Stormy Mildner
1. Die Internationalen Handelsbeziehungen 1800 bis 1913
1.1 Industrialisierung und Industrielle Revolution
1.2 Internationale Handelsbeziehungen im 19. Jahrhundert
1.3 Die nationalen Handelspolitiken bis zum Ersten
Weltkrieg
1.4 Die Handelspolitik Englands im 19. Jahrhundert
1.4.1 Die Handelspolitik Englands bis 1860
1.4.2 Die Handelspolitik Englands seit 1860
1.5 Die Handelspolitik Frankreichs
1.6 Industrialisierung und Handelspolitik in Deutschland
1860-1900
1.6.1 Die Frühindustrialisierung und
Handelspolitik in Deutschland
1.6.2 Hochindustrialisierung und Handelspolitik
1.7 Die US-amerikanische Handelspolitik 1790 bis 1914
1.7.1 U.S. Handelspolitik in der frühen
Republik bis zum Bürgerkrieg 1790 - 1860
1.7.2 Der Zollkonflikt als eine der Komponenten,
die 1860 zur Sezession der Südstaaten geführt
haben
1.7.3 Zölle im Bürgerkrieg
1.7.4 Die Nachkriegszeit: Zölle in der
Reconstruction1.7.5 US-Handelspolitik 1879 bis 1894
1.7.6 US-Zollgesetze 1894-1913
1.7.7 Zusammenfassung: Erklärungsansätze
US-amerikanischer Handelspolitik im 19. Jahrhundert
Generell versteht man unter Industrialisierung einen volkswirtschaftlichen Prozess, der durch eine signifikante Zunahme der gewerblichen Gütererzeugung geprägt ist und bei dem es zu einem Bedeutungszuwachs der Industrie zu Lasten des Agrarsektors kommt. Bezeichnend ist hierbei sowohl der Übergang von der handwerklichen Einzelarbeit zur maschinengestützen Fabrikarbeit und Produktion gewerblicher Massengüter als auch die Verbreitung neuer Produktionsweisen in allen Wirtschaftsbereichen, darunter die arbeitsteilige Produktionsorganisation. Der Begriff der industriellen Revolution ist im 19. Jahrhundert als Analogie zum Begriff der politischen Revolution eingeführt worden und beschreibt eine Periode, die sich sowohl durch einen raschen Wandel von Produktionstechniken als auch einem gravierenden Wandel wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Strukturen auszeichnet. Der Begriff bezieht sich dabei insbesondere auf die erste Phase der Industrialisierung, also die Einführung von Kraft- und Werkzeugmaschinen und den Beginn der Fabrikindustrie in Großbritannien Ende des 18. Jahrhunderts.
Man kann zwischen drei grundlegenden Industrialisierungskonzepten unterscheiden, die Aufschluss über die in unterschiedlicher Weise in verschiedenen Ländern ablaufenden Industrialisierungsprozesse geben können:
Die industrielle Revolution und Industrialisierung im 19. Jahrhundert bildeten einen tiefgreifenden Einschnitt in die wirtschaftlichen und sozialen Lebensbedingungen: Fabriken traten schrittweise an die Stelle von Verlagswesen und Manufakturen; Massenproduktion löste das Handwerkswesen ab. Gleichzeitig fand ein Wandel von einer vornehmlich durch Agrarwirtschaft geprägten Gesellschaft zu einer Industriegesellschaft statt. Ein einheitliches Anfangsdatum für diesen wirtschaftlichen und sozialen Wandel kann allerdings nicht festgelegt werden. So unterscheidet sich der Prozess sowohl zwischen den Ländern erheblich als auch innerhalb der Länder selbst: Während es in bestimmten Regionen bereits erhebliche Ansammlungen von Fabriken und fortschrittliche Produktionsweisen gab, konnte in anderen Regionen desselben Landes noch eine rein landwirtschaftlich oder handwerklich geprägte Produktionsweise vorherrschen. Auch wiesen manche Länder einen erheblichen Entwicklungsvorsprung gegenüber anderen auf: So setzte in Großbritannien die Industrialisierung bereits um 1770 ein, während für Deutschland nicht vor 1830, für Rußland und Japan nicht vor 1880 von einer wirklichen Industrialisierung gesprochen werden kann.
Wenn auch kein genaues Datum für den Beginn der Industrialisierung festgelegt werden kann, so kann man doch zwischen der Frühindustrialisierung (ca. 1770-1850) und Hochindustrialisierung (ca. 1850-1914) unterscheiden. In Deutschland wurde die Frühindustrialisierung z.B. 1835 mit der Eisenbahnverbindung Nürnberg-Fürth sichtbar; der Beginn der Hochindustrialisierung wird auf die Gründung des Kaiserreichs 1870/71 festgelegt.
Grundlage der frühen Industrialisierung (ca. 1770-1850), die sich von Großbritannien auf andere Staaten Europas und Nordamerikas übertrug, war die technische Revolution. Zunächst führte die Erfindung von Landwirtschaftsmaschinen darunter die mechanische Sähmaschine, die Dreschmaschine und der Einsatz von Dünger zu einer Steigerung der Agrarproduktion. Im 18. Jahrhundert stieg die Pro-Kopf-Produktion in der Landwirtschaft in Großbritannien bis 1750 um 25 % an. Im Bereich der Industriegüterproduktion war insbesondere die Einführung der erheblich verbesserten Dampfmaschine (das Patent wurde 1769 von James Watt angemeldet) die wohl bedeutendste Neuentwicklung der Zeit, die u.a. eine Mechanisierung der Hand- und Manufakturarbeit ermöglichte. Durch die Umsetzbarkeit von Dampfenergie in mechanische Kraft wurden Wasser, Wind und menschliche Arbeitskraft als vorrangige Energiequelle abgelöst; Energie konnte nun fast überall gleichmäßig und in ausreichender Menge produziert werden, so dass Fabriken auch weit entfernt von Wasserläufen gebaut werden konnten. Gleichzeitig beseitigte die Verwendung von Dampfkraft die saisonale Abhängigkeit von wetterbedingten Schwankungen der Energiequellen.
Nach der Entwicklung der Dampfmaschine kam es durch die Erfindung der Dampflokomotive durch George Stephenson sowie durch das erste Dampfschiff von Robert Fulton zu einer Revolution der Transportwege. In Verbindung mit dem Ausbau der Wasserstraßen (dem Kanalbau) und dem Aufkommen der Eisenbahn änderten sich auch die Standortbedingungen gewerblicher Produktion: Größere Manufakturen und Fabriken wurden möglich und erlaubten eine rationellere Fertigung. Diese neuen Fabriken waren zumeist sehr zentriert und innerhalb großer Städte angesiedelt; es entstanden die ersten industriellen Ballungsräume. Auf den neuen Transportwegen (Eisenbahn und Dampfschiffen) konnten dann die Waren über Land und Meer schneller, kostengünstiger und innerhalb einer berechenbaren Zeit transportiert werden. Auch auf die Landwirtschaft wirkte sich der Ausbau des Eisenbahnnetzes aus: Leicht verderbliche Waren konnten nun schneller zu den Abnehmern transportiert werden, und der Handel insbesondere von Fleisch nahm erheblich zu. Waren mussten nun nicht mehr vor Ort, in der unmittelbaren Nähe der Konsumenten, erzeugt werden.
Zu den Auswirkungen der neuen Energiegewinnung zählen somit[1]:.
Der führende Industriezweig der Industrialisierung war zunächst überall die Textilindustrie: Während in der Textilherstellung bislang Fäden in Handarbeit aus Baumwolle gezogen und dann manuell an Spinnrädern und Webstühlen weiterverarbeitet worden waren, stieg durch die Einführung der durch Dampfmaschinen angetriebenen Spinn- und Webmaschinen die Produktion erheblich an. Um 1812 konnte ein Spinner mit Hilfe der neuen Maschinen in einem gegebenen Zeitraum ebensoviel produzieren wie 200 Spinner mit den herkömmlichen Prozessen. Durch diese Rationalisierung des Webprozesses fielen die Preise für Textilien grundlegend; die Exporte stiegen erheblich: 1815 betrugen die Exporte von Baumwolltextilien 40%, die von Wollprodukten 18% des gesamten englischen Exports.
Danach entwickelte sich im 19. Jh. jedoch insbesondere der Eisenbahnbau zum Motor der Industrialisierung. So förderte der Ausbau der Eisenbahn und des Schienennetzes die Produktion in zahlreichen anderen Bereichen, darunter insbesondere die Schwerindustrie (Kohle und Stahl). Insgesamt wurde eine Phase langsamen, aber anhaltenden Wirtschaftswachstums eingeleitet. So stieg das Wirtschaftswachstum in Großbritannien von einer jährlich durchschnittlichen Wachstumsrate von 1,0% zwischen 1760–1800 auf 2,01% in der Periode 1801–1831 und 2,5% zwischen 1831–1860.
Einhergehend mit diesem Wandel wirtschaftlicher Strukturen kam es zu gravierenden sozialen Einschnitte. Da die kleinen Mühlen und Manufakturen nicht mit den Energiekapazitäten der großen Fabriken konkurrieren konnten, kam es zu einer Bevölkerungswanderung vom ländlichen in den städtischen Raum und der Bedeutungszunahme der Lohnarbeit als Erwerbsform gegenüber der Betätigung in der Landwirtschaft oder der Selbstversorgung. Diese Landflucht und Urbanisierung zusammen mit dem steigenden Bevölkerungswachstum verstärkte die Gründung neuer Ballungszentren. Dies brachte zahlreiche soziale und ökologische Problem mit sich, darunter Armut, Arbeitslosigkeit, Verelendung, Kinderarbeit, lange Arbeitszeiten, schlechte Bedingungen am Arbeitsplatz, Arbeitsunfälle, fehlende Absicherung der Arbeiter etc. Im Zuge der Hochindustrialisierung besserten sich die Verhältnisse mit der aufkommenden Arbeiterbewegung (Arbeiterparteien, Gewerkschaften, Genossenschaftsbewegung, Kulturvereine) und der staatlichen Sozialpolitik (Bismarck in Deutschland in den 1880er Jahren).
Während in der Frühindustrialisierung noch Familienbetriebe kennzeichnend waren, war die Hochindustrialisierung durch wachsende Konzentration von Kapital, Konzernen, Aktiengesellschaften, Trusts, den Ausbau des Bankwesens und den Übergang zu Imperialismus und Kolonialpolitik gekennzeichnet. In der Hochindustrialisierung setzten sich die beschriebenen wirtschaftlichen Entwicklungen fort: Produktionsprozesse wurden weiter rationalisiert, Maschinen kamen stärker zum Einsatz; Umsatz, Beschäftigtenzahl, Energieverbrauch und Kapitaleinsatz stiegen erheblich an. Kleine Familienbetriebe wurden von stetig größer und komplexer werdenden Industrieunternehmen abgelöst, und es kommt immer häufiger zu Preisabsprachen zwischen Großbetrieben. Des Weiteren gewannen neue Industriezweige erheblich an Bedeutung, darunter die chemische Industrie (z.B. BASF, Hoechst, Bayer in Deutschland), die u.a. Farben, Kunststoffe und Pflanzenschutzmittel, Glas, Papier, Zement, Gummi und Keramik herstellte. Des Weiteren hatte es in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts neue Entwicklungen in der Energiegewinnung und Energieversorgung gegeben, darunter die Einführung des Verbrennungsmotors und die industrielle Nutzung der Elektrizität. Auch die Automobilindustrie (z.B. Daimler, Benz, Bosch in Deutschland), die Motoren und feinmechanische Geräte bauten, gewann immer mehr an Bedeutung. Dabei nahm die Verflechtung zwischen Banken und Industrie stetig zu – Banken- und Industriekapital wuchsen immer mehr zusammen –, wobei Banken durch Aktien maßgeblich an der Industrie beteiligt waren. Auch das Wirtschaftswachstum beschleunigte sich kontinuierlich.
In internationaler Hinsicht war die Hochindustrialisierung von einem Übergang zu Imperialismus und Kolonialpolitik gekennzeichnet. Auch die internationale Handelsstruktur änderte sich erheblich: So kann man im 19. Jahrhundert erstmalig von einer internationalen Spezialisierung und Arbeitsteilung entlang komparativer Kostenvorteile sprechen. Europa spezialisierte sich dabei immer mehr auf die Produktion von kapitalintensiven Industrieprodukten, während landwirtschaftliche Produkte und Rohstoffe vornehmlich von der „Neuen Welt“ (u.a. Amerika, Australien) – Länder, die sich insbesondere durch den Faktor Land auszeichneten – exportiert wurden. Neben dem stetig steigenden internationalen Handel förderte auch die zunehmende Kapitalmobilität die Spezialisierung der Länder. Des Weiteren wurde in den meisten Ländern die heimische Industrie mit sehr hohen Schutzzöllen vor ausländischer Konkurrenz geschützt. Durch diese Schutzzölle (Erziehungszölle) sollten neue und junge Industriezweige gefördert werden, bis sie einen Entwicklungsstand erreicht hatten, bei dem sie dem internationalen Konkurrenzdruck standhalten konnten.
Insgesamt sind die Ursachen der Industrialisierung vielfältig. Zu den Faktoren gehören:
[1] Vgl. Bundeszentrale für politische Bildung: Das 19. Jahrhundert und die soziale Frage, in: Informationen zur politischen Bildung, Heft 164, Bonn 1998.

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