Home > Sachgebiete > Weltwirtschaft und Globalisierung > Grundlagen > Grundlagen > Fortsetzung: Theorien...

Fortsetzung: Theorien

Stormy Mildner

3. Theorien der International Political Economy und der Internationalen Beziehungen

Im folgenden sollen einige ausgewählte Theorien der Internationalen Beziehungen und der International Political Economy vorgestellt werden. Der Fokus dieser Theorien liegt mit einigen wenigen Ausnahmen auf der internationalen Ebene; es handelt sich zum Großteil um systemische Theorien.

Die Politikökonomen Frieden und Lake unterschieden zwischen drei grundlegenden Theorierichtungen, denen die meisten Theorien der internationalen Beziehungen und der IPE zugeordnet werden können. Diese unterscheiden sich bezüglich der Rolle des Staates, des Marktes und der Gesellschaft für die wirtschaftliche Entwicklung und Verteilungsgerechtigkeit als auch bezüglich der Bedeutung internationaler Institutionen:

3.1 Wirtschaftsliberalismus und internationaler Handel

Eine allgemein gültige Definition des Begriffs Liberalismus ist nur sehr schwer zu finden. So muss man sowohl zwischen dem klassischen politischen und klassischen wirtschaftlichen Liberalismus als auch zwischen dem klassischen, dem ordnungspolitischen und dem neoklassischen Wirtschaftsliberalismus unterscheiden. Erschwerend für eine Definition des Konzepts Liberalismus kommen seine unterschiedlichen Ausprägungen in verschiedenen Ländern hinzu.

Trotz der differierenden regionalen und zeitlichen Ausprägungen des Liberalismus steht allerdings immer das Individuum und seine ungehinderte freie Entfaltung und Selbstbestimmung im Zentrum der Betrachtung. Grundlegende Annahme ist, dass das freie Spiel der individuellen Kräfte zu einer optimalen Ordnung führt. Die Idee des Liberalismus hat drei Grundpfeiler: 1. Die Betonung des Interesses des Einzelnen (Individualismus), 2. die individuelle Nutzenmaximierung, die zu einer Maximierung des Gesamtnutzens führt (Utilitarismus) und 3. der rationale Geist, der dem Gefühl überlegen ist (Rationalismus).

Die Wurzeln des Liberalismus gehen auf die Aufklärung des 18. Jahrhunderts zurück. Das Hauptziel des politischen Liberalismus war die Überwindung des Absolutismus durch den Verfassungsstaat, während durch den Wirtschaftsliberalismus der Merkantilismus überwunden werden sollte. Der Moralphilosoph und Ökonom Adam Smith (1723-1790) ist der Urvater des Wirtschaftsliberalismus. Weitere Vertreter waren David Ricardo (1772-1823) und John Stuart Mill (1806-1873). Für Smith war der angeborene Egoismus der Wirtschaftsindividuen der Motor für die Wirtschaftsaktivität. Folgen die Wirtschaftsakteure ihren eigenen Interessen und versuchen sie diese zu maximieren, führt ihre Aktivität letztlich auch zu einer Maximierung des gesellschaftlichen Nutzens. Dies kann mit Bernard Mandevills Fabel der Bienen illustriert werden: Alle Bienen sammeln Honig, um ihren eigenen Vorrat und somit ihren Nutzen zu maximieren. Jede Biene für sich allein gesehen verfolgt demnach eine individuelle Nutzenmaximierung. Da das Bienenvolk jedoch seinen Honigvorrat gemeinsam aufbewahrt, maximiert jede einzelne Biene den Gesamtnutzen der Bienengesellschaft.

Smith zufolge soll der Staat nicht in die Wirtschaftsaktivität der Individuen eingreifen. Der Markt besitzt die Fähigkeit zur Selbstregulierung und gleicht die unterschiedlichen Interessen aus. Über Angebot und Nachfrage stellt sich ein Tauschwert der Güter (Preis) ein, solange die Märkte offen sind. Klassische Forderungen des Liberalismus waren demnach Gewerbefreiheit und Freihandel. In Hinblick auf internationale Wirtschaftsbeziehungen und internationalen Handel argumentierte Smith seiner Theorie der absoluten Kostenvorteile zufolge, dass internationaler, freier Handel - sowohl Importe als auch Exporte - für alle Staaten von Vorteil sei. Folglich sollte der Staat von protektionistischen Maßnahmen Abstand nehmen.

Dabei war Smith im Vergleich zu dem später unter Richard Cobden an Gewicht gewinnenden Manchester Liberalismus kein Befürworter des Nicht-Interventionismus oder des Nachtwächterstaates, der nur für Ruhe und Ordnung sorge sollte. Vielmehr betonte Smith als grundlegende Voraussetzung für das Funktionieren des Marktes ein funktionstüchtiges Rechtssystem, eine Eigentumsordnung, Abwesenheit von Monopolen und Kartellen und die Existenz moralischer Werte in den Wirtschaftsakteuren. Smith sah hier also eine aktive Rolle für den Staat, der bestimmte Rahmenbedingungen für wirtschaftliche Aktivität schaffen sollte. Auch lehnte er die Bereitstellung öffentlicher Güter nicht ab, dort wo sie vom Markt nicht bereitgestellt wurden. Zu diesen öffentlichen Gütern gehörten insbesondere die innere- und äußere Sicherheit und das Verkehrs- und Bildungswesen. Problematisch am klassischen Liberalismus ist allerdings die fehlende Berücksichtigung der Ursachen für soziale Ungleichheiten. Da das Individuum für seine soziale Situation selbst verantwortlich ist, wird hier die Rolle des Staates nicht weiter diskutiert.

Der Manchester-Liberalismus unter Richard Cobden (1804-1865) ging einen Schritt weiter als der klassische Liberalismus. Hier wurde der Staat als reiner Nachtwächterstaat begriffen, der das Eigentum und den uneingeschränkten Wettbewerb, Recht und Ordnung aufrecht erhalten sollte. Das Postulat der Manchester-Liberalen war die uneingeschränkte Wirtschaftsfreiheit, während soziale Eingriffe des Staates vollständig abgelehnt wurden.

Demgegenüber stand der Ordoliberalismus, der von der in den 1920er Jahren entstandenen Freiburger Schule vertreten wurde. Seine prominentesten Vertreter waren Walter Euken (1891-1950), Alexander Rüstow (1885-1963) und Wilhelm Röpke (1899-1966). Sie kehrten im gewissen Sinne zum klassischen Liberalismus zurück, wobei sie den Markt als überlegene Organisationsform anerkannten und wie Smith die Ordnungsfunktion des Staates im Bereich der Wirtschaft bekräftigen. Auch hielten sie ein Minimum an sozialer Absicherung für notwendig und lehnten den laissez-faire Kapitalismus und Manchester Liberalismus ab. Der Staat sollte durch ordnungspolitische Eingriffe und die Schaffung geeigneter Rahmenbedingungen den freien Wettbewerb sicherstellen. Er sollte also einerseits durch die Bereitstellung eines rechtlichen Rahmenwerks die freie Entfaltung des Individuums gewährleisten. Andererseits sollte er regulierend eingreifen, wenn die Marktkräfte nicht zum optimalen Ergebnis führten oder Marktunvollkommenheiten bestanden wie Monopole oder Externe Effekte. Externe Effekte sind Kosten, die in der Produktion von Gütern nicht internalisiert sind und sich folglich nicht im Preis widerspiegeln. Der Marktpreis ist dementsprechend verzerrt. Ein Beispiel hierfür ist die Luftverschmutzung durch Fabriken. Die Fabriken müssen zumeist nicht die aufgrund der Umweltverschmutzung anfallenden Kosten tragen, so dass sich diese auch nicht im Preis des von ihnen produzierten Gutes widerspiegeln. Der Markt führt hier folglich nicht zum gesamtwirtschaftlich optimalen Ergebnis.

In den 1980er Jahren kam es zu einer Wiedergeburt des Liberalismus, wiederum in einer etwas anderen Form, dem Neoliberalismus, der sich gegen die noch in den 60er und 70er Jahren verfolgte nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik des Keynesianismus durchsetzte. Vertreter des Neoliberalismus waren insbesondere Friedrich August von Hayek (1899-1992) und Milton Friedman (geboren 1912). Der wichtigste Grundsatz des Neoliberalismus ist, dass die Wirtschaft am besten funktioniert, wenn alle Prozesse nur durch den Markt und Wettbewerb, also durch die natürlichen Marktkräfte, gesteuert werden. Eine der Hauptannahmen des Neoliberalismus ist, dass das Wirtschaftssubjekt (der "homo economicus") perfekt informiert ist und rational handelt, um seinen individuellen Nutzen zu maximieren. Weiter nimmt die Theorie die Existenz harmonisierender Interessen an. Wenn Individuen rational handeln und ihren Nutzen maximieren, kommt es auch zu einer Maximierung des gesellschaftlichen Nutzens. Ein Eingreifen des Staates in die natürlichen Entscheidungen des einzelnen würde dahingegen zu Wohlfahrtsverlusten führen. Dementsprechend fordert man einen totalen Rückzug des Staates aus der Wirtschaft. Der Staat sollte nur den Rahmen für einen freien Wettbewerb gewährleisten, aber nicht selbst aktiv werden. Dabei sollte die Staatsquote sinken und staatliche Betriebe und Dienstleistungen privatisiert und dem freien Wettbewerb ausgesetzt werden. Während Adam Smith dem Staat in bestimmten Situationen das Recht einräumte, regulierend einzugreifen, hat der Staat im Neoliberalismus dieses Recht nicht mehr.

Welche Rolle spielen nun diese Wirtschaftstheorien für die Erklärung internationaler Wirtschaftsbeziehungen und internationaler Kooperation, insbesondere im Bereich des internationalen Handels? Ist Wirtschaftsliberalismus eine Alternative zu den Interdependenz-, Integrations- oder Globalismustheorien, um internationale Wirtschaftskooperation zu erklären?

Liberalismus und internationale Beziehungen

Die Idee des Liberalismus  prägte neben dem Idealismus nach Kant grundlegend die internationale Politik der 1920er Jahre (Völkerbund, Genfer Protokoll, friedliche Regelung internationaler Streitigkeiten). Man war der Meinung, dass völkerrechtliche, moralisch basierte Normen zu einem friedlichen Miteinander der Staaten und einer Lösung internationaler Konflikte führen könnten. Die Anhänger des Liberalismus vertraten dabei einen normativen Ansatz und gingen von der Frage aus, wie das internationale System beschaffen sein sollte, um Kooperation zwischen den Staaten sicherzustellen. So nahmen sie an, dass eine internationale Ordnung Kooperation und Frieden sicherstellen könnte. Später wurden sie für diese Annahme von den Anhängern der realistischen Schule als Utopisten bezeichnet. Im Zentrum der Untersuchung des Liberalismus steht der Mensch und sein Verhältnis zum Staat. Folglich spielen hier auch Menschenrechte und die innenpolitische Konstituiertheit eines Staates eine wichtige Rolle. Zwar lassen sich grundlegende, immer wiederkehrende Elemente des Liberalismus als Theorie der internationalen Beziehungen hervorheben, doch gibt es eine Vielzahl unterschiedlicher Denkansätze. Hier seien nur zwei, die Theorie des demokratischen Friedens und die des internationalen Handels,  genannt:

Die Theorie des demokratischen Friedens (von Kant) besagt, dass das internationale System friedlicher ist, je mehr staatliche Akteure demokratisch verfasst sind. So wird angenommen, dass Demokratien weniger häufig Kriege miteinander führen als Nicht-Demokratien. Annahme ist hier, dass Kriege nicht von Menschen und der Bevölkerung von Staaten, sondern von den Regierungen der Staaten geführt werden. In Demokratien entscheidet die Bevölkerung über Krieg und Frieden. Aufgrund der hohen Kosten von Kriegen, würde die Bevölkerung diese generell ablehnen  -  Kriege seien hier folglich seltener. Setzt sich nun das internationale System hauptsächlich aus demokratisch verfassten Staaten zusammen, so werden Kriege und Konflikte insgesamt seltener. Durch die Verbreitung von Demokratie könnten man demnach die Stabilität und Kooperation auf internationaler Ebene erhöhen. Bedeutende Vertreter dieser Theorie waren Immanuel Kant und später Woodrow Wilson. Die Theorie lässt jedoch viele Fragen offen, darunter: Wann ist eine Demokratie eine Demokratie und was sind Kriege und Konflikte? Warum gibt es Kriege zwischen Demokratien und Nicht-Demokratien – warum sind Demokratien hier weniger friedfertig? Im Ansatz Liberalismus und internationaler Handel wird argumentiert, dass Staaten egoistische Nutzenmaximierer sind. Da nationale Nutzenmaximierung dem Liberalismus zufolge optimal über freien, internationalen Handel, sowohl durch eine Steigerung der Importe als auch der Exporte erfolgt, werden Staaten keine protektionistischen Barrieren aufbauen, sondern miteinander Handel betreiben. Der internationale freie Handel maximiert dabei nicht nur den Nutzen eines, sondern aller Handelspartner. Handel ist also kein Nullsummenspiel, wobei ein Staat sein Nutzen auf Kosten eines anderen erhöht. Es ist vielmehr eine win-win Situation. Das internationale System zeichnet sich folglich durch eine natürliche Harmonie der Interessen aus. Durch internationalen Handel wird wiederum internationale wirtschaftliche Integrati on gefördert, und es bilden sich gegenseitige (wenn auch nicht immer symmetrische) Abhängigkeiten. Je größer diese Handelsverflechtungen sind, desto teurer werden internationale Konflikte. Aufgrund der steigenden Kosten internationaler Konflikte steigt die Wahrscheinlichkeit der Kooperation und der Konfliktvermeidung. Der Kooperation der Staaten liegt demnach ein Kosten-Nutzenkalkül zugrunde. Internationaler freier Handel kann somit mit der optimalen Nutzenmaximierung der Staaten erklärt werden. Führt man diese Überlegungen weiter, könnte argumentiert werden, dass internationale regulierende und bindende Institutionen (z.B. WTO), wie sie der Institutionalismus zur Sicherung der internationalen Kooperation fordert, nicht notwendig sind, da Länder aufgrund des beschriebenen Nutzenkalküls immer Freihandel anstatt Protektionismus wählen werden.

Doch auch dieser Ansatz hat viele Schwachstellen: So erklärt die Theorie nicht, warum Staaten in manchen Perioden verstärkt miteinander kooperieren und freier Handel dominiert (z.B. um 1860), während in anderen Perioden wie zwischen den Weltkriegen der internationale Handel durch Hochzölle geprägt ist. So ist nicht klar, warum es Perioden des Protektionismus und internationaler Handelskonflikte geben sollte, wenn Handel und Kooperation für alle Beteiligten immer die beste Strategie ist. Auch ist diese Theorie sehr statisch. Sowohl Veränderungen in den internationalen Beziehungen als auch der Einfluss politischer Macht werden nicht in die Untersuchung einbezogen.

Problematisch ist auch die Übertragung der Annahme perfekt informatierter Individuen aus dem Neoliberalismus auf die Staatenebene. So dominiert auf internationaler Ebene eher unvollkommene Information und dementsprechend das Gefangenendilemma. Letzteres bezeichnet eine Situation, in dem das rationale Handeln von Staaten zu einem für die Staatengemeinschaft insgesamt schlechteren Ergebnis führt. Letztlich berücksichtigt der Ansatz, der auf die Staatenebene fokussiert ist, nicht die innenpolitische Ebene und unterschiedliche innenpolitische Interessen. Handel und internationale Kooperation ist jedoch Robert Putnam zufolge ein „Two-Level Game“, bei dem die auf der internationalen Ebene verhandelnden Akteure auch die innenpolitischen Interessen berücksichtigen und konsolidieren müssen.

Trotz dieser Kritik hat der Ansatz Liberalismus und internationaler Handel einen starken Einfluss auf neuere Theorien der Internationalen Beziehungen wie den Neoliberalen Institutionalismus oder die Interdependenztheorie, die einige seiner Ideen aufgegriffen und weiter entwickelt haben.

Annahmen des Liberalismus

 

Idealismus

Realismus

Ideengeschichte

Nach den 1. Weltkrieg; Idee: völkerrechtliche, moralisch basierte Normen können zu einem friedlichen Miteinander der Staaten und einer Lösung internationaler Konflikte führen = normative Ausrichtung

Anlehnung an Kant

Insbesondere nach dem 2. Weltkrieg; Idee: Macht und Nationalstaaten sind die bestimmende Regulative in internationalen Beziehungen.

Anlehnung an Hobbes

Gegenstandsbereich

Internationales Gefüge, Weltgemeinschaft, Kooperation und Frieden

Mach und Interesse, Gleichgewicht der Kräfte, Frieden und Stabilität

Anthropologische Grundannahmen

Es gibt des Gute, das für alle Menschen vernunftsmäßig erkennbare ist.

Folge:

1. Der vernuftsmäßige Mensch richtet sein Handeln nach dem „Guten“ aus.

2. Das Gute ist vermittelbar und erziehbar

Der Mensch ist nicht in der Lage, immer moralisch und nach normen zu handeln. Es besteht immer die Gefahr des Machtmissbrauchs.

Folge:

1. Zustand von Angst.

2. Demzufolge versucht er seine Sicherheit durch einen Machtgewinn zu erhöhen und somit den Zustand der Angst zu überwinden.

 

 

Übertragung der Grundannahmen auf die Staatenwelt

1. Die Staaten sind auf dem Weg zu einer Weltgemeinschaft

2. Weltfrieden und wirtschaftlichen Kooperation ist möglich

1. Die Staaten sorgen sich in einem anarchischen internationalen System um ihre Sicherheit

2. Wie das menschliche Interesse besteht auch das natürliche Staatsinteresse im Bestreben folglich nach Macht, unabhängig von sittlichen Zielen;

3. Das internationale System ist konfliktgeladen

 

Strukturprinzipien der globalen Ordnung

Es gibt übergeordnete Regeln

Anarchie

Zentraler Akteur

Individuen und gesellschaftliche Zusammenschlüsse

Nationalstaaten

3.2 Realismus

Die Schule des Realismus ist eine der dominierenden Theorien der internationalen Beziehungen. Dabei muss angemerkt werden, dass eine Vielzahl unterschiedlicher Denkansätze unter dem Oberbegriff Realismus zusammengefasst werden, so dass man genaugenommen nicht von einer Theorie sprechen kann. So kann man unter anderem zwischen dem strukturellen Realismus nach Hans J. Morgenthau, dem historischen Realismus nach Edward H. Carr, dem liberalen Realismus nach Hedley Bull und dem Neorealismus nach Kenneth Waltz unterscheiden.

Vorläufer des Realismus waren u.a. Souveränitätskonzepte des Spätmittelalters, der Partikularstaatsgedanke und der Staatsraisonbegriff. Besonders geprägt wurde der Realismus durch Niccoló Machiavelli und seine pessimistische Sicht der menschlichen Natur, von Thomas Hobbes und seiner Vorstellung über das menschliche Zusammenleben, von Babtiste Colbert und Friedrich List. 

Realismus hat in den 1920er und 1930er Jahren den Idealismus als die bis dahin vorherrschenden Denkrichtung abgelöst. Der Staat als Akteur der internationalen Politik wurden als Gegenstand der Politikanalyse wieder entdeckt als die Nationalstaaten in den Mittelpunkt der internationalen Geschehnisse rückten und es zu tiefgreifenden Änderungen in der Kräftekonstellation auf internationaler Ebene kam. Auch schien die Übertragung der Ideen des Liberalismus (u.a. Multilateralismus) auf die Außenpolitik in den 1920 er Jahren gescheitert (Völkerbund, Genfer Protokoll, friedliche Regelung internationaler Streitigkeiten). Anstatt durch ein friedliches Miteinander der Staaten zeichnete sich die Zwischenkriegszeit durch Krisen und Konflikte -  sowohl in politischer als auch in wirtschaftlicher Hinsicht - , die gescheiterten Friedensbemühungen, die Weltwirtschaftskrise und das Aufkommen autoritärer Regime in Europa und Asien aus. Dementsprechend war man vom idealistischen Gedankengut und der Hoffnung enttäuscht, völkerrechtliche, moralisch basierte Normen könnten zur Kooperation der Staaten und einer Lösung internationaler Konflikte führen. In den 1930er Jahren trat somit wieder eine verstärkt nationalorientierte Außenpolitik in den Vordergrund (Realpolitik).

Gleichermaßen rückte auch in der Politikwissenschaft und im Fach Internationale Politik der Nationalstaat wieder ins Zentrum der Untersuchungen. Zunehmend versuchte man die Ursachen von Kriegen zu analysieren und wie diese zu vermeiden waren. Hieran entfachte sich ein Streit der Denkschulen: Die als „Utopisten“ bezeichneten Liberalen glaubten an die grundsätzliche Harmonie der internationalen Interessen und die Möglichkeit einer vernuftsgebundenen rechtlichen Regelung zwischenstaatlicher Beziehungen. Die Realisten argumentierten dahingegen, dass das egoistische Interesse der Staaten der handlungsbestimmende Faktoren internationaler Beziehungen sind und dass das internationale Systemgrundlegend konfliktgeladen sei. Konflikte und Kriege seien kaum zu vermeiden.

Im Realismus sind die Nationalstaaten die Hauptakteure internationaler Beziehungen. Dabei agieren die Staaten miteinander auf internationaler Ebene in einem Zustand der Anarchie. Die Staaten unterliegen somit keiner übergeordneten, rechsetzenden Macht. Denn Morgenthau legt dem Realismus eine anthropologische Prämisse zugrunde. Er überträgt den Hobbesschen Naturzustand, in dem ein potentieller Krieg aller gegen aller herrscht, auf die Staaten. Im Naturzustand herrscht Anarchie, so dass jedes Individuum sich selbst um sein Überleben kümmern muss, wobei die anderen Menschen in erster Linie als feindlich eingestuft werden. Im internationalen System fehlt ebenso eine  Weltinstanz zur Schlichtung internationaler Streitigkeiten. Dabei ist Anarchie kein Chaos, sondern eine Regellosigkeit auf der internationalen Ebene (Anarchie = keine Regierung). Dementsprechend sind die Staaten gezwungen, sich selbst zu verteidigen und zu helfen (Selbstschutz). Haupttriebfeder staatlichen Handels ist der Kampf um die Macht, beziehungsweise ihr Erhalt (Machtstreben). Beim Streben um Macht stehen sich die Nationalstaaten souverän in der Verteidigung ihrer Interessen gegenüber. Dementsprechend ist das internationale System konfliktual: Konflikte und Kriege sind oftmals nicht zu vermeiden. In einem internationalen, eher feindlichen Umfeld der Anarchie besteht das sogenannte Gefangenendilemma (Sicherheitsdilemma), das eine große Tendenz zur Nichtkooperation mit sich bringt. Weiter werden internationale Beziehungen als Nullsummenspiel betrachtet: der Machtzuwachs eines Landes geht immer zu Lasten eines anderen Landes.

Die Hauptannahmen des Realismus:

Am Realismus wurde vielerseits Kritik geübt:

Das „Gefangenendilemma“

Eines der bekanntesten Spiele der Spieltheorie ist das Gefangenendilemma. Das Gefangenendilemma beschreibt eine Situation, in der zwei Gefangene nach einem gemeinsamen Überfall getrennt voneinander verhört werden. Kooperieren beide und gestehen ihre Tat nicht, können sie der Tat nicht vollständig überführt werden. Beide erhalten ein Jahr auf Bewährung. Gesteht ein Gefangener und überführt somit seinen Mittäter, erhält er Straffreiheit, während sein Mittäter, der nicht gesteht, eine Strafe von fünf Jahren erhält. Werden die beiden Straftäter isoliert voneinander verhört und besteht keine Kommunikation zwischen den beiden (beide wissen nicht, ob der jeweils andere nicht doch gesteht und trauen einander nicht), wird es beiden vorteilhaft erscheinen zu gestehen, also nicht zu kooperieren, da sie annehmen, dass der jeweils andere rational handeln (seinen Nutzen maximieren) und gestehen wird. Da beide Gefangenen ihren Komplizen belasten, erhalten sie beide die Höchststrafe von 5 Jahren. Sie erhalten somit eine Strafe, die sie durch Kooperation (gemeinsames Leugnen) hätten vermeiden können. Das Ergebnis ist also für beide schlechter als wenn sie kooperiert hätten.


 

Übertragen auf internationale Beziehungen bezeichnet das Gefangenendilemma eine Situation, in dem das rationale Handeln von Staaten zu einem für die Staatengemeinschaft insgesamt schlechteren Ergebnis führt: Betrachtet wird eine Situation, in der zwei Länder - Land A und Land B vor der Entscheidung stehen, ihren Außenhandel freihändlerisch oder protektionistisch zu gestalten. Der Abbau der eigenen Handelsbarrieren bringt eine Reihe von Vorteilen (größere Konkurrenz im Land, die zu einer höheren Effizienz führt, bessere Allokation von Ressourcen und ein Technologietransfer). Durch den Abbau der Zölle von Land B ergeben sich für Land A wiederum eine Reihe von Vorteilen. So kann es aufgrund der neuen Absatzmärkte seine Produktion von bestimmten Gütern ausdehnen. Neben diesen Vorteilen ergeben sich jedoch auch eine Reihe von Nachteilen durch den Abbau der Handelshemmnisse, gerade aus Sicht von Politikern. So entsteht erstens ein größerer Druck, insbesondere auf sensible Branchen; zweitens kann die Arbeitslosigkeit in manchen Branchen durch die steigende Konkurrenz steigen; drittens nimmt der soziale Druck zu. Aus rational (politischer, nicht unbedingt wirtschaftlicher Sicht) ist es für ein Land vorteilhaft, wenn andere Länder ihre Handelsbarrieren abbauen, während es selbst seine gefährdeten Branchen weiter schützen kann. Kooperieren zwei Länder A und B und senken ihre Handelsbarrieren, profitieren beide gleich viel. Für beide entsteht ein Handelsgewinn. Da jedes Land jedoch seinen Nutzen/Handelsgewinn erhöhen kann, indem es zum Vorteil seiner eigenen Wirtschaft Einfuhrbarrieren verhängt, weiterhin aber den Freihandel des anderen Landes ausnutzt, ist diese Situation instabil. Auch muss ein Land immer damit rechnen, dass es zu einer Erhöhung der Handelsbarrieren im anderen Land kommt. Wenn Land A also seine Handelsbarrieren erhöht, während Land B noch Freihandel vertritt, profitiert Land A stärker als wenn beide Freihandel vertreten. Land B hat jedoch große Nachteile. Somit besteht für beide Länder ein starker Anre iz, ihre Importe zu beschränken. So ist der Anreiz nicht zu kooperieren groß.

Diesem Argument folgend liegt in internationalen Beziehungen also eine Tendenz zur Nicht-Kooperation vor, die ein weltwirtschaftlich und national schlechteres Ergebnis fördert. Da beide Länder vermuten, dass das jeweils andere Land nicht kooperieren wird, werden sich beide für Protektionismus, den stabilsten Punkt in dem Spiel entscheiden, in dem keines der Länder einen Vorteil über das andere hat.

Hier muss angemerkt werden, dass rational handelnde Staaten aus vorhergegangenen Situationen lernen und erkennen, dass Nicht-Kooperation der beteiligten „Spieler“ zu einem schlechteren Endergebnis führt, als wenn alle kooperiert hätten. So ist auf lange Sicht der Durchschnittsnutzen der Kooperation größer als der Durchschnittsnutzen gegenseitiger Ausnutzung. Folglich besteht auf lange Sicht der Anreiz zu kooperieren (Feess-Dörr 1992: 506).

Unter anderem können die vier folgenden - realitätsnäheren - Strategien (hier am Beispiel der USA), die Länder in internationalen Handelsbeziehungen verfolgen, identifizieren:

3.3 Hegemonic Stability Theorie

Wie kann es nun innerhalb eines anarchischen, konfliktgeladenen System zur Kooperation der Staaten kommen? Wie kann eine offene und liberale internationale Wirtschaftsordnung entstehen?

Kooperation wird innerhalb bestimmter Denkrichtungen der International Political Economy durch die Existenz eines Hegemons erklärt. Dieser Ansatz wird als „Hegemonic Stability Theory“ bezeichnet. Sie stellt einen direkten Zusammenhang zwischen Hegemonie einerseits und der Offenheit der Weltwirtschaft und Frieden andererseits her. Besonders geprägt ist diese Theorie durch Arbeiten von Kindleberger (1973,1978), Krasner (1976, 1983), Keohane (1984) und Gilpin (1975).

Der Begriff Hegemonie kennzeichnet eine Machtposition - Vorherrschaft, Vormachtstellung oder Führung -, die auf dem strategischen Übergewicht eines Staates gegenüber anderen Staaten (Gefolgestaaten) beruht. Es handelt sich folglich um einen Staat, der mächtig genug ist, das internationale System und andere Staaten nach seinem Willen zu lenken. Erinnert man sich an die Machkonzepte von Susan Strange, sind es Staaten, die sowohl „relational“ als auch „structural“ Macht besitzen. Es sind Staaten, die die vier Bereiche Produktion, Sicherheit, Finanzen und Wissen, die nach Strange die Interaktion zwischen Staaten als auch zwischen dem Staaten und dem Markt bestimmen, grundlegend kontrollieren. Hegemonie ist somit die Möglichkeit, Regeln und Strukturen internationaler Beziehungen zu bestimmen, als auch das Verhalten anderer Länder grundlegend zu beeinflussen. Die Macht des Hegemons ist sowohl politisch als auch wirtschaftlich begründet.

Um ein offenes, liberales Weltwirtschaftssystem zu schaffen, in dem die Staaten untereinander kooperieren, muss der Hegemon bestimmte Regeln und Normen schaffen, die von allen anerkannt werden, und deren Einhaltung überwachen. Er ist folglich die ordnende Instanz im ansonsten durch Anarchie geprägten internationalen System. Der Hegemon hat eine aktive Rolle im Weltwirtschaftssystem, wobei er bestimmte Anreizstrukturen für andere Länder schaffen muss, um zu gewährleisten, dass diese den neuen Regeln folgen. Diese Anreize schafft er durch die Bereitstellung öffentlicher Güter. So schrieb auch Kindleberger in seinem Buch „The Great Depression“, dass internationale Kooperation und Stabilität von der Existenz eines Hegemon abhängen, der bereit ist, Kooperation und Stabilität durch die Bereitstellung bestimmter öffentlicher Güter zu gewähren. Diese sind:

Der Hegemon muss allerdings nicht nur wirtschaftlich in der Lage sein, diese öffentlichen Güter bereitzustellen, sondern auch den politischen Willen, seine neuen Aufgaben zu übernehmen.

Durch die Bereitstellung der öffentlichen Güter muss der aktive Hegemon bestimmte Kosten tragen, die andere Länder nicht haben. So sind öffentliche Güter dadurch definiert, dass sie nicht-rivalisierend im Konsum sind und der Ausschluss von Konsumenten nicht möglich ist (z.B. internationale Sicherheit, Geldwertstabilität, offene Weltmärkte). Aufgrund der fehlenden Ausschlussmöglichkeit, hat keiner der anderen Staaten einen Anreiz, sich an den Kosten der Bereitstellung dieser Güter zu beteiligen. Sie sind Trittbrettfahren - “Free Rider” -  des Systems und nutzen die Güter, ohne selbst einen Teil der Kosten zu tragen.  Der Hegemon trägt somit die größten Kosten der Sicherung der Weltwohlfahrt. Aufgrund ihrer geringeren Kosten können die „free Rider“ wirtschaftlich schneller wachsen als der Hegemon – sie können einen relativen Machtgewinn realisieren - während der Hegemon einem stetig steigenden relativen Machtverlust gegenüber steht. Dies wird als „Hegemonic Decline“ bezeichnet. Schwindet die Macht des Hegemons, löst sich die liberale Wirtschaftsordnung auf.

Zwei Beispiele werden zur Belegung dieser Theorie angeführt:

Auch die Hegemonic Stability Theorie wurde vielfach kritisiert. So weisen beide Beispiele schwachstellen auf:

3.4 Neo-Realismus

Ende der 1960er Jahre entstand als Reaktion auf die Kritik an der realistischen Schule der Neorealismus. Dabei wurden bestimmte Annahmen des Realismus beibehalten, andere hinzugefügt, um den sich ändernden internationalen Rahmenbedingungen Rechnung zu tragen. Die neo-realistische Denkschule ist mit Kenneth Waltzs Buch „Theory of International Politics“ (1979) entstanden.

Wie im Realismus stehen auch im Neo-Realismus die Nationalstaaten im Zentrum der Untersuchung. Internationale Beziehungen werden auch hier als Nullsummenspiel angesehen. Gleichsam werden die wirtschaftlichen Aktivitäten wie bislang den sicherheitspolitischen Interessen des Staates untergeordnet und letzteren größeres Gewicht in der Ausgestaltung internationaler Beziehungen beigemessen.

Als Ziel staatlichen Handels wird jedoch nicht mehr allein militärische Sicherheit angenommen. Wirtschaftliche und soziale Sicherheit erlangen eine größere Bedeutung. Des Weiteren kommt im Gegensatz zum Realismus  der Struktur im internationalen System  eine zentrale Bedeutung zu. Ein zu erklärendes politisches Ereignis wird somit auf Systemebene untersucht. Nicht die menschliche Natur ist hier die Ursache für die Unsicherheit und letztlich das Machtstreben der Staaten, sondern die Struktur des internationalen Systems. Die Struktur des internationalen Systems wird durch die Anarchie bestimmt. So verursacht die auf internationaler Ebene bestehende Anarchie bestimmt Zwänge, die das Verhalten der Staaten beeinflussen. Das internationale System ist neben der Struktur durch die in ihr integrierten Einheiten charakterisiert. Die Einheiten  sind politische, territoriale oder regionale Einheiten wie Reiche, Staaten und Nationen; sie unterscheiden sich lediglich gemäß der Verteilung der Machtressourcen. Durch Koaktion dieser Staaten entsteht spontan  eine Struktur - nicht durch das Bestreben der Länder, diese Struktur formen zu wollen. Die Struktur eines internationalen Systems ergibt sich folglich aus der Anarchie und der relativen Machtverteilung (capabilities) zwischen den Staaten.

Aus Sicht der Neorealisten ist Kooperation dann zu erreichen, wenn dadurch die Sicherheit eines Staates nicht tangiert wird.. Die typische Kooperationsform im Neorealismus bildet das Gleichgewicht der Mächte (balance of power). Kooperation ist abhängig von Machtausstattungen. Die Neorealisten argumentieren, dass Länder nur solange kooperieren, wie sie sicherstellen können, dass ein anderes Land keinen größeren Nutzen aus der Kooperation zieht als sie selbst. Dieses wird als „relative gains problem“ bezeichnet. Ein Beispiel aus dem Bereich Handel soll zur Illustration dienen: Land A reduziert seine Zölle und schafft für Land B einen größeren Absatzmarkt. Land B kann somit seine Produktion für bestimmte Produkte ausdehnen, und sein Wirtschaftswachstum wird gefördert. Reduziert Land B ebenfalls seine Zölle, profitiert Land A im gleichen Maße. Reduziert es jedoch seine Zölle nicht, ergeben sich für Land A keine größeren Absatzmöglichkeiten. Somit kann es seine Produktion nicht ausdehnen, und es kommt zu einem geringeren Wirtschaftswachstum als in Land B. Land B kann somit schneller wachsen als Land A und gewinnt relativ an Macht. Land A sieht sich einem relativen Machtverlust gegenüber und wird nicht länger kooperieren. Folglich wird es seine Zölle wieder anheben.

Neorealisten haben ein relativ pessimistisches Bild bezüglich internationaler Kooperation. Sie kritisieren die Annahme der Institutionalisten, dass internationale Organisationen und Institutionen die internationale Kooperation erhöhen. Als Beispiel hierfür wird oftmals das GATT in den 1970er Jahren angeführt. Während das GATT seit 1947 relativ erfolgreich Zölle gesenkt und den weltweiten Protektionismus eingedämmt hatte, kam es in den 1970er Jahren zu einer erhöhten und stetig steigenden Anwendung nicht-tarifärer Handelshemmnisse (NTBs), die bis zu diesem Zeitpunkt nicht im Regelwerk des GATTs berücksichtigt wurden. Hier argumentierten nun die Neorealisten, dass die am GATT beteiligten Staaten solange ihre Zölle abgebaut (und kooperiert) haben, solange sie keinen wirtschaftlichen Machtverlust erlitten. Als sie jedoch in eine Phase der weltweiten Rezession in binnenwirtschaftliche Bedrängnis gerieten und glaubten, dass andere Länder wirtschaftlich mehr von der Handelsliberalisierung profitierten als sie selbst, hielten sie sich nicht mehr an die internationalen Regeln. Da sie die Zölle nicht anheben konnten, umgingen sie das internationale Handelssystem, indem sie eine neue Art der Handelsbarrieren, die NTB, anhoben. Das bestehende Handelssystem konnte dies nicht verhindern. Den Neorealisten zufolge würden sich Staaten immer wieder Wege und Möglichkeiten suchen, bestehende Regeln zu umgehen – daran könnten die internationalen Organisationen, Regeln und Institutionen nichts ändern. 

Die Struktur des internationalen Systems wird durch drei Kriterien bestimmt:

3.5 Neoliberaler-Institutionalismus

Der NeoliberaleInstitutionalismus (auch als Neoliberalis bezeichent) ist als Theorieansatz der Internationalen Beziehungen in den 1980er Jahren sowohl als Reaktion auf die fortschreitende Interdependenz zwischen den Staaten und die größere Rolle internationaler Institutionen als auch als Antwort auf den Neo-Realismus entstanden. Hauptvertreter dieser neuen Denkschule sind u.a. Robert Keohane und Josepf Nye.

Zentrale Frage im NeoliberalenInstitutionalismus ist, unter welchen Bedingungen in einer Welt von Egoisten Kooperation entstehen kann. Auch hier nimmt man wieder an, dass sich das internationale System durch Anarchie auszeichnet. Während Anarchie im Neo-Realismus allerdings die Koaktion von Akteuren in einer Umwelt ohne Kontroll- und Sanktionsinstanz bedeutet, versteht der Neoliberale-Institutionalismus unter Anarchie eine mangelnde Regelung von Interdependenzbeziehungen. Auch argumentieren die NeoliberalenInstitutionalisten, dass die Realisten und Neo-Realisten die Anarchie im internationalem System überbewerteten und die verschiedenen Formen kooperativen Verhaltens in einem solchen dezentralisierten System unterbewerten. 

Den Neoliberalen-Institutionalisten zufolge finden Interaktionen im internationalen System nicht mehr einmalig und nicht nur zwischen Staaten statt. Vielmehr haben Institutionen grundlegenden Einfluss auf die Akteure. Die Analyseebene ist folglich nicht wie im Neo-Realismus das System auf der internationalen Ebene, sondern die Akteursebene. Dabei sind die betrachteten Akteure nicht mehr nur Staaten wie im Neo-Realismus, sondern auch gesellschaftliche Gruppen, Regime, Institutionen und internationale Organisationen. Das internationale System zeichnet sich durch ein komplexes Interaktionsmuster dieser unterschiedlichen Akteure aus, die alle in unterschiedlichen Grade der Abhängigkeit zueinander stehen. Dabei wächst der Grad der internationalen Verflechtung und Interdependenzen stetig. Im Gegensatz zum Liberalismus wird hier allerdings nicht argumentiert, dass Kooperation durch eine Interessensharmonie bedingt ist und es keiner übergeordneten regulativen Instanz bedarf. Vielmehr sind sie der Meinung, dass internationale Institutionen notwendig sind, um die Kooperation der Staaten sicherzustellen. Dieser Ansicht liegt zugrunde, dass im Neoliberalen Institutionalismus nicht von einem Nullsummen-Spiel ausgegangen wird. Staaten können also absolute Gewinne erzielen, ohne dass andere Staaten dadurch Schaden nehmen. Durch internationale Institutionen kann das in internationalen Beziehungen bestehende Gefangenendilemma überwunden werden. So können z.B. internationale Organisationen die Informationsflüsse zwischen den Ländern erhöhen und somit zu einem größeren Vertrauen, einer größeren Planungssicherheit und mehr Transparenz beitragen. Des Weiteren können sie das Verhalten der Mitglieder überwachen und eine Regelverletzung zum Teil sanktionieren. Auch können Konflikte leichter und regelorientierter innerhalb dieser Organisationen ausgetragen werden. Den Neoliberalen-Institutionalisten zufolge fördern internationale Organisationen somit die internationale Kooperati on und verhindern Konflikte und Krisen.

Letztlich liegt die Betrachtung nicht auf reinen Sicherheitsfragen, sondern ist um wirtschaftspolitische Fragestellungen erweitert. Als Ziel der Staates wird hier somit nicht mehr allein die militärische Sicherheit, Erhalt und Ausdehnung der politischen Macht angenommen. Vielmehr wird hier wie im Liberalismus argumentiert, dass Staaten, die als rationale Akteure definiert werden, eine Maximierung ihres wirtschaftlichen Nutzens anstreben, also eine Nettomehrung ihrer Wohlfahrt.

Grundannahmen des Neoliberalen-Institutionalismus in Hinblick auf Institutionen:

 

Neorealismus

Neoliberaler-Institutionalismus

Ideengeschichte

Antwort auf die Kritik am Realismus.

Grundgedanke ist, dass sich die Struktur des internationalen Systems auf das Handeln der Akteure auswirkt

Antwort auf den Neorealismus;

Interaktion findet nicht nur zwischen den Staaten statt; Institutionen haben einen Einfluss auf das Handeln von Staaten

Analyseebene

System (Staatenebene) im Gegensatz zum Realismus, der auf Akteus-ebene angesiedelt ist.

Akteursebene

Grundannahmen über das internationale System

Im internationalem System herrscht Anarchie;

Es gibt keine ordnenden Mechanismen, die das Verhalten von Staaten einschränken können;

Die Akteure werden durch das internationale System beeinflusst:

Zunehmende Interdependenz und Verflechtung im System, das durch eine zunehmend globalisierte Weltwirtschaft untermauert wird;

Institutionen und Regime gewinnen an Bedeutung

Zentrale Akteure

Nationalstaaten

Gemischtes Akteurssystem: Gesellschaftliche Gruppen, Regime, Institutionen, internationale Organisationen

Verhalten der Aktuere

Staaten sorgen sich aufgrund der Bedingungen im internationalen System um Sicherheit

-          Macht- und Sicherheitsdilemma

-          Minimale Kooperation so lange wie andere Staaten keinen relativen Machtgewinn gegenüber anderen verzeichnen können

-          Internationale Beziehungen sind ein Nullsummenspiel

Ökonomische Wohlfahrt ist von ebenso großer Bedeutung wie nationale Sicherheit;

-Kooperation kann den Nutzen aller erhöhen;

- Internationale Beziehungen sind kein Nullsummenspiel

Interpretation von Anarchie

Internationales System ist ohne Kontroll- und Sanktionsinstanz

Mangelnde Regelung von Interdependenzbeziehungen

Dominante Formen der Macht

Militärische Macht, Hegemonialstreben großer Mächte

Technologische und ökonomische Macht durch technischen und wirtschaftlichen Fortschritt

Hauptvertreter

Kenneth Waltz

Robert Keohane

3.6 Integrationstheorien

Während die realistische Schule hauptsächlich die staatliche Macht und staatliche Interessen analysiert, liegt der Untersuchungsschwerpunkt der Integrationstheorien auf dem institutionalisierten Geflecht internationaler Austauschprozesse, den wirtschaftlichen Verflechtungen und Interdependenzen. Integrationstheoretische Ansätze rücken wechselseitige Beziehungsmuster zwischen Staaten und die friedensfördernden Folgen der Integration in das Zentrum ihrer Analyse. Hier wurde also ein Gegenmodell zu den Modellen entwickelt, in deren Zentrum staatliche Macht und staatliche Interessen stehen.

Die Integrationstheorie erhielt insbesondere in den 1960er Jahren mit der fortschreitenden europäischen Integration auftrieb. Ihr Hauptargument ist, dass die Zuname der technologischen und wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen den Staaten zu einer wachsenden Verflechtung und wachsenden gegenseitigen Abhängigkeiten führt, die wiederum eine größere politische Kooperation und Zusammenarbeit verursacht. Die Staaten kooperieren bei der Lösung sachorienterter Fragen und Probleme, was als funktionale Kooperation bezeichnet werden kann. Diese funktionale Zusammenarbeit in bestimmten, politisch nicht kontroversen und leicht verhandelbaren Bereichen führt zu „Spill-overs“ in andere Bereiche, was wiederum zu einer stetig steigenden Integration führt. Von Spill-over spricht man, wenn sich die Kooperation in bestimmten Bereichen automatisch auf andere Bereiche ausdehnt und zu stetig zunehmenden regionalen Verflechtungen und gegenseitigen Abhängigkeiten führt. Die fortschreitende Interdependenz fördert den internationalen Frieden und die soziale Entwicklung, da es für Staaten immer kostspieliger wird, nicht mehr zu kooperieren oder aus dem Interdependenznetz auszuscheren.

Im Zentrum aller Integrationstheorien steht die Frage, warum nationale politische Entscheidungsträger ihre Aktivitäten an einem neuen politischen Zentrum orientieren, einen Teil ihrer Macht an dieses neue Zentrum deligieren und Rahmenbedingungen schaffen, die eine fortschreitende Integration zwischen den Staaten fördern. Um diese Frage zu beantworten, muss man sowohl den Begriff „Integration“ definieren, als auch zwischen den unterschiedlichen Integrationsformen unterscheiden. Fünf Bedeutungen von Integration lassen sich feststellen

 Man kann weiter zwischen fünf Integrationsformen unterscheiden, hinsichtlich:

Innerhalb der Integrationstheorie gibt es unterschiedliche Ansätze:

Funktionalismus

Der Funktionalismus von David Mitrany ist eine Weiterentwicklung der Integrationskonzepte. Miltrany argumentierte, dass die funktionale Zusammenarbeit in internationalen, nicht politischen Organisationen wie dem IWF, der WHO oder der WTO, zur Lösung globaler Probleme und somit zur Welteinheit führt. Die genannten internationalen Organisationen haben funktionalistischen Charakter, sind also auf spezifische Aufgabenbereiche beschränkt. Die Zusammenarbeit in diesen funktionalen Organisationen, die bestimmte, nur global lösbare praktische Probleme behandeln, führt Miltrany zufolge zu Kooperation auf anderen funktionalen Gebieten. Das bedeutendste Beispiel hierfür ist die Europäische Union, von der EGKS bis hin zur GSAP und der Wirtschafts- und Währungsunion. Doch auch die WTO kann als Beispiel angeführt werden. Die Kooperation innerhalb des GATT und der gemeinsame Abbau von Zöllen hat zu einem stetig wachsenden Handel und einer fortschreitenden Integration der am GATT beteiligten Staaten geführt, die sich nicht mehr nur auf den Handel von Gütern, sondern auch auf Dienstleistungen ausgedehnt hat, so dass neue Kooperationswege, neue Regeln und Verpflichtungen für den Bereich Dienstleistungen geschaffen werden mussten. Dies hat zur Gründung des GATS innerhalb der WTO geführt, was wiederum eine weitere Liberalisierung des Dienstleistungshandels, eine stärkere Verflechtung der Staaten und eine größere Kooperation mit sich gebracht hat.

Es wird angenommen, dass das politische Konfiktpotential in den Organisationen relativ gering ist, da die Probleme nicht von Politikern, sondern von Experten behandelt werden. Die entpolitisierte Kooperation in wohlfahrtsorientierten Sachfragen reduziert somit das machtorientierte, politische Konfliktpotential.

Neofunktionalismus

Zu den Vertretern des Neofuktionalismus, der eine Weiterentwicklung des Funktionalismus darstellt, gehören unter anderen Ernst Haas und Joseph Nye. Einige grundlegende Unterschiede zum Funktionalismus müssen genannt werden:

Im Neofunktionalismus wird daher untersucht, wie funktionale Kooperation zu politischer Kooperation führen kann. Es wird angenommen, dass die Integration neben den automatischen Spill-Oversvon politischen Eliten vorangetrieben wird. Machen diese positive Erfahrungen mit der internationalen, kooperativen Problemlösung, werden sie diesen Weg auch in anderen Bereichen einschlagen. Am Ende der Integration steht hier die politische Gemeinschaft mit einem neuen Entscheidungszentrum. Wie im Funktionalismus ist auch hier die Steigerung der Wohlfahrt das oberste Ziel der Integration.

Aufgrund von zeitweiligen Rückschlägen der Europäischen Integration mußte der Funktionalismus eingestehen, dass er versagt hat. Daraufhin wurde der Neo-Funktionalismus gegründet. Er läßt neben Spill Overs auch Spill Backs zu, so dass auch Rückschläge erklärt werden können.

Kritikpunkte am Funktionalismus und Neofunktionalismus

Kritisiert wird am Funktionalismus und Neofunktionalismus insbesondere, dass hauptsächlich ökonomisch-technokratische Prozesse behandelt werden. Der Einfluss von Ideologien wird dahingegen vernachlässigt. Ideologien sind jedoch von großer Bedeutung für Integrationsprozesse. Dieser Kritikpunkt gilt übrigens auch für den Realismus und Neorealismus. Beide gehen davon aus, dass Staaten like-units sind und es daher unerheblich ist, welch Ideologie/Kultur im Staat dominiert.

Des Weiteren kann kritisiert werden, dass die wirtschaftliche Integration zwar erfolgreich sein und zu größeren wirtschaftlichen Interdependenzen führen kann, die möglicherweise auch die Wohlfahrt der beteiligten Staaten steigert. Diese wirtschaftliche Interdependenz muss jedoch nicht automatisch eine politische Integration nach sich ziehen. So ist politische Integration nicht die vorherrschende integrative Bewegung in der internationalen Politik.  

Der kommunikationstheoretisch basierte Ansatz

Eine dritte Denkrichtung innerhalb der Integrationstheorien ist der kommunikationstheoretisch basierte Ansatz der Integration. Karl Deutsch argumentiert, dass der Integrationsprozess durch die politischen Eliten initiiert und vorangetrieben wird. Voraussetzung für die Integration sind Deutsch zufolge sowohl ein enges Kommunikationsnetz zwischen den Staaten als auch ähnliche Werte, Normen und Rechtsvorstellungen. Erkennt die Bevölkerung der Staaten, dass bestimmte Probleme nur international zu bewältigen sind, werden sie von den politischen Eliten die Integration der Staaten und den Aufbau supranationaler Institutionen fordern.

Ziel der Integration ist hier nicht die Steigerung der Wohlfahrt, sondern hauptsächlich die Sicherung des Friedens und die Erstellung einer Sicherheitsgemeinschaft.

Deutsch sieht als Voraussetzungen für das Funktionieren einer solchen Sicherheitsgemeinschaft:

Deutsch argumentiert weiter, dass die Integrationsprozesse relativ langsam vorangehen, da 1. den Staaten der Erhalt ihrer Macht und ihres Prestiges wichtiger ist, als der Erhalt des Frieden und 2. da der Erhalt des Status quo berechenbarer ist als die Folgen der Integration. 

 

Integrationstheorie

Interdependenztheorie

Gegenstandsbereich

Institutionalisierte Verflechtung von Staaten

Internationale politische und wirtschaftliche Transaktionen führten zu gegenseitige Abhängigkeitsen

Erkenntnistheoretische Prämissen

Politische Einigung ist das Ergebnis wirtschaftlicher, technologischer und gesellschaftlicher Kooperation und Verflechtung

Staatliche Grenzen sind durchlässig; Innen- und Außenpolitik gehen ineinander über

Methodisches Vorgehen

Analyse von Prozessen, durch die Nationen auf die Möglichkeit verzichten, ihre Außenpolitik unabhängig zu betreiben während sie gleichzeitig einen Teil ihrer Macht auf eine höhere Instanz übertragen

Empirisch-analytische (auch quantitative) Analyse von Verflechtungsprozessen und bestehenden Verflechtungen zwischen den Staaten

Theoretische und Empirische Reichweite/Kritik

Funktionalistische Betrachtungsweise; z.T. Erwartung eines automatischen Integrationsmechanismus; Integration ist heute meist wirtschaftliche, nicht politisch

Selektions- und Messprobleme

Wichtigste Vertreter

Karl W. Deutsch, Ernst Haas, David Miltrany

Joseph Nye, Robert Keohane, Karl Kaiser, Peter Katzenstein

3.7 Interdependenz-Theorie

Die Theorie der Interdependenz ist als Reaktion auf die zunehmenden internationalen Transaktionen, die steigenden Verflechtungen der Staaten durch den zunehmenden Welthandel, die steigenden Kapitalströme und die Tätigkeit multinationaler Unternehmen ist in den 1970er/80er Jahren als neuer empirisch-analytischer Untersuchungsansätze der Internationalen Beziehungen entwickelt worden. Neben der fortschreitenden Globalisierung wurde der Ansatz durch Verschiebungen des Mächtegleichgewichts, durch die Verflechtung von Innenpolitik, Außenpolitik und internationaler Politik, als auch durch die größere Einfussnahme neuer Akteure beeinflusst. Letztlich war für die Entwicklung der Theorie die Zunahme globaler Probleme (z.B. Umweltprobleme) und die Notwendigkeit ihrer globalen Lösung maßgeblich.

Systemtheorietisch verwurzelt ist dieser Ansatz im Liberalismus; ihr direkter Vorläufer ist der Funktionalismus der Integrationstheorie. Hauptvertreter sind Robert Keohane und Joseph Nye (1960er/70er Jahre). Sie entwickelten gegenüber den realistischen und neorealistischen Theorien in ihrer Theorie von Macht und Interdependenz eine neue Form der Betrachtung von Macht, Machtstrukturen, von internationalen Beziehungen und gegenseitigen Abhängigkeiten. Es wird angenommen, dass Staaten vor allem aus ökonomischen und in letzter Zeit auch zunehmend ökologischen Interesse kooperieren. Insgesamt rücken die wirtschaftlichen Aspekte der Internationalen Beziehungen stärker in den Vordergrund, während die Sicherheitspolitik nicht mehr den Rang einnimmt, den ihr die Realisten beigemessen haben.

Im Bertrachtungszentrum dieses Ansatzes stehen die wechselseitigen Abhängigkeiten von Staaten. Wie die Integrationstheorien untersucht die Interdependenztheorie jedoch Strukturen innerhalb des Staatensystems, die über die Nationalstaaten hinaus greifen. Ziel der Interdependenz-Theorie ist somit die Erklärung wechselseitiger Abhängigkeitsbeziehungen der einzelnen Systemteile. Sie versucht, die Grenzen zwischen den traditionelle Kategorien der Innen-,  Außen-, und Internationalen Politik zu überwinden. An die Stelle des staaten-orientierten Billard-Ball-Modells tritt die Vorstellung, dass internationale Systeme durch eine Vielzahl internationaler, hierarchischer Strukturen, Abhängigkeiten und Akteuren gekennzeichnet sind. Das internationale System ist ein sogenanntes „mixed actor“ System.

Es gibt verschiedene Definitionen von Interdependenz. Allgemein bedeutet es die wechselseitige Abhängigkeit internationaler Akteure (insbesondere der Staaten).

Nach Ursula Lehmkuhl lassen sich jedoch mindestens drei Ausprägungen unterschieden:

Aufgrund der steigenden Interdependenzen entstehen jedoch nicht nur Nutzen- sondern auch Kosteneffekte für die Staaten. Interdependentempfindlichkeit bezeichnet dabei den Grad der Reaktionsfähigkeit innerhalb eines gegebenen politischen Rahmens und die Frage: Wie schnell verursachen Veränderungen in einem Land kostspielige Effekte in einem anderen Land und wie groß sind diese Effekte? Als Beispiel kann hier der Ölpreisschock von 1973 genannt werden, wobei manche Staaten weniger hart getroffen waren als andere. So war z.B. Japan stärker getroffen als die USA, da letztere einen geringeren Teil ihres Ölverbrauches importieren. Unter Interdependenzverwundbarkeit versteht man die relative Verfügbarkeit und Kostspieigkeit von Alternativen, die ein Land wählen kann, wenn es zu einer Änderung des politischen Rahmens kommt. In den 1970er Jahren wären alternative Reaktionen auf den Ölschock 1. die Suche nach eigenen Ölquellen, 2. die Reduzierung des Ölverbrauchs oder den Kapitalimport, um die gestiegenen Energiekosten zu decken.

Annahmen der Interdependenztheorie:

3.8 Marxismus / Imperialismustheorie und Weltsystemtheorie

Der wissenschaftliche Sozialismus von Karl Marx (1818 bis 1883) und Engels besteht im wesentlichen aus a) dialektischem Materialismus, b) historischem Materialismus und c) der marxistischen Wirtschaftstheorie, durch die die geschichtliche wirtschaftliche Enwicklungsgesetzmäßigkeit bewiesen werden soll. Im Gegensatz zu Theorien der internationalen Beziehungen wie dem Realismus oder dem Neo-Realismus, betrachten der Marxismus und die aus ihm hervorgegangene Imperialismustheorie Lenins wirtschaftliche und politische Aspekte der Gesellschaft (Marxismus) und der internationalen Beziehungen (Imperialismustheorie) als Einheit. Im Zentrum des Marxismus steht der Klassenkampf; Gegenstandsbereich sind die sozialen Klassen (Proletariat und Bourgeoisie) und die innergesellschaftliche Konfrontation zwischen diesen Klassen. Erst durch den Leninismus wurde der Marxismus auf die internationale Ebene übertragen. Marxismus versteht sich als Teil der Arbeiterbewegung und ist die stärkste Kritik am Kapitalismus. Der Fokus der Untersuchung liegt dabei auf den Produktionsverhältnissen und den sozialen Klassen und nicht auf dem Staat.

Marx nimmt an, dass auf die kapitalistische Gesellschaft die kommunistische Gesellschaft folgt. Dementsprechend widmet sich Marx in seinem bedeutendsten Werk „Das Kapital“ auch einer Kritik des Kapitalismus, beschriebt diesen ausführlich und baute auf den Theorien klassischer Ökonomen wie Adam Smith und David Ricardo auf. Wie Ricardo nahm Marx an, dass der Wert eines Gutes von der zu seiner Herstellung notwendigen Arbeit abhängt. Allein menschliche Arbeit, gemessen in Zeit, könne Werte schaffen. Marx ging allerdings weiter und argumentierte, dass in der kapitalistischen Welt alles zur Ware werde (Kommodifizierung). Waren dienten dabei nicht dem persönlichem Gebrauch, sondern seien Produkte, die gefertigt würden, um Profit auf Märkten zu erzielen. Auch die menschliche Arbeitskraft sei eine Ware. Hieraus ergibt sich seine Ansicht der sozialen Klassen: es gibt Besitzer der „Ware“ Kapital, und solche Menschen, die kein Kapital haben und folglich nur ihre Arbeit zur Produktion anbieten können. Die beiden sozialen Klassen sind somit 1. die Klasse der Kapitalbesitzer und 2. die Klasse der Arbeiter. Beide Klassen haben ein Interesse daran, ihre Wohlfahrt zu maximieren. Da die wirtschaftliche und politische Macht auf der Seite der Kapitalbesitzer liegt, kommt es unweigerlich zu einer Ausbeutung der Arbeiterklasse. Marxisten glauben demnach nicht wie die Wirtschaftsliberalen, dass ökonomische Transaktionen die Wohlfahrt aller Beteiligten erhöhen. Vielmehr kommt es auf das bestehende Machtverhältnis an. Die Geschichte der Gesellschaft ist somit auch eine Geschichte von Klassenkämpfen. Aufgrund der Konflikte zwischen den Klassen, ist die Gesellschaft und politische Ökonomie konfliktgeladen.

Der Drang der Kapitalisten, ihren Mehrwerts zu steigern, ist die Triebfeder für den technischen Fortschritt. Mit steigendem Aufwand für den technischen Fortschritt sinkt allerdings die Profitrate der Kapitalbesitzer. Sinkende Profitraten wiederum lassen nur solche Betriebe überleben, die in Massen produzieren können. Jedes Unternehmen versucht also die sinkende Profitrate durch Produktionssteigerung und Reduzierung der Arbeitskräfte zu kompensieren: immer weniger Arbeiter produzieren somit immer mehr Waren, während gleichzeitig immer mehr Arbeiter durch den technischen Fortschritt ihre Arbeit verlieren. Aufgrund der steigenden Arbeitslosigkeit und dem steigenden Arbeitskräfteangebot sinken die Löhne, wodurch wiederum auch die Kaufkraft der Arbeiterklasse sinkt. Es kommt zur Überproduktion (die Produktion übersteigt die Nachfrage), und Waren können nicht mehr verkauft werden. Die Arbeitslosenrate steigt und es kommt zur Verelendung.

Kapitalismus ist anfällig für periodische Wirtschaftskrisen, die sich in immer kürzeren Abständen wiederholen. Das Kapital konzentriert sich weiter, die Dynamik der Wirtschaft erlahmt. Ist der Kapitalismus nicht mehr in der Lage, die ökonomische Entwicklung voranzutreiben, so befindet er sich in seiner letzten Krise und wird schließlich vom Sozialismus abgelöst.

Imperialismustheorie

Lenin übertrug mit seiner Imperialismustheorie (1917) einige der zentralen Gedanken des Marxismus, insbesondere den des Klassenkampfes, auf die internationale Ebene. Er ging davon aus, dass die kapitalistische Gesellschaft mit der Entwicklung kolonialer Strukturen eine neue Dimension erreicht habe – Kolonialismus sei folglich die höchste Stufe des Kapitalismus.

Der Gegenstandsbereich der Imperialismustheorie sind die Austauschbeziehungen zwischen Staaten mit unterschiedlichen Potentialen, insbesondere zwischen den Metropolen (Zentrum) und der Peripherie. Lenin fügte dem Marxismus somit eine zweite Untersuchungsebene – die internationale Ebene – hinzu. Er argumentierte, dass die Kapitalbesitzer aufgrund der abnehmenden Profitrate des Kapitals auf nationaler Ebene nach neuen Investitionsmöglichkeiten suchen. Diese finden sie im Ausland in weniger entwickelten Ländern der Peripherie. Da das Kapital allerdings vor Übergriffen geschützt werden muss, kommt es zur Kolonialisierung (der militärischen und politischen Kontrolle des Marktes) und letztlich zur politischen und ökonomischen Ausbeutung von Abhängigkeitsbeziehungen.

Die Grundmerkmale des Imperialismus faßt er 1916 so zusammen:

Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges, der Dekolonialisierung und dem Beginn des Kalten Krieges war die Imperialismustheorie durchaus von Bedeutung, verlor allerdings aufgrund der genannten Entwicklungen rasch an Einfluss. In den 1970er Jahren erhielten jedoch Wirtschaftsfragen in Hinblick auf die Entwicklungen in der Dritten Welt einen neuen Aufwind mit den Dependenztheorien und der Welt-System Theorie des amerikanischen Soziologen Immanuel Wallerstein.

Weltsytem- Theorie

In Anlehnung an den Imperialismus von Lenin und die Dependenztheorie entwickelte Immanuel Wallerstein in den 1970er Jahren seine Welt-System Theorie. Wie Lenin unterscheidet Wallerstein zwischen dem Zentrum (Core) und der Peripherie im Weltsystem. Seine zentrale Frage ist: „Warum gibt es Unterentwicklung im Weltsystem?“

Um diese Frage zu beantworten vollzieht Wallerstein eine politik-ökonomische Analyse. Die Welt-System Theorie ist somit eine ökonomsich geprägte Theorie internationaler Beziehungen, wobei der Staat eine wichtige Rolle spielt, da er sowohl die innenpolitischen als auch die internationalen Strukturen aufrecht erhält. Dabei konzentriert sich Wallerstein weniger auf die Produktionsverhältnisse (Arbeitsorganisation, Ausbeutungsformen etc.) als auf den Austausch, d. h. den Welthandel und seine asymmetrischen Strukturen. Diese asymmetrischen Strukturen spiegeln sich in der Hierarchie der Staaten wider: Die Länder im Zentrum und die Länder in der Peripherie. In den Ländern des Zentrums seien diejenigen Produktionsprozesse angesiedelt, die am kapitalintensivsten seien und ein hohes Maß an Qualifikation erforderten. In den Länder der Peripherie würden dahingegen insbesondere arbeitsintensive Produktionsprozesse stattfinden, die weder ein hohes Maß an Kapital noch an hochqualifizierten Arbeitskräften bedingten. Diese Länder seien hauptsächlich Rohstofflieferanten. Wie in  Lenins Imperialismustheorie wirkt sich die wirtschaftliche Interaktion dieser beiden Ländergruppen nicht zum beidseitigen Nutzen aus. Vielmehr kommt es zur Ausbeutung der Peripherie durch das Zentrum: Das Zentrum erschließt zu seiner eigenen Aufrechterhaltung immer neue Rohstofflieferanten und Absatzmärkte und kann durch den Einsatz militärischer, wirtschaftlicher und politischer Macht, bestehende Strukturen aufrecht halten oder nach seinem Interesse gestalten. Die Länder des Zentrums und der Peripherie sind relativ stationär, d. h. sie bleiben in ihrer Stellung in der internationalen Arbeitsteilung. Die Diskrepanz zwischen dem Entwicklungsstand der Industrieländer und der Dritten Welt begründe sich folglich nach Wallerstein nicht durch einen Modernisierungs- und Entwicklungsrückstand der Dritten Welt. Die Ursache liege vielmehr in der Ausbeutung der Peripherie, die der Dritten Welt jegliche Entwicklungschancen nehme.

Neben der räumlichen Aufteilung spielt auch die zeitliche Dimension, also die Frage des zyklischen Verhaltens des Weltsystems eine wichtige Rolle in der Theorie Wallersteins. In Anlehnung an die Theorie der „Langen Wellen“ des russischen Ökonomen Nikolai Kondratieff (1892–1938) argumentierte er, dass es in der Weltwirtschaft zu langfristigen Aufschwungs- und Abschwungsphasen, die einen stabilen Zyklus von ca. 60 Jahren umfassen, kommt. Diese zyklische Sichtweise geht dabei nicht von einer Wiederholungslinie, sondern von einer komplexen Entwicklungsdynamik aus. Neben diesen zyklischen Facetten ist das kapitalistische Weltwirtschaftssystem wie im Marxismus durch systemimmanente Krisen gekennzeichnet, nämlich die Krise des Unterkonsums. Treffen das Problem des Unterkonsums und ein zyklischer Abschwung aufeinander, kommt es zur Krise des kapitalistischen Weltsystems und letztlich zu seinem Zusammenbruch.

Die Kritik an Wallersteins Ansatz knüpft an verschiedenen Punkten an:

3.9 Dependenztheorien

Im Zentrum der Dependenztheorien stehen die Nationalstaaten im Weltwirtschaftssystem. Durch historische Beziehungen und Tauschmuster hat sich im Weltwirtschaftssystem eine Peripherie und ein Zentrum der „core countries“ gebildet. Die Länder in der Peripherie werden systematisch benachteiligt und sind von den Länder im Zentrum wirtschaftlich abhängig. Im Zentrum stehen die Industrieländer; die Entwicklungsländer befinden sich in der Peripherie und sind in ihrer Entwicklung von den Industriestaaten abhängig.

Zu den Dependenztheorien gehört unter anderem das Prebisch-Singer Theorem. Demnach befinden sich die Entwicklungsländer in einer wirtschaftlichen Abhängigkeit, aus der sie sich selber schwer befreien können. Sie produzieren hauptsächlich Grundstoffe (z.B. Rohstoffe und Agrarprodukte) und einfache Industrieprodukte (wie Textilien). Die Nachfrage nach diesen Produkten ist sehr elastisch und hängt vom Einkommen des Konsumenten ab. Je mehr das Einkommen eines Konsumenten steigt, je weniger wird er einfache Produkte nachfragen. Es wird zu einer Verlagerung der Nachfrage zu höheren Konsumgütern und Luxusgütern kommen. Der Theorie zufolge stehen die Entwicklungsländer somit einer sinkenden Nachfrage gegenüber. Dehnen die Entwicklungsländer nun ihre Produktion aus, um dies zu kompensieren, kommt es durch die hohe Konkurrenz zwischen den Entwicklungsländern zu stetig sinkenden Preisen. Die Terms of Trade der rohstoffexportierenden Entwicklungsländer verschlechtern sich mit Ausdehnung der Produktion und der Exporte. Weiter wird argumentiert, dass viele Produkte, die Entwicklungsländer produzieren, durch Chemikalien, die in den Industrieländern entwickelt wurden, ersetzt werden können. Aufgrund dieser Argumentation wurde die Industrialisierung der Entwicklungsländer und die damit einher gehende Produktion von höher verarbeiteten Produkten als dringend notwendig für ihre Entwicklung angesehen. Eine Industrialisierung und somit die Produktion und letztlich der Export von Industriegütern in den Entwicklungsländern sei daher dringend notwendig. Da die bedeutenden Industrieprodukte jedoch bereits von den Industrieländern hergestellt würden, diese also einen Vorsprung hätten und die Waren sehr viel billiger anbieten könnten, hätten die neuen Industrien in den Entwicklungsländern aufgrund der großen internationalen Konkurrenz kaum eine Wachstumschance. Daraus hat man geschlossen, dass eine Industrialisierung in den Entwicklungsländern nur dann stattfinden kann, wenn sie sich von der Weltwirtschaft abschotten. Anstatt Ind ustrieprodukte zu importieren, sollten Industrien im eigenen Land aufgebaut werden. Dies hat zu einer Periode importsubstituierender Industrialisierung (ISI) geführt.

Arthur Lewis` „Theory of Surplus Labour“ argumentiert, dass in den Entwicklungsländern ein Überschuss an Arbeitskräften besteht, Kapital dahingegen sehr knapp ist. Somit ist Arbeit im Vergleich zu Kapital relativ billig. Die Löhne sind dementsprechend niedrig. Folglich ist die Sparquote niedrig, und es steht wenig Kapital für Investitionen zur Verfügung. Schlussfolgerung dieser Überlegung ist, dass durch Protektionismus und ISI  eine Industrialisierung und steigende Löhne erreicht werden können. Dieses führe zu einem sogenannten „Virtious Circle“ mit einer steigenden Sparquote, steigenden Investitionen, Industrialisierung und letztlich wieder steigenden Löhnen und Lebensstandards.

Eng verbunden mit dieser Theorie ist die sogenannte „Vicious Cycle Theorie“. Auch sie nimmt die Knappheit von Kapital an. Durch diese Knappheit ist die Investitionsrate sehr niedrig. Durch fehlende Entwicklung und Investitionen sinken die Löhne, so dass die Sparquote und die Nachfrage abnehmen. Dies führt einerseits zu einem stetig sinkenden Kapitalangebot, andererseits zu geringeren Gewinnen der Produzenten. Letzteres führt wiederum zu sinkenden Löhnen und einem sinkenden Kapitalangebot.

Heute wird z.T. argumentiert, dass die Dependenztheorien durch die Entwicklung insbesondere der asiatischen Schwellenländer widerlegt ist. Doch sei hier nur kurz an die Asienkrise erinnert, die die Abhängigkeit dieser Länder von ausländischen Kapitalströmen und ihre Verwundbarkeiten verdeutlicht hat. 

3.10 International Political Economy:

Die International Political Economy (IPE) konzentriert sich auf Fragen der Wirtschafts-, Währungs- und Handelspolitik im Kontext komplexer internationaler Systeme. IPE bezeichnet also einen Forschungsbereich, der von der untrennbaren Einheit von Ökonomie und Politik ausgeht. Internationale politische und wirtschaftliche Phänomene sind nur in ihrer Wechselwirkung erklärbar.

Unter Wirtschaft versteht man dabei die Herstellung von Produkten unter dem Einsatz knapper Ressourcen zur Befriedigung unendlicher Wünsche, der Tausch dieser Produkte und die Verteilung von Einkommen.  Im Zentrum steht hier die Suche nach der optimalen Allokation der Ressourcen. Bewertet wird