Holger Berschel
Der Iran übt nach wie vor einen starken Einfluß auf die Hizb Allah aus. Die direkte Kontrolle der Hizb Allah auf religiösem, militärischem und politischem Gebiet ging zwar im Laufe der Jahre zurück. Dennoch blieben die Verbindungen, die über den iranischen Geheimdienst, die Botschaften in Beirut und Damaskus und die Pasdaran[12] (aber auch über zahlreiche Iranbesuche von Hizb Allah Führungskadern) liefen, sehr eng, und der Iran förderte den Kampf der Hizb Allah gegen die israelische Armee maßgeblich mit Geld und Waffen.
Wichtigste Autorität auf der iranischen Seite bleibt der geistliche Führer, Ajatollah Khamenei, und nicht etwa der Staatspräsident. Dies hat sich nach dem Übergang der Präsidentschaft auf Mohammed Khatami noch verstärkt. Dessen Reformkurs wird von der Hizb Allah mit Mißtrauen beobachtet. Dies gilt besonders für Khatamis weniger strenge Ablehnung eines Friedensprozesses im Nahen Osten. Das Verhältnis zwischen dem Iran und der Hizb Allah basiert sehr stark auf den persönlichen Beziehungen zwischen iranischen Klerikern und solchen der Hizb Allah. Dementsprechend gibt es innerhalb dieses Verhältnisses Schwankungen, und Fraktionsbildungen im iranischen Klerus spiegeln sich in der Hizb Allah wieder, deren Führer jeweils eigene Anhänger und auch unterschiedliche Beziehungen zu verschiedenen iranischen Klerikern haben.[13]
Der Iran ist für die Führung der Hizb Allah nach wie vor eine Autorität in grundsätzlichen Angelegenheiten. So wandte sich der majlis al-schura nach dem Rückzug der Israelis aus der Sicherheitszone ratsuchend an Khamenei, weil man vor der Alternative stand, sich nun stärker auf den Ausbau der innerlibanesischen Position der Partei zu konzentrieren oder weiterhin in erster Linie den Kampf gegen Israel zu führen. Khamenei soll geraten haben, sich “auf die kommende Schlacht um Jerusalem vorzubereiten”.[14]
Das iranische Geheimdienstministerium VEVAK[15] unterhielt stets enge Beziehungen zu Imad Mughniya, dem Leiter der Abteilung für auswärtige Operationen der Hizb Allah.[16]
Das VEVAK hat verschiedentlich Hizb Allah Kämpfer für seine internationalen verdeckten Aktionen verwendet. Diese wurden vor allem aus verschiedenen schiitischen Clans in der Gegend von Baalbeck in der libanesischen Bekaa-Ebene rekrutiert. Die betreffenden Clans unterstützen sämtlich die Hizb Allah seit ihrer Gründung 1982.[17]
So waren drei der Täter des Mordanschlags auf iranisch-kurdische Oppositionelle im Berliner Lokal Mykonos 1992, hinter dem der iranische Geheimdienst stand, Angehörige der Hizb Allah, und auch mit den Anschlägen auf israelische Einrichtungen in Argentinien 1992 und 1994 wurde nicht nur die Hizb Allah, sondern auch der Iran in Verbindung gebracht.[18]
Neben dem Iran ist Syrien in der Lage, auf die Hizb Allah Einfluß zu nehmen. Zwar stand schon unter Hafis al-Assad, dem Vater des jetzigen Präsidenten, das syrische Regime, das sich auf die säkulare Doktrin der Baath-Partei stützt, islamistischen Bewegungen feindlich gegenüber. Syrien war auch eines der ersten Länder, das sich mit islamistischem Terrorismus konfrontiert sah. Ende der 70er Jahre begann der syrische Arm der im Gegensatz zur Hizb Allah allerdings sunnitischen Muslimbruderschaft mit einer langanhaltenden und letztlich auch das Regime gefährdenden terroristischen Kampagne, die schließlich von Hafis al-Assad durch den massiven Einsatz des Militärs beendet wurde.
Dies hindert Syrien allerdings nicht daran, islamistische Gruppen zu unterstützen, die gegen Israel operieren. So befinden sich in Damaskus neben den Hauptquartieren säkularer Terrorgruppen, wie zum Beispiel der Volksfront für die Befreiung Palästinas (PFLP), das Hauptquartier des Palästinensischen Islamischen Heiligen Kriegs (PIJ) und eine Vertretung der HAMAS.[19] Vor allem aber unterhält Syrien, das im Libanon praktisch als Protektoratsmacht auftritt, enge Beziehungen zur Hizb Allah. Auf Grund des völlig unterschiedlichen ideologischen Hintergrunds der Hizb Allah auf der einen und der syrischen Baath-Partei auf der anderen Seite, war diese Partnerschaft nie ganz einfach, wurde aber durch die Tatsache, daß die Hizb Allah sich mit Syrien als de facto Protektoratsmacht im Libanon arrangieren mußte, wenn sie keine möglicherweise existenzbedrohende Konfrontation riskieren wollte, sowie durch das gemeinsame Interesse einer Bekämpfung der israelischen Armee zusammengehalten. Außerdem wollte die syrische Regierung den Einfluß des Iran begrenzen und über eine Zusammenarbeit mit der Hizb Allah eine engere Kontrolle ausüben, wie sie durch die rein räumliche Kontrolle der wichtigen Hizb Allah Stützpunkte in der syrisch besetzten Bekaá Ebene nicht möglich gewesen wäre.
Zeitweise gelang es Syrien sogar, Operationen der Hizb Allah in der israelische besetzten Sicherheitszone dem Stand der syrisch-israelischen Verhandlungen über die Rückgabe der Golanhöhen anzupassen, d.h. über die Hizb Allah mehr oder weniger Druck auf Israel auszuüben. Nichtsdestoweniger ist die Hizb Allah unabhängig und folgt nicht etwa blind Befehlen aus Damaskus.[20]
Nach dem Regierungsantritt Bashar al-Assads hat sich das Verhältnis Syriens zur Hizb Allah eher noch enger gestaltet. Syrien soll sogar Hisb Allah Einheiten in die syrische Armee im Libanon integriert haben. Außerdem hat Bashar al-Assad im Gegensatz zu seinem Vater damit begonnen, der Hizb Allah auch schwere Waffen zu liefern.[21]
Schätzungen über den Etat der Hizb Allah und seine Zusammensetzung gehen weit auseinander und bleiben recht vage. Der Volkswirt und Professor an der Universität Linz, Friedrich Schneider, schätzte in einem Vortrag beim Bundesnachrichtendienst den Jahresetat der Hizb Allah auf ca. 50 Mio. $.[22]
Nach Angaben der US-Regierung unterstützte allein der Iran die Hizb Allah um die Jahrtausendwende mit Waffen und Ausrüstung und finanziellen Beihilfen von ca. 100 Mio. $, strebte aber eine größere finanzielle Unabhängigkeit der Hizb Allah an.[23] Diese Zahl kann man auf die Gegenwart aber nur schwer übertragen, da Israel sich inzwischen aus dem Südlibanon zurückgezogen hat und dies den Finanzbedarf der Hizb Allah beeinflußt haben dürfte. Weder der Jahresetat noch der Anteil der iranischen und vielleicht auch syrischen Subsidienzahlung läßt sich genau beziffern. Dasselbe gilt für die Spenden, die von Hizb Allah-Angehörigen im Nahen und Mittleren Osten aber auch in Europa und Amerika gesammelt werden.
In den 90er Jahren griffen terroristische Gruppierungen auf der ganzen Welt verstärkt auf kriminelle Aktivitäten zur Finanzierung ihrer Tätigkeit zurück. So beteiligte sich z.B. die PKK am europäischen Drogenhandel und tschetschenische Gruppen sollen ebenfalls Drogenhandel, illegalen Verkauf von Öl und Kidnapping betrieben haben. Auch die Hizb Allah betrieb Drogengeschäfte, die auf dem Schlafmohn- und Haschischanbau in der Bekaa-Ebene basierten.[24] Dort wurde seit dem libanesischen Bürgerkrieg im großen Stil Schlafmohn und Cannabis angebaut. Diese Verwicklung der Hizb Allah wurde von den syrischen Streitkräften in der Bekaa-Ebene geduldet.
Die Hizb Allah profitierte zunächst indirekt vom Drogengeschäft, da ihr von den in der Bekaa-Ebene Schiiten Drogengelder gespendet wurden. Als die Syrer 1997 mit einer Antidrogenkampagne im Libanon begannen, stellte sich die Hizb Allah in der Bekaa-Ebene vor die meist schiitischen Bauern.[25] Die libanesische Regierung übt aber immer noch keine Kontrolle über das Gebiet aus, und auch die Syrer sind nicht in der Lage, das ganze potentielle Anbaugebiet zu kontrollieren. Der zunächst rapide geschrumpfte Drogenanbau soll 2001 wieder massiv zugenommen haben, da die versprochene nationale und internationale Hilfe für die Bauern im vorgesehenen Umfang ausblieb. Die Verarmung der Bauern trieb diese zurück zum Drogenanbau. Außerdem dauern die Drogenherstellung und Schmuggel an. Nach letzten Information des Observatoire Geopolitique des Drogues (Stand 1999) soll die Hizb Allah nach wie vor an der Herstellung von Heroin und dem Schmuggel nach Europa beteiligt sein.[26]
Friedrich Schneider schätzt den Anteil der Gewinne aus dem Drogengeschäft bei “Al Qaida und anderen Terrororganisationen” auf 20-30% der gesamten Finanzmittel.
Anfang September 2002 teilte der Chef der US-Drogenbekämpfung, Asa Hutchinson, dem Fernsehsender CNN mit, daß es erstmals gelungen sei, eine direkte Verbindung zwischen dem Straßenverkauf von Drogen in den USA und der Finanzierung nahöstlicher Terrorgruppen nachzuweisen. In diesem Zusammenhang erwähnte Hutchinson auch die Hizb Allah. Eine konkrete Summe nannte er nicht, doch sei der Anteil der Drogengelder an der Finanzierung von Terrororganisationen im Nahen Osten erheblich.[27]
Die US Drug Enforcement Agency (DEA) und das FBI verstärken angesichts des wieder stark zunehmenden Drogenanbaus in Afghanistan ihre Aktivitäten. So richtet das FBI neue Narco-Terrorism Teams ein und dehnt seine Ermittlungen speziell gegen Drogenringe aus, die Verbindungen zu Al Qaida, Hizb Allah oder anderen terroristischen Gruppen haben.[28]
Im Nahen Osten in Umlauf gebrachte gefälschte Dollarnoten wurden in Gegenden des Libanon zurückverfolgt, die von der Hizb Allah kontrolliert wurden, und 1994 berichtete ein US Report des Kongresses, die Hizb Allah sei daran beteiligt, in den USA Falschgeld in Umlauf zu bringen. Insofern könnte auch die Geldfälschung zur Finanzierung der Hizb Allah beitragen oder beigetragen haben.[29] Diese Einnahmequelle dürfte aber von untergeordneter Bedeutung sein.
In Deutschland ist über eine organisierte Beteiligung von Hizb Allah-Anhängern am Drogengeschäft oder anderen Formen der organisierten Kriminalität bisher nichts bekannt geworden.

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