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Die Hizb Allah: Ihre internationalen Aktivitäten und ihre Präsenz in Deutschland

Holger Berschel

Inhalt

Die Entwicklung der Hizb Allah bis zum Abzug der israelischen Armee aus dem Libanon

Die Hizb Allah[1] entstand nach der israelischen Invasion des Libanon 1982 unter dem starken Einfluß des Iran als radikale schiitische Gruppierung in Konkurrenz zur der gemäßigteren und älteren schiitischen Amal. Der Iran hatte nach dem israelischen Einmarsch Revolutionswächter in den Libanon entsandt, die in der ostlibanesischen Bekaa-Ebene den Zusammenschluß mehrerer schiitische Splittergruppen zur Hizb Allah auch materiell unterstützten.

Die ursprünglichen Ziele der Hizb Allah bestanden darin, den westlichen Einfluß im Libanon zurückzudrängen und eine islamische Gesellschaft auf Basis einer fundamentalistischen Auslegung des Koran und der Scharia aufzubauen. Darüber hinaus wurde aber auch die Säuberung der gesamten islamischen Welt von unislamischen westlichen Einflüssen und die Vernichtung des Staates Israel angestrebt. Die Hizb Allah betrachtete deshalb Israel und die Vereinigten Staaten von Amerika stets als ihre Hauptfeinde.[2]

1983 begann die Hizb Allah eine heftige Terrorkampagne gegen westliche und israelische Ziele. Allein bei den Selbstmordangriffen mit sprengstoffbeladenen Lastwagen auf die Hauptquartiere der französischen und amerikanischen Truppen in Beirut am 23. Oktober 1983 wurden 241 Amerikaner und 58 Franzosen getötet. Die Taktik der Selbstmordangriffe wurde auch mit Erfolg gegen israelische Streitkräfte im Libanon angewendet, gegen welche die Hizb Allah bis zum Rückzug der Israelis im Mai 2000 einen Guerillakrieg führte. Daneben entführte die Hizb Allah verschiedentlich mit Erfolg Verkehrsflugzeuge und hielt bis Anfang der 90er Jahre im Libanon zahlreiche westliche Ausländer oft in jahrelanger Geiselhaft.[3]

Ihre Fähigkeit zu terroristischen Angriffen außerhalb des Nahen Ostens stellte die Hizb Allah durch den Anschlag auf die israelische Botschaft in Buenos Aires am 17. März 1992 unter Beweis, bei dem 29 Menschen ums Leben kamen. Am 18. Juli 1994 kam es zu einem noch verheerenderen Anschlag auf die Argentine-Jewish Mutual Association, bei dem 96 Opfer zu beklagen waren. Die Einzelheiten beider Anschläge sind noch nicht ganz geklärt. Die argentinische Regierung machte den Iran verantwortlich. Hizb Allah-Angehörige sollen aber an der Tatausführung beteiligt gewesen sein.[4]

Nach dem Ende des Bürgerkriegs im Jahre 1991 hat die Hizb Allah ihre politische Zielsetzung verändert. Sie beendete ihre Konfrontation mit dem libanesischen Staat und gab den am Vorbild des Iran orientierten Anspruch auf eine ”Islamische Republik Libanon” mit der Begründung auf, man könne aus dem Libanon nicht gegen den Willen der Mehrheit der Bevölkerung einen islamischen Staat machen, eine Mehrheit sei aber auf absehbare Zeit nicht erreichbar. Stattdessen nahm die Hizb Allah 1992 als Partei erfolgreich an den Parlamentswahlen teil und ist seither im libanesischen Parlament vertreten.[5] Die ungefähr 40 % Schiiten im Libanon bieten ein ansehnliches Wählerreservoir.

Die Hizb Allah rückte fortan den Widerstand gegen die israelische Besetzung der sogenannten “Sicherheitszone” im Südlibanon in den Mittelpunkt ihrer Agenda. Die Opferbereitschaft und die Erfolge der Hizb Allah-Kämpfer, die durch den israelischen Rückzug im Mai 2000 gekrönt wurden, steigerten die Popularität der Hizb Allah auch über die schiitische Bevölkerungsgruppe hinaus.

Durch den Aufbau sozialer Einrichtungen, den Unterhalt von Bildungseinrichtungen, die Bereitstellung von medizinischer Versorgung, Infrastrukturhilfe und tatkräftige Hilfe bei der Beseitigung von Kriegsschäden durch den Hizb Allah Ableger Jihad al-Binaá (Kampf für den Wiederaufbau) verbreiterte die Hizb Allah ihre politische Basis und festigte ihren Rückhalt vor allem bei den Schiiten, aber auch bei anderen Konfessionen, denen die Hilfsprogramme der Hizb Allah ebenfalls zu Gute kommen.[6]

Ob der Wandel der Hizb Allah während der 90er Jahre grundsätzlicher Natur war, ist fraglich. Offensichtlich wollte man die mühsam erreichte Stellung in der libanesischen Gesellschaft nicht durch zu radikales Auftreten aufs Spiel setzen. Das bedeutet aber nicht zwingend, daß die ”Partei Gottes” ihre ursprünglichen Ziele wirklich aufgegeben oder zumindest abgewandelt hat. Tatsächlich scheint die Integration der Hizb Allah in das politische System des Libanon eher aus pragmatischen Gründen erfolgt zu sein. So oder so erlegt sie der Hizb Allah aber gewisse Beschränkungen auf.

Gegenüber Israel bleibt die Hizb Allah nach wie vor unversöhnlich. Sie stellt sich entschieden gegen alle Friedensverhandlungen, spricht Israel heute noch das Existenzrecht ab und proklamiert die Zerstörung Israels und die Befreiung Jerusalems.[7]

Die Organisation der Hizb Allah im Libanon

Ursprünglich bestand die Hizb Allah aus einer Koalition verschiedener schiitischer Fraktionen, die der ganzen Organisation eine eher uneinheitliche Gestalt gaben. In den schiitischen Siedlungsgebieten in der Bekaa-Ebene, in Beirut und im Südlibanon übten unterschiedliche Kleriker bestimmenden Einfluß aus.[8] Eine straffe Führung zur Koordination der Aktivitäten kristallisierte sich erst seit Mitte der 80er Jahre heraus.

Entscheidungszentrum der Hizb Allah ist seitdem ein achtköpfiger Rat (majlis al-shura), der erstmals 1986 zusammentrat und dem der religiöse Führer der Hizb Allah, Muhammad Hussein Fadlallah, vorsteht. Seine Mitglieder werden alle zwei Jahre von der Basis der Organisation gewählt. Der majlis al-shura wählt aus seinen Reihen seinerseits den Generalsekretär. Bis zu seinem Tod durch einen israelischen Hubschrauberangriff 1992 war dies Scheich Abbas Al-Musawi, seitdem amtiert Scheich Hassan Nasrallah. Sein Stellvertreter ist Scheich Naim Kassem.

Innerhalb des majlis al-shura existieren Ausschüsse für ideologische Fragen, Politik, Finanzen, Recht, soziale Angelegenheiten, Militär und Information. Der majlis al-shura wird seit einer auf einem Treffen in Teheran 1989 beschlossenen institutionellen Reform von einem Politbüro und einem Exekutivrat unterstützt. Der majlis al-shura ist seitdem für grundsätzliche Entscheidungen zuständig, während der Exekutivrat unter Nasrallahs Vorsitz das Tagesgeschäft erledigt. Das Politbüro fungiert als Aufsichtsgremium und ist mit 15 Klerikern besetzt, die vor allem für die Koordination von personellen und Propagandafragen und der sozialen Tochterorganisationen zuständig sind.[9]

Innerhalb des Militärausschusses des majlis al-shura ist der sogenannte Spezielle Sicherheitsapparat (SSA) angesiedelt, der wiederum in den Zentralen Sicherheitsapparat, den Präventiven Sicherheitsapparat und den Auslandssicherheitsapparat bzw. die External Security Organisation (ESO) untergliedert ist. Letztere ist für terroristische Operationen im Ausland zuständig. Der SSA und seine ESO-Abteilung werden von Imad Mughniya geleitet.[10] Sein Stellvertreter ist Abdul Hadi Hamadi.

Der militärische Arm der Hizb Allah, der Islamische Widerstand (Al Muqawama al Islamia) verfügt neben gewöhnlichen Kämpfern auch über Spezialeinheiten, die für Kommandounternehmen oder für Selbstmordangriffe ausgebildet sind. Die Ausbildung gilt als sehr gut und kann z.B. auch Hebräischkenntnisse umfassen.[11]

Zur Hizb Allah gehören außerdem verschiedene Unterorganisationen, wie z.B. die Shahid Gesellschaft zur Unterstützung der Hinterbliebenen von “Märtyrern” oder die Wiederaufbauorganisation Jihad Al-Binaa, sowie eigene Medien wie der Fernsehsender Al Manar TV, die Radiostation An Nur Radio und zwei Zeitschriften.


[1] In Deutschland sind auch die Transkriptionen Hisbollah oder Hizbollah gebräuchlich.
[2] Bundesamt für Verfassungsschutz (Hg.): Extremistisch-islamische Bestrebungen in der Bundesrepublik Deutschland, Köln 1999, S. 30; Landesamt für Verfassungsschutz Niedersachsen: http://www.verfassungsschutz.niedersachsen.de/master/ 0,,C806861_N808083_L20_D1_I541,00.html; Wilkinson, Paul: Hezbollah – A critical Appraisal, in: Jane´s Intelligence Review, 5 (1993), Nr. 8, S. 369f (S. 369).
[3] Vgl. dazu z.B. Seurat, Marie: Les Corbeux d´Alep, Paris 1989.
[4] Bundesamt für Verfassungsschutz (Hg.): Extremistisch-islamische Bestrebungen in der Bundesrepublik Deutschland, Köln 1999, S. 30; Wilkinson, a.a.O., S. 369f.
[5] Blanford, Nicholas: Post-Israel stability in south Lebanon. In: Jane´s Intelligence Review, 12 (2000), Nr. 10, S. 25-28 (S. 27).
[6]Trendle, Giles: Hizballah: Pragmatism and Popular Standing, in: Hollis, Rosemary; Shehadi, Nadim (Hg.): Lebanon on Hold. Implications for Middle East Peace, London 1996, S. 63-67 (S. 65).
[7] Blanford, Nicholas: Post-Israel stability in south Lebanon, a.a.O., S. 27.
[8] Ranstorp, Magnus: Hizbollah´s Command Leadership: Its Structure, Decision-Making and Relationship with Iranian Clergy and Institutions, in: Terrorism and Political Violence, 6 (1994) Nr. 3, S. 303-339.
[9] Ebd.; Trendle, a.a.O., S. 65.
[10]Blanford, Nicholas: Hizbullah prepares to open up front along the Israeli border, in: Jane´s Intelligence Review, 14 (2002), Nr. 4, S. 26-28 (S. 28); Ranstorp, a.a.O. Mughniya war vor der israelischen Invasion im Libanon 1982 Leutnant der Fatah Force 17,der Sicherheitsorganisation der PLO, und wurde später Leibwächter von Fadlallah, bevor er nach erfolgreicher Teilnahme an verschiedenen terroristischen Aktionen in der Hierarchie der Hizb Allah schnell aufstieg. Mughniya, der beste Beziehungen zum Iran pflegt, sich dort öfter aufhält und wohl auch an dem gescheiterten Waffenschmuggel in die palästinensischen Gebiete mit Hilfe der von den Israelis aufgebrachten Karin A beteiligt war, soll auch für das iranische Geheimdienstministerium (VEVAK) gearbeitet haben (Ranstorp, a.a.O.; Schirra, Bruno: Krieger und ihre Gönner, in: Die Zeit 5.12.2002, S. 8.
[11] United States Committee for a free Lebanon, Hezbollah – The Party of God: A Middle East Threat Analysis, February 2002, http://freelebanon.org/articles/a226.htm.
[12] Der Iran schickte 1982 als Ausdruck der iranischen Solidarität mit den Schiiten des Libanon angesichts der israelischen Invasion ein Kontingent von Revolutionswächtern in die Bekaa-Ebene.

Fortsetzung: Die Hizb Allah: Ihre internationalen Aktivitäten und ihre Präsenz in Deutschland


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Jahrbuch Internationale Politik: Weltverträgliche Energiesicherheitspolitik
von Josef Braml, Karl Kaiser, Hanns W. Maull, Eberhard Sandschneider, Klaus Werner Schatz (Hrsg.)

Veröffentlicht am 2. Juni 2008

Das neu konzipierte Standardwerk der internationalen Politik bietet eine systematisch-vergleichende Analyse eines aktuellen Themas: Weltverträgliche Energiesicherheitspolitik. Autorinnen und Autoren sind renommierte deutsche Experten sowie maßgebliche Repräsentanten der operativen Politik, des Bundeskanzleramts, des Bundestags und von Bundesministerien. Neben der wechselseitigen Politikberatung leistet das Jahrbuch – in Zusammenarbeit mit den Medien und anderen Multiplikatoren – auch Öffentlichkeitsberatung.

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