Stormy Mildner
In einem Goldstandard legt jedes beteiligte Land den Wert seiner Währung zum Gold fest. Innerhalb des klassischen Goldstandards des 19. Jahrhunderts betrug der Preis einer Unze Gold in New York um 1914 zum Beispiel 20 Dollar und in Großbritannien 5 Pfund. Dadurch ergab sich ein fester Wechselkurs zwischen dem US-Dollar und dem Pfund von 5 Dollar für ein Pfund. Die festen Wechselkurse wurden zwischen den nationalen Währungen aufrecht erhalten.
Ein Goldstandard zeichnet sich durch folgenden drei Charakteristika aus:
Es werden vier verschiedene Formen der Goldstandards unterschieden:
Während des Goldstandards des 19. Jahrhunderts waren die Deckungsvorschriften (die Deckung des umlaufenden Geldes durch Gold) unterschiedlich. Während in England die Deckungsvorschrift 100% betrug, lag sie in anderen Ländern darunter.
Im folgenden soll die Entstehung des klassischen Goldstandards vor dem ersten Weltkrieg und seine Funktionsweise beschrieben werden. Dabei sollen einige zentrale Fragen behandelt werde:
Bis in die Neuzeit war Silber das vorherrschende Zahlungsmittel gewesen. Weder Gold noch Kupfer waren für die alltäglichen Transaktionen geeignet. Während Kupfermünzen zu schwer waren, waren Goldmünzen zu leicht. Die Grundlage für internationale Vereinbarungen war eine Mischung aus Gold-, Silber- und Kupfermünzen.
Der Goldstandard als Basis für internationale Währungsangelegenheiten entstand erst nach 1870. Zur Entwicklung des Goldstandards haben eine Reihe von Faktoren beigetragen. Im Zentrum dieser Entwicklung stand Großbritannien, wobei die Übernahme des Goldstandards in Großbritannien durch einen monetären Zufall beeinflusst wurde: Im Jahr 1717 legte Isaac Newton als Münzmeister einen zu niedrigen Goldpreis für Silber fest. Silber war demnach verhältnismäßig teurer und wertvoller als Gold. Dies hatte zur Folge, dass Silber aus dem Markt verschwand und Gold den Geldumlauf dominierte. Dieses Phänomen wird als Greshamsches Gesetzt bezeichnet: Bei einer Doppelwährung wird das "gute" Geld (das teurere/wertvollere) von dem "schlechten" Geld aus dem Markt verdrängt. Die Wirtschaftsakteure sind bestrebt, für ihre Zahlungen nur diejenige Währung zu nutzen, die ihren Wert erwartungsgemäß schneller verlieren wird, während die wertstabile Währung gehortet wird. Folglich nutzten die Akteure in Großbritannien nach 1717 für ihre Transaktionen hauptsächlich Gold. 1774 wurde die praktisch bereits bestehende Goldwährung durch die teilweise Aufhebung des Status von Silber als legales Zahlungsmittel anerkannt: Nur noch Zahlungen unter 25 Pfund konnten in Silberwährung getätigt werden. Von 1797 bis 1819 wurde der Goldstandard aufgrund der napoleonischen Kriege ausgesetzt. Dies führte jedoch zu Inflation und einer Abwertung des Sterlings gegenüber anderen Währungen. Von dieser Entwicklung profitierten sowohl die Farmer und die Produzenten, als auch die Schuldner im Allgemeinen. Nach dem Ende des Krieges ging die Nachfrage nach Lebensmitteln und industriellen Produkten wieder zurück, während gleichzeitig die Konkurrenz durch Importgüter stieg. Das hohe Preisniveau ließ sich also langfristig nicht halten. Besonders von der Aussetzung des Goldstandards betroffen waren die Finanzklasse, die Klasse der Landbesitzer und die Kreditgeber Englands im Allgemeinen, die sich vehement für die Wiedereinführung des Goldstandards einsetzten. Die an politischem Einfluss stetig wachsende Finanzklasse forderte die Wiedereinführung des Goldstandards, um nach dem Krieg schnell die alte Stabilität des Sterlings und die Voraussehbarkeit der Finanzentwicklungen wieder herzustellen. Die Stabilität des Sterlings wurde als Grundvoraussetzung für Londons Rolle als Weltfinanzzentrum angesehen. Durch den Krieg hatte die Stabilität des Sterlings grundlegend gelitten, und das Wachstum Londons zum neuen Finanzzentrum war erheblich eingeschränkt gewesen. Diese Tendenz sollte durch die Einführung des Goldstandards wieder rückgängig gemacht werden.
Da die Klasse der Kapital- und Landbesitzer im Vergleich zu den Bauern und Arbeitern besonders einflussreich war, führte Großbritannien den Goldstandard offiziell im Peel´s Act von 1819 nach dem Ende des napoleonischen Kriegs wieder ein. Die Arbeiter, Bauern und Schuldner, die von dem sogenannten weichen Geld, dem Silberstandard, profitiert hätten und in dieser Zeit die wohl größte wirtschaftliche Not litten, konnten kaum auf die Politik Einfluss nehmen, da das Wahlrecht zumeist auf Männer mit einem Mindestvermögen beschränkt war.
Durch den Peel´s Act von 1819 wurde der Goldstandard des 18. Jahrhundert, der vor dem Krieg ein sogenannter de fakto Goldstandard gewesen war, zu einem de jure Goldstandard. 1821 wurde Silber als Zahlungsmittel auch für kleine Transaktionen verboten. 1844 wurde der Goldstandard im Bank Charter Act bestätigt und gestärkt. England war demnach das einzige Land, das zu Beginn des Jahrhunderts eine uneingeschränkte Goldwährung hatte.
Durch die Wiedereinführung des Goldstandards und der Wiederherstellung der Stabilität wurde der Sterling einerseits als internationales Zahlungsmittel attraktiv. Andererseits vereinfachte er den freien Handel. Exporteure und Importeure mussten nicht mit hohen Wechselkursschwankungen rechnen. Sie konnten klare Erwartungen bilden, so dass die Risiken relativ gering waren. Auch dies trug zum Wachstum des internationalen Handels bei. Letztlich wurde der Sterling durch seine Stabilität als Wertaufbewahrungsmittel besonders attraktiv.
Im Gegensatz zu dem Goldstandard in England bestand in vielen anderen Ländern ein sogenannter Bimetallismus, das heißt, dass sowohl Goldmünzen als auch Silbermünzen geprägt und zirkuliert wurden. Frankreich gehörte zu den Ländern mit einem Bimetallstandard. Österreich-Ungarn, Skandinaven, die Deutschen Staaten und Russland gehörten zu dem sogenannten Silberblock, also zu den Staaten, die eine Silberwährung hatten.
Die bimetallische Währung brachte jedoch einige Schwierigkeiten mit sich. So war die gleichzeitige Zirkulation von Gold- und Silbermünzen nur schwer aufrecht zu halten. Während im Inland die Zirkulation von Gold und Silber durch das Gramshamsche Gesetz bestimmt wird, erschwert auf internationaler Ebene der Anreiz zur Ausnutzung von Preisdifferenzen (Arbitrage) die Zirkulation von Gold und Silber: Steigt der Goldpreis auf den Weltmärkten schneller als der Preis für Silber, ergibt sich ein Anreiz für ein Arbitragegeschäft. Der Arbitrageur kauft im Inland Gold, das er auf dem Weltmarkt gegen Silber eintauscht. Da Gold auf dem Weltmarkt mehr wert ist als im Inland, erhält er mehr Silber als er vorher für das Gold bezahlt hat. Es kommt zum Export von Gold und Import von Silber. Diese Bewegung hält so lange an, wie das Preisverhältnis von Gold zu Silber auf dem Weltmarkt höher ist als das Preisverhältnis in Münzform. Ist das Preisverhältnis auf dem freien Markt niedriger als das Preisverhältnis in Münzform kommt es zum Import von Gold und Export von Silber. 1848 lösten Goldfunde in Kalifornien und 1851 in Australien eine Verzehnfachung der weltweiten Goldfördermenge aus, die zu einem Verfall des Marktpreises führte. Folglich wurde Gold von Frankreich importiert, Silber exportiert. Als 1958 Silberminen in Nevada erschlossen wurden, stieg die Fördermenge von Silber erheblich an, so dass der Marktpreis von Silber zu Gold wieder sank. Folglich kehrte sich der Goldfluss nach Frankreich um, Gold wurde exportiert und Silber floss ins Land. Diese Schwankungen wirkten sich sowohl negativ auf die Binnenwirtschaft, als auch auf die internationalen Verflechtungen aus und führten zu einer stetig wachsenden Unzufriedenheit in Frankreich.
Die Probleme in Frankreich nahmen nach der Währungsreform Italiens 1862 weiter zu. Italien hatte kleine Silbermünzen mit einem Feingehalt von 836 eingeführt, während der Feingehalt der Silbermünzen in Frankreich 900 betrug. Folglich begann die französische Bevölkerung für den Zahlungsverkehr italienische Münzen zu nutzen, während sie die französischen Münzen horteten. Das grundlegende Problem ist auch hier wieder das Greshamsche Gesetz. Als Antwort auf diese Entwicklung senkte Frankreich den Feingehalt seiner Silbermünzen auf 835. Diese Senkung löste das Problem der Verdrängung französischer Silbermünzen vom Markt jedoch nicht: So hatte die Schweiz ihren Feingehalt auf 800 gesenkt, was wiederum zu einer Verdrängung der französischen, belgischen und italienischen Münzen führte. Nachdem man die gegenseitige Abhängigkeit erkannt hatte, wurde bei einer internationalen Konferenz 1865 die Lateinische Münzkonvention beschlossen, in der sich die betroffenen Länder einigten, ihre Münzen mit einem Feingehalt von 835 zu prägen, so dass der Verdrängungseffekt einzelner nationaler Münzen verhindert wird.
Aufgrund des deutsch-französischen Krieges und dem Aussetzen der Konvertibilität der französischen, russischen, italienischen und österreich-ungarischen Währung, als auch durch die Rolle Englands in der Weltwirtschaft und die Stabilität seiner Währung, wurde die Wahl des Silberstandards immer weniger attraktiv. Aufgrund seiner frühen industriellen Revolution stieg England im 19. Jahrhundert zur führenden Finanz- und Handelsmacht auf. Dementsprechend wurden die britische Geld- und Währungspolitik und der Goldstandard für die mit England wirtschaftlich eng verbundenen Länder immer wichtiger. Portugal, das enge Handelsverflechtungen mit England unterhielt, hatte sich bereits 1854 dem Goldstandard angeschlossen. Anfang der 1870er Jahre, nachdem große Silberfunde Gold vollständig aus der Zirkulation zu drängen gefährdeten, beschlossen die Länder der Lateinischen Münzkonvention, die freie Prägung von Silber aufzuheben.
Frankreich hatte von 1878 bis 1914 einen sogenannten hinkenden Goldstandard ("limping gold standard"). Das heißt, dass die Konvertierbarkeit von Banknoten in Gold nicht gesetzlich garantiert war, sondern der Kontrolle der Bank von Frankreich unterlag. Wie in der Schweiz, Belgien und den Niederlanden unterlag in Frankreich die Konvertibilität von Banknoten und Silbermünzen in Gold dem Ermessen der Behörden. Diese konnten entscheiden, ob sie die Banknoten in Gold oder Silber eintauschen. Somit konnte die Bank von Frankreich ihre Goldreserven schützen und große Goldabflüsse verhindern. Silber blieb also weiterhin gesetzliches Zahlungsmittel, auch wenn es nicht frei ausgeprägt wurde. Ein weiteres Instrument zur Verhinderung von Goldabflüssen, beziehungsweise zur Förderung von Goldimporten, waren die sogenannten "Gold Devices". Das heißt, dass die Notenbanken Anreize für den Goldimport durch zinsfreie Kredite für Goldimporte schaffen konnten. Dies schadete jedoch der Glaubwürdigkeit der französischen Zentralbank und verhinderte, dass das französische Finanzsystem eine prominentere Rolle in den internationalen Finanzbeziehungen einnahm. Der französische Franc war weder als internationales Zahlungsmittel noch als Wertaufbewahrungsmittel sonderlich attraktiv.
Dass Frankreich keinen vollständigen Goldstandard übernahm wie England lag sicherlich an den innenpolitischen und sozialen Rahmenbedingungen. Im Gegensatz zu England bildete sich in Frankreich keine Koalition der Landbesitzer, der Finanzklasse und der Gläubiger. Zum einen gab es in Frankreich kein Äquivalent zu der Klasse der Landbesitzer Englands. Während in England große Landbesitze in den Händen der Aristokratie lagen, war der Besitz von Land in Frankreich relativ weit verbreitet. Es gab eine Vielzahl von Bauern, die kleine Pazellen Land bewirtschafteten. Demzufolge gab es nicht wie in England die Aristokratie, die sich für stabile oder sinkende Preise einsetzten, um die Erträge aus den Verpachtungen stabil zu halten, beziehungsweise die Kaufkraft ihres Einkommens zu erhöhen. In Frankreich setzte sich dahingegen eine Vielzahl von Kleinbauern für einen Silberstandard und eine inflationäre Geldpolitik ein. Sie forderten, dass Frankreich von den deflationären Implikationen des Goldstandards isoliert werden solle. Auch die französische Industrie befürwortete den Goldstandard weniger stark als die in England, da die Industrialisierung in Frankreich sehr viel weniger fortgeschritten war. Die Produktion und der Export von Massenprodukten war in Frankreich noch nicht verbreitet. Da Exporte von Massenprodukten weniger wichtig waren, gab es folglich auch keine Lobby, die sich für stabile Wechselkurse einsetzte. Auch der französische Finanzsektor stand weniger stark hinter dem Goldstandard als der britische. Ein Grund hierfür war, wie im Bereich Handel, die fehlende internationale Ausrichtung.
Deutschland übernahm den Goldstandard offiziell im Jahr 1873. Wie im Fall von Frankreich war Deutschlands Befürwortung des Goldstandards sehr viel geringer ausgeprägt als die in England. Anfang der 1870er Jahre war eine Währungsreform in Deutschland dringend notwendig. Deutschland brauchte eine neue gemeinsame Währung. Da sich die Handelsverflechtungen von Osteuropa nach England verschoben hatten, war der Silberstandard, der in den Ländern Osteuropas dominiert hatte, aus deutscher Sicht nicht mehr vorteilhaft. Auch hatten viele Länder Osteuropas ihren Silberstandard bereits gegen unkonvertierbares Papiergeld eingetauscht. Dies machte den Silberstandard für Deutschland nicht mehr notwendig. Des Weiteren wurden die meisten wirtschaftlichen Beziehungen Deutschlands mit außereuropäischen Ländern über London finanziert. Folglich nahm Deutschland einen Goldstandard an, der offiziell einem vollen Goldstandard entsprach. Deutschland verkaufte seine Silberbestände und kaufte Gold auf den internationalen Märkten an. 1872 wurde der Silbertaler durch die Deutsche Mark ersetzt. In der Umsetzung entsprach der deutsche Goldstandard jedoch auch nicht dem vollen Goldstandard Englands und wurde oftmals manipuliert. Folglich benutzte die Reichsbank eine Reihe von Instrumenten, um die Goldflüsse zu beeinflussen: Wenn sie den Goldimport fördern wollte, vergab sie Prämien oder zinsfreie Kredite an Goldimporteure. Sie manipulierte also die sogenannten Goldimport- und exportpunkte. Indem sie zeitweise Banknoten in Gold nur in ihrer Zentrale in Berlin umtauschte und nicht in den Filialen an den Grenzen, wurden die Exportkosten von Gold erheblich erhöht und Goldexporte wurden weniger attraktiv. Letztlich ließ die Reichsbank die Finanzakteure auf subtile Weise wissen, dass sie dem Goldexport sehr negativ gegenüber stand, um in kritischen Zeiten den Goldabfluss einzudämmen und die Goldreserven zu sichern. Da die Banker Konflikte mit der Reichsbank vermeiden wollten, folgten sie oftmals den Wünschen der Reichsbank. Aufgrund dieser Politikmaßnahmen konnten auch die Reichsbank und der deutsche Finanzmarkt wie die Bank von Frankreich und der französische Finanzmarkt international nicht den gleichen Status erreichen wie London.
Die Abweichungen von einem vollkommenen Goldstandard lassen sich in Deutschland wie in Frankreich anhand der sozialen und politischen Struktur erklären. Ausschlaggebend für die Fokussierung der Geldpolitik auf binnenwirtschaftliche Ziele und die Manipulation der Goldflüsse waren die sogenannten Junker, die landbesitzende Klasse in Deutschland. Die Junker waren wie die britische Aristokratie politisch sehr einflussreich. Ihre geldpolitischen Ziele stimmten als selbständige Landwirte jedoch eher mit denen der kleinen Landbesitzer Frankreichs und der Bauern Englands überein: sie hatten also ein Interesse an steigenden Preisen.
Auch die Banken standen nicht in dem gleichen Maße hinter einem vollkommenen Goldstandard wie die Banken in England. Anders als in England waren die deutschen wie die französischen Banken binnenwirtschaftlich orientiert. Ihr Schwerpunkt lag nicht wie der Schwerpunkt der englischen Banken auf der Finanzierung des internationalen Handels oder der Kreditvergabe. Die deutschen Banken finanzierten vielmehr die Entwicklung der nationalen Industrie. Die Unterstützung der jungen, sich entwickelnden Industrie ("infant industry") spielte eine zentrale Rolle in der gesamten Wirtschaftspolitik der beiden Länder. Folglich waren die Interessen der Banken eng mit den Interessen der sich entwickelnden Industrie verbunden. Da diese weniger im internationalen Geschäft involviert waren - sie mussten erst wettbewerbsfähig werden und wurden oftmals durch hohe Zölle geschützt - war für sie das Vertrauen der internationalen Investoren und eine stabile Währung weniger wichtig.
Nach Deutschland übernahmen Norwegen, Schweden und Dänemark den Goldstandard. Die Länder der Lateinischen Münzkonvention (Frankreich, Schweiz, Belgien) folgten Ende der 1870er Jahre. 1878 hatten demnach England, Deutschland, Belgien, Holland, Frankreich, die Schweiz und die Skandinavischen Länder den Goldstandard. 1892 schloss sich Österreich an, Russland folgte 1897, Japan im Jahr 1879. In den USA gab es seit 1879 einen de facto Goldstandard. Nach 1900 folgten noch Länder wie Siam, Ceylon, Argentinien, Mexiko, Peru und Uruguay. Zu dieser Entwicklung trug insbesondere bei, dass England die führende Finanz- und Handelsmacht war und einen vollkommenen Goldstandard hatte. Folglich wurde das britische Währungssystem für die mit England handelnden Länder immer wichtiger. So erleichtert ein gemeinsames Währungssystem die finanziellen Transaktionen und den internationalen Handel: Je mehr Länder den Goldstandard übernahmen, umso mehr lohnte es sich für andere Länder ihrem Beispiel zu folgen.
Des Weiteren nahmen sowohl der Handel als auch die internationalen finanziellen Verflechtungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erheblich zu. Folglich herrschte ein geistiges Klima im Zentrum des Goldstandards (England, Frankreich und Deutschland), das die Stabilität der Wechselkurse und der Währungen oberste Priorität über innenpolitische und binnenwirtschaftliche Ziele einräumte. Letztlich trugen die Silberfunde in den USA Anfang der 1870er Jahre zu der Verbreitung des Goldstandards bei. Durch das steigende Angebot an Silber sank der Silberpreis, was zu einer inflationären Entwicklung in den Länder mit einem Silberstandard führte. Um dieser Entwicklung entgegen zu wirken, schafften viele Länder den Silberstandard ab und übernahmen den Goldstandard.
Die Rolle Englands in der Weltwirtschaft führte nicht nur zu einer internationalen Verbreitung des Goldstandards. Auch wurde durch Englands dominierende Rolle in den internationalen Finanz- und Handelsbeziehungen der Sterling zur Leitwährung des Systems. Da er durch seine Stabilität als "so gut" wie Gold angesehen wurde, lief der internationale Zahlungsverkehr hauptsächlich in Pfund Sterling ab. Sterling war das weitverbreitetste Finanzierungsinstrument. Auch zum Begleichen oder in Rechnungstellen des internationalen Handels wurde hauptsächlich das Pfund Sterling genutzt. Das Pfund Sterling wurde weiter um 1900 die wichtigste Reservewährung. Vor dem Beginn des Ersten Weltkrieges wurden ca. 40% aller Devisenreserven in Pfund Sterling gehalten. Währungsreserven in französischen Franc und Deutschen Mark machten zusammen weitere 40% aus. Weitere Reservewährungen (zusammen 20%) waren belgische Francs, Schweizer Franken, holländische Gulden und US-amerikanische Dollars. Die Zahlungen in Gold spielten eine eher untergeordnete Rolle. Nur für intrastaatliches Begleichen von großen Schulden oder bei Bereitstellung von Liquidität in Krisenzeiten spielte Gold weiterhin die dominierende Rolle.
Es wird oftmals argumentiert, dass der Goldstandard relativ reibungslos funktionierte, da England als wirtschaftliche und politische Hegemonialmacht die Stabilität sicherte. Als aktiver Hegemon habe England gewisse Normen und Regeln, die "Rules of the Game" geschaffen und ihre Einhaltung überwacht. Die Bank von England habe weiter eine Anreizstruktur für andere Länder geschaffen, um zu gewährleisten, dass diese den neuen Regeln folgen. Diese Anreize sind bestimmte öffentliche Güter, wie:
Der aktive Hegemon muss durch die Bereitstellung der öffentlichen Güter bestimmte Kosten tragen, die andere Länder nicht haben. Andere Länder sind sogenannte "Free Rider" in dem System: Sie profitieren von dem Nutzen, tragen jedoch nicht die Kosten des Systems. Somit können die "free Rider" schneller wachsen als der Hegemon, der sich einem stetig schwindenden relativen Machtverlust gegenüber sieht. Dies wird als "Hegemonic Decline" bezeichnet. Der wirtschaftliche und politische Machtverlust Großbritanniens um 1900 habe dementsprechend zur Instabilität des Goldstandards geführt, da England nicht mehr in der Lage gewesen sei, die notwendigen Öffentlichen Güter bereitzustellen.
Zu dieser Theorie muss angemerkt werden, dass der Goldstandard nie reibungslos funktioniert hat. Insbesondere die Länder der Peripherie des Goldstandards haben sich durch Instabilität und Krisen ausgezeichnet. Auch hat England nie die Rolle des aktiven Hegemons, des Manager des Systems, gespielt und nicht die notwendigen öffentlichen Güter bereitgestellt. Oftmals war es nicht die Bank von England, die als "Lender of Last Resort" Liquidität bereitgestellt hat und eine Krise abgewendet hat, sondern die deutsche Reichsbank und die Bank von Frankreich. Diese haben während verschiedener Krisen, wie während der Baringkrise von 1890, der Bank von England Liquidität zur Verfügung gestellt. England trug vielmehr oftmals zur Instabilität des Systems bei.
Um innerhalb der "Hegemonic Stability Theorie" zu argumentieren, kann man höchstens sagen, dass England als passiver Hegemon gewirkt hat. Das heißt, dass England um 1860 die dominierende Wirtschaftsmacht war, mit dem Weltfinanzzentrum in London und sehr engen Handelsverflechtungen mit vielen Ländern Europas. Folglich lohnte es sich aus Sicht derjenigen Länder, die enge wirtschaftliche Beziehungen mit England unterhielten, ebenfalls den Goldstandard zu übernehmen, da so eine Reihe von Risiken, wie die Wechselkursrisiken, minimiert werden konnten. Je mehr Länder dann dem Goldstandard angehörten, um so mehr lohnte es sich auch für weitere Länder, sich dem anzuschließen. Es ergab sich ein Dominoeffekt.
Humes Price-Specie Flow Model: David Hume nimmt in seinem Model, einem der ersten Gleichgewichtsmodelle in der Nationalökonomie, vereinfachend an, dass nur Goldmünzen zirkulieren. Exportiert ein Exporteur aus Land B eine Ware an Land A, erhält er eine Zahlung in Gold. Dieses Gold bringt er zur Prägung zur Münzanstalt. Hat Land B eine positive Handelsbilanz gegenüber von Land A, so kommt es zu einem Goldfluss von Land A nach Land B. In Land B steigt die Geldmenge (die Goldmünzen) und die Preise steigen, während in Land A die Preise fallen. Folglich ändern sich die relativen Preise: Die Exportgüter von Land A werden billiger, die von Land B teurer. Folglich steigen die Exporte von Land A und die Importe von Land B. Die Handelsbilanzen und Zahlungsbilanzen kommen wieder ins Gleichgewicht.
Hume berücksichtigt in seinem Modell jedoch nicht die internationalen Kapitalströme, Faktoren wie Zinsen und die Aktivität von Handels- und Zentralbanken.
Grundlegende Annahme sind Vollbeschäftigung und vollkommen flexible Preise, wobei der Goldpreis starr/fixiert ist. Vier Mechanismen haben zur Funktionsweise und Stabilisierung des internationalen Goldstandards beigetragen:
Interaktion von Goldproduktion und Preisniveau zur
Sicherung der Preisniveaustabilität:
Die gleichmäßige Gold- und Geldversorgung
wird durch die Interaktion von Goldproduktion und
Preisniveau gesichert. Eine ansteigende Goldproduktion
führt zu einer steigenden Geldmenge. Die
steigende Geldmenge führt zu Inflation, also
steigenden Preisen. Das steigende Preisniveau
führt zu steigenden Kosten der Produktion von
Gold. Dahingegen bleibt der Goldpreis, wie bereits
erwähnt, gleich. Durch die steigenden
Produktionskosten wird weniger Gold produziert/abgebaut
und die daraus folgende Geldschöpfung geht wieder
zurück. Folglich sinkt das Preisniveau wieder.
Durch die Interaktion von Goldproduktion und Preisniveau wird ein langfristig stabiles Preisniveau gesichert. Kurzfristig kann es zu Schwankungen kommen. Hier muss angemerkt werden, dass eine Innovation der Goldproduktion, die zu einer langfristigen Verbilligung der Produktion führt, das Preisniveau dauerhaft verändert.
Goldarbitrage zur Sicherung der
Stabilität der Wechselkurse:
Die Stabilität der Wechselkurse wird durch die
Goldarbitrage gesichert. Dieser Mechanismus lässt
sich am besten anhand eines Beispiels verdeutlichen:
Land A hat wieder ein Handelsdefizit gegenüber
Land B. Die Importeure aus Land A bezahlen die
importierten Waren mit der Währung A. Die
Exporteure können mit dieser Währung jedoch
nichts anfangen und tauschen sie bei der Zentralbank
des Landes A gegen Gold um. Dieses Gold tauschen sie
dann bei der eigenen Zentralbank gegen die Währung
ihres eigenen Landes ein. In Land A verringert sich der
Geldumlauf, in Land B erhöht sich der Geldumlauf.
Die Preise fallen in Land A und steigen in Land B. Hier
gibt es noch keinen Unterschied zum Modell von Hume.
Der Anstieg des Wechselkurses (aus Sicht des Landes A)
führt dazu, dass der Goldpreis in Land A relativ
zu dem in Land B sinkt. Arbitrageure werden nun im
Inland A Gold zu einem geringeren Preis kaufen und in
Land B verkaufen, wobei sie das ausländische Geld
bei der ausländischen Zentralbank in Gold und
dieses bei der eigenen Zentralbank in ihre eigene
Währung umtauschen. Dadurch kommt es einerseits zu
einem Goldfluss von Land B nach Land A. Die Geldmenge
steigt in Land A wieder, während sie in Land B
fällt. Gleichzeitig steigt das Angebot der
Währung des Landes B, so dass der Preis der
Währung fällt. Die Nachfrage nach der
Währung des Landes A steigt, wodurch der Preis der
Währung steigt. Die Währung des Landes A wird
wieder aufgewertet, die Währung des Landes B wird
abgewertet. Dadurch steigt der Goldpreis wieder in Land
A, während der Goldpreis in Land B sinkt. Der
Wechselkurs hat sich wieder stabilisiert.
Dieser Mechanismus funktioniert nur, wenn sich die Goldarbitrage auch lohnt. Das heißt, dass die Erträge aus den Preisdifferenzen die Kosten der Goldarbitrage, also des Goldexportes/ beziehungsweise des Goldimportes übersteigen. Die Punkte, an denen sich die Goldarbitrage lohnt, sind der Goldimport- und Goldexportpunkt. Zwischen diesen Punkten lohnt sich die Goldarbitrage nicht, da die Kosten den Ertrag überschreiten. Folglich greift der Stabilisierungsmechanismus hier nicht, und die Wechselkurse können frei schwanken.
Geldmengenpreismechanismus und
Geldmengenzinsmechanismus:
Beide Mechanismen sollen anhand eines Beispiels
illustriert werden: Angenommen wird wieder, dass Land A
aufgrund eines exogenen Schocks mehr Güter aus
Land B nachfragt, als Land B von Land A. Land A hat
gegenüber Land B ein Handelsbilanzdefizit,
wohingegen Land B einen Handelsbilanzüberschuss
hat. Folglich kommt es zu einem Goldabfluss aus Land A
nach Land B, wodurch die Zahlungsbilanz in beiden
Ländern ins Ungleichgewicht gerät.
Durch den Goldfluss von Land A nach Land B verringert sich die Geldmenge in Land A, wohingegen sie in Land B steigt.
Geldzinsmechanismus:
Durch die steigende Geldmenge in Land B sinken nun die
Zinsen, wobei die Zinsen in Land A aufgrund der
sinkenden Geldmenge steigen. Durch die höheren
Zinsen fließt Kapital von Land B nach Land A.
Land A hat eine positive Kapitalverkehrsbilanz, Land B
eine negative, die den Handelsbilanzsalden
gegenüber stehen. Die Kapitalflüsse von Land
B nach Land A finden so lange statt, bis sich die
Zinsen wieder angeglichen haben. Gleichzeitig steigt
die Nachfrage nach Investitionsgütern in Land B,
so dass die Importe von Investitionsgütern
steigen. Gleichzeitig sinken die Investitionen in Land
A durch die steigenden Zinsen und die Nachfrage nach
Investitionsgütern und die Importe gehen
zurück. Sowohl die Anpassungen über den
Gütermarkt als auch über den Kapitalmarkt
tragen dazu bei, dass die Zahlungsbilanzen wieder ins
Gleichgewicht kommen.
Geldmengenpreismechanismus:
Mit dem Anstieg der Geldmenge in Land B steigt in Land
B die monetäre Nachfrage, während in Land A
die monetäre Nachfrage aufgrund der sinkenden
Geldmenge fällt. Folglich kommt es in Land B zu
einem Preisniveauanstieg und zu einer
Preisniveausenkung in Land A, wodurch sich die Waren
aus Land A relativ zu denen aus Land B verbilligen (der
Wechselkurs ist aufgrund der Goldarbitrage stabil).
Dadurch steigen die Exporte von Land A, während
die Importe von Land B steigen. Der Goldabfluss von
Land A nach Land B kehrt sich um. Die Zahlungsbilanz
kommt wieder ins Gleichgewicht.
Hier wird argumentiert, dass die Zahlungsbilanzen über den automatischen Anpassungsmechanismus der Einkommenseffekte ausgeglichen wurden. In einem Land mit einer negativen Handelsbilanz sinkt das Exporteinkommen der Industrie. Aufgrund des sinkenden Einkommens wird die Produktion reduziert, Löhne werden gesenkt, Konsum und Sparquote sinken. Folglich sinken die Produktionskosten und die Preise. Hier muss angemerkt werden, dass die Löhne und Preise relativ flexibel waren. Gleichzeitig sinken die Importe. Durch die sinkenden Preise steigen die Exporte. Die Zahlungsbilanz wird wieder ins Gleichgewicht gebracht. In einem Land mit einer positiven Handelsbilanz steigt dahingegen das Einkommen der Industrie aus den Exporten. Folglich wird die Produktion ausgeweitet, die Löhne werden angehoben und die Produktionskosten steigen. Durch die gestiegenen Preise sinken die Exporte. Gleichzeitig nehmen die Importe durch das gestiegene Einkommen zu. Die Bilanz kommt wieder ins Gleichgewicht.
Der Nationalökonom John Maynard Keynes argumentiert, dass der Goldstandard insbesondere aufgrund der sogenannten "Rules of the Game" funktioniert hat. Die Spielregeln des Goldstandards, die allerdings schriftlich nicht festgehalten waren, sollen am folgenden Beispiel illustriert werden: In Land A steigt die Inflationsrate aufgrund einer expansiven Geldpolitik. Durch die steigenden Preise werden die Exportgüter teurer und die Exporte nehmen ab, während die Importe steigen, was zu einem Handelsdefizit führen kann. Folglich entsteht eine steigende Nachfrage nach Devisen. Gold fließt aus Land A. Greifen die automatischen Mechanismen nicht, so bleibt das Handelsbilanzdefizit erhalten und das Land steht einem kontinuierlichen Goldabfluss gegenüber. Dies würde langfristig die Konvertibilität gefährden und zu einer Vertrauenskrise führen. Die "Rules of the Game" verlangen nun, dass Land A seine Geldmenge reduziert. Folglich werden die Preise wieder fallen. Dadurch steigen die Exporte und die Importe sinken. Auch geht die Nachfrage nach Devisen zurück. Das System kommt wieder ins Gleichgewicht.
Wenn ein Land dahingegen ein niedrigeres Preisniveau als andere Länder hat, wird von ihm erwartet, dass es seine Geldmenge erhöht. Der Anpassungsdruck lag jedoch insbesondere bei den Defizitländern. Die Länder mit einem Handelsüberschuss haben oftmals die Spielregeln missachtet und keine Anpassungsmaßnahmen durchgeführt. Das System hat also weniger reibungslos funktioniert als oftmals argumentiert wird.
Die Zentralbanken benutzten für diese Anpassungsprozesse gewöhnlich den Diskontsatz. Die sogenannten "Discount Houses", Banken und Finanzinstitute, liehen Kaufleuten Geld für bis zu 90 Tagen, wobei die Zentralbanken dieses Geld sofort kreditieren (diskontieren) konnten, wofür sie einen Wechsel und Zinsen erhielten. Erhöhte die Zentralbank die Zinsen auf die Wechsel, wodurch sich die Diskontierung verteuerte, sank der Anreiz für die Finanzinstitute, Wechsel zur Diskontierung vorzulegen. Wurde der Zinssatz gesenkt, wodurch sich die Diskontierung verbilligte, stieg dieser Anreiz wieder an. Somit konnte die Zentralbank durch Änderung ihres Diskontsatzes, das Volumen der Inlandskredite beeinflussen. Durch eine Senkung oder Steigerung des Diskontsatzes konnten die Zentralbanken somit die Zahlungsbilanz wieder ins Gleichgewicht bringen, ohne dass es zu großen Goldströmen zwischen den Ländern kommen musste.
Es wird oft argumentiert, dass der Goldstandard des 19. Jahrhunderts automatisch funktioniert hat. So habe der Goldarbitragemechanismus zur Stabilisierung der Wechselkurse zum Beispiel keine politische Einigung der am Goldstandard teilnehmenden Länder erfordert. Die beteiligten Länder hätten sich nur an die drei Prinzipien des Goldstandards halten müssen: 1. feste Paritäten, 2. Konvertibilität im klassischen Sinn und 3. freier Kapitalverkehr. Problematisch an dieser Argumentation ist jedoch, dass die automatischen Mechanismen oftmals durch nationale Politiken sterilisiert wurden. So wurden oftmals die Goldimport- und exportpunkte manipuliert. Auch vernachlässigt diese Theorie Preis- und Lohnrigiditäten.
Das System funktionierte weder automatisch, noch wurde es wie das Bretton Woods System fester Wechselkurse institutionell gesichert und geregelt. Auch basierte es nicht auf einem aktiven Hegemon, der das System stabilisierte und seine reibungslose Funktion sicherte. Des Weiteren hielten sich die beteiligten Länder nur sehr sporadisch an die "Rules of the Game", ein Terminus, der erst 1925 nach dem Zusammenbruch des Goldstandards geschaffen wurde. Die Motivierung der Zentralbanken wurde häufig durch andere Zielsetzungen als die Zahlungsbilanz beeinflusst. Ein Faktor war sicherlich die Rentabilität der Diskontierung, da sich die Zentralbanken häufig noch in Privatbesitz befanden. Zum anderen sollte, wie bereits erwähnt, der Goldabfluss durch die Manipulation der Goldimport- und exportpunkte verhindert werden. Auch dies konnte durch eine Zinssteigerung erreicht werden. Letztlich standen die privaten Zentralbanken unter politischen Druck. So würden sich durch eine Erhöhung des Diskontsatzes die vom Staat aufgenommenen Kredite erhöhen.
Es muss vielmehr argumentiert werden, dass der Goldstandard des 19. Jahrhunderts alles andere als ein symmetrisches System war. Die Anpassungsmaßnahmen, die im Zentrum des Goldstandards, in den sogenannten "Core Countries" wie England durchgeführt wurden, waren im Vergleich zu den Anpassungsmaßnahmen in der Peripherie relativ gering.
Wenn das System des Goldstandards asymmetrisch war und die "Rules of the game" nur sehr bedingt funktioniert haben, muss man fragen, warum der Goldstandard so lange funktioniert hart. Eichengreen argumentiert, dass der Goldstandard eine historisch einzigartige Institution war, also mehr als eine "Matrix von Gleichungen, wie sie in Lehrbüchern im Kapital Goldstandard zu finden sind" (Eichengreen 2000: 51).
Vor dem ersten Weltkrieg war die höchste Priorität der Regierungen die Konvertibilität ihrer Währung. Auch in wissenschaftlichen und politischen Kreisen bestand die Meinung, dass die Wahrung der Konvertibilität oberste Priorität haben müsse. Gerade in England, dem stärksten Verfechter des Freihandels im 19. Jahrhundert, wurde die Konvertibilität als dringend notwendig angesehen, um einen reibungslosen internationalen Handel gewährleisten zu können. Aber auch in den anderen Ländern im Zentrum des Systems (Frankreich und Deutschland) waren sich die wirtschaftlichen Akteure sicher, dass die Zentralbanken alles Notwendige tun würden, um die Goldreserven und somit die Konvertibilität zu verteidigen. Dies schuf einen hohen Grad an Vertrauen in das System, der durch die Unabhängigkeit der Zentralbanken noch verstärkt wurde. Die Zentralbanken im Goldstandard des 19. Jahrhunderts waren im Gegensatz zur Zwischenkriegszeit von politischen Einflüssen relativ abgeschirmt und hatten einen erheblichen Spielraum in Bezug auf die Währungspolitik. Die Währungspolitik konnte somit kaum für politische Ziele instrumentalisiert werden.
Auch muss betont werden, dass in der wissenschaftlichen Diskussion der Zusammenhang zwischen Geldpolitik, Konjunktur und Arbeitslosigkeit noch nicht bekannt war. Es gab noch keine ausformulierte Theorie der Beziehung zwischen der Zentralbankpolitik und der Wirtschaft. Daher bestand kein Druck - weder von Seiten der Gewerkschaften, noch von Seiten der Politiker - die Geldpolitik für binnenwirtschaftliche Ziele zu gebrauchen. Die Währungshüter mussten folglich die Stabilität der Währung nicht anderen Zielen unterordnen.
Auch war die Opposition gegen den Goldstandard in den meisten Ländern, wie in den Coreländern, relativ gering, da zum Beispiel die Landwirtschaft weiter durch sehr hohe Zölle geschützt wurde. Gleichzeitig konnten die Arbeiter, die wohl in dieser Zeit die größte wirtschaftliche Not litten, kaum auf die Politik Einfluss nehmen, da das Wahlrecht zumeist auf Männer mit einem Mindestvermögen beschränkt war. Auch befanden sich politische Parteien, die die Arbeiter vertreten haben, noch in den Anfängen. Anders sah es dahingegen in der Peripherie aus, wo - wie in den USA - die Opposition sehr stark war. Dies wirkte sich jedoch nicht negativ auf das Funktionieren des Goldstandards im Zentrum aus.
Da die Opposition in den Coreländern relativ gering war, erschien das System des Goldstandards sehr glaubwürdig. Durch das Vertrauen in das System und den hohen Grad an Glaubwürdigkeit war das System an sich auch durch kleinere Verletzungen der Spielregeln nicht außerordentlich gefährdet.
Zum Funktionieren des Goldstandards haben sicherlich auch die internationale Solidarität und Kooperation beigetragen. Diese lässt sich besonders in Krisenzeiten nachweisen, in denen die Abstimmung währungspolitischer Maßnamen sehr schwierig ist. So erfordert die Bekämpfung einer Währungskrise zum Beispiel, dass sich die Diskontsätze der Zentralbanken in unterschiedliche Richtungen bewegen. Dies ist deshalb schwer zu koordinieren, da nicht eine Bank den "Ton angeben kann" und die anderen dann nur folgen müssen. Hier kann eine Zentralbank gezwungen sein, den Diskontsatz zu erhöhen, um Kapital aus dem Ausland anzulocken. Die anderen Zentralbanken müssen dann den Kapitalabfluss zulassen und ihn nicht mit einer Erhöhung des eigenen Diskontsatzes verhindern. Zum Teil gingen die Interventionen noch weiter. Die Zentralbank des Krisenlandes lieh sich bei den übrigen Zentralbanken Geld. Beispielhaft hierfür kann die Baringkrise von 1890 genannt werden.
1890 geriet die britische Handelsbank Baring Brothers durch umfangreiche Kredite an Argentinien in finanzielle Not. Man befürchtete, dass es zu einer Panik und einem sogenannten "Run" auf die Bank kommen könnte, also dass die Kunden der Bank ihr Vermögen einlösen und die Bank von England zum Umtausch der Banknoten in Gold auffordern könnten. Folglich würde die Bank von England einem Abfluss ihrer Reserven ausgesetzt sein. Um der Bankpanik vorzubeugen, könnte die Zentralbank die Handelsbank mit Liquidität versorgen. Dies würde jedoch zu schrumpfenden Goldreserven führen. Die Finanzwelt könnte daraufhin zweifeln, ob die Bank von England die Konvertibilität des Pfundes langfristig aufrechterhalten kann und wird. So könnte die Konvertibilität der Landeswährung ausgesetzt werden, um die binnenwirtschaftliche Bankenkrise abzuwenden.
Die britische Zentralbank verfolgte jedoch eine andere Strategie: Um die Aufgabe des "Lender of last resort" zu erfüllen und die binnenwirtschaftliche Bankenkrise abzuwenden (bei Beibehaltung der Konvertibilität und der Glaubwürdigkeit des Systems) lieh sie sich drei Millionen Pfund (in Gold) bei der französischen Zentralbank. Weiter beschaffte sie eine Bürgschaft über 1,5 Millionen Pfund, ebenfalls in Gold, bei der russischen Zentralbank (Eichengreen 2000: 55). Die Bank von England konnte folglich den Markt mit der nötigen Liquidität versorgen und gleichzeitig ihre Reserven, die Glaubwürdigkeit und die Stabilität der Währung wahren.
Weitere Beispiele für internationale Kooperation sind die Finanzkrise von 1898, in der die deutsche Reichsbank und deutsche Geschäftsbanken durch die Zentralbanken Englands und Frankreichs gestützt wurden, und die Krisen von 1906 und 1907, bei der die Bank von England erneut durch die Reichsbank und die Bank von Frankreich unterstützt wurde.
Dass sich die Periode von 1871 bis 1912 in Europa auch durch einen relativ hohen Grad der politischen Stabilität auszeichnete, hat sicherlich ebenfalls zur internationalen Kooperation und somit zum Funktionieren des Goldstandards beigetragen.
Insgesamt war das System des Goldstandards grundlegend durch die Position Großbritanniens in der Weltwirtschaft und die Rolle des Pfund Sterlings gestützt. Einerseits führte das relativ stabile System des Goldstandards zu einer Ausdehnung des internationalen Handels. Andererseits stützte der internationale Handel die Bildung und Stabilität des Goldstandards. Die Offenheit der Märkte ermöglichte es, dass den britischen Warenexporten Kapitalexporte folgten und somit die Zahlungsbilanz des Landes im Zentrum - England - ausgeglichen wurde. Andererseits sicherte die Politik Englands und anderer Industrieländer, Rohstoffe von Rohstoff-Förderländern ungehindert ins Land zu lassen, die Stabilität des Systems. So konnten die Rohstoff-Förderländer einfacher ihre Auslandskredite bedienen und ihre Zahlungsbilanz ausgleichen.
Letztlich hat zum Funktionieren des Goldstandards die relativ begrenzte Zahl der teilnehmenden Länder und ihr hoher Entwicklungsgrad beigetragen.
Der Goldstandard war kein Währungssystem, wie wir es unter dem Bretton Woods System fester Wechselkurse gekannt haben. Er war nicht durch internationale Vereinbarungen, Konventionen und Institutionen geregelt und überwacht. Er war eher eine historisch gewachsene, einzigartige Institution, die aufgrund sehr spezieller wirtschaftlicher und politischer Rahmenbedingungen in seinem Zentrum relativ lang und reibungslos funktioniert hat. Für sein Funktionieren war weder ein aktiver Hegemon verantwortlich, noch gewährleisteten die automatischen Ausgleichmechanismen die Funktion des Goldstandards. Zu den tragenden Säulen des Goldstandards gehörten sowohl das Nutzenkostenkalkül der teilnehmenden Staaten, die internationale Kooperation und Solidarität als auch die persönlichen Beziehungen zwischen den Entscheidungsträgern in den Zentralbanken und ein günstiges innenpolitisches Umfeld.
Der Goldstandard dominierte die internationalen Finanzbeziehungen nicht früher aufgrund folgender Faktoren:
Die Bildung des internationalen Goldstandards wurde durch folgende Faktoren beeinflusst:
Zum Funktionieren des Systems im Zentrum des Goldstandards hat beigetragen:
Ob der Goldstandard weiter bestanden hätte, wenn es durch den Ersten Weltkrieg nicht zu dessen Aufhebung gekommen wäre, bleibt fraglich. Eichengreen zufolge wäre der Goldstandard auch ohne den ersten Weltkrieg zusammengebrochen (Eichengreen 2000: 67). Ende des 19. Jahrhunderts wurden immer weniger Goldfunde gemacht. Die Goldbestände hätten somit nicht mehr den Erfordernissen der expandierenden Weltwirtschaft entsprochen. Zusätzlich zu den Goldreserven hätten Devisenreserven aufgebaut werden müssen, die jedoch die Glaubwürdigkeit und demnach auch die Stabilität des Systems untergraben hätten.
Die Instabilität des Systems wäre weiter auch ohne Weltkrieg durch die neue Rolle der USA in der Weltwirtschaft erhöht worden. Um die Jahrhundertwende waren die USA bereits die stärkste Macht in der Weltwirtschaft. Ihr bedeutender landwirtschaftlicher Sektor bewirkte, dass die Nachfrage nach Liquidität und folglich das Zinsniveau jahreszeitenbedingt reagierten, also im Frühjahr in die Höhe schnellten, im Herbst nach untern. Die Schwierigkeiten der US-amerikanischen Banken waren somit jahreszeitenabhängig.
Auch die sich wandelnden innenpolitischen Rahmenbedingungen, das Wachstum der politischen und sozialen Bewegung sowie die Einsicht, Kompromisse zwischen außen- und binnenwirtschaftliche Zielen machen zu müssen, hat das System geschwächt, wie sich auch später im Goldstandard der Zwischenkriegszeit verstärkt zeigen sollte. Neben den zunehmenden internationalen und militärischen Spannungen nahmen somit auch die innenpolitischen Spannungen zu. Letztlich muss betont werden, dass das System in der Peripherie nie so reibungslos funktioniert hat und akzeptiert wurde wie im Zentrum.
Weiterführende Literatur:
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