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Eine kritische Betrachtung der kulturellen Auswirkungen der Globalisierung

Charme Ina Sucharewicz

1. Einordnung des Begriffs „Globalisierung“

Globalisierung ist zu einem Schlagwort geworden, das in publizistischen, politischen und wissenschaftlichen Debatten der letzten Jahre inflationär gebraucht wird. Dabei wird sie einerseits als Bedrohung für Gesellschaften und deren Mitglieder, andererseits als Chance für ökonomisches Wachstum und internationale Kooperation wahrgenommen.  Kaum ein anderer Begriff der internationalen Beziehungen löste derart viele Erklärungsversuche und Kontroversen aus. Eine einheitliche Definition von Globalisierung muss schon daran scheitern, dass sie – je nach gewählter Perspektive – unterschiedlich wahrgenommen werden kann. Diese Perspektiven beziehen sich nicht nur auf die zeitliche Dimension, sondern auch auf die unterschiedlichen Inhalte. In einem Punkt stimmen alle Definitionsversuche überein: die Vorstellung, in geschlossenen, abgrenzbaren Räumen von Nationalstaaten zu leben und zu handeln, gehöre der Vergangenheit an.

Ganz allgemein beschreibt der Begriff Globalisierung die Ausweitung der verdichteten sozialen Zusammenhänge über den nationalen Rahmen hinaus. Soziale Zusammenhänge konstituieren sich durch den Austausch oder die gemeinsame Produktion von Waren, Dienstleistungen, Kapital, Arbeitskräften und Risiken.[1] Dabei handelt es sich um eine realhistorische Entwicklung, die bis in die Anfänge der Industrialisierung zurückreicht und mit der Einsicht von Staaten begann, dass sich der offene Warenaustausch zwischen Volkswirtschaften wohlstandssteigernd auswirkt.  Die OECD (Organisation for Economic Cooperation and Development) bezeichnet Globalisierung als einen

„Prozess, durch den Märkte und Produktion verschiedener Länder durch die Dynamik des Handels mit Gütern und Dienstleistungen sowie durch die Bewegungen von Technologie und Kapital, immer abhängiger voneinander werden.“[2]

Eine gängige Definition beschreibt Globalisierung auch als:

„Zunahme der Intensität und Reichweite grenzüberschreitender Austausch- und Interaktionsbeziehungen, wie wirtschaftliche Transaktion, kulturelle und informatielle Austauschprozesse oder grenzüberschreitender Austausch von Schadstoffen.“[3]

Wesentliche Faktoren, die diesen Prozess vorantreiben sind technische Erfindungen, außenwirtschaftliche Liberalisierung, innerstaatliche Deregulierung, gesunkene Transportkosten und zunehmende Vereinheitlichung technischer Normen. Die Globalisierung von Finanz-, Produktions- und Arbeitsmärkten wird wiederum von Kapitalakkumulation und institutioneller Rationalisierung gesteuert.[4] In ihren jeweiligen Ausprägungen verläuft Globalisierung in verschiedenen Weltregionen stark asymmetrisch, muss aber dennoch als globaler Trend verstanden werden. Es handelt sich in starken Maße um ein ökonomisches Phänomen, dessen gesellschaftliche Auswirkungen unterschiedlich interpretiert werden.

2. Die Auswirkungen der Globalisierung auf Kulturen

Wird der Globalisierungsprozess ausschließlich auf ökonomischem Gebiet betrachtet, ist er zumindest anhand von Indikatoren quantifizierbar. Anstiege von Welthandel und Weltproduktion sind zahlenmäßig fassbar. Die kulturellen Auswirkungen der Globalisierung hingegen können nicht empirisch gemessen werden und sind sehr umstritten. Einigkeit herrscht lediglich dahingehend, dass die neuen Kommunikations- und Informationssysteme die unterschiedlichen Kulturen nicht unbeeinflusst lassen. Die universelle Entwicklung der Waren- und Finanzmärkte und die starke Verflechtung von Finanzen und Ökonomie bewirkten eine Internationalisierung von Arbeit und Tourismus. Ebenso führte die, größtenteils aus politischen, sozialen und ökonomischen Gründen erzwungene Mobilität, zu einer Vermischung der Kulturen. Die enorme Verbreitung elektronischer Medien schuf eine weitere Voraussetzung zur Vernetzung der Kulturen. Zwischenmenschliche Beziehungen können aufgrund der technischen Möglichkeiten trotz geographischer Entfernungen aufrecht erhalten werden. Beispielsweise ermöglicht das Internet grenzenlose und kostengünstige Kommunikation.

2.1 Homogenisierungsszenario, McDonaldisierung und Weltsystemtheorie

Optimistisch eingestellte Globalisierungstheoretiker gehen von einer zunehmenden Verflechtung der Welt in Form einer neu entstehenden „global village“ aus. In Zeiten wachsender Kommunikation, gestiegener Mobilität und technologischer Vernetzung nahezu aller Teile der Welt wirkt aus dieser Sichtweise die Darstellung von zunehmender Regionalisierung bzw. Kulturalisierung anachronistisch..

Als auffälligstes Merkmal des Homogenosierungsszenarios der kulturellen Globalisierung wird die weltweite Angleichung von Gütern und Populärkulturen beschrieben. In Branchen wie der Mode oder Musik entstehe ein relativ homogenes Konsumverhalten.[5] Diese Tendenz wird oftmals dahingehend interpretiert, dass multinationale Unternehmen, die sogenannten „global players“, einen einheitlichen „lifestyle“ vorgeben, und somit zur Entstehung einer universalen Kultur beitragen.[6]

Das „Homogenisierungsszenario“ basiert auf der Annahme, dass durch eine Anpassung des Konsumverhalten und eine Vereinheitlichung der Film- und Fernsehbranche sowie anderer Teilbereiche des Alltagslebens, lokale Traditionen schrittweise verschwinden werden. Die hauptsächlich im Westen geprägten Güter würden letztlich zu einer weitgehend homogenen Kultur beitragen.[7] Berger stellt dazu fest, dass:

„(...) die Ausbreitung der Populärkultur nicht bloß eine Sache des äußerlichen Verhaltens ist, sondern auch wirkungsvolle Glaubens- und Wertvorstellungen beinhaltet. Man betrachte beispielsweise die Rockmusik. Ihre Anziehungskraft ist keineswegs bloß einer spezifischen Präferenz für laute Töne und gefährliche Verrenkungstänze zuzuschreiben. Die Rockmusik symbolisiert gleichzeitig eine ganze Reihe von kulturellen Werten, wie Selbstbefreiung, Spontaneität, freigesetzte Sexualität, und, was besonders wichtig ist, die Absage an jegliche, als verkalkt empfundene Tradition.“[8]

Für die These von kultureller Konvergenz steht das Schlagwort Mc Donaldisierung[9] der Welt. Durch die gestiegene Mobilität, die Verbreitung von Massenkommunikationsmedien, die weltweite Anziehungskraft des westlichen Wohlstandsmodells und die Standardisierung von Produkten entstünde ein neu begründetes globales Bewusstsein. Dabei wird davon ausgegangen, dass die weltweite Verbreitung von politischen Strukturen und der Konsum importierter Güter vereinheitlichend wirken.

Die Weltsystemtheorie  nimmt zu kulturellen Phänomenen einen funktionalistischen Standpunkt ein, da Kultur v. a. als ideologisches Feld begriffen wird. Da die globale Kapitallogik zentrale Triebfeder dieses Weltsystems sei, habe Kultur nur zwei Möglichkeiten: Entweder sie unterwirft sich dem Kapitalismus oder betreibt Politik der kulturellen Divergierenden, die den Erfordernissen des globalen Kapitals ebenso entspricht.  Aus der Perspektive der Weltsystemtheorie stellt sich Globalisierung  als langfristiger Prozess der kapitalistischen Penetration der Welt dar, der im 16. Jahrhundert beginnt und im einheitlich integrierten kapitalistischen Weltsystem der Gegenwart kulminiert. [10] Indem Francis Fukuyama einen universalistischen Wertekodex bestätigt, liefert er Vertretern dieser Position einen geeigneten ideologischen Überbau. Seine These vom „Ende der Geschichte“[11] besagt kurz gefasst, dass mit der liberalen Demokratie die endgültige menschliche Regierungsform erreicht ist, weil sie dem Endpunkt geistiger Evolution entspricht. Er sieht diesen Endzustand mit dem Aufkommen des Liberalismus und den diesem Geiste entsprechenden politischen und ökonomischen Ordnungen (Demokratie und Marktwirtschaft) erreicht. Nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes sei eine weltweite Durchsetzung der Demokratie nicht mehr aufzuhalten. Die liberalen Grundprinzipien Freiheit und Gleichheit müssten von allen Menschen anerkannt werden, um noch verbleibende Probleme endgültig zu lösen.

Auch für viele Ökonomen der neoklassischen Schule, die dazu neigen den Markt als eigentliche Triebkraft der Geschichte zu betrachten, scheint die menschliche Entwicklung determiniert zu sein. In diesem Sinne meint Herbert Giersch, langjähriger Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft:

„Globalisierung ist nur ein neues Wort für einen schon lange währenden Vorgang: die räumliche Ausbreitung der kapitalistischen Wirtschaftsweise bis an den Rand der Welt. Der Prozeß der Globalisierung ist im Trend und irreversibel.“[12]

2.2 Re-Lokalisierung, Hybridisierung und Fragmentierung

Die weltweite Verbreitung von Fast Food und Jeans kann auch anders bewertet werden. Die Ausweitung westlicher Standards bedeutet längst nicht die Ausweitung westlicher Werte, wie folgende Szenarien zeigen sollen.

Ereignisse, wie der 11. September, sprechen für seine Prognose, wonach trotz oder gerade durch die zunehmende Globalisierung, kulturelle Zugehörigkeiten einen immer höheren Stellenwert erlangen.Wenn gegen bestehende Strukturen vorgegangen wird, werden entsprechende Gegenbewegungen erzeugt. Die Ausdehnung globaler Formen ökonomischer, politischer oder kultureller Art, kann deshalb nicht reibungslos vonstatten gehen. Auf diese gegenläufigen Bewegungen richtet sich das Hauptaugenmerk eines Zukunftsentwurfes, demzufolge kulturelle Fragmentierung und damit das Wiedererwachen lokaler Bräuche den Haupttrend bildet.[13] Im Gegensatz zum Homogenisierungsszenario ist demnach Abschottung und Wiederbelebung alter Traditionen die Antwort ethnischer, religiöser und sozialer Gruppen auf die Modernisierung.

Globalisierungstheoretiker wie Ulrich Beck stellten bei Überlegungen zum Einfluss der Globalisierung auf gesellschaftliche Systeme eine neuartige Gleichzeitigkeit von Differenz und Heterogenität fest.[14] Die immer massivere Ausbreitung westlicher Konsumgüter ist demnach gleichzeitig auch Auslöser für ablehnende Reaktionen. Gerade weil weltweit die Kulturangebote immer ähnlicher zu sein scheinen, erleben kulturelle Werte eine Renaissance. Lokale Bezüge und nationale Traditionen werden aufgewertet und dienen der Identitätswahrung. Für das doppelseitige Phänomen der Globalisierung bei gleichzeitiger Bekräftigung des Partikularen, prägte der englische Soziologe Roland Robertson den Ausdruck „Glokalisierung“. 

„The relationship between the global and the local is extremely complex, as is apparent in recent research in cultural studies, area studies, and anthropoligy. Conceptualizations of a global-local dialiectic are particularly useful as they create a theoretical space for reconciling culuturalist analyses emphasizing the specificity of the local with political economy approaches stressing the universality of the global.”[15]

Die Re-Lokalisierung ist mittlerweile fester Bestandteil globaler Kulturangebote geworden, nachdem multinationale Unternehmen schmerzlich die Konsequenzen feststellen mussten, wenn sie den Kontext ihres Absatzmarktes ignorierten. Beispielsweise musste der Musiksender MTV Abschied von einem einheitlichen Konzept nehmen und strahlt mittlerweile 28 regionalspezifische Sendungen aus. Damit  stimmt auch die Beobachtung Lashs und Urrys überein:

„Consumerist global capitalism is wrapped into the increasingly thematized particular-universal relationship in terms of the connection between globewide, universalistic supply and particular demand (...). The contemporary capitalist creation of consumers frequently involves the tailoring of products to increasingly specialized regional, societal, ethnic, class and gender markets – so-called “micro-marketing”.”[16]

Kulturen waren bereits in ihren Urformen niemals frei von äußerer Beeinflussung. Im Zeitalter der Globalisierung veränderte sich allerdings das Ausmaß der gegenseitigen Vermischung. Kulturen rücken näher aneinander, ständig wechselnde Moden und immer kurzlebigere Kulturformen entstehen. Die Begriffe Hybridisierung und Kreolisierung umschreiben die Vermischung verschiedener Stile und Traditionen und  die daraus neue entstehende Form, welche sich aus den unterschiedlichen Teilen zusammensetzt. Durch Migranten, Touristen und die internationale Popkultur werden kulturelle Gewohnheiten übertragen. Popstars aller Länder touren um die Erde, Modedesigner lassen ihre neuesten Modelle rund um den Globus präsentieren, Touristen und Einwanderer importieren ihre eigenen Bräuche. Die fremden Güter, Bilder und Informationen fließen dann in bestehende Traditionen ein.

Trotz dieser beschriebenen Tendenz, ist zeitgleich eine Kulturalisierung zu beobachten, welche ursprüngliche Traditionen wieder aufleben lässt. Indigene Völker, ethnische und transnationale Zusammenschlüsse berufen sich auf ihre rituellen Besonderheiten. Ein neues Bewusstsein für den eigenen Ursprung, wirkt den Kreolisierungstendenzen direkt entgegen. Die permanente Präsenz fremder Bilder, übertragen durch elektronische Medien, unterhöhlen nationale Identitäten und zeigen Lebensweisen, die lokalen Kontexten widersprechen. Autoren wie Benjamin Barber legen nahe, dass aufgrund dieses Schockerlebnisses einige Gruppen als Ersatz für die verlorene nationale Bindung nach lokalgebundenen Identifizierungen suchen. [17] 

3. Integrative Faktoren der Globalisierung

Bei den Auswirkungen der Globalisierung spielen auch integrative Faktoren eine große Rolle. Kommunikation, wirtschaftliche Interdependenz und individuelle Freiheit sind starke Kräfte, die partikulare Strömungen bremsen können. Die weitere Entwicklung könnte dahingehend verlaufen, dass globaler wirtschaftlicher Aufstieg zu mehr Demokratie und individueller Autonomie führt. Die Verbreitung demokratischer Strukturen verringert – nach Immanuel Kant und dessen Anhängern – potentielle Konflikte, da Krieg zwischen Demokratien, aufgrund ihrer inneren Struktur, höchst unwahrscheinlich ist.

„(...) in the modern international system, democracies have almost never fought each other. This statement represents a complex phenomenon: (a) Democracies rarely fight each other (an empirical statement) because (b) they have other means of resolving conflicts between them and therefore do not need to fight each other (a prudential statement), and (c) they perceive that democracies should not fight each other (a normative statement).”[18]

Falls die Kausalkette der Forschungsergebnisse aus internationaler Politik, Soziologie und Wirtschaftswissenschaften gilt, kann folgendes festgestellt werden: Exportorientierung und Freihandel sind bedeutende Determinanten der Wohlstandssteigerung. Wohlstand trägt zur Stabilisierung von Demokratien bei und eine Kriegsgefahr unter Demokratien sinkt erheblich.[19]  Dieser Logik folgend, kann sich die Globalisierung positiv auf den kulturellen Weltfrieden auswirken, indem sie zur Überwindung von Massenarmut beiträgt und demokratische Ideen exportiert. Neueste Befunde zum Verhältnis zwischen westlichen und asiatischen Staaten bestätigen diese Annahme.

4. Globale Verwestlichung durch Modernisierung? 

Die Kräfte der Modernisierung greifen auch unmittelbar in soziale Beziehungen ein. Soziologen weisen darauf hin, dass in einer hochgradig modernisierten Umgebung, der einzelne seine Orientierungs- und Anhaltspunkte verliert[20]. Früher war jedes Individuum in soziale Subsysteme und gesellschaftliche Hierarchien eingebunden, die ihm seine Rolle zuwiesen. Heutzutage erodieren die meisten dieser Institutionen und Gefüge. Denn die negative Kehrseite technologischen Fortschritts, materiellem Wohlstand und persönlicher Autonomie äußert sich unter anderem im Zerbröckeln von Ehen, Perspektivlosigkeit und Sinnkrisen. Anthropologische und soziologische Studien widmen sich immer häufiger diesem Phänomen.

„Die beginnende Industrialisierung, das Anwachsen der Städte, die zunehmende Mobilität und ähnliche Entwicklungen leiten eine Herauslösung des Menschen aus traditionell gewachsenen Bindungen, Glaubenssystemen, Sozial-beziehungen ein. Die soziale Mobilität entfernt, ja mehr noch: entfremdet (...).“[21]

Bisher bildeten Nationalstaaten identitätsstiftende Einheiten, doch erfüllen sie diese Aufgabe in einer globalisierten Welt, in der Grenzen verschwimmen, nur noch unzureichend. Erfahrungshintergründe und Lebensentwürfe der Individuen differenzieren sich immer weiter aus und verlieren an gesamtgesellschaftlicher Verbindlichkeit. Insgesamt nehmen Individualisierung und Pluralisierung in allen Bereichen zu und führen zu einem Wandel persönlicher Beziehungen und traditioneller Lebensstile. Die Moderne erweitert zwar die individuellen Handlungsspielräume, konfrontiert aber ebenfalls mit Risiken und erfordert ein höheres Maß an Handlungskompetenz, Selbstbestimmung und sozialer Verantwortung, ohne dass herkömmliche Normen dabei Richtlinien bieten. Unter diesen Bedingungen wird es zunehmend komplizierter, das eigene Ich zu bestimmen, da unter modernen Bedingungen keine gesellschaftliche Zentralinstanz mehr besteht, die dauerhaft einen Platz im Sozialgefüge zuweisen kann. Gerade in Zeiten des schnellen sozialen Wandels, wächst das subjektive Bedürfnis nach persönlicher Stabilisierung und fester Gruppenidentifikation.  In der Folge begeben sich viele Menschen auf die Suche nach Ersatzorientierungen. Vor allem angetrieben von der Furcht vor Verlust der Identität, werden kulturelle und religiöse Bezüge gesucht und vor allem instrumentalisierbar.

Die häufig vertretene Prognose, wonach Modernisierung nicht automatisch eine Akzeptanz westlicher Werte mit sich bringe, erfährt damit weitestgehend Bestätigung. Vielen Völkern bietet der Rückgriff auf vertraute Werte und Riten einen willkommenen Halt. Unter diesen Voraussetzungen wird auch Fundamentalisten ein günstiger Nährboden bereitet. Sie bieten einfache Strategien für komplexe Fragen an. Religiöse Fundamentalisten füllen sämtliche Vorgänge mit vorgegebenen Glaubensinhalten. Diese  strikt monokausale Auslegung bietet in Zeiten biographischer Unsicherheit einen starken Anreiz.

Reale Belege für die Aussage, dass Modernisierung nicht mit Verwestlichung einhergeht, existieren. Z. B. wurde Industrialisierung in Osteuropa mit teilweise undemokratischen und neahzu despotischen Methoden durchgesetzt. Auch in Ost- und Südostasien veranschaulichen Länder wie China, Malaysia, Indonesien und Singapur, dass Modernisierung ohne Demokratisierung nach westlichem Vorbild verlaufen kann.

„(..) the association of modernization with Westernization has been questioned by countries such as Singapore, suggesting an alternative Asian dvelopmental model that could be adopted by Islamic communities.”[22]

Politiker ost- und südostasiatischer Staaten heben stolz hervor, dass Modernisierung ohne die Übernahme westlicher Werte, namentlich Individualismus und persönliche Freiheit, möglich ist.[23] Ihre autoritären Experimente seien der Beweis, wie eine Trennung zwischen freien Märkten und freien politischen Institutionen möglich sei. Trotz massiver Missachtung der Menschenrechte und der politischen Freiheit sind die Volkswirtschaften dieser Staaten in den letzten Jahren stetig gewachsen.

5. Bewertung

Aus kultureller Perspektive erweist sich Globalisierung als hochgradig dialektisch. Vermischung, Homogenisierung und Differenzierung der Kulturen schließen sich nicht gegenseitig aus, sondern stehen in unmittelbarer Wechselwirkung zueinander. Durch das häufigere Aufeinandertreffen unterschiedlicher Weltanschauungen, durch Ängste vor sozialer Instabilität und der zunehmenden Erosion des Nationalstaates als identitätsstiftende Einheit, lassen sich kulturelle Rückbezüge erklären. Werden die Folgen von Modernisierung von Bevölkerungsgruppen als Bedrohung der eigenen Identität perzipiert, sind häufig Xenophobie, Rassismus und Abschottung die Reaktion.

Bassam Tibi vertritt die Ansicht, dass die Übertragung westlicher Strukturen in Politik und Ökonomie keine globale Zivilisation hervorbringe. Die internationale Politik kehre gegenwärtig zu den regionalen Kulturen zurück. Diese weltweite Regionalisierung ginge jedoch einher mit der weiteren Entfaltung globaler Strukturen im internationalen System und in der Weltwirtschaft.[24] In eine ähnliche Richtung zielen neue Publikationen von Featherstone, Lash und Robertson. Aus ihrer Sicht ist kulturelle Globalisierung ein vielseitiges Phänomen, das zum einen auf einem Bewusstsein für weltweite Integration, zum anderen auf der Akzentuierung kultureller Differenz beruht. Der steigende Verflechtungsgrad der Ökonomien, die darauf bezogene Ausweitung des Welthandels und Internationalisierung von Produktion sowie der Bedeutungsverlust von Raum und Zeit hätten erhebliche Folgen für Kulturen, Identitäten und Lebensstile. Als Resultat sei ein Anstieg des kulturellen Bewusstseins zu verzeichnen.[25]

Der Feststellung von einer Gleichzeitigkeit struktureller Globalisierung und kultureller Fragmentierung ist zuzustimmen. Denn, wie bereits gezeigt, folgen weltweiten Modernisierungsprozessen zwar wachsende Gemeinsamkeiten in wirtschaftlichen, politischen und anderen Bereichen, doch lösen sie auch kulturelle und ethnische Fragmentierung aus, die bis zum Zerfall von politischen Strukturen führen können. Die Bedrohung von Identitäten begünstigt partikulare Tendenzen, die ihre Ausprägung in fundamentalistischen, ethnischen und nationalistischen Bewegungen finden. Es bleibt dennoch zweifelhaft, ob die Hoffnung auf eine künftige globale Weltkultur berechtigt ist. Von ähnlichem Konsumverhalten auf kulturelle Homogenität zu schließen, erscheint eher vordergründig, wie Huntingtons polemische Formulierung veranschaulicht:

„Irgendwo im Nahen Osten kann es sehr wohl ein paar junge Männer in Jeans geben, die Coca Cola trinken und Rap hören, aber zwischen Verbeugungen in Richtung Mekka eine Bombe basteln, um ein amerikanisches Flugzeug in die Luft zu jagen “.[26]

Eine bestimmte nationenübergreifende Schicht scheint dennoch bereits eine homogene Kultur zu teilen. Die Träger dieser Kultur stammen aus der internationalen Geschäftswelt. Sie arbeiten mit Computern, Handys und Wechselkursen, sind gleich gekleidet und sprechen untereinander englisch. Da diese Menschen zur Elite zählen, spiegeln sie nicht den Querschnitt ihrer Bevölkerung wieder. Diese Leute besetzen Regierungsämter sowie die wichtigsten Positionen in internationalen politischen und wirtschaftlichen Institutionen. Es ist nicht auszuschließen, dass ihr Vorbild von kultureller Einheit  einen prägenden Einfluss auf andere Gesellschaftsschichten hat. Ausgelöst durch ihr Verhalten könnte sich theoretisch eine Art spill-over-Effekt auf andere Bevölkerungsteile einstellen. Die funktionalistische Theorie der internationalen Beziehung geht davon aus, dass die Zusammenarbeit auf einzelnen Gebieten (meist innerhalb von „low politics“, die keine Sicherheitsfragen tangieren), eine Kooperation auf anderen Teilgebieten erleichtert und sogar erforderlich macht.[27] So könnte beispielsweise eine zwischenstaatliche Zusammenarbeit auf technologischem Sektor zu wirtschaftlichen Vereinbarungen führen, die wiederum politische Absprachen nach sich ziehen und so fort. Auch wenn diese Menschen bloß einen minimalen Prozentsatz der Weltbevölkerung ausmachen und womöglich auf keine breite Akzeptanz stoßen, so ist es ihnen doch aufgrund ihrer herausragenden Position möglich, Weichen für interkulturelle Zusammenarbeit zu legen. Gerade internationale Institutionen und staatliche Regierungen haben die entsprechenden Voraussetzungen, intergesellschaftliche Dialoge einzuleiten und innergesellschaftliche Erziehung zu Offenheit und Toleranz durchzusetzen.

Diese Aussicht muss allerdings kritisch betrachtet werden, denn es handelt sich bei der „Davos-Kultur“ um vornehmlich westlich geprägte Verhaltensstandards. Es hängt also vom subjektiven Standpunkt ab, ob diese Art von Vorbild erwünscht ist. Desgleichen ist höchst zweifelhaft, ob diese elitäre Gruppe bereit ist, ein derartiges Unterfangen zu unterstützen bzw. ob deren Einfluss tatsächlich gesellschaftliche Veränderungen bewirken kann.

Globalisierung berührt zwar die politische Ordnung in der Welt, vollzieht sich aber hauptsächlich auf zwei Gebieten: den Finanzen bzw. der Wirtschaft und der Technik. Jedoch setzen die verschiedenen Kulturen in ihrer Eigentümlichkeit dem Globalen eine Grenze. Sie gliedern sich sozial unterschiedlich auf, erkennen eigene Ideale, Rechte und Pflichten an. Diese Besonderheit ist integrativer Bestandteil der Identität von Kulturen und wird sich in absehbarer Zeit nicht einschränken lassen. Ein „Linearitäts-Mythos“[28] der kulturelle Konvergenz als unmittelbare Folge ökonomischer und kommunikations-technischer Vereinheitlichung versteht, ist analytisch nicht haltbar. Die zunehmende Regionalisierung und kulturelle Fragmentierung vielerorts lassen eine einheitliche Kultur in weite Ferne rücken. Während der internationale Austausch von Technologien, Medien und Gütern laufend ansteigt, kommt es in vielen Regionen zu einem Rückzug auf kulturelle und religiöse Werte, Normen und Traditionen. Oftmals führen gerade die Konsequenzen der Globalisierung dazu, dass kulturelle Identitäten neue Bedeutung erfahren. Unter anderem führen die  Schwächung des Nationalstaates als Bezugspunkt, weltweite Migrationen und Übertragungen der elektronischen Medien zu Verlustängsten, so dass alte vertraute Werte als stabile Orientierungshilfen fungieren.[29]

Die Widersprüchlichkeit der kulturellen Globalisierung zeigt sich demnach in parallel verlaufenden Prozessen der Dezentralisierung, Regionalisierung und Multipolarisierung. Es bilden sich zunehmend lokale Machtzentren und regionale Zusammenschlüsse, wie z. B. die Europäische Union, die NAFTA (North American Free Trade Association), die OIS (Organisation Islamischer Staaten) oder ASEAN (Verband Asiatischer Staaten), welche zu der neu entstehenden Multipolarität des internationalen Systems beitragen. Das internationale System ist folglich mit der Gleichzeitigkeit von Ungleichzeitigkeiten konfrontiert. Während die OECD-Welt des europäisch-atlantischen Raumes, „der Westen“, stabiler und sicherer geworden ist, nehmen Turbulenzen  in anderen Weltregionen zu, wie etwa ethno-nationalistische Gewaltausbrüche, die sowohl bestehende Territorialgrenzen als auch überkommene politische und soziale Ordnungen in Frage stellen. Kennzeichnend ist folglich die Parallelität von Regionalisierung und Globalisierung. Es konkurrieren regionale, globale, fundamentalistische,  dialogische und zahlreiche andere Vorstellungen von Gesellschaft, Wirtschaft und Politik miteinander. Innerhalb der internationalen Beziehungen findet jedoch nicht nur eine Entfremdung divergierender Kulturen statt, sondern es entsteht zugleich auch eine Annäherung in vielen, vor allem in ökonomischen und wissenschaftlichen Bereichen.



[1] Vgl. Zürn/Brozus (1996), S. 48ff.
[2] Plate, Bernard von (1999): Grundelemente der Globalisierung, in: Informationen zur Politischen Bildung, 2, S. 3-7
[3] Schulze-Engler, Frank (1998): McDonald´s und die fremden Völker: Kulturwissenschaftliche Perspektiven zur Globalisierungsdebatte, in: Peripherie, 69/70, S. 187
[4] Vgl. Jones, Mark T. (1998): Blade Runner Capitalism. The Transnational Corporation and Commodification, in: Cultural Dynamics, 10, S. 287-306
[5] Vgl. Plate (1999), S. 3-7 und vgl. Riberio, Antonio Sousa (1998): Globalisierung und kulturelle Identität, in: Trans Internetzeitschrift für Kulturwissenschaften, unter: www.inst.at/trans/5Nr/riberio.html
[6] Vgl. Schwengel, Hermann (2001): Globalisierung mit europäischem Gesicht, Berlin, S. 33ff.
[7] Vgl. Schulze-Engler (1998), S. 187f. und vgl. Wagner, Bernd (2000): Kulturelle Globalisierung. Von Goethes "Weltliteratur" zu den weltweiten Teletubbies, in: Das Parlament, unter: www.das-parlament.de
[8] Berger, Peter L. (1998): Die vier Gesichter der globalen Kultur, in: Europäische Rundschau, 1,  S.113.
[9] Vgl. Featherstone (1990): S. 75ff.
[10] Vgl. Wallerstein, Immanuel (1992): Geopolitics and Geoculture: Essays on the Changing World-System, Cambridge
[11] Fukujama (1989), S. 38ff.
[12] Schwengel (2001), S. 59
[13] Vgl. Schumann, Harald (1999): Die Globalisierung. Revolution des Kapitals, in: Der Spiegel, 25, 19. Juni und vgl. Sturm, Richard (2000): Die Globalisierung und kultureller Konflikt aus ökonomischer Sicht, in Mokre, Baden-Baden, S. 87ff.
[14] Vgl. Beck (1997), S. 55ff.
[15] Jones (1998), S. 287-306
[16] Featherstone, Mike/Lash, Scott/Robertson, Roland (Hrsg.) (1995): Global Modernities, London, S. 35ff.
[17] Vgl. Barber (1997), S. 58ff.
[18] Russet (1993), S. 5
[19] Vgl. Weede (1997), S. 13ff.
[20] Vgl. Berger/Berger/Kellner (1975), S. 19ff.
[21] Beck-Gernsheim, Elisabeth (1994): Individualisierungstheorie: Veränderungen des Lebenslaufs in der Moderne, in: Keupp, Heiner (Hrsg.): Zugänge zum Subjekt, Frankfurt am Main, S. 125
[22] Neckermann (1998), S. 318
[23] Vgl. Menzel (1998), S. 104-108
[24] Vgl. Tibi (1994), S. 18
[25] Vgl. Featherstone/Lash /Robertson (1995), S. 38ff.
[26] Huntington (1996), S. 79
[27] Vgl. Busch, Klaus (1996): „Spill-Over-Dynamik und Spill-Back-Potential in der europäischen Währungsintegration – ein Beitrag zur Integrationstheorie“, in: Jachtenfuchs, Markus/Kohler-Koch, Beate (Hrsg.): Europäische Integration, Opladen, S. 283ff.
[28] Beck (1997), S. 207
[29] Vgl. Beck-Gernsheim (1994), S. 125ff.


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Das kommende Europa
von Martin Koopmann und Stephan Martens (Hrsg.)

Veröffentlicht am 11. Februar 2008

50 Jahre nach dem Inkrafttreten der Römischen Verträge verbinden 22 deutsche und französische Autoren eine Bilanz des europäischen Einigungsprozesses mit einer Analyse der künftigen Herausforderungen in Europa. Wissenschaftler aus Think tanks und Universitäten erörtern ausgewählte Themen des europäischen Integrationsprozesses, wobei Fragen des Binnenmarktes und der Wirtschafts- und Sozialpolitik ebenso behandelt werden wie der Komplex der Erweiterungs- und Nachbarschaftspolitik, das Problem politischer Führung in der EU, die Rolle Europas in der Welt sowie spezifische Themen wie die Migrations-, die Energie- oder die Menschenrechtspolitik.

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