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Fortsetzung: Die Hizb Allah: Ihre internationalen Aktivitäten und ihre Präsenz in Deutschland

Holger Berschel

Militärische und terroristische Aktionen der Hizb Allah im Nahen Osten seit dem israelischen Rückzug aus dem Libanon

Als die Kämpfer der Hizb Allah unmittelbar nach dem israelischen Abzug in den Südlibanon einrückten, wurden sie von der Bevölkerung als Befreier gefeiert. An der Grenze zu Israel blieb es erstaunlich ruhig. Die Hizb Allah riskierte offensichtlich keinen weiteren Schlagabtausch mit Israel, um nicht vor der Weltöffentlichkeit als der Aggressor dazustehen und massive, dann leicht zu rechtfertigende, israelische Gegenschläge auf sich zu ziehen.

Für Syrien war der Abzug der Israelis aus dem Libanon alles andere als wünschenswert. Ganz abgesehen davon, daß seither die militärische Präsenz der Syrer im Libanon nur noch schwer zu legitimieren ist, ging auch die Möglichkeit, über das Instrument der Hizb Allah Druck auf Israel auszuüben, unerwartet plötzlich verloren. Angesichts ihrer hoffnungslosen militärischen Unterlegenheit haben die Syrer den Waffenstillstand auf den Golanhöhen immer penibel eingehalten. Stattdessen unterstützte die syrische Führung den Stellvertreterkrieg der Hizb Allah im Südlibanon und versuchte, eine Friedenslösung für den Libanon mit einer Regelung der Golanfrage zu verknüpfen. Dies war nun ohne weiteres nicht mehr möglich, da Syrien für weitere Angriffe der Hizb Allah an der Nordgrenze Israels mitverantwortlich gemacht werden würde.

Es wundert deshalb nicht, daß die syrische wie die libanesische Regierung, den israelischen Rückzug als unvollständig bezeichneten, da er das Gebiet der im Hermongebirge liegenden sogenannten Schebaafarmen nicht umfasse, das Israel 1967 im Rahmen seiner Operationen auf dem Golan besetzt hatte. Obwohl die UN feststellte, daß das Gebiet zu Syrien gehört, änderten die beiden Regierungen ihre Haltung zu der Frage nicht, und die libanesischen Sicherheitskräfte haben nie die Kontrolle über die geräumten Gebiete übernommen. Diese liegt bis heute mehr oder weniger bei der Hizb Allah, die bald der Versuchung erlag, durch weitere Angriffe im Schebaa-Gebiet den Status als “kämpfende Befreiungsbewegung” und letzte bewaffnete Miliz im Libanon zu konservieren und Syrien damit die Fortsetzung seiner Nadelstichpolitik in kleinerem Maßstab ermöglichte. Selim Abou, der Rektor der Beiruter Saint-Joseph-Universität sagte dazu: “Man kann übrigens darauf wetten, daß, sollte sich Israel aus dieser Region [gemeint sind die Schebaa-Farmen] zurückziehen, man irgendwo an der Grenze ein paar Quadratmeter finden würde, die mit Waffengewalt zu verteidigen wären.”[30] Die bis heute andauernden Kampfhandlungen im Bereich der Schebaa-Farmen sind von unterschiedlicher Intensität, überschreiten aber sämtlich nicht die Schwelle des low-intensity-warfare. Die bisher spektakulärste Aktion war die Entführung dreierisraelischer Soldaten am 7. Oktober 2000 durch als UN-Soldaten verkleidete Hizb Allah Kämpfer – eine Operation, die auf den hohen Ausbildungsstand der Hizb Allah schließen läßt.[31]

Durch die Terroranschläge auf die Vereinigten Staaten vom 11. September 2001 hat sich die Lage für die Hizb Allah, den Libanon und Syrien aus zweierlei Gründen verkompliziert. Erstens reagieren die USA seither sehr empfindlich auf Terrorismus und beobachten und beurteilen kämpfende Gruppierungen aller Art, insbesondere islamische Gruppen, wesentlich schärfer. Zweitens planen die Vereinigten Staaten offensichtlich eine militärische Operation gegen den Irak. Für diese Operation benötigen sie ein möglichst stabiles politische Umfeld im Nahen Osten. Deshalb ist die amerikanische Politik bestrebt, den Konflikt um Israel möglichst abzukühlen, und die Hizb Allah wurde von den USA ebenso wie der palästinensische al-dschihad al-islami und HAMAS auf die Liste der terroristischen Organisationen gesetzt, deren Vermögen zu blockieren sei. Ein Angebot der USA, die Hizb Allah wieder von der Liste zu streichen, wenn diese sämtliche Angriffe auf Israel und die Schebaa-Farmen einstelle, wurde abgelehnt. Die Hizb Allah betrachtet sich selbst natürlich nicht als Terrorgruppe, sondern als legitime Widerstandsbewegung. Dennoch erklärte Nasrallah am 4. November 2001: ”It is our pride that the Great Satan (U.S.) and the head of despotism, corruption and arrogance in modern times considers us as an enemy that should be listed on the terrorism list"[...][32]

Folglich wuchs der Druck der USA auf Syrien und den Libanon, Hizb Allah im Zaum zu halten. Zwar weigerte sich die libanesische Regierung, die Konten der Hizb Allah einzufrieren und zog sich gemeinsam mit Syrien auf die Argumentation zurück, man müsse zwischen Terror und legitimen Widerstand unterscheiden.[33] Doch sind beide Staaten bestrebt, von den USA von der Liste der den “Terrorismus unterstützenden Staaten” gestrichen zu werden. Syrien möchte ein glaubhafter Partner der Antiterrorallianz sein, will aber gleichzeitig nicht darauf verzichten, im Südlibanon weiterhin Druck auf Israel auszuüben. Beides dient dem Ziel, die Golanhöhen zurückzugewinnen. Einerseits will man Israel durch Druck zeigen, daß der Konflikt mit Syrien nachteilig ist, andererseits muß man Vertrauenswürdigkeit unter Beweis stellen, da sich Israel sonst zu einer Rückgabe des Golan nicht bereit erklären wird. Deshalb gleicht die Politik der Syrer seit dem 11.9.2001 mehr denn je einer Gratwanderung.

Als die israelische Armee im April 2002 große Teile des Westjordanlands besetzte und der palästinensisch-israelische Konflikt damit einen neuen Höhepunkt erreichte, kam es auch erstmals seit dem Rückzug Israels aus dem Südlibanon wieder zu Gefechten an der israelisch-libanesischen Grenze, während sich die Kampftätigkeit im Bereich der Schebaa-Farmen erheblich verstärkte und tagelang andauerte.

Daneben kam es auch zu Angriffen nicht genau identifizierbarer palästinensischer Gruppen auf das israelische Kernland. Es ist mit Sicherheit davon auszugehen, daß Hizb Allah mit den militanten palästinensischen Gruppen kooperiert und diese logistisch unterstützt. Auch über das taktische Vorgehen, Auswahl der Ziele etc. dürfte Hizb Allah angesichts ihrer starken Position im Südlibanon wenigstens grob informiert sein.

Es ist anzunehmen, daß die Hizb Allah bei ihren forcierten Angriffen davon ausging, Israel werde während seines starken Engagements im Westjordanland eine zweite Front im Norden vermeiden wollen - weniger, weil es dieser Aufgabe militärisch nicht gewachsen wäre, sondern, um in angespannter Lage weitere politische Unwägbarkeiten im Verhältnis zu den USA, zu Europa und auch auf innenpolitischen Gebiet zu vermeiden.

Israels Ministerpräsident Scharon machte Syrien und Iran für die Grenzangriffe der Hizb Allah verantwortlich und drohte damit, auf weiter Angriffe “sehr hart” zu reagieren. Es wurden zusätzliche Reservisten einberufen, um die Nordgrenze zu sichern, und es verdichteten sich die Anzeichen für eine bevorstehende israelische Offensive. Syrien verlegte während der Eskalation im Süden bereits Einheiten aus dem christlichen Kerngebieten des Libanon in die Bekaa-Ebene, um im Falle eines israelischen Vergeltungsschlags nicht militärisch involviert zu werden, aber auch um sich der Öffentlichkeit als unbeteiligt zu präsentieren. Nachdem der iranische Außenminister Kamal Kharrazi eine weitere Eskalation des Konflikts als unklug bezeichnet hatte und US-Außenminister Colin Powell in Damaskus und Beirut die beteiligten Regierungen gewarnt hatte, daß weitere Angriffe als Angriffe auf US-Interessen interpretiert werden würden, entspannte sich die Lage jedoch rasch und die Angriffe auf israelische Positionen endeten.

In jüngster Zeit nimmt das Säbelrassen der beiden Kontrahenten wieder erheblich zu. In Israel ist man über die Enttarnung eines Spionagerings der Hizb Allah in der israelischen Armee aufgebracht (ein solcher Einbruch in die Armee war bislang nahezu unvorstellbar) und sorgt sich über die ungestörte Aufrüstung der Hizb Allah seit dem israelischen Rückzug. Angeblich verfügt die Hizb Allah neben einem beachtlichen Arsenal von Katjuscha-Artillerieraketen von 8.000 bis 10.000 Stück inzwischen über iranische Kurzstreckenraketen vom Typ Zelzal 2 mit einer Reichweite von wahrscheinlich 200 km. Generalmajor Benny Ganz, der Befehlshaber des Nordkommandos der IDF, sagte im Herbst 2002, es sei “fast sicher”, daß Israel bald Krieg gegen die Hizb Allah und Syrien führen werde. Es ist jedoch gut möglich, daß solche Äußerungen weniger konkrete Angriffsabsichten widerspiegeln als dazu dienen sollen, Libanon, Syrien und die Hizb Allah vor unbedachten Handlungen während des kommenden Irakkrieges zu warnen. Man kann davon ausgehen, daß die Regierung Scharon jeden Fehler der Hizb Allah in dieser Richtung als einmalige Möglichkeit betrachten würde, mit der Hizb Allah abzurechnen. Die Hizb Allah Führung gibt sich ihrerseits kämpferisch und betont, daß man für alle Eventualitäten gerüstet und auf einen israelischen Angriff gut vorbereitet sei. Im September 2002 bezeichnete der stellvertretende US-Außenminister Richard Armitage die Hizb Allah als ”the A-Team of Terrorism” und stellte sie noch über Al-Qaida. Der Vorsitzende des US Senatsausschusses für Geheimdienstfragen Bob Graham ging gar so weit, Luftangriffe der US Air Force gegen die Hizb Allah Stellung in der Bekaa-Ebene zu fordern.[34]

Im Falle eines israelischen Angriffs auf den Libanon wäre wohl mit weltweiten Terroranschlägen auf israelische Ziele zu rechnen, so wie auch den Anschlägen 1992 und 1994 in Argentinien und London israelische Aktionen vorausgegangen waren. 1992 war bei einem israelischen Angriff der Hizb Allah-Generalsekretär Abbas Mussawi getötet worden. Den Anschlägen von 1994 waren israelische Luftangriffe auf Ausbildungslager der Hizb Allah und die Entführung des Funktionärs Mustafa Durani vorausgegangen. Auch wenn die Hizb Allah sich seit einigen Jahren auf die Guerillakriegführung gegen Israel und die Entführung israelischer Staatsbürger (wobei es sich meist um Soldaten handelt) beschränkt, bedeutet dies keineswegs, daß sie zu einer neuerlichen internationalen Terrorkampagne nicht mehr in der Lage wäre.

Der Erfolg der Hizb Allah gegen die israelischen Besatzer hat die “Partei Gottes” auch zu einem Vorbild für die Kämpfer der palästinensischen Intifada gemacht und auf der anderen Seite die militärisch nun fast beschäftigungslose Hizb Allah dazu angeregt, den palästinensischen Mitstreitern unter die Arme zu greifen. Am 28. September 2001 äußerte Nasrallah anläßlich einer Demonstration in Beirut zum ersten Jahrestag des Ausbruchs der Intifada, daß die Hizb Allah den Widerstand der Palästinenser weiterhin mit aller verfügbaren Kraft unterstützen werde. So dient der hizb-allah-eigene TV-Sender Al-Manar nun der Propaganda für die Intifada. Außerdem versorgt die Hizb Allah palästinensische Kämpfer mit Geld und mit Waffen, die aus dem Libanon über Syrien und Jordanien ins Westjordanland oder über Ägypten in den Gazastreifen geschmuggelt werden.[35] Nach israelischen Angaben wurden von der Hizb Allah 2002 Waffen und Sprengstoffe auch direkt über die libanesisch-israelische Grenze ins Westjordanland gebracht. Angeblich soll die Operation mit Gewinnen aus dem Drogengeschäft finanziert worden sein.[36]

Besonders augenfällig ist auch die Weiterentwicklung und Verbesserung der palästinensischen Kampftechniken, was auf eine Ausbildung palästinensischer Kämpfer durch die Hizb Allah hindeutet. In dieser Hinsicht ließ besonders die Zerstörung eines Merkawa-Kampfpanzers der israelischen Armee aufhorchen, der am 15. Februar 2002 von Palästinensern in eine Sprengfalle gelockt worden war. Der Einsatz solcher ferngezündeter oder mit Lichtschranken ausgelöster Minen ist eine Technik, die von der Hizb Allah im Guerillakrieg gegen die Israelis im Südlibanon perfektioniert worden war.[37] Nach Informationen europäischer Geheimdienste wurden Fatah- und HAMAS-Kämpfer auf palästinensischem Gebiet von einem Hizb Allah-Aktivisten für solche Angriffe ausgebildet.[38]

Im Gazastreifen leiteten Angehörige der Hizb Allah Mörserangriffe gegen israelische Siedler. Im Juni 2002 verhafteten die israelischen Sicherheitskräfte einen Hizb-Allah-Kämpfer in Hebron, der mit kanadischem Paß eingereist war. Aber auch im Libanon werden Palästinenser von der Hizb Allah und Iranischen Revolutionswächtern ausgebildet.[39]


[30] Jungle World 24.4.2002.
[31] Die Presse- und Informationsabteilung der Botschaft des Staates Israel in der Bundesrepublik Deutschland - Berlin; http://liste.israel.de/Presse/301001.html.
[32] Hezbollah Proud to Be on Terror List, NewsMax.com Wires, Sunday, November 4, 2001; http://www.newsmax.com/archives/articles/ 2001/11/4/204041.shtml
[33] Dies ist besonders beachtlich, da die Vereinigten Staaten mit Wirtschaftssanktionen gegen das libanesische Bankensystem drohten, die mit Sicherheit zum Zusammenbruch der libanesischen Wirtschaft führen würden. Blanche, Ed: Washington terror list worries Lebanon, in: Jane´s Intelligence Review, 14 (2000), Nr. 1, S. 9f. (S. 10).
[34]Blanford, Nicholas: Waiting Game, in: Jane´s Defence Weekly, 30. Oktober 2002, S. 19. Blanford: Hizballah prepares, S. 29.
[35]Sobelman, Daniel: Hizbullah lends its services to the Palestinian Intifada, in: Jane´s Intelligence Review, 13 (2001), Nr. 11, S. 12-14 (13f.).
[36]UN. Critical links between crime, illicit drugs, corruption, terrorism revealed by 11 September events, Third committee told, M2 Presswire, 2.10.2002.
[37]Leader, Stefan: Hizbullah: a multidimensional threat to the security of israel, in: Jane´s Intelligence Review, 14 (2002), Nr. 4, S.28.
[38] Kitfield, James: The Hezbollah model, in: National Journal (Washington D.C.), 34 (18.5.02), Nr. 20, S. 1462-1468 (S. 1467).
[39] Federal Document Clearing House Congressional Testimony; Capitol Hill Hearing Testimony, Statement of Matthew A. Levitt, Senior Fellow in Terrorism Studies, The Washington Institute for Near East Policy; Committe on House International Relations, Subcommittee on the Middle East and South Asia , 18.9.2002.

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Jahrbuch Internationale Politik: Weltverträgliche Energiesicherheitspolitik
von Josef Braml, Karl Kaiser, Hanns W. Maull, Eberhard Sandschneider, Klaus Werner Schatz (Hrsg.)

Veröffentlicht am 2. Juni 2008

Das neu konzipierte Standardwerk der internationalen Politik bietet eine systematisch-vergleichende Analyse eines aktuellen Themas: Weltverträgliche Energiesicherheitspolitik. Autorinnen und Autoren sind renommierte deutsche Experten sowie maßgebliche Repräsentanten der operativen Politik, des Bundeskanzleramts, des Bundestags und von Bundesministerien. Neben der wechselseitigen Politikberatung leistet das Jahrbuch – in Zusammenarbeit mit den Medien und anderen Multiplikatoren – auch Öffentlichkeitsberatung.

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