiger Materialien. Auch Osama bin Laden hat möglicherweise versucht, sich hochangereichertes Uran zu beschaffen. Andere Berichte, aus denen hervorgeht, dass ganze Kernwaffen aus den russischen Arsenalen entwendet sein sollen, erwiesen sich zwar als unseriös[19], doch ändert dies nichts daran, dass der Zustand und die Sicherheit atomarer Waffenanlagen nicht nur in Russland, sondern auch beispielsweise in Pakistan, schlecht ist und eine Bedrohung darstellt.[20] Die wirtschaftliche Krise kann außerdem dazu führen, dass sich immer mehr russische Wissenschaftler von anderen Staaten oder sub-staatlichen Akteuren anwerben lassen.

Um die Bedrohung durch Atomwaffen in den Händen von Terroristen richtig einschätzen zu können, muß eine wesentliche Unterscheidung getroffen werden: Terroristen sind nicht in der Lage, Kernwaffen ähnlich denen in russischen oder amerikanischen Arsenalen, zu bauen. Wozu sie aber unter Umständen in der Lage sein könnten, ist der Bau eines Atomsprengkörpers. Während man unter ersterem eine optimierte, vielfach getestete und in Gewicht, Zündung und Design „optimierte“, auf Raketen transportierbare Waffe versteht, ist das zweite ein relativ einfacher Sprengsatz, durch den eine Kernexplosion ausgelöst wird. Solche eine von Terroristen gebaute Waffe wäre viel größer (und daher nur mit Schiffen, Lastwagen oder Flugzeugen zu transportieren), die Zündung wäre nicht optimiert und gegen Missbrauch geschützt und eine größere Menge an spaltbarem Material wäre notwendig. Dies ist einer der kritischen Punkt beim Bau einer wie auch immer gearteten Atomwaffe (durch Terroristen): die Beschaffung des kernwaffenfähigen Materials, also des Plutoniums oder Urans. Die Produktion des Materials ist so aufwendig, langwierig, schwierig und nachweisbar, dass dies kaum unentdeckt bleiben würde. Vorstellbar wäre also nur, dass Terroristen dieses Material durch kooperierende Staaten erhalten würden beziehungsweise durch Nuklearschmuggel erwerben. Die Frage der Kooperation von Staaten mit Terrorgruppen hat im Zuge des Irakkriegs erneut viel Aufmerksamkeit erregt. Auch wenn für eine Zusammenarbeit zwischen dem Irak und Al-Qaida keinerlei Beweise vorliegen, darf die Gefahr der Proliferation auf diesem Gebiet generell nicht unterschätzt werden.

Neben dieser potentiellen Bedrohung durch Atomwaffen gibt es jedoch eine weitere, die nicht unterschätzt werden sollte: dies ist die Explosion einer radiologisch verseuchten Bombe. Dabei handelt es sich nicht um einen Kernsprengsatz, sondern um eine konventionelle Explosion, bei der beigefügtes radioaktives Material verstreut wird und zu einer Kontamination des betroffenen Gebiets führen kann. Eine solche Bombe hätte zwar geringere Auswirkungen als ein Kernsprengsatz, aber dennoch wären die physischen und auch psychologischen Auswirkungen eines solchen Anschlags gravierend.

Doch auch in diesem Fall kann der beste Schutz nur gewährleistet werden, indem die existierenden Atomwaffenarsenale verifizierbar reduziert, der physische Schutz aller Anlagen weltweit gestärkt und die weitere Produktion von atomwaffenfähigem Material (fissile material cut off treaty) gestoppt wird.

Schlussfolgerung

Die Analyse hat gezeigt, dass Massenvernichtungswaffen tatsächlich auch von Terroristen eingesetzt werden könnten, um eine große Zahl von Zivilisten zu töten oder zumindest mit dem Gebrauch zu drohen, um Hysterie und Angst unter der Zivilbevölkerung auszulösen. Möglicherweise wäre es im terroristischen Denken vermutlich sogar die „logische“ Eskalationsstrategie nach den Anschlägen vom 11. September. Dennoch sollte nicht übersehen werden, dass es erstens zwischen den vorgestellten Typen von Massenvernichtungswaffen große Unterschiede in ihrer Handhabung, Produktion, Anwendung und Auswirkung gibt, sondern dass die Herstellung und Ausbringung dieser Waffen schwieriger ist, als dies oftmals in den Medien dargestellt wird. So erfordert zwar das Verständnis eines nuklearen Sprengkörpers nur fundierte physikalische Grundkenntnisse, doch die Herstellung eines solchen gestaltet sich weitaus schwieriger und gefährlicher.

Es besteht also einerseits die Gefahr, dass die terroristische Bedrohung von Regierungen bewusst überzeichnet wird, um eine latente Angst und Hysterie in der Bevölkerung zu schüren und damit eine Akzeptanz für die Einschränkung bestimmter Freiheiten zu erreichen, die ansonsten schwer durchzusetzen wäre. Andererseits sollte die potentielle Gefahr auch nicht unterschätzt werden. Eine Verstärkung der multilateralen Anstrengungen zum Schutz russischer Atomanlagen wäre ebenso notwendig, wie eine Vertiefung der Exportkontrollen bei chemischen und biologischen Substanzen und eine Wiederaufnahme der Gespräche über ein Zusatzprotokoll zum Biowaffenübereinkommen, die von der US-Regierung 2002 angebrochen wurden. 


[1] Bundeskanzler Gerhard Schröder, 11. September 2001; siehe aber auch die Leitartikel führender deutscher Tageszeitungen am 12. und 13. September. Aufschlussreich ist ein Medienecho, das vom Projekt Media-Analysten der Uni Leipzig erstellt wurde. URL:  http://www.uni-leipzig.de/~media/mecho/komm-inhalt.html
[2] Günther Nonnenmacher in der FAZ, 13. September 2001
[3] Das Akronym steht hier konkret für nukleare, biologische und chemische Waffen, obwohl auch mit konventionellen Waffen (und eben auch mit Waffen, die eigentlich keine sind, also beispielsweise Passagierflugzeugen) verheerende Auswirkungen mit hohen Opferzahlen angerichtet werden können
[4] Jenkins, Brian: International Terrorism: A New Mode of Conflict. In: Carlton und Schaerf (Hrsg.): International Terrorism and World Security. London 1975, S. 15
[5] Hoffman, Bruce: Terrorismus. Der unerklärte Krieg. Frankfurt a.M. 2001, S. 270
[6] Es sollte jedoch nicht übersehen werden, dass traditionelle Formen des Terrorismus, der gegen Militärs, Politiker und Funktionäre gerichtet ist, weiter fortbestehen: Anschläge auf das US-Kriegsschiff USS Cole im Jahr 2001 im Jemen oder die amerikanische Militärbasis in Dhahran, Saudi-Arabien (1996) verdeutlichen dies.
[7] Müller, Harald: Supermacht in der Sackgasse? Die Weltordnung nach dem 11. September. Bonn 2003, S. 64 ff
[8] Müller, S. 71
[9] Hoffman, S. 237
[10] Hoffman, S. 122
[11] Falkenrath, Richard et. al.: America’s Achilles’ Heel. Cambridge, MA 1999, S. 27-96; Kelle, Alexander und Schaper, Annette: Bio- und Nuklearterrorismus. HSFK-Report 10 / 2001, S. 3
[12] Zanders, Jean Pascal: Assessing the Risk of Chemical and Biological Weapons Proliferation to Terrorists. Nonproliferation Review, Fall 1999, S. 17-18
[13] Falkenrath, S. 31-36
[14] Falkenrath, S. 19-26
[15] Zanders, Jean Pascal et al: Risk assessment of terrorism with chemical and biological weapons. In: SIPRI: SIPRI Yearbook 2000, Oxford 2000, S. 548
[16] Zanders, Jean Pascal: Assessing the Risk, S. 25
[17] Zanders et. al, S. 549-554
[18] Kelle und Schaper, S. 6
[19] Kelle und Schaper, S. 19
[20] Kelle und Schaper weisen aber auch darauf hin, dass in den USA Fälle von mangelhafter Sicherung kernwaffenfähigen Materials bekannt geworden sind (S. 24)


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Jahrbuch Internationale Politik: Weltverträgliche Energiesicherheitspolitik
von Josef Braml, Karl Kaiser, Hanns W. Maull, Eberhard Sandschneider, Klaus Werner Schatz (Hrsg.)

Veröffentlicht am 2. Juni 2008

Das neu konzipierte Standardwerk der internationalen Politik bietet eine systematisch-vergleichende Analyse eines aktuellen Themas: Weltverträgliche Energiesicherheitspolitik. Autorinnen und Autoren sind renommierte deutsche Experten sowie maßgebliche Repräsentanten der operativen Politik, des Bundeskanzleramts, des Bundestags und von Bundesministerien. Neben der wechselseitigen Politikberatung leistet das Jahrbuch – in Zusammenarbeit mit den Medien und anderen Multiplikatoren – auch Öffentlichkeitsberatung.

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